Bildungsforschung Wesen der Gefühle
Ute Frevert erforscht die Bedeutung der Emotionen. Seit 100 Tagen ist sie Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.
erforscht die Bedeutung der Emotionen. Seit 100 Tagen ist sie Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin Von Elisabeth von Thadden
Vorn, am Kopf des Tisches, sitzt eine Dame, die lange in Amerika war und jetzt merkt, dass sie wieder in Deutschland ist. »Sie sind weit weg«, sagt sie mit einer Geste des Bedauerns in Richtung des studentischen Publikums, das sich in die hintersten Stuhlreihen drängt. Um den Tisch herum sitzen fast nur Professorenkollegen.
An der Freien Universität Berlin tagt ein geschichtswissenschaftliches Kolloquium. Zu Gast ist die Historikerin Ute Frevert, die berichten will, wie sie künftig die Geschichte der Gefühle erforschen wird. Draußen in Dahlem hält endlich der Frühling Einzug, aber hier drin scheint die Zeit stillzustehen – Bildungshierarchie braucht Abstand. Als der Sozialhistoriker Jürgen Kocka dem Publikum die heutige Gastrednerin vorstellt und andeutet, sie habe zu ihrem neuen Forschungsfeld noch wenig veröffentlicht, da lacht die und sagt: »Du warst mein Doktorvater, nicht dass du das hier verheimlichst«, und schon fühlt sich der Abstand etwas geringer an. Die Frau war auch mal Studentin.
Das Gefühl der Ferne zu denen da vorn, zu denen da oben kennt jeder, der das deutsche Bildungssystem einmal durchquert hat. Und wer die persönliche Verbindung zu den Lehrenden nicht kennenlernt, hat es später schwer, jene allseits gebildete Persönlichkeit zu werden, die sich die späteren amerikanischen Spitzenuniversitäten anfangs bei Humboldt und Schiller abgeguckt haben, die well rounded personality , wie Ute Frevert es unlängst bei einem öffentlichen Gespräch über Bildung in Hamburg ausgedrückt hat, und dabei hat sie bedauert: Der Enthusiasmus, etwas zu entdecken, gehe in Deutschland verloren, wie die Lust, das Beste aus sich zu machen, anstatt partout der Beste zu sein. In der Diskussion um Exzellenz fehle die Lehre, der ganze Mensch komme zu kurz. Und bereits an den Schulen gehe das los: »Die Zeit, die Kinder in der Schule verbringen, wird nicht sinnvoll genutzt.« Als Mutter dreier Kinder, die in verschiedenen Ländern zur Schule gingen, hat die 53-Jährige allerhand Erfahrung in vergleichender Bildungsforschung gesammelt, die lässt sie einfließen.
An das klassische Bildungsideal des ganzen Menschen, meint Frevert, lässt sich anknüpfen. Wie aber hängen Gefühl und Bildung zusammen? Wie veränderlich sind Gefühle sozial und historisch? Künftig wird Freverts Arbeit darin bestehen, diesen Zusammenhang aufzuklären und denen plausibel zu machen, die ihn bezweifeln. Vor gut 100 Tagen ist sie, Expertin für Sozial- und Geschlechtergeschichte des deutschen 19. und 20. Jahrhunderts, aus dem amerikanischen Wissenschaftsparadies der Yale University nach Berlin gekommen, um hier, im Vergleich mit Indien, die Geschichte der Gefühle zu erforschen. Als eine von vier Direktoren jenes Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, dem man die ernüchternden Pisa-Studien verdankt.
Erstmals kümmern sich Historiker um Ehrgefühl und Trauer
Eine Historikerin ohne einschlägige Expertise in Bildungsfragen leitend an diesem Institut, das bisher von Soziologen, Pädagogen und experimentellen Psychologen geprägt war: Das ist neu und hat für Irritationen gesorgt. Wer mit Schillers ästhetischer Erziehung oder Humboldts Idee der Menschenbildung vertraut ist, wundert sich kaum, wenn nun die Gefühlsgeschichte zu einem Fokus des Instituts wird; auch die psychologische Rationalitäts- und Intuitionsforschung an diesem Berliner MPI ist mit Gefühlen befasst. Aber wer nur in der empirischen Schulforschung das Markenzeichen des Instituts sieht, kann sich um dessen Profil sorgen. Das schillert allerdings seit Jahren. Frevert selbst sagt, sie sei eine »riskante Berufung«.
Ziemlich neu ist es auch für deutsche Historiker an den Universitäten, dass eine Kollegin die Gefühle für historisch erforschbar hält – die Angst, das Vertrauen, die Lust, den Neid, das Ehrgefühl, die Trauer –, in denen viele vor allem ein Modespielzeug der Hirnforschung sehen. Methodische Zweifel liegen auch Frevert nahe: Denn von vergangenen Gefühlen ist ja nichts übrig, außer schriftlichen und künstlerischen Ausdrucksweisen, keine Hardware! Nur motiviert diese offene Situation sie, das strahlt sie aus. Hier steht alles auf Anfang, hier kann sie, anders als in Amerika, selbst eine Forschungsgruppe zusammenstellen. Es kann losgehen.
Das MPI für Bildungsforschung wird gerade renoviert, die Belegschaft ist in ein leer stehendes Gebäude in Dahlem gezogen, behelfsweise, das passt zur wissenschaftlichen Exploration eines unbekannten Terrains. Auch privat zieht Ute Frevert in diesen Tagen um, in eine frisch erneuerte Altbauwohnung, morgen früh wird sie noch mal für eine Woche nach Yale fliegen, zuvor wird sie abends im Einstein Forum die amerikanische Kollegin Ruth Leys moderieren, die Historikerin der Scham und des Schuldgefühls, aber Frevert zeigt nicht mal einen Anflug von Hektik.
Am Tag darauf soll sie bitte erklären: Ist die neue Betriebsamkeit um die Gefühle nicht eine marktträchtige Mode? Frauensache obendrein, quotierungsverdächtig? Ute Frevert schlägt vor, das Gespräch aus ihrem kleinen Zimmer im Keller raus in die Sonne, in den benachbarten Botanischen Garten zu verlegen. Statt des hellen Kostüms, der wildledernen Stiefel und des Pink in Rosa gepunkteten Schals vom Vorabend trägt sie nun helle Cordjeans, die bloßen Füße stecken in flachen Schuhen, Haare hochgesteckt, Sonnenbrille. Immer wieder wirkt sie, als könne sie auch ihre eigene Tochter sein.
In der Forschung waren Gefühle fast immer Männersache
Aber das täuscht, in dieser Person stecken ein paar Jahrzehnte Frauengeschichte, wissenschaftlich, persönlich. »Es waren schwierige Jahre dabei« ist alles, was sie dazu sagt. Sehr harte Arbeit. Und bald ein Vierteljahrhundert Ehe und Elternschaft. Ute Frevert ist die sozialdemokratische Bildungsreform der westlichen sechziger Jahre in Person, Kind eines kleinstädtischen lippischen Handwerkers und einer Sekretärin, die gern aufs Gymnasium gegangen wäre, deshalb ihrer Tochter jeden Bildungserfolg wünschte. Bald blieb nichts mehr übrig zu wünschen: Abitur mit 16, die Tochter bekam das Stipendium der Studienstiftung und unternahm zügig eine Dschungelexpedition durch die wissenschaftliche Männerwelt, Männer im Großformat.
In Bielefeld, wo die Historiker Hans-Ulrich Wehler und Reinhart Koselleck sowie die Soziologen Niklas Luhmann und Norbert Elias, jeder auf sehr verschiedene Weise, Standards der Wissenschaft setzten, Jürgen Kocka nicht zu vergessen, entwickelte Ute Frevert, Buch für Buch, ihre Themen der Geschlechtergeschichte. Trat dann nacheinander Lehrstühle in Berlin, Konstanz, Bielefeld an, schließlich 2003 in Yale, und bekam ein Kind nach dem nächsten, mit immer demselben Mann, einem Soziologen, mit dem sie einen schönen Aufsatz über die Treue verfasst hat. Zwischendurch Jerusalem, Stanford, Wien und Paris.
Während Ute Frevert jetzt zügigen Schritts, an den Schatten der schweren Magnolienblüten vorbei, einen Weg ins lichte Gelände des Botanischen Gartens einschlägt, sagt sie entschieden: Gegen alles Gefühlige habe sie regelrecht einen Affekt; und auch die Verwechslung von Gefühlsforschung mit dem Markt der Gefühle schätze sie nicht, der am Zerfall tradierter sozialer Zugehörigkeiten und am Originalitätswettbewerb der Individuen so gut verdiene. »Natürlich haben Gefühle gegenwärtig einen hohen Aufmerksamkeitswert«, sagt Frevert, denn man wisse ja inzwischen aus der Lernforschung wie aus der Sozialpsychologie, dass die gefühlte Wirklichkeit das Handeln stark beeinflusse. Also sei das Interesse groß, Gefühle dingfest zu machen, und sie selbst könne da von anderen Wissenschaften viel lernen. »Aber kulturwissenschaftlich über Gefühle zu forschen bedeutet vor allem: Verunsicherung.«
Und sie erzählt, wie schnell sie die auch am eigenen Leibe erfuhr: »Hätten Sie mich im Januar gefragt, ob man die Gefühlsgeschichte unabhängig von der Geschichte des Körpers erforschen kann, hätte ich noch gesagt: Klar! Jetzt allerdings würde ich eher annehmen: Es geht nicht.« Wenn es stimmt, dass Gefühle heute mehrheitlich für rationaler gehalten werden als in den achtziger Jahren, dann ist für Frevert der entscheidende Unterschied zur Vernunft, dass ein Gefühl körperlich spürbar ist. Allerdings historisch variabel. Der Innerlichkeit kultivierende Schmerz, der sich in Bachs Choral Oh Haupt voll Blut und Wunden ästhetisch verfeinert, ist ein anderer als derjenige, der sich in gekränkter Vaterlandsliebe zeigt. Während experimentelle Psychologen irritiert sagen, nicht Gefühle seien historisch verschieden, sondern nur deren Ausdruck, will Frevert dem auf den Grund gehen, so weit die Instrumente der Historikerin eben reichen.
Und die Gefühle als unvermeidliche Frauensache? Sie selbst hat, ohne jeden Furor, mit ihrer brillanten Habilitation über das männliche Ehrgefühl die einfachen Zuordnungen durcheinandergebracht; und sie hat gezeigt: Auch in der Historiografie sind Gefühle, wie fast alles, meist Männersache gewesen. In Frankreich war es der Historiker Lucien Febvre, der die Macht der Gefühle vor 60 Jahren schon auf die Agenda der Geschichtswissenschaft setzte (und ein anderer Mann, Alain Corbin, nahm dort mit seiner Forschung die Fährte auch auf), in Amerika hat Peter Gay mit seiner psychohistorischen Erkundung des Bürgertums auf seine pionierhafte Art Gefühlsforschung betrieben, jetzt erschließt dort William Reddy von der Duke University das Feld, und in den Neurowissenschaften sind ohnehin längst Männer wie Damasio oder LeDoux Experten fürs Fühlen.
In Deutschland aber hatten es Gefühle nicht leicht, nicht unter den Historikern der Nachkriegszeit, nicht im wissenschaftlichen Kerngeschäft. Vor gut 200 Jahren hat sich zwar Immanuel Kant Gedanken über Freundschaft und Vertrauen gemacht, vor 100 Jahren hat sich der Soziologe Georg Simmel mit den feinen emotionalen Spinnweben unter Menschen befasst, und der emigrierte deutsche Philosoph Günter Anders hat in den Nachkriegsjahren seine Notizen zur Geschichte des Fühlens verfasst. Aber nach 1945 hat lange eine Angst vor Gefühlen geherrscht, die Ute Frevert auch damit erklärt, dass die emotionale Verführbarkeit im Nationalsozialismus von den Historikern als verunsichernd empfunden wurde. Zu psychoanalytischen Thesen über Schuld, Angst und Verdrängung aber hält sie Distanz: »Meine Instrumente als Historikerin reichen nicht aus, um psychoanalytische Annahmen zu belegen.«
Ute Frevert wollte gern nach Berlin. Eine Professur an der Universität, sagt sie, wäre für sie nach den traumhaften Arbeitsbedingungen in Yale nicht mehr infrage gekommen, zu viel Lehre, um den Studenten gerecht werden zu können. Mit Berlin wird sie dennoch etwas anfangen.
- Datum 19.05.2008 - 06:37 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
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"denn man wisse ja inzwischen aus der Lernforschung wie aus der
Sozialpsychologie, dass die gefühlte Wirklichkeit das Handeln stark
beeinflusse"Ich will nicht wissen, wann KaiserWilhelm II irgendeine Schlacht geschlagen hat, irgendeine Tolpatschigkeit begangen hat, sondern interessant ist, wie sehr sein eigener Werdegang mit ein Narzissmus-Schub des Volkes verquickt wurde und wie die Geschichte durch eine solche emotionale Ausstattung geprägt wurde.Es wird nicht ohne die Sozialpsychologie gehen, aber warum sollte sie auch ausgeschlossen werden ?Auf diese Forschung darf man sehr gespannt sein.
Es ist schön, daß hier in der ZEIT eine grande dame der Geschlechterforschung ausführlich geehrt wird. Besonders gelungen finde ich, daß Elisabeth von Thaddens Artikel Wissenschafts- und Persönlichkeitsprofil miteinander zu verbinden sucht und somit auch anekdotische Einblicke in das Wesen von Ute Frevert gewährt. Ich hatte die Ehre, Ute Frevert 2007 in Oxford kennenzulernen und war von ihrer down-to-earth-Haltung während des Symposiums sehr beeindruckt. Sie ist ein echtes Vorbild als Frau und als Wissenschaftlerin, gerade auch für den wissenschaftlichen Nachwuchs.
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