DIE ZEIT: Mr. Stephens, Sie stammen aus einer kleinen Stadt im Norden Englands. Jetzt wohnen Sie in London. Haben Sie Heimweh nach Stockport, dem Schauplatz Ihrer Jugend?

Simon Stephens: Nein. Eine Kleinstadt hat nur dieses eine Gute an sich: You hate it and you know you gonna leave. Man weiß, man wird abhauen. Ich habe mich inzwischen mit Stockport versöhnt. Aber mich wird so bald nichts aus London fortbringen.

ZEIT: Was fasziniert Sie?

Stephens: Ich liebe Londons Schmutz, sein Chaos, seine Widersprüche. Wenn wir aus diesem Fenster auf die Dean Street schauen, sehen wir einige der besten Restaurants, du bist im Herzen der britischen Filmindustrie, in Soho, aber du bist auch im Herzen des Sexbusiness. London ist wie ein komplizierter Roman: Je aufmerksamer du ihn liest, desto mehr begreifst du die Tiefe der Konstruktion.

ZEIT: Manchmal denke ich, wenn ich Ihre Stücke lese: Der das schreibt, sitzt an einem Radarschirm in einem Tower und überwacht keine Flüge, sondern menschliche Regungen. Er ist eher ein Operator als ein Dramatiker.

Stephens: Vielleicht beruhen alle meine Stücke auf diesem Blick hinab auf die Straße. Es ist die Dramatik einer Stadt, in der jeder weiß, dass er von zehn Millionen anderen umgeben ist und dass die Chance minimal ist, je mit einem von ihnen ins Gespräch zu kommen.

ZEIT: Erinnern Sie sich an die Fotos aus New York vom Morgen des 11. September 2001? Fotos, die in Brooklyn oder Queens entstanden sind und zeigen, wie ein paar junge Menschen auf einem Hausdach frühstücken, während hinter ihnen die Türme brennen? Manche Ihrer Figuren könnten aus diesen Fotos stammen.

Stephens: Die Bilder kenne ich gar nicht. Aber es klingt unheimlich, was Sie sagen. Es lädt dazu ein, sich zu empören über die Menschen, die da zu sehen sind.

ZEIT: Ich will nicht urteilen. Vielleicht hätten wir selbst da gesessen und Kaffee getrunken.

Stephens: Absolut möglich. Wir leben unser schönes Leben in einer apokalyptischen Zeit. Denken Sie an den 7. Juli 2005 in London, die Terroranschläge. Meine Frau war im Fitnesscenter, meine Kinder waren in der Schule, wir machten einfach weiter.

ZEIT: Hat dieser Tag die englische Gesellschaft entscheidend verändert?

Stephens: Oh ja. Es herrscht ein Klima des Verdachts, des Zweifels, der Dämonisierung, und dieses Klima verseucht die ganze Kultur. Dem Terror wurde der Krieg erklärt. Wir führen Krieg gegen eine Geisterarmee. Aber gegen Geister kann man keinen Krieg gewinnen.

ZEIT: Wo holen Sie eigentlich die Figuren für Ihre Stücke her? Ist das auch eine Art Geisterreich? Eine Figur würde mich besonders interessieren, Mickey, ein Mann aus Ihrem neuen Stück Harper Regan: ein Vollzyniker, der Ihrer Heldin Harper mitteilt, wie sehr ihm alle Juden auf die Nerven gingen und dass er das Wort Auschwitz nicht mehr hören könne.

Stephens : Jede Figur, die ich je »erfunden« habe, ist ein Teil von mir. Im Sommer 2006 attackierte Israel den Libanon mit einer nicht zu rechtfertigenden Wucht. Viel von meiner Wut über diese Expansionsideologie und die dahinterstehende Heuchelei ist in Mickey geflossen. In Deutschland, das fällt mir gerade ein, wird diese Figur eine ganz andere Brisanz haben.

ZEIT: Kein deutscher Autor würde so eine Figur schreiben.

Stephens : Einige Zuschauer verließen die Uraufführung in London, als Mickey mit seiner Tirade anfing. So haben sie verpasst, dass Harper, die Hauptfigur, am Ende der Szene ein Weinglas in Mickeys Nacken zerschmettert. Es ist einer der größten Lacher im Stück, wenn Harper später über diese Gewaltaktion sagt: Es hat sich toll angefühlt! Mickey ist nicht mein Sprachrohr. Ich bin kein Antisemit. Ich bin eher ein Antitheist. Ich stehe der jüdischen Religion nicht weniger fern als der christlichen oder der muslimischen. Ich halte sie alle für ziemlich gefährliche Kräfte.

ZEIT: Sie lassen den Antisemiten Mickey auf die Juden fluchen und schmettern ihm dann ein Weinglas ins Genick. Das klingt wie Tat und Abbitte, Fluch und Entschuldigung.

Stephens : Als Stückeschreiber interessiere ich mich nicht für Statements, um die ich ein Stück herumbaue. Ich will Widersprüche erforschen, denn ich glaube, man findet die menschliche Natur in ihnen. Alle Figuren sind mir in gewisser Weise gleich nahe, ich setze sie mir auf wie Masken. Und je älter ich werde, desto mehr wird mein Denken vom Zweifel unterhöhlt. Jede meiner Meinungen wird von ihrem Gegenteil überholt. Das geht manchmal so weit, dass ich kaum fähig bin, meine Sätze zu beenden.

Zeit: Vermutlich ist das keine schlechte Eigenschaft für einen Dramatiker.

Stephens : Die Stücke, die ich am wenigsten mag, sind jene, aus denen mir entgegenspringt, was ich über den Krieg im Irak zu denken habe – oder über den Holocaust oder die Liebe. Ich will mit aller Wahrhaftigkeit das Chaos beschreiben, in dem wir leben. Ich will verstehen, warum Menschen behaglich auf Dächern in Queens sitzen, während in Manhattan die Türme brennen.

ZEIT: In Ihrem Stück Pornography sagt eine alte Frau in Gedanken zu ihrem toten Ehemann: Es war gut, dass wir keine Kinder bekommen haben. Sie selbst haben drei Kinder. War es gut für Sie, sie zu bekommen?

Stephens : Uneingeschränkt: Ja. Es war gut für meine Seele und meine Gesundheit. Die Kinder machen mich glücklicher, sie bringen mich mehr zum Lachen als irgendjemand sonst, sie sind eine unglaubliche Inspiration. Als Dramatiker schreibst du über menschliches Zusammenleben. Und es gibt keine bessere Art, herauszufinden, was es bedeutet, ein menschliches Wesen zu sein, als eines in die Welt zu setzen…

ZEIT: Ihre Figuren schauen oft mit dem Staunen von Kindern auf die Welt.

Stephens: Kinder sind fasziniert von Dinosauriern. Wenn nun in meinem Stück Harper Regan sich Fragen über das Alter unseres Planeten und die Zukunft unserer Spezies stellt, so verdankt sich dieses Staunen den Nachmittagen, die ich mit meinen Kindern im Museum verbracht habe. Der Brontosaurus hat ein Gehirn von der Größe meiner Faust, aber diese Spezies lebte etwa 100 Millionen Jahre lang. So weit werden wir es nicht bringen.

ZEIT: Wenn Sie Ihre Kinder innerhalb dieser Dimensionen sehen: verwundbare Punkte auf dem Zeitstrahl, die irgendwann, sehr rasch im Licht des großen Ganzen, erlöschen werden. Wie hält man diesen Gedanken aus?

Stephens : Teil meiner Arbeit ist es, mir auszumalen, wie die Welt sein wird, wenn meine kleine 15 Monate alte Tochter so alt ist, wie ich es jetzt bin, also in 36 Jahren. Es ist sehr schwer, sich über diese Zukunft optimistische Gedanken zu machen. Sie erbt das Chaos und den Wahnsinn von uns – das wird sie verfolgen. Den Todesgedanken auf meine Kinder anzuwenden ist schwer. Es gibt eine Stelle in meinem neuen Stück, da sagt die Mutter, Harper, zu ihrer Tochter Sarah: Der Schmerz ist besser, als nie gelebt zu haben. Vor der Aufführung haben wir diese Zeile gestrichen, und ich bin froh darüber. Aber ich glaube an diese gestrichene Zeile. Man hört sie, ohne dass sie gesprochen wird.

ZEIT: In Ihrem Stück Pornography klingelt eine alte Frau bei Leuten, in deren Garten eine Grillparty stattfindet. Sie bittet um ein Stück Huhn – und sie bekommt es. Aber der Hausbesitzer verbietet ihr, sein Haus zu betreten. Ist das Ihre Aufforderung an uns alle, gütig zu sein? Oder ein Abgesang auf das menschliche Mitgefühl?

Stephens: Es ist die Frage, wie man die Geste des Mannes deutet: als Großzügigkeit oder als Gemeinheit. Wie auch immer, ich glaube, darauf läuft alles hinaus: Wir müssen einander ab und zu mit gebratenem Huhn versorgen.

ZEIT: Ihre Stücke wecken aber den Verdacht, es sei nicht genug Brathuhn und nicht genug Mitgefühl in der Welt. Alle bleiben hungrig – körperlich und seelisch.

Stephens: Stimmt das? Ich bin nicht sicher. Die meisten meiner Figuren haben und erfahren Mitleid. Oft sind sie allerdings unfähig, sich zu artikulieren. Vielleicht haben solche Figuren die stärkste Wirkung – sie können nicht sagen, was ihnen fehlt, aber die Zuschauer können es. Ich mag es nicht, wenn Schauspieler auf der Bühne weinen. Die Einzigen, die im Theater weinen sollten, sind die Zuschauer. Manchmal muss man die Gefühle auf der Bühne verknappen, damit sie im Publikum entstehen.

ZEIT: Was Reduktion angeht, ist Beckett der Maßstab.

Stephens : Beckett gehört zu den Unerreichbaren. Liest man seine Stücke, möchte man aufgeben – ich werde nie etwas schreiben, das die Kraft vom Endspiel oder von Warten auf Godot hätte. In einem Song von Leonard Cohen heißt es: I said to Hank Williams: how lonely does it get? / Hank Williams hasn’t answered yet / But I hear him coughing all night long / A hundred floors above me / In the Tower of Song. So fühle ich mich auch. Ich sitze am Fuß des Turms der Dramatik und rufe hinauf: Wie einsam ist es dort oben? Und Beckett und Tschechow rufen runter: Du hast keine Ahnung. Der Schluss von Godot ist einer der Schlüsselmomente moderner Dramatik, wenn ich das sagen darf, ohne als prätentiöser Wichser zu gelten. Wladimir sagt zu Estragon: Gehen wir? Estragon sagt Ja. Und sie bewegen sich keinen Millimeter. Diesen Moment habe ich gestohlen und in ungefähr fünf Stücken verwendet. Er sagt alles über uns: Wir wissen, dass wir falsch leben. Der Kapitalismus wird uns ruinieren, aber wir tun nichts, um die Dinge zum Besseren zu wenden.

ZEIT: Sie haben Tschechow erwähnt. Seine Figuren denken immer an die Folgen, die ihr Verhalten für künftige Generationen haben wird: Unser Leben ist trübe, aber in 200 Jahren werden die Menschen im Licht gehen. Diese Art der Zukunftserwartung ist komplett dahin. Wir wagen es nicht einmal mehr, uns die kommende Woche vorzustellen.

Stephens : Das ist wohl wahr. Mein neunjähriger Sohn hat mich kürzlich gefragt, wie ich die Zukunft der Menschheit einschätze. Werden wir fliegen können? Er ist sich ganz sicher, dass wir neue Planeten erobern und rechtzeitig verschwinden werden, ehe die Erde im Zerfall versinkt.

ZEIT: Kinder sind von dieser Fluchtfantasie fasziniert. Es ist vielleicht ihre größte Hoffnung.

Stephens : Ja. Und es fällt mir schwer, meinem Sohn zu sagen: Weißt du, in 500 Jahren sind wir vermutlich ausgestorben. Ich habe es ihm auch nicht gesagt. Früher waren wir darauf gefasst, dass Gott uns auslöschen würde. Jetzt sind wir darauf gefasst, uns selbst auszulöschen. Vielleicht zeigt das nur, wir egozentrisch wir geworden sind.

ZEIT: Haben Sie Ihren Sohn mal in eins Ihrer Stücke mitgenommen?

Stephens : Noch nicht. Ich werde es wohl tun, wenn er 12 oder 13 ist. Er mag es schon nicht, wenn ich Rockmusik höre – all die Kraftausdrücke, die implizite Gewalt. Ich höre beim Frühstück den Wu-Tang Clan, und er sagt mir: »Papa, lass das doch!« Deshalb nehme ich ihn noch nicht mit in meine Stücke.

ZEIT: Kinder bekommen die Pornografie genau mit, die unsere Kultur bestimmt. Was wird das in ihnen auslösen, dass sie die pornografische Seherfahrung machen, lange bevor sie eine Liebeserfahrung machen? Dass sie die Mechanik kennen, bevor sie die Erotik kennen?

Stephens : Ich habe selbst Pornografie gesehen, ehe ich Sex hatte. Ich erinnere mich an die Mischung aus Erregung und Horror, die mich beim Betrachten der Fotos ergriff. Alle meine Peers sahen Pornofotos, es kam unserer sexuellen Neugierde entgegen. Heute werden Kinder mit Pornografie konfrontiert, ehe sie sexuelle Neugierde empfinden. Das kann ihnen wirklich Schaden zufügen. Aber wieder bin ich mir nicht ganz sicher. Ein Teil von mir denkt, Lenny Bruce, der Komiker, hatte recht, als er sagte: Was ist so schlecht daran? Ist es nicht besser, als unseren Kindern Gewalt zu zeigen?

ZEIT: Sie sind fasziniert von Martin Scorseses Film Taxi Driver . Scorsese zeigt eine Welt der Männer: Die wollen unter sich sein, wenn der Krieg beginnt. In Ihrer Welt dagegen ist das Weibliche bedeutend, und oft haben Frauen das letzte Wort.

Stephens : Das stimmt. Neulich wurde ich gefragt: Warum schreibt ein Mann ein Stück mit einer weiblichen Hauptfigur? Die Frage habe ich nicht verstanden. Genauso gut könnte man fragen: Wie kannst du über einen Klempner schreiben? Ein Freund hat mir gesagt: Du erfindest genau die Frauen, denen du im Leben gern begegnen würdest. Und ich glaube, er hat recht.

ZEIT: Ein Fall von Wunscherfüllung?

Stephens: Genau. Ich finde Frauen toll. Ich bin gern mit ihnen zusammen, lieber als mit den meisten Männern. Aber selbst mit meinen Männerfiguren wäre ich gern zusammen. Sogar mit Danny, dem Mörder aus Motortown , würde ich ein Bier trinken – in einem friedlichen Moment. Ich würde versuchen, ihn zu retten.

ZEIT: In Ihrem Stück Am Strand der weiten Welt gibt es eine große Szene, in der ein Vater das Bier, die Brauerei, die Wirtshausstühle verflucht, die ihn dazu verführten, ins Pub zu gehen, statt seinen Sohn zu begleiten. Sein Sohn aber wurde am fraglichen Abend von einem Auto überfahren. Der Vater sucht den Punkt, da das Unglück begann, als könne er es rückgängig machen.

Stephens: Er sucht jemanden, dem er die Schuld am Tod seines Sohnes geben kann. Er verkraftet nicht, dass alles nur Zufall war.

ZEIT: Sie schätzen die Kunst des Dramatikers Ödön von Horváth. Wissen Sie, wie er starb?

Stephens: Wurde er nicht von einem Baum erschlagen?

ZEIT: Ja, in Paris, während eines Gewitters. Er war knapp 37 Jahre alt.

Stephens:Fuck! Das ist genau mein Alter.

ZEIT: Manche Ihrer Stücke wirken wie Untersuchungen über den Zufall, Versuche, herauszufinden, ob es ein Schicksalsmuster gibt, um nicht zu sagen: einen Gott.

Stephens: Wenn es solche Untersuchungen sind, kommen sie wohl zu dem Schluss, dass Gott nicht existiert.

ZEIT: Aber Sie sind sich nicht sicher?

Stephens: Ich bin ziemlich sicher. Allerdings nicht so sicher wie mein Sohn. Der ist sich völlig sicher, dass es Gott nicht gibt.

ZEIT: Was sind seine Indizien?

Stephens : Er geht mit wissenschaftlichem Blick an die Dinge heran. Aber das Leben überrascht uns immer wieder. Ich bin zuversichtlich, dass mein Sohn zum Christentum konvertieren wird. Und zwar in dem Alter, in dem ich Atheist geworden bin – mit 14. Gewiss wird er Vikar werden.

Das Gespräch führte Peter Kümmel