Biologie des Schönen Kunst ist ein NeuronenfeuerSeite 3/3
Was also ist an der Neuroästhetik auszusetzen? Zunächst: Hirnforscher, die komplizierte Einsichten über die Physiologie der Wahrnehmung gewonnen haben und uns eindrucksvoll demonstrieren, wie sehr wir doch Naturwesen sind, neigen im entscheidenden Augenblick zu grober Vereinfachung. Sie entdecken auf einem Gemälde von Goya ein, zwei hirntypische Gepflogenheiten – und sehen darin schon die Wahrheit des Bildes. Doch aus einem biologischen Muster ergibt sich keine ästhetische Aussage. Sonderbar ist auch der Glaube, man könne aus einem Reiz-Reaktions-Schema eine Regelpoetik ableiten und festlegen, welche Kunst schön ist – und welche nicht.
Am Ende steckt in dem Versuch, ästhetische Wahrheit mit naturwissenschaftlichen Mitteln zu definieren, ein krudes Nützlichkeitsdenken. Demnach erfüllt die Kunst einen evolutionären Zweck und hilft dabei, unser Dasein sinnstiftend zu optimieren. Das wär’s dann auch. Für das Geschichtliche ist darin ebenso wenig Platz wie für die Idee, Kunst enthalte Bilder und Metaphern, in deren Licht wir unsere Freiheit deuten. Für den Hirnforscher ist dieser Gedanke schon deshalb absurd, weil diese Freiheit gar nicht existiert. Unfreundlich gesagt: Die neuronale Ästhetik betrachtet die Kunst als Aussöhnungsagentur für das evolutionär Unvermeidliche. Sie soll die Ströme des »Lebens« nicht kritisch unterbrechen, sondern in Gang halten. »Alles bleibt gut.«
Dieser Funktionalismus spricht heute vielen aus der Seele, denn er macht die Welt einfacher, als sie ist. Er passt auch zu dem weitverbreiteten Gefühl, der Fortschritt sei an sein Ende gelangt und nun müsse man nur noch die Bestände sichern. In dieser Lage braucht man die reflexive, die schwierige und unausdeutbare Kunst nicht mehr, erst recht keine, die »die Nachtseiten der Kultur und die Schattenseiten der Gesellschaft erkundet« (der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal). Es reicht völlig, wenn Künstler unser Gegenwartsgefühl, unsere »Präsenz« steigern, wenn sie eine Sinnlücke füllen und uns beim evolutionären Anpassungszwang behilflich sind.
Neuerdings macht eine Neuroökonomie von sich reden, die zusammen mit Marketingunternehmen herausfinden will, wie Werbung optimal im Hirn platziert werden kann. »Brain-Branding« nennt sich das Verfahren entwaffnend ehrlich. Überflüssig zu sagen, was beim Einbrennen von Reklamelogos ins Hirn besonders zweckdienlich ist: die Kunst.
- Datum 19.05.2008 - 11:09 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
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Zerklüftet die rostigen Zinnenwachsweich der brüchige Ortdas zerebrale Beginnenidiographisch verknorrt.Ein faltenverzwirbelndes WartenNeuronen Flackerakkordim nebelverhangenen Gartenleukotomisch verdorrt.__________________
Lyriost – Madentiraden
Wieso ist Kitsch erfolgreicher als "echte Kunst". Ich glaube - bei aller Sympathie fuer die Hirnforschung - , dass hier einiges nicht so richtig zusammenpasst.
Und warum gab es beispielsweise bei den Nazis die "entartete Kunst"? Tickt ein Nazi-Gehirn denn vollkommen anders?
Kunst ist irrational - da hilft auch keine Hirnforschung. Also hueten wir uns vor Simplifizierungen.
Uebrigens konnte ich Schoenberg, Blacher und Berg als junger Mensch nicht ausstehen, heute als alter Mann schwelge ich in der Atonalitaet der Zwoelftonmusik...
Die biologische Bedeutung bestimmter ästhetischer Muster wurde schon in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts mit Lust und Liebe behandelt. Der Schwerpunkt lag zeitbedingt auf Mechanismen, die Einfluß auf Überlebens- und Fortpflanzungschancen haben. Die neuronale Ästhetik operiert zwar mit neuesten Meßverfahren, bringt aber im Kern nichts Neues gegenüber der älteren biologistischen Ästhetik. In Bezug auf die Deutung der Kunst erweist sie sich als evolutionäre Sackgasse - und zwar selbst dann, wenn man von strikt funktionalistischen Rahmenkonzepten ausgeht. Tiefer in die historische Realität der Kunst dringen Ansätze vor, die nach der Wirkung bestimmter Darstellungsinhalte zu bestimmten historischen Momenten fragen und Kunst als kulturelles Mittel zur Erregung und/oder Dämpfung von Streß betrachten. Diese streßökonomische Sicht hat insofern eine überindividuelle Komponente, als sie auch danach fragt, wie größere gesellschaftliche Gruppen (darunter Nationen, Religionsgemeinschaften etc.) für den Kampf konditioniert werden können: durch ein geeignetes Zusammenspiel von Relaxation einerseits und Streßerregung vor Kampfsituationen andererseits. Aber auch diese zivilisationstheoretisch bereicherte Version des Neuronalismus dringt mit ihren Erklärungsmustern nicht wirklich in die vielfältig verästelte Geschichte der Produktion und Rezeption von Kunst ein. Gerade wenn man etwa evolutionstheoretisch die Rezeptionschancen von Kunst betrachtet, wird man feststellen, daß die groben Muster des Neuronalismus nicht annähernd hinreichen, um das große historische Experiment zu erklären, daß in Gestalt der Kunstgeschichte bereits vorliegt. Die großen kritischen Werkverzeichnisse, in denen die Daten dieses Experiments ihren Niederschlag gefunden haben, falsifizieren auf jeder Seite die Erklärungskompetenz, die der Neuronalismus für sich in Anspruch nimmt.
Sammy Senkbley
wie die Herren Hirnforscher sich selbst und ihre wissenschaftliche Freiheit sehen in ihrem Menschenbild und ob diese Thesen auch solche ästhetischen Glücksmomente im Hirn bewirken. Sie sollten sich mal selbst in die Röhre legen beim Entwickeln ihrer Thesen und uns dann etwas über deren hirnorganisch-neuronalen Ursachen sagen.Ich fürchte nur, sie fühlen sich da irgendwie darüber stehend.
Dass sich Menschen beim eigenen Denken selber ins Gehirn gucken gibt es schon. Das wird unter anderen als Therapieansatz verfolgt. Eine gute (englische) VPræsentation darueber findet sich z.B. hier: http://www.ted.com/index.... ist von einem Neurowissenschaftler und dauert nur 4 minutenEs war schon immer normal, dass Kuenstler beim Malen auf das Bild gucken kønnen, heute kønnen z.B. Seeleute auch schon beim Navigieren ihre eigene Position auf der Karte verfolgen, und in Zukunft werden Denker auch in der Lage sein, sich selbst beim Denken zuzusehen...
Dass sich Menschen beim eigenen Denken selber ins Gehirn gucken gibt es schon. Das wird unter anderen als Therapieansatz verfolgt. Eine gute (englische) VPræsentation darueber findet sich z.B. hier: http://www.ted.com/index.... ist von einem Neurowissenschaftler und dauert nur 4 minutenEs war schon immer normal, dass Kuenstler beim Malen auf das Bild gucken kønnen, heute kønnen z.B. Seeleute auch schon beim Navigieren ihre eigene Position auf der Karte verfolgen, und in Zukunft werden Denker auch in der Lage sein, sich selbst beim Denken zuzusehen...
... sollte man dem ganzen brimborium etwas weniger aufmerksamkeit widmen?
die mechanistischen erklärungen zerebraler vorgänge inklusive bestreitung des freien willens haben doch seit jeher in zeiten gesellschaftlicher umbrüche hochkonjunktur -- dann glätten sich die wogen und all die grossartigen erkenntnisse resp folgerungen daraus verlieren abrupt an glanz.
ganz offensichtlich handelt es sich doch in der form, in der solche erkenntnisse wie der unfreie wille propagiert werden eher um mechanismen, die unübersichtlich gewordene welt zu ordnen und nebenbei sich selber vond er verantwortung für das eigene schicksal zu entlasten (nebbich gerade das, was atheistischer seits -- von der solchen neurobiologischen thesen ja auch ganz gerne gefolgt wird -- den religionen zum vorwurf gemacht wird).
ich bezweifele stark, dass die ganz überwiegende mehrheit der neurobiologen auch nur ansatzweise qualifiziert ist, so weitreichende ethische und soziologische folgerungen zu ziehen -- spätestens mit den oben beschriebenen aussagen über kunst zeigt sich denn doch, dass das, was das hirn schlechthin als kunst betrachtet mit sehr hoher wahrscheinlichkeit wohl das ist, was der forscher als kunst betrachtet. damit ist's dann mit der seriosität ganz aus.
da war schonmal ein artikel (ist, glaube ich, sogar am fuss verlinkt): einer der hohepriester des unfreien willens, auf die erziehung seiner kinder angesprochen, wurde dann doch wieder ganz traditionell: auf verfehlung folgt strafe.
wie das mit seiner emphatisch vorgetragenen these vom unfreien willen zusammenpassen sollte, konnte er denn auch nicht erklären ...
Dass sich Menschen beim eigenen Denken selber ins Gehirn gucken gibt es schon. Das wird unter anderen als Therapieansatz verfolgt. Eine gute (englische) VPræsentation darueber findet sich z.B. hier: http://www.ted.com/index.... ist von einem Neurowissenschaftler und dauert nur 4 minutenEs war schon immer normal, dass Kuenstler beim Malen auf das Bild gucken kønnen, heute kønnen z.B. Seeleute auch schon beim Navigieren ihre eigene Position auf der Karte verfolgen, und in Zukunft werden Denker auch in der Lage sein, sich selbst beim Denken zuzusehen...
zu Recht gegen die „Hirnforscher“: Kunst und Ästhetik haben nichts mit dem Gehirn zu tun. Wo doch jeder weiß, dass die Idee für ein Kunstwerk nicht dem Gehirn entspringt, sondern dem Künstler eingegeben wird (sofern er von der Muße geküsst wird). Das ist seit mindestens 30000 Jahren gesichertes Wissen (abgesehen von der Muße, die ist jüngeren Datums). Wir sollten es dabei belassen. Warum sollte uns interessieren, was hirnphysiologisch passiert, wenn uns ein Kunstwerk berührt? Nutzloses Wissen, das. Zumal es womöglich gar keinen Unterschied macht, ob es sich dabei – objektiv betrachtet, soweit das eben möglich ist –, um „echte Kunst“, schlechte Kunst oder einfach nur um Kitsch handelt.
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