Vorn, am Kopf des Tisches, sitzt eine Dame, die lange in Amerika war und jetzt merkt, dass sie wieder in Deutschland ist. »Sie sind weit weg«, sagt sie mit einer Geste des Bedauerns in Richtung des studentischen Publikums, das sich in die hintersten Stuhlreihen drängt. Um den Tisch herum sitzen fast nur Professorenkollegen.

An der Freien Universität Berlin tagt ein geschichtswissenschaftliches Kolloquium. Zu Gast ist die Historikerin Ute Frevert, die berichten will, wie sie künftig die Geschichte der Gefühle erforschen wird. Draußen in Dahlem hält endlich der Frühling Einzug, aber hier drin scheint die Zeit stillzustehen – Bildungshierarchie braucht Abstand. Als der Sozialhistoriker Jürgen Kocka dem Publikum die heutige Gastrednerin vorstellt und andeutet, sie habe zu ihrem neuen Forschungsfeld noch wenig veröffentlicht, da lacht die und sagt: »Du warst mein Doktorvater, nicht dass du das hier verheimlichst«, und schon fühlt sich der Abstand etwas geringer an. Die Frau war auch mal Studentin.

Das Gefühl der Ferne zu denen da vorn, zu denen da oben kennt jeder, der das deutsche Bildungssystem einmal durchquert hat. Und wer die persönliche Verbindung zu den Lehrenden nicht kennenlernt, hat es später schwer, jene allseits gebildete Persönlichkeit zu werden, die sich die späteren amerikanischen Spitzenuniversitäten anfangs bei Humboldt und Schiller abgeguckt haben, die well rounded personality , wie Ute Frevert es unlängst bei einem öffentlichen Gespräch über Bildung in Hamburg ausgedrückt hat, und dabei hat sie bedauert: Der Enthusiasmus, etwas zu entdecken, gehe in Deutschland verloren, wie die Lust, das Beste aus sich zu machen, anstatt partout der Beste zu sein. In der Diskussion um Exzellenz fehle die Lehre, der ganze Mensch komme zu kurz. Und bereits an den Schulen gehe das los: »Die Zeit, die Kinder in der Schule verbringen, wird nicht sinnvoll genutzt.« Als Mutter dreier Kinder, die in verschiedenen Ländern zur Schule gingen, hat die 53-Jährige allerhand Erfahrung in vergleichender Bildungsforschung gesammelt, die lässt sie einfließen. BILD Forscherin Ute Frevert

An das klassische Bildungsideal des ganzen Menschen, meint Frevert, lässt sich anknüpfen. Wie aber hängen Gefühl und Bildung zusammen? Wie veränderlich sind Gefühle sozial und historisch? Künftig wird Freverts Arbeit darin bestehen, diesen Zusammenhang aufzuklären und denen plausibel zu machen, die ihn bezweifeln. Vor gut 100 Tagen ist sie, Expertin für Sozial- und Geschlechtergeschichte des deutschen 19. und 20. Jahrhunderts, aus dem amerikanischen Wissenschaftsparadies der Yale University nach Berlin gekommen, um hier, im Vergleich mit Indien, die Geschichte der Gefühle zu erforschen. Als eine von vier Direktoren jenes Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, dem man die ernüchternden Pisa-Studien verdankt.

Erstmals kümmern sich Historiker um Ehrgefühl und Trauer

Eine Historikerin ohne einschlägige Expertise in Bildungsfragen leitend an diesem Institut, das bisher von Soziologen, Pädagogen und experimentellen Psychologen geprägt war: Das ist neu und hat für Irritationen gesorgt. Wer mit Schillers ästhetischer Erziehung oder Humboldts Idee der Menschenbildung vertraut ist, wundert sich kaum, wenn nun die Gefühlsgeschichte zu einem Fokus des Instituts wird; auch die psychologische Rationalitäts- und Intuitionsforschung an diesem Berliner MPI ist mit Gefühlen befasst. Aber wer nur in der empirischen Schulforschung das Markenzeichen des Instituts sieht, kann sich um dessen Profil sorgen. Das schillert allerdings seit Jahren. Frevert selbst sagt, sie sei eine »riskante Berufung«.

Ziemlich neu ist es auch für deutsche Historiker an den Universitäten, dass eine Kollegin die Gefühle für historisch erforschbar hält – die Angst, das Vertrauen, die Lust, den Neid, das Ehrgefühl, die Trauer –, in denen viele vor allem ein Modespielzeug der Hirnforschung sehen. Methodische Zweifel liegen auch Frevert nahe: Denn von vergangenen Gefühlen ist ja nichts übrig, außer schriftlichen und künstlerischen Ausdrucksweisen, keine Hardware! Nur motiviert diese offene Situation sie, das strahlt sie aus. Hier steht alles auf Anfang, hier kann sie, anders als in Amerika, selbst eine Forschungsgruppe zusammenstellen. Es kann losgehen.