Da beschließt ein junger australischer Autor, seinen neuen Roman in Deutschland während der NS-Zeit anzusiedeln, und in kürzester Zeit steht sein Buch auf den internationalen Bestsellerlisten. Ein Phänomen! Denn mehr als sechzig Jahre nach Kriegsende sind die Verbrechen der Nazis so umfangreich dokumentiert, wurde von den Leiden der Menschen so oft erzählt, dass man den Mut bewundert, dem überfüllten Markt ein weiteres Buch zu diesem Thema zuzumuten. Doch mit dem Kunstgriff, den Tod als Erzähler auftreten zu lassen, ist Markus Zusak eine aufregende Variante gelungen. Der Wechsel der Perspektive scheint sich auszuzahlen. Und es ist ein ganz besonderer Tod, ein humaner Tod sozusagen, der mit seinem ironischen, ja gelegentlich sarkastischen Ton Distanz schafft zum ungeheuerlichen Geschehen, sodass man die stellenweise allzu große Intensität der Sprache und ein gewisses Pathos gut verkraften kann.

Was will er uns erzählen, dieser Tod, der bemüht ist, den »tief sitzenden Widerwillen« zu zerstreuen, den fast alle Menschen gegen ihn empfinden? »Bitte glaubt mir: Ich kann wirklich fröhlich sein. Ich kann angenehm sein. Amüsant. Achtsam. Andächtig. Und das sind nur die Eigenschaften mit dem Buchstaben ›A‹. Nur bitte verlangt nicht von mir, nett zu sein. Nett zu sein ist mir völlig fremd.«

Es ist ein kleines Mädchen, Liesel, das dem Tod am Herzen liegt in einer Zeit, in der er über die Maßen viel zu tun hat. »Es ist die Geschichte von einer beständig Überlebenden – von einer Expertin im Zurückbleiben.«

Liesel bleibt zurück, als ihr kleiner Bruder auf der Fahrt nach Süddeutschland stirbt und ihre Mutter – wie zuvor schon der Vater – für immer aus ihrem Leben verschwindet. Hier, am Grab ihres Bruders, beginnt Liesels »Karriere als Bücherdiebin«. Sie nimmt sich ein Buch, als Ausgleich zum Verlust all dessen, was ihr vertraut war. Ein seltsamer, ja fast makabrer Einfall des Autors, zumal es sich bei dem Buch um das Handbuch für Totengräber handelt. Immerhin bringt ihr der liebevolle Pflegevater Hans Hubermann in Ermangelung anderer Lektüre mit Hilfe dieses Buches das Lesen bei. Die Welt der Bücher und der Sprache wird für sie ein unverzichtbarer Trost in dieser finsteren Zeit.

Mit ihren Pflegeeltern in Molching nahe München hat Liesel Glück, obwohl es etwas dauert, bis sie das weiche Herz unter der rauen Schale von Rosa Hubermann erkennt. Dem Leser geht es ähnlich, doch spätestens als Rosa zustimmt, dass ihr Mann den Juden Max Vandenburg im Keller versteckt, hat sie ihn auf seiner Seite. Denn für die Hubermanns bedeutet dies auch eine Entscheidung gegen den eigenen Sohn, der zu ihrem Kummer zum überzeugten Nazi geworden ist.

Die langsam wachsende, tiefe Beziehung zwischen dem Kind Liesel und dem Juden Max gehört zum Besten, was dieser umfangreiche Roman voller Nebenstränge und Anekdoten aus Liesels Leben während des Krieges zu bieten hat. Wunderbar, als Liesel ihrem Max als Weihnachtsgeschenk einen Schneemann in seiner Kellereinsamkeit baut. »Es war der Beginn des großartigsten Weihnachtsfestes überhaupt. Wenig zu essen. Keine Geschenke. Aber im Keller stand ein Schneemann.«

Zwei Geschichten aus der Kindheit seiner deutschen Mutter waren es, die Markus Zusak zu diesem Roman inspiriert hatten. Zum einen ihre Erinnerung an den blutroten Himmel über dem brennenden München und zum anderen an den Jungen, der einem durch die Straßen getriebenen Juden ein Stück Brot reichte und dafür von einem Soldaten geschlagen wurde.