Wie gern wäre ich dabei gewesen. Aber Jungs, die in einer Band spielten und nach Verlassen ihres heiligen Kellers nur diesen unwiderstehlichen Nihilismus durch die Außenwelt trugen, kannte ich immer nur aus der Ferne: Ich wusste ihre Namen; umgekehrt, Fehlanzeige. Ganz anders Nina. Nina, die mitten in eine Bandprobe platzen darf, Nina, die sich vor dem Proberaum auf der Wiese ausstreckt, von Blumen umgeben, und schon wird sie hineingebeten in die Höhle der Jungs – im einzigen bunten Panel des sonst schmutzfarben aquarellierten Comic-Romans 5 Songs .

Zwar ist die Mädchenperspektive ziemlich zweitrangig in dieser Geschichte, aber sich nicht selbst dort hineinzufantasieren fällt schwer, wenn sich eine Welt beim Lesen und Schauen so dicht über die Vorstellung legt, eine Welt und eine Zeit, für deren charakteristisches Empfinden die besonderen Ereignisse wiederum zweitrangig sind. Besonderes passiert hier ohnehin nicht: Vier Jungs gründen irgendwo zwischen Rom und Mailand eine Band, bekommen einen Schuppen als Proberaum von Giulianos Vater, dem besessenen Hundezüchter, geliehen und machen Musik. Ein Verstärker geht kaputt, der muss irgendwie ersetzt werden, Giuliano ist in Nina verliebt, und ein Label-Chef weckt Hoffnung auf Erfolg – mehr nicht.

In fünf Kapiteln, nach den 5 Songs eines Demo-Tapes gegliedert, breitet der italienische Comic-Autor Gipi die Welten seiner Protagonisten aus. »Albertos Vater erfreute sich immer bester Gesundheit«, erklärt Giulianos Off-Stimme, während die Band nach einer skurrilen Eröffnungsszene nun schweigend ihre Instrumente aufbaut. »Das hat gereicht, um aus ihm einen anderen Menschen zu machen«, erzählt Giuliano weiter, Stefano klopft prüfend an sein Mikro. »Dieser erste Song handelt auch ein wenig von ihm.« Alex zählt am Schlagzeug den Takt ein, und auch von ihm handelt der Song, »von Alex und seinem dämlichen Nazigetue«. Dann röhrt die E-Gitarre, dröhnt durch das Schuppenfenster, das nächste Panel flieht hinaus in eine Totale. Stille. Weiter Himmel über einer Straße, an deren staubigen Rändern der kleine Band-Schuppen gerade noch zu sehen ist. Man spürt die Mücken in der Hitze schwitzen. Im Schuppen-Inneren verausgabt sich die Band, das letzte Panel des Kapitels zeigt alle in Bewegung, stumm, wie in einem Filmstill. »Und er handelt von unserem Raum«, schließt Giuliano. »Davon, wie viel es uns bedeutet, einen Ort zu haben, um Musik zu machen. Einen Ort ganz für uns alleine.«

Gipi alias Gian Alfonso Pacinotti, 1963 in Pisa geboren, erzählt diese grafische Geschichte in wenigen Worten. Seine Dialoge sind auf den kurzen, mal witzigen, mal ungelenk phrasenhaften Schlagabtausch der Protagonisten reduziert und auf ihre Wortlosigkeit gegenüber bemühten Eltern. Nicht die geringste Regung entgeht Gipis Schilderungen in Bildern: von der diffusen Überpräsenz des Schweigens beim Abendessen oder der traurigen Zärtlichkeit für einen hilflosen Vater erzählen die grau-bunten Zeichnungen. Einander ausweichende Blicke in den vielen »stummen« Panels gehören ebenso dazu wie die Nebengeräusche, die in die Stille schneiden. Dazu Gipis grandiose Lichtinszenierung, mit der er selbst graue Bilder zum Glühen bringt, wie sein gleichmäßiger Schnittrhythmus, durch dessen sanfte Dramaturgie die Geschichte an den richtigen Stellen Atem holt und den Schauplatz wechselt.

Welche Gefühle Gipi damit trifft? Die Tristesse der Pubertät? Das Ignoriertwerden durch die Welt und die mögliche Erleichterung darüber? Oder den Eindruck dieses Alters, nie Dagewesenes, Unmitteilbares, eben Wortloses zu empfinden? Gerade weil Gipi für das alles Bilder findet, führt er seine exemplarische Handlung nicht als nostalgisches Klischee der Jugend auf, sondern als eine dichte, reflexionslose Welt, die direkt in die Knochen kriecht.

Nominiert für den Jugendliteraturpreis 2008, bleibt 5 Songs als Graphic Novel für Jugendliche und Erwachsene ein umstrittener Grenzgänger in der Bilderbuch-Sparte. Die Jury trägt derzeit mit ihren Auswahllisten nicht nur der Grenzverwischung zwischen Jugend- und Erwachsenenliteratur Rechnung, sondern auch der zwischen Illustration und Comic-Kunst. Nachdem sie 2007 bereits Brian Fies Sach-Comic Mutter hat Krebs auszeichnete, nominierte sie nun neben 5 Songs auch Bernice Eisensteins Mischwerk aus Sachbuch und Comic-Erzählung Ich bin ein Kind von Holocaustüberlebenden – ein erfreulicher Weg am leisen Konkurrenz-Dünkel der klassischen Jugend- und Bilderbuchwelt vorbei, zugunsten eines zeitgemäßen Begriffs von den Möglichkeiten der Erzählkunst.