Nordirland : Die Stille nach den Schüssen

Nordirland hat einige der schönsten Städte und Landschaften der Insel. Zehn Jahre nach dem Friedensschluss kann man sie wiederentdecken. Die Erinnerung reist mit.

Über der Tür steht auf einem dunkelbraunen Holzschild in goldenen Lettern »Shorts«, links davon »since« und rechts »1885.« Drinnen ist es warm, anheimelnd. Ein einsamer Mann hockt am Tresen. Hinter der Theke erhebt sich eine grauhaarige, in den Hüften steif gewordene Frau. Meine Frau und ich bestellen zwei heiße Whiskeys. Die Wirtin stellt den Kessel auf. »Mit Gewürznelke oder Zitrone? Ein oder zwei Löffel Zucker?« Sie rührt das Getränk an. »Ist es so in Ordnung? Süß genug?« Wir nippen an den heißen Gläsern. Wunderbar.

Nordirland zwischen Winter und Sommer. Draußen weht ein beißend kalter Wind. Wir sind um den Slieve Gullion gefahren, einen erloschenen Vulkan zwei Autostunden südlich von Belfast im Grenzgebiet zur Republik. Die Ringstraße über den Gipfel wurde vor 20 Jahren gebaut, um Touristen anzulocken. Vergeblich. Die Gegend war eine Hochburg der IRA. Überall warnten handgemalte Verkehrsschilder, »Heckenschützen bei der Arbeit«. Hier im Rebellenland Crossmaglen hatte Thomas »Slab« Murphy das Sagen, der wie eine Grabplatte gebaute mutmaßliche Stabschef der Terrorarmee.

Im ehemals gesetzlosen Landstrich hält man sich sogar ans Rauchverbot

Mittlerweile ist Moos über den Asphalt gewachsen. Wir sind keinem Menschen begegnet. Oben auf dem Gullion sahen wir neugeborene Lämmer hinter zotteligen Zibben über heidebewachsene Hänge klettern. Für meine Frau, die Ulster nur von einem Kurzbesuch in den schlimmen siebziger Jahren kannte, war der Tag eine Offenbarung: der Blick weit in das flache Moorland der Republik Irland, über das Meer jenseits der Grafschaft Down im Osten, über die heidebraunen Höhenzüge von Armagh. Die Täler mit ihren zartgrünen Wiesen, braunen Äckern und aprikosengelben Sumpfgräsern sahen wie eine Fleckendecke aus, zusammengesteppt mit gelben Ginsterhecken, Dorngebüschen und kurvigen Sträßchen.

Zehn Jahre sind vergangen, seit Bill Clinton, Tony Blair und der irische Ministerpräsident Bertie Ahern mit dem Karfreitagsabkommen das Karzinom der Gewalt aus der nordirischen Politik entfernten. Es dauerte weitere sieben Jahre, bis die IRA ihre Waffen abgab. 2006 demontierte die britische Armee ihre Stützpunkte, darunter eine monströse Festung im Zentrum von Crossmaglen, die bis in die neunziger Jahre mit Hubschraubern versorgt werden musste, die Straßen waren zu gefährlich. Im Mai letzten Jahres endlich schlossen der gallige Reverend Ian Paisley und der Exterrorist Martin McGuinness Frieden. Die chuckle brothers , wie der Volksmund das ständig gut gelaunt glucksende Paar nennt, führen seither gemeinsam das Land.

Wir sind nach Nordirland gekommen, um Orte des Krieges im Frieden zu besuchen. Wir suchen aber nicht nur den Frieden anderer. Meine Frau hat Krebs, wir suchen auch neue Kraft und unseren eigenen Frieden. Der heiße Whiskey wärmt uns auf. Ich erzähle von durchzechten Nächten während des Krieges, als ich von hier Reportagen schrieb und sie nur selten von mir hörte. Einmal, während eines Anrufs von der Telefonzelle auf dem Dorfplatz, richteten britische Soldaten ihre Waffen auf mich. Als ich auflegte, nahmen sie mich fest.

Seit diesen Tagen ist es still geworden in Shorts Bar. Der einzige Gast rutscht von seinem Hocker, greift seine Zigaretten und geht vor die Tür. In dem ehemals gesetzlosen Landstrich hält man sich sogar an das neue Rauchverbot. Die Frau hinter der Theke ist Paddy Shorts Witwe. Ich erinnere mich gut an ihren Mann, eine Klischeefigur irischer Leutseligkeit. Er war eine Säule der Gemeinde, die irische Präsidentin Mary McAleese schickte einen Abgesandten zu seinem Begräbnis. Er soll einmal laut aufgelacht haben, als Freischärler vor seiner Kneipe zwei Soldaten erschossen. Seine Frau sagt bedächtig: »Vieles ist passiert, das man am besten vergisst.«

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