Biologie des Schönen Kunst ist ein Neuronenfeuer

Das Schöne? Auch nur Biologie, sagen die Hirnforscher. Künstlerische Freiheit halten sie für eine Illusion

Die gute alte Aufklärung, darauf haben wir uns verständigt, ist tot. Wir wissen, was wir wissen müssen, und mehr muss es nicht sein. Doch wenn nicht alles täuscht, dann sind die Aufklärer längst zurück. Sie tragen keine Fackel und wollen die Welt nicht verbessern. Dennoch sind sie von einer Radikalität, die schüchternen Zeitgenossen den Atem verschlägt.

Besser bekannt sind die neuen »Aufklärer« unter dem Namen »Hirnforscher«. Sie glauben, das Geheimnis unseres Bewusstseins entschlüsseln zu können, und wollen uns darüber aufklären, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wenn nicht heute, dann morgen.

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Wer gehofft hatte, es gebe ein paar Inseln, die von ihrem Eroberungsdrang verschont würden, sozusagen uneinnehmbare Zonen des Menschlichen, der wird enttäuscht. Es gibt sie nicht. Inzwischen haben die Hirnforscher sogar einen neuen Archipel des Unwissens entdeckt und dort ihre Fahne gehisst: das Reich der Kunst. Auch auf diesem Gebiet, sagen sie, wimmele es von schrecklichen Irrtümern und trüben Illusionen. Abendländische Menschen glaubten immer noch, ein Kunstwerk verdanke sich der künstlerischen Freiheit, dem autonomen Geist des Artisten.

Über diese Selbsttäuschungen kann ein Hirnforscher nur milde lächeln. Für so etwas Altertümliches wie »Geist« oder »Freiheit«, sagt er, ist im geschlossenen Kreislauf der Natur kein Platz. In Wirklichkeit folge die Kunst biologischen Mustern, und wer das Ästhetische nicht von diesen natürlichen Grundlagen her verstehe, der habe gar nichts verstanden. Um das zu beweisen, haben Wissenschaftler einen von Rattenneuronen gesteuerten Roboterarm entwickelt. Sobald die Tier-Maschine visuelle Reize empfängt, kritzelt der Arm abstrakte Figuren auf ein Blatt Papier. Wie ein echter Künstler, ruft man entzückt.

Das Gehirn kennt die harmonischen Proportionen

Die Begeisterung hält an. In Berlin hat sich jüngst eine europäische »Assoziation für Neuro-Ästhetik« gegründet, die Kunst und Hirnforschung zusammenführen, und, man staune: »eine gemeinsame Sprache entwickeln will«. In dem Künstler Olafur Eliasson hat man einen prominenten Lotsen mit an Bord genommen; zwei Altmeister der Forschung, Ernst Pöppel und Semir Zeki, stehen Pate.

Wie es sich gehört, brachte jeder Gast zur Gründungsfeier in der Charité ein Geschenk mit, und die schönste Gabe überreichte der charmante Ernst Pöppel. Der Münchner Hirnforscher schenkte dem Publikum die erlösende Einsicht, das Hirn wisse am besten, was in der Kunst richtig und was falsch sei. Wird zum Beispiel eine Stelle aus Wagners Fliegendem Holländer zu schnell oder zu langsam gespielt, dann fällt das Hirn in Missstimmung, und seine Neuronen flackern nur müde vor sich hin. Wird hingegen das Tempo exakt getroffen, dankt es mit fröhlichem Leuchtfeuer. Ähnlich verlaufen die Erregungskaskaden, sobald ein Kunstliebhaber eine Skulptur mit harmonischen Proportionen zu Gesicht bekommt. Die Neuronen jauchzen, dass es eine Freude ist.

Leser-Kommentare
  1. Zerklüftet die rostigen Zinnenwachsweich der brüchige Ortdas zerebrale Beginnenidiographisch verknorrt.Ein faltenverzwirbelndes WartenNeuronen Flackerakkordim nebelverhangenen Gartenleukotomisch verdorrt.__________________
    Lyriost – Madentiraden

  2. Wieso ist Kitsch erfolgreicher als "echte Kunst". Ich glaube - bei aller Sympathie fuer die Hirnforschung - , dass hier einiges nicht so richtig  zusammenpasst. 
    Und warum gab es beispielsweise bei den Nazis die "entartete Kunst"? Tickt ein Nazi-Gehirn denn vollkommen anders?
    Kunst ist irrational - da hilft auch keine Hirnforschung. Also hueten wir uns vor Simplifizierungen.
    Uebrigens konnte ich Schoenberg, Blacher und Berg als junger Mensch nicht ausstehen, heute als alter Mann schwelge ich in der Atonalitaet der Zwoelftonmusik...  

  3. Die biologische Bedeutung bestimmter ästhetischer Muster wurde schon in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts mit Lust und Liebe behandelt. Der Schwerpunkt lag zeitbedingt auf Mechanismen, die Einfluß auf Überlebens- und Fortpflanzungschancen haben. Die neuronale Ästhetik operiert zwar mit neuesten Meßverfahren, bringt aber im Kern nichts Neues gegenüber der älteren biologistischen Ästhetik. In Bezug auf die Deutung der Kunst erweist sie sich als evolutionäre Sackgasse - und zwar selbst dann, wenn man von strikt funktionalistischen Rahmenkonzepten ausgeht. Tiefer in die historische Realität der Kunst dringen Ansätze vor, die nach der Wirkung bestimmter Darstellungsinhalte zu bestimmten historischen Momenten fragen und Kunst als kulturelles Mittel zur Erregung und/oder Dämpfung von Streß betrachten. Diese streßökonomische Sicht hat insofern eine überindividuelle Komponente, als sie auch danach fragt, wie größere gesellschaftliche Gruppen (darunter Nationen, Religionsgemeinschaften etc.) für den Kampf konditioniert werden können: durch ein geeignetes Zusammenspiel von Relaxation einerseits und Streßerregung vor Kampfsituationen andererseits. Aber auch diese zivilisationstheoretisch bereicherte Version des Neuronalismus dringt mit ihren Erklärungsmustern nicht wirklich in die vielfältig verästelte Geschichte der Produktion und Rezeption von Kunst ein. Gerade wenn man etwa evolutionstheoretisch die Rezeptionschancen von Kunst betrachtet, wird man feststellen, daß die groben Muster des Neuronalismus nicht annähernd hinreichen, um das große historische Experiment zu erklären, daß in Gestalt der Kunstgeschichte bereits vorliegt. Die großen kritischen Werkverzeichnisse, in denen die Daten dieses Experiments ihren Niederschlag gefunden haben, falsifizieren auf jeder Seite die Erklärungskompetenz, die der Neuronalismus für sich in Anspruch nimmt.
    Sammy Senkbley

    • Gafra
    • 18.05.2008 um 22:19 Uhr

    wie die Herren Hirnforscher sich selbst und ihre wissenschaftliche Freiheit sehen in ihrem Menschenbild und ob diese Thesen auch solche ästhetischen Glücksmomente im Hirn bewirken. Sie sollten sich mal selbst in die Röhre legen beim Entwickeln ihrer Thesen und uns dann etwas über deren hirnorganisch-neuronalen Ursachen sagen.Ich  fürchte nur, sie fühlen sich da irgendwie darüber stehend.

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    Dass sich Menschen beim eigenen Denken selber ins Gehirn gucken gibt es schon. Das wird unter anderen als Therapieansatz verfolgt. Eine gute (englische) VPræsentation darueber findet sich z.B. hier: http://www.ted.com/index.... ist von einem Neurowissenschaftler und dauert nur 4 minutenEs war schon immer normal, dass Kuenstler beim Malen auf das Bild gucken kønnen, heute kønnen z.B. Seeleute auch schon beim Navigieren ihre eigene Position auf der Karte verfolgen, und in Zukunft werden Denker auch in der Lage sein, sich selbst beim Denken zuzusehen...

    Dass sich Menschen beim eigenen Denken selber ins Gehirn gucken gibt es schon. Das wird unter anderen als Therapieansatz verfolgt. Eine gute (englische) VPræsentation darueber findet sich z.B. hier: http://www.ted.com/index.... ist von einem Neurowissenschaftler und dauert nur 4 minutenEs war schon immer normal, dass Kuenstler beim Malen auf das Bild gucken kønnen, heute kønnen z.B. Seeleute auch schon beim Navigieren ihre eigene Position auf der Karte verfolgen, und in Zukunft werden Denker auch in der Lage sein, sich selbst beim Denken zuzusehen...

  4. ... sollte man dem ganzen brimborium etwas weniger aufmerksamkeit widmen?
    die mechanistischen erklärungen zerebraler vorgänge inklusive bestreitung des freien willens haben doch seit jeher in zeiten gesellschaftlicher umbrüche hochkonjunktur -- dann glätten sich die wogen und all die grossartigen erkenntnisse resp folgerungen daraus verlieren abrupt an glanz.

    ganz offensichtlich handelt es sich doch in der form, in der solche erkenntnisse wie der unfreie wille propagiert werden eher um mechanismen, die unübersichtlich gewordene welt zu ordnen und nebenbei sich selber vond er verantwortung für das eigene schicksal zu entlasten (nebbich gerade das, was atheistischer seits -- von der solchen neurobiologischen thesen ja auch ganz gerne gefolgt wird -- den religionen zum vorwurf gemacht wird).

    ich bezweifele stark, dass die ganz überwiegende mehrheit der neurobiologen auch nur ansatzweise qualifiziert ist, so weitreichende ethische und soziologische folgerungen zu ziehen -- spätestens mit den oben beschriebenen aussagen über kunst zeigt sich denn doch, dass das, was das hirn schlechthin als kunst betrachtet mit sehr hoher wahrscheinlichkeit wohl das ist, was der forscher als kunst betrachtet. damit ist's dann mit der seriosität ganz aus.

  5. 6. @4

    da war schonmal ein artikel (ist, glaube ich, sogar am fuss verlinkt): einer der hohepriester des unfreien willens, auf die erziehung seiner kinder angesprochen, wurde dann doch wieder ganz traditionell: auf verfehlung folgt strafe.
    wie das mit seiner emphatisch vorgetragenen these vom unfreien willen zusammenpassen sollte, konnte er denn auch nicht erklären ...

  6. Dass sich Menschen beim eigenen Denken selber ins Gehirn gucken gibt es schon. Das wird unter anderen als Therapieansatz verfolgt. Eine gute (englische) VPræsentation darueber findet sich z.B. hier: http://www.ted.com/index.... ist von einem Neurowissenschaftler und dauert nur 4 minutenEs war schon immer normal, dass Kuenstler beim Malen auf das Bild gucken kønnen, heute kønnen z.B. Seeleute auch schon beim Navigieren ihre eigene Position auf der Karte verfolgen, und in Zukunft werden Denker auch in der Lage sein, sich selbst beim Denken zuzusehen...

  7. zu Recht gegen die „Hirnforscher“: Kunst und Ästhetik haben nichts mit dem Gehirn zu tun. Wo doch jeder weiß, dass die Idee für ein Kunstwerk nicht dem Gehirn entspringt, sondern dem Künstler eingegeben wird (sofern er von der Muße geküsst wird). Das ist seit mindestens 30000 Jahren gesichertes Wissen (abgesehen von der Muße, die ist jüngeren Datums). Wir sollten es dabei belassen. Warum sollte uns interessieren, was hirnphysiologisch passiert, wenn uns ein Kunstwerk berührt? Nutzloses Wissen, das. Zumal es womöglich gar keinen Unterschied macht, ob es sich dabei – objektiv betrachtet, soweit das eben möglich ist –, um „echte Kunst“, schlechte Kunst oder einfach nur um Kitsch handelt.

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