Siebeck Wein am Berg

Nach einem Gelage mit Winzern hat unser Kolumnist Kopfschmerzen. Erst in der schönen Südsteiermark wird er sie wieder los

Wenn ich morgens mit Kopfschmerzen aufwache, kann das zwei Gründe haben: entweder ein extremes Klima oder die Gesellschaft von lustigen Winzern am Abend zuvor. Neulich, im Ötztal, waren beide Ursachen zusammengetroffen.

Statt mich zu bemitleiden, packten mich die lustigen Winzer mitsamt den Kopfschmerzen in ein Auto und transportierten mich in eine Höhe, welche einem sensiblen Menschen auch nicht zugemutet werden dürfte, wenn sein Kopf klar ist. Ortskundige sprachen von 3400 Metern. Als ich beim Verlassen des Autos von einem Yeti auf Skiern umgefahren wurde, verschwand meine Migräne schlagartig. Ich sammelte meine Loafer ein, die mir beim Zusammenprall von den nackten Füßen gefallen waren, und ließ mich zurück ins Central-Hotel nach Sölden fahren. Dort haben sie die größte Weinkarte aller Skihotels und eine vorzügliche Küche, was für die Winzer ein guter Grund gewesen war, sich in diesem gastlichen Haus unter dem Motto "Wein am Berg" zu versammeln.

Vierundzwanzig Stunden später erwachte ich, diesmal mit klarem Kopf, in der Südsteiermark. Die liegt an der Grenze nach Slowenien und ist das schönste Stück Land, in dem ich mich jemals aufgehalten habe. Das meine ich ganz ernsthaft, und man wird daran erkennen, dass meine Vorstellung von Schönheit nicht frei von Kitsch ist. Denn dieses Land besteht aus abertausend niedlichen Hügeln, deren Sonnenseiten mit Reben bepflanzt sind. Den Rest schmücken Obstbäume, bunte Waldstücke, gemütliche Buschenschanken, kleine Hotels und Weingüter, die untereinander durch irrsinnig schmale und steile Kurven verbunden sind. Und ringsherum die schönsten Naturkulissen, noch mehr Hügel in der Nähe, in der Ferne Bergketten.

Nichts Hässliches stört den Rundblick. Barock, bukolisch, märchenhaft. Wo bei uns ein auffälliges Verkehrsschild stünde, steht hier ein Klapotetz und dient dazu, die gierigen Stare von den Trauben fernzuhalten. Bei mir haben die skurrilen Klappergestelle nicht funktioniert: Wann immer ich wollte, stand ein gefülltes Glas in Reichweite.

Die wichtigsten Rebsorten hier sind der Sauvignon blanc, ein blumiger Weißwein, und der Chardonnay, welcher hier Morillon genannt wird. Die bekanntesten Weinbauern heißen Polz und Tement.

Dem Polzschen Imperium verdanke ich zwei unvergessliche Tage in dieser Idylle. Das kleine Hotel Hochgrassnitzberg mit seinen hochmodernen Zimmern ist ein idealer Platz, um sich von dieser Landschaft verzaubern zu lassen. Der Rundblick vom Rand des steilen, mit Reben bepflanzten Grassnitzberges umfasst alles, wonach sich der Schönheit suchende Wanderer sehnt.

Die Einheimischen sehen der unvermeidlichen Entwicklung ihrer Region mit Bangen und Hoffen entgegen. Die Schönheit der Natur wird den Tourismus ankurbeln, das ist sicher. Doch einen billigen Massentourismus würde sie nicht überstehen. Kluge Gastronomen setzen deshalb bewusst auf gehobene Qualität, wie der Kreuzwirt am Pössnitzberg in Leutschach, wo Gerhard Fuchs in der Küche Felsenaustern mit gebackenem Spanferkel kombiniert. Auch der Sattlerhof in Gamlitz, ein ebenfalls bekannter Weinproduzent, setzt auf anspruchsvolle Gäste. Das merkt man sogar vielen Buschenschanken an, die entweder, wie die von Polz, eine geradezu raffinierte Küche mit steirischen Spezialitäten nach dem Tapas-Prinzip bieten oder erst gar keine Parkplätze für Busse haben, wie Hack in Gamlitz, in dessen gemütlichen Stuben man Wurzeln schlagen möchte.

Damit ist das Problem beschrieben, das ich mit der Südsteiermark habe: Hier möchte ich bleiben, vielleicht nicht für immer, aber doch für eine längere Zeit. Der hoffnungsvolle Entschluss, wiederzukommen, hat sich aber zu oft als Wunschtraum des rastlosen Berufsessers erwiesen.

Weingut Polz Grassnitzberg 54a, A-8471 Spielfeld, Tel. 0043-3453/23010
Hotel Hochgrassnitzberg Grassnitzberg 67, A-8471 Spielfeld, Tel. 0043-3453/20102
Kreuzwirt am Pössnitzberg Pössnitz 168a, A-8463 Leutschach, Tel. 0043-3454/205600
Buschenschank Hack-Gebell Eckberg 100, A-8462 Gamlitz, Tel. 0043-3454/303

 
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    • Serie -
    • Quelle ZEITmagazin LEBEN, 15.05.2008 Nr. 21
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