Frieden "Frieden in Freiheit ist möglich"

Michael Brzoska, Professor für Politikwissenschaft und Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg über den Frieden

DIE ZEIT: Herr Brzoska, wovon geht heute die größte Gefahr für den Frieden aus?

Michael Brzoska: Davon, dass wir nicht wissen, wie wir wirtschaftlich arme Gesellschaften politisch so organisieren können, dass in ihnen Gewalt keine Rolle spielen muss – und dass von ihnen auch keine Gefahr ausgeht für andere Regionen.

ZEIT: Wie wahren wir den Frieden am besten?

Brzoska: Wenn wir Ungerechtigkeit und Armut bekämpfen, bekämpfen wir auch den Krieg.

ZEIT: Die »strukturelle Gewalt« ist gefährlicher als militärische Gewalt?

Brzoska: Seit 1970 hat die Zahl der Kriege zwischen Staaten deutlich abgenommen, seit Jahren sinkt auch die Zahl der Kriege innerhalb von Staaten. Die militärische Gewalt spielt eine geringere Rolle als noch vor zwanzig, dreißig Jahren. Aber die Gefahr, dass aus Ungerechtigkeit und Armut Kriege entstehen, ist immer noch nicht gebannt.

ZEIT: Was war die wichtigste Erkenntnis der Friedensforschung in den vergangenen Jahren?

Brzoska: Das Zusammenwachsen der Welt hat tatsächlich dazu geführt, dass es weniger Kriege gibt. Die wirtschaftliche Verflechtung, die gegenseitige Abhängigkeit von Gesellschaften, die Berichterstattung über jeden Winkel der Welt bewirkten, dass Krisen seltener in Kriege umschlagen.

ZEIT: Was weiß die Friedensforschung, ohne es beweisen zu können?

Brzoska: Dass gerechter Frieden in Freiheit möglich ist und es gelingen kann, die unvermeidlichen Konflikte ohne Einsatz organisierter Gewalt zu lösen.

ZEIT: Das lässt sich nicht beweisen?

Brzoska: Leider nicht, denn wir haben in der neueren Geschichte noch nie eine Phase gehabt, in der es keine Auseinandersetzungen, keine kollektive Gewalt gegeben hat.

ZEIT: Was war der größte Irrtum Ihrer Disziplin?

Brzoska: Dass wir mit dem Ende des Ost-West-Konflikts eine neue Welt bekommen würden. Es gibt immer noch 27000 Atomwaffen, die weltweiten Militärausgaben sind auf demselben Niveau geblieben. Das hätte vor 18 Jahren keiner in der Branche erwartet.

ZEIT: Auf welche Einsicht wartet die Friedensforschung am sehnsüchtigsten?

Brzoska: Wie kann verhindert werden, dass der Klimawandel Auswirkungen auf Krieg und Frieden hat? Wir wissen sehr wenig über die Zusammenhänge von Umweltveränderungen und Kriegen. Gleichzeitig wissen wir, dass der Klimawandel die Lebensbedingungen vieler Menschen grundlegend verändern wird. Wer da Lösungsvorschläge hat, kann große Beiträge für die Zukunft leisten.

 
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