Politisches Buch Die Mühen der Ebene
Tom Segevs Klassiker der Gründungsgeschichte Israels erscheint nun endlich auch auf Deutsch
Die hebräische Originalausgabe von Tom Segevs Buch über die Anfänge des jüdischen Staates, die anlässlich des 60jährigen Jubiläums der Gründung des Staates Israel ins Deutsche übersetzt wurde, erschien 1984. Das Buch erregte in Israel und dann, als zwei Jahre später eine englische Übersetzung herauskam, in der englischsprachigen Welt beträchtliches Aufsehen: Segev gehörte zu einer Gruppe jüngerer israelischer Historiker und Journalisten, die einen neuen und kritischen Blick auf die Geschichte des Staates Israel und dessen Gründung warfen. Benny Morris, Simah Flapan, Avi Shlaim und andere erschütterten in wenigen Jahren die Gründungsmythen des Staates. Grundlage der Arbeiten der »neuen Historiker« war neu zugängliches (Archiv-)Material. Zu Beginn der achtziger Jahre wurden umfassende Dokumentenbestände der Regierung freigegeben. Immer mehr, auch private, Aufzeichnungen und Nachlässe der Gründergeneration des Staates standen zur Verfügung. Ein neuer Blick auf die Staatsgründung und die ersten Jahre des Staates war möglich – in Teilen musste die Geschichte des Staates Israel neu geschrieben werden.
Warum Segevs Thesen die israelische Öffentlichkeit schockierten
Segev erscheint also auf Deutsch mit einer gewissen Verspätung. Doch die Lektüre lohnt. Seine kontroverse Darstellung der Flucht und Vertreibung der Palästinenser, der Umverteilung und Enteignung ihres Besitzes, der Verhängung des Kriegsrechts über die verbleibende palästinensische Bevölkerung und die Neubewertung der israelisch-arabischen Waffenstillstandsverhandlungen schockierte Anfang der achtziger Jahre die israelische Öffentlichkeit. Diese Auffassung ist mittlerweile Gemeingut der meisten Historiker, insofern kann hier die erneute Lektüre von Segevs Buch für die Wissenschaft keine weiteren Erkenntnisse vermitteln. Allerdings erstaunen den Leser auch nach langer Zeit immer noch die Fähigkeit zur rigorosen Selbstkritik und der Mut, Kontroverses darzustellen. Auch das ist vielleicht an dieser Stelle erwähnenswert: Segev ist ein herausragender Erzähler und Stilist. Er selbst schrieb für Haaretz und Koterit Rashit. Anders als Benny Morris, der aus der Distanz des Historikers schreibt, oder Simah Flapans, der politische, manchmal tagespolitische Absichten verfolgt, brilliert Segev durch seinen lebendigen, fesselnden Stil, der ein lebhaftes Bild eines faszinierenden Zeitabschnittes der israelischen Geschichte vor den Augen des Lesers entstehen lässt. Das allein macht ein Wiederlesen lohnenswert. Dass dies nun auch auf Deutsch möglich ist, ist verdienstvoll und wohl auch dem Erfolg der anderen Bücher Segevs geschuldet.
Insgesamt zerfällt das Buch in vier große Themenkomplexe: Zunächst konzentriert sich Segev auf den Konflikt zwischen der palästinensischen Bevölkerung und den Israelis und die Verhandlungen zwischen Israel und den arabischen Staaten nach dem Waffenstillstand von 1949. Es ist dieser Teil des Buches (insgesamt 3 Kapitel), der in den achtziger Jahren besonders diskutiert wurde. Segev leitet aus seiner Interpretation der damals erstmals verfügbaren Dokumente und Quellen ab, dass die israelische Regierung die Vertreibung der Palästinenser aus zentralen Gebieten des beanspruchten Staatsgebietes nicht nur billigend in Kauf nahm, sondern bewusst anordnete und förderte.
Gleichzeitig macht er klar, dass in der Behandlung der verbliebenen arabischen Bevölkerung – in der die Regierung eine »fünfte Kolonne« vermutete, dieser daher misstraute und sie dem Kriegsrecht unterwarf – eine bis weit in die Gegenwart hineinreichende Erbsünde der Staatsgründung liegt. In diesen Zusammenhang fällt auch die Enteignung des Grund- und Hausbesitzes der Geflohenen oder Vertriebenen und die Wiederbesiedlung ihrer Dörfer mit jüdischen Immigranten. Diese Politik, so Segev, war von Ben Gurion letztlich als nicht mehr reversibel gedacht. In den Verhandlungen mit den arabischen Staaten im Rahmen und Gefolge der Waffenstillstandsvereinbarungen strebte der Premier daher nur eine Zementierung des 1949 erreichten militärischen und politischen Status quo an. Eine Revision der faktischen Ergebnisse des Unabhängigkeitskrieges kam für ihn nicht infrage. Kritiker Ben Gurions fürchteten – und deren Meinung schließt sich Segev in vielen Punkten an –, dass damit eine Konfliktlage geschaffen wurde, die sich bis weit in die Zukunft auswirken würde. Der Staatsgründer hoffte auf die normative Kraft des Faktischen.
Diese Deutung der israelischen Staatsgründung war seither oft zu lesen und ist im Kern auch nicht mehr umstritten – wenn auch die Bewertung der Vorgänge in politischer Hinsicht schwankt. Die anderen Teile des Buches – und dies macht dessen erstaunliche Aktualität aus – sind aber gerade für einen heutigen Leser von Interesse. Segevs Darstellung und Neubewertung der Genese des israelisch-palästinensischen Konfliktes ist auch für sich genommen bemerkenswert, aber das Buch geht doch über diese Thematik deutlich hinaus. Die Anfänge des jüdischen Staates kristallisierten sich nämlich nicht nur um Konflikte zwischen Juden und Arabern, sondern auch zwischen Veteranen und Neuankömmlingen, zwischen Orthodoxen und Säkularen und nicht zuletzt zwischen Vision und Realität. Unter diesen Überschriften fasst Segev die Dichotomien und Schwierigkeiten bei der Staats- und Gesellschaftsgründung zusammen. Die vier großen Teile ergeben zusammengenommen ein faszinierendes Bild – sie schildern die »Mühen der Ebene« nach dem Erfolg der Staatsgründung und dem Sieg im Unabhängigkeitskrieg.
Im zweiten Teil des Buches zeigt Segev, wie schwierig die Integration verschiedener, kulturell höchst divergenter Volksgruppen im jungen israelischen Staat war. Fesselnd – und durchaus emotional engagiert – beschreibt er die Diskriminierung der nordafrikanischen und jemenitischen Einwanderer und die Entstehung einer ungleichen und fragmentarisierten Gesellschaft.
Auch der dritte Teil widmet sich einer grundlegenden gesellschaftlich-kulturellen Dichotomie: dem seit der Staatsgründung bestehenden Konflikt zwischen säkularen und religiösen Israelis und dem (seither wachsenden) Einfluss religiöser Vorstellungen und Bestimmungen auf den israelischen Alltag. Schließlich diskutiert Segev abschließend die strenge Austeritätspolitik der Regierung (»immer nur Kabeljau«) und die Versuche, trotz aller Schwierigkeiten eine israelische Nation und Gesellschaft zu formen.
In gewisser Hinsicht sind alle Israelis immer noch die ersten Israelis
Es sind diese Kapitel, die den Leser im Jubiläumsjahr besonders interessieren und faszinieren werden. 1948 entstand der israelische Staat in und mit all diesen Widersprüchen; die Regierung erkämpfte sich ihre Souveränität nach außen und in einem schmerzhaften Prozess nach innen. Die im internationalen Kontext gefährdete Lage des Staates hat in den folgenden Jahrzehnten die bereits im ersten Jahr des Staates sichtbar gewordenen inneren Differenzen oft übertüncht, sie sind aber dennoch geblieben und haben unterschiedliche politische Wirkungen entfaltet. Längst haben die nordafrikanischen oder aus dem Mittleren Osten stammenden Einwanderer ihren Anteil an Politik und Gesellschaft erzwungen – ohne aber alle Formen gesellschaftlicher Diskriminierungen beseitigen zu können.
Auch der säkular-religiöse Konflikt ist eine Konstante israelischer politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen geblieben. Und ebenso konnten die sozialen Unterschiede selbst in der seit Langem prosperierenden Wirtschaft nicht beseitigt werden. Die israelische Gesellschaft bleibt also fragmentiert, aber sie ist doch in ihrer Vorstellung der Aufrechterhaltung und Verteidigung eines demokratischen jüdischen Staates geeint. Der Blick zurück lohnt also.
Zu Recht schreibt Tom Segev im Vorwort zu deutschen Ausgabe seines mittlerweile klassischen Buches über die Anfänge des jüdischen Staates: »Kurz vor dem 60. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung zeichnet sich in der israelischen Gesellschaft eine Koalition von Minderheiten und ›Anderen‹ ab, ein multikulturelles Kaleidoskop von Identitäten, die sich immer noch schwer damit tun, den gemeinsamen israelischen Nenner zu definieren. In dieser Hinsicht sind alle Israelis immer noch die ersten Israelis. Sie nehmen teil an einem einzigartigen historischen Experiment, das noch nicht gelungen und auch noch nicht gescheitert ist. Das macht ihre Geschichte so spannend.«
Dietmar Herz, Professor für Vergleichende Regierungslehre an der Universität Erfurt, ist Autor des Buches »Palästina: Gaza und Westbank« (C. H. Beck, München 2001)
- Datum 16.05.2008 - 12:27 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
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