Roman Ein Wunderwerk
Der neue Roman von Thomas Pynchon ist ein überwältigendes Prosa-Gebirge. Es hat keine Logik – außer seiner eigenen
Die Wörter sind alle verbraucht. »Genial« sagt man heutzutage über eine Muschelsuppe oder das neueste Brillengestell; »Meisterwerk« nennt man von Buchmesse zu Buchmesse das allerorten bekakelte mickrige Romänchen, und ein »Ereignis« ist die Hochzeit von Filmsternchen, deren Namen schon am Tag der Feier vergessen sind.
Wie also beschreibt man die brennende Lohe, das rasende Feuerrad von Thomas Pynchons Prosa? Zuerst einmal ist dem Kollegen Steffen Richter vom Tagesspiegel zuzustimmen mit seinem Ausruf »Lesezeit ist Lebenszeit«, die er seiner Pynchon-Empfehlung voranstellte. Sodann darf man wahrlich des Newsweek- Kritikers Atemknappheit mitseufzen: »Ich habe jetzt mehr als 400 Seiten gelesen, und ich habe bereits genug Notizen über dieses Biest für ein eigenes Buch.« Das Biest rast und tobt und galoppiert und grinst und beißt – auch nach Rezensenten; unisono bissen so berühmte wie berüchtigte Scharfrichter wie Michiko Kakutani von der New York Times und Louis Menand vom New Yorker aggressiv zurück. Ich erlaube mir, diesen Würdenträgern zu widersprechen, Kunde zu geben von einer fast einmaligen epischen Leistung, einem Wunderwerk moderner Prosa. Dieses Buch ist ein Gebirge, das kämmt den Himmel, das spießt die Gaukelwolken auf, es hat zu seinen Füßen Geröll, Geäst und Schlamm, und es birgt – manchmal – das Feuer, das dann als glühende Lava emporschießt. Zu erklimmen ist es kaum. Wie ein anderer amerikanischer Kritiker einbekannte: »I find it impossible to summarize its stories«; und leicht Pynchon-entzündet beendet er seinen Aufsatz: »The apocalyptic oozes into the apocalypshtik.«
Dieses Genie führt uns in grässliche Finsternisse und auf lichte Höhen
Begeben wir uns also auf die Bergwanderung, die Trassen tatsächlich deutlich – oder undeutlich? – gemacht mit vokabulären Wimpeln, die sich dieser Wortbastler sorgfältig mit einer Art Nabokov-Furor ausgedacht oder entlegenen Quellen entnommen hat (was ihm auch das Verdikt eintrug, er sei mehr Satzmechaniker als Stilist): hootenanny für social event; boilermaker für Whiskey mit Bier; cupcake für eine attraktive junge Frau oder snoot für gesellschaftliches Snobben. Vielleicht ist schon das der Moment, der fabelhaft gelungenen Übersetzung ein Kompliment zu machen wie aber auch dem Mut des Verlages, dieses Mammut zu hegen und zu pflegen. Allein dieser kleine Beispielsatz mag zeigen, welcher vertrackten Eleganz die beiden Übersetzer fähig sind: »Die Weingläser stammten aus einem Satz von einem Dutzend und hatten allesamt nur wenige Tage zuvor in Murano als glühendes Külbel am Ende einer Glasbläserpfeife ihren Anfang genommen.«
Nun also des Herrn Messner Ausrüstung geliehen und hinauf auf den Gletscher und hinab zu dem Punjab, den schon des armen Bertolt Brecht »Surabaya-Johnny« besang; dann in schwindelnde (schwindelnde!) Höhen und hinab in grässliche Finsternisse reißt uns dieses wahnwitzige Genie namens Pynchon allemal in seinem Märchen der Zeiten und Gezeiten.
Welche Zeit? Der Roman spielt Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, setzt ein mit einer abenteuerlichen Ballonfahrt zur Weltausstellung von Chicago 1893, die sich gefällt in Darbietungen Kirchenlieder singender Pygmäen, jüdischer Klezmer-Ensembles und ihrer überirdischen Klarinettensoli, brasilianischer Indianer, die sich von riesigen Anakondas verschlingen lassen, und nackter Tarahumara-Indianer, die so tun, als äßen sie Visionen erzeugende Kakteen. Ob tungusische Rentierherden oder eine Zulu-Theatergruppe, die das Massaker an britischen Truppen bei Isandhlwana nachspielt – Pynchon lädt seine absonderliche Mannschaft im Heißluftballon Inconvenience (also uns) in eine Zauberwelt des Unwirklichen, auf die er mit geradezu boshafter Raffiniertheit Splitter der Realität einschießt, eine epische Schrotflintentechnik. Diese Welt der Wodka trinkenden Moskitos, leuchtend gen Himmel fliegenden Rentiere und bibelfesten Wölfe, die Altkirchenslawisch sprechen, hat keine Logik – außer der ganz eigenen: die der perfekten Kunst. Der Prosa-Architekt Pynchon kann sich erlauben, dass wir eben noch an der Londoner Westminster Abbey vorbeispazieren, da hüllt uns – uns, die wir »als Katzen, Hunde und Mäuse wiedergeborene Menschen« sind – schon ein »Vegetationsschleier« ein, »der so dünn war wie der Schleier der Maya« und hinter dem »die alte Londoner Landschaft aus heiligen Stätten, Opfersteinen und geheimnisvollen Hügelgräbern« fortbesteht.
Warum ist das nicht nur selbstlaufende Wirrnis, eine zuchtlos über alle Ufer tretende Fantasieschwemme? Weil Pynchon sein bis zur Betäubung rasendes Riesenrad anhält – und zack, sind wir nicht mehr im Gespräch mit einem weißen Blitz, sondern mitten im Kampf der amerikanischen Gewerkschaften um die Jahrhundertwende. Pynchon hat uns nicht nur eine Pistolero-Scheherazade zurechtgegaukelt, der in früher Jugend bei Boeing als technischer Zeichner Debütierende und die Rüstungsindustrie Studierende hat uns auch die Saga von der Gewalt als Wurzelboden der amerikanischen Gesellschaft erzählt (allein aus den zahllosen Waffenbeschreibungen ließe sich ein unergötzliches Glossar zusammenstellen). Wie bei aller großen Literatur – von Werther bis zur Kartause von Parma oder zu den Romanzyklen des John Dos Passos – schmilzt unser Autor Wirklichkeit mit ein; er singt »die große antikapitalistische Hymne«, er zeigt das Menschenzerstampfende der industriellen Gründerjahre, in denen aus Blut und zerschundenen Knochen jener gleißende Reichtum der Carnegies und Rockefellers entstand, den wir heute noch in des Eisenbahnkönigs prunkvoller Frick Collection bewundern.
Die beißende Bitterkeit des Hohns dieses Autors stellt alles in den Schatten
Eine der Hauptfiguren, später von einem Unternehmer-Widerling ermordet, hält seinen Gewerkschaftsausweis bis zum Ende wie eine Hostie ins Licht; der Sohn wird ihn in Verfolgungsjagden quer durch Europa rächen. Brechts Gesänge von den Chicagoer Schlachthöfen sind beflissene Schulheft-Notate, verglichen mit der beißenden Bitterkeit von Pynchons Hohn: »Lew(…)begriff einigermaßen perplex, dass es sich um eine Gruppe von Ausflüglern handelte, die zu einer Besichtigung der Schlachtsäle und Wurstherstellungsräume hier war, zu einer lehrreichen Stunde des Halsaufschlitzens, Enthauptens, Abhäutens, Ausweidens und Zerlegens – ›Nun schau dir bloß mal die armen Viecher an, Mutter!‹ –, bei der sie dem Vieh bei seinem traurigen Gang zusahen, von der Ankunft in den Eisenbahnwaggons bis hinein in die Gerüche nach Scheiße und Chemikalien, nach altem Fett und krankem, sterbendem und totem Gewebe und in einen anschwellenden Hintergrundchor von Tierangst und Gebrüll in Menschensprachen, die nur wenige von ihnen schon einmal gehört hatten, ehe die Förderkette die Rümpfe endlich in feierlicher Parade in die Kühlräume brachte. Am Ausgang würden die Besucher einen Souvenirladen vorfinden, wo sie stereoskopische Bilder, Ansichtspostkarten und Dosen mit Souvenir-Frühstücksfleisch in ›erstklassiger Gourmetqualität‹ kaufen konnten, die bekanntermaßen auch Finger und andere Körperteile von unvorsichtigen Arbeitern enthielten.«
Nun ist das Gloriose an dem Epos, dass Pynchon das Irreale und Reale ineinandercollagiert, durchaus auch Surrealist aus der Schule des Max Ernst. Er kann eine Figur Dinge sehen lassen, »die nicht unbedingt da waren«, rätselhafte Alraunenwesen schleichen aus fernen Dschungeln, und »sämtliche Neurastheniker Europas« steigen, »am ganzen Leibe von radioaktiven Schlammbadresten schimmernd«, aus elektrischen Badewannen – und er kann einen in die USA eingewanderten Finnen kühl erkennen lassen, »dass das Leben hier ebenso schäbig und kalt war, den gleichen gewissenlosen Reichtum vorzufinden, die gleichen Armen im Elend, Armee und Polizei frei wie Wölfe, im Namen der Bosse Gräueltaten zu verüben, die Bosse zu allem bereit, um zu schützen, was sie zusammengestohlen hatten«.
Das kann nur gelingen durch eine besondere epische Technik. Die hat Pynchon nicht erfunden, aber bravourös weiterentwickelt: Er setzt den harten Schnitt des Films ein. Fast alle Kapitel oder Kapitelteile beginnen asynchron: »Ein himmelweiter Lichtblitz«; »Nachdem er am Spieltisch eine bescheidene Summe gewonnen hatte, trieb sich Reef eine Zeitlang in Nizza herum« (wo der Leser bislang nicht war). So die Gelenke. Deren Mechanik erlaubt es, nach kruden Absurditäten zu einem gemächlich-beschreibenden Prosarhythmus überzuleiten, zu bezaubernden Landschaftsschilderungen oder einer Venedig-Beschreibung, der man das Etikett »literarischer Guardi« nicht versagen möchte.
Gefährlich allerdings ist das auch. Wer so verspielt Kostüme, Menschenschicksale, ganze Erdteile durcheinanderwirbelt, führt leicht schon mal in Karl Mays Lande. Wird der Leser zur Reise über Bukarest nach Konstanza entlang der Schwarzmeerküste nach Batumi geladen oder durch den Sueskanal über das Rote und das Arabische Meer nach Karatschi, in Kiamari per Northwestern Railway zum Salzdelta des Indus befördert – da denkt er durchaus an Kara Ben Nemsi; prompt folgt wenige Seiten später eine reine Arno-Schmidt-Szene. Und hier beginnt der Roman zu schlingern, wenn nicht gar zu scheitern. Auf die Frage, wie denn diese giganteske Feerie endet, müsste ich sagen: Sie endet nicht, sie zerfleddert. Fast auf die Seite genau könnte ich aufweisen, von wo an die Fantasie sich zu parfümieren beginnt, ein Hauch von 007 durchweht jetzt die Seiten, und bezeichnenderweise rettet sich der Autor in allerlei Mondänitäten. Geschüttelt, nicht gerührt. Während ihm noch auf den Seiten 1025 ff. ein herrlich bizarres Sodomitenballett gelingt, harte homosexuelle Flagellantenbilder, wird es alsbald niedlich; sogar die zum Ende hin noch einmal eingebaute Passage einer Partouze bedient eher die Kiosk-Grapschgier, als dass sie eine gelungene literarische Obszönität wäre. Wir verlieren uns nicht mehr in so unheimlich-geheimen Städten wie zuvor in Tamu Tuwa oder Shambala, wir finden uns nun durchaus zurecht in venezianischen Palazzi, in denen ein Fürst in einen Raum bittet, »der durch seine Carlo-Zen-Möbel und Vasen von Galileo Chini hervorstach«, es fehlt nicht ein »Schreibtisch, leuchtend von fahler Creme-Farbe«, der natürlich von Bugatti ist. Schon zwei Seiten weiter müssen wir ein »auberginefarbenes, mit Silberbrokat abgesetztes Taftkleid, ellbogenlange Ärmel mit drei oder vier Spitzenrüschen«, bestaunen, dazu »Handschuhe aus Kapsaffian in einem dunklen Rotweinton« und »vor Leidenschaft in Unordnung geratene Löckchen« unter einem Hut mit gefärbten Federn. Es fällt bei diesem Modejournal-Kolorit auf, dass Pynchon hier seine gewohnte Detailpräzision verlässt. Creme-Farbe kann schwerlich leuchten, und Rotwein ist gemeinhin dunkel; sonst ist es Rosé. Der öffentlichkeitsscheue Autor – eines der seltenen Fotos zeigt den älteren Herrn aus Manhattans Upper West Side ganz brav mit seinem Sohn an der Hand – rutscht auf dem ihm ungewohnten Parkett aus; so nennt er prompt die berühmte Pariser Brasserie La Coupole ein Café, als handele es sich um das Deux Magots; und den vornehmen Badeort Aix-les-Bains tauft er um in Yz-les-Bains. Er poliert im letzten Drittel seines Buchs das Sperrige, wattiert seine Abgründe, seine wüsten Himmel zernebeln im blauen Rauch von Zigaretten mit Goldmundstück. Selbst die Sexszenen, zuvor masoorgiastisch, sind nun pläsierlich; wenn nicht gar albern.
Weit über 1000 Seiten hat dieser große Schriftsteller uns in die Lüfte gewirbelt, in Schluchten gestürzt, den Leser jener gottlosen Verdammnis des zweiten Petrus-Briefes ausgesetzt, dem der Titel entliehen ist, bis uns der Atem schier ausgepresst war. Er hat uns in Wachohnmacht versetzt. Zum Ende hin wird der Ballon – um Pynchons Eingangs- und Schlussbild zu paraphrasieren – faltig, schlaff und schleifend; die Halteseile scheuern durch.
- Datum 21.05.2008 - 11:46 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
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