Raumfahrt Raketen im Bauch
Stimmung wie auf einem Rockkonzert, nur ein bisschen lauter: Hunderttausende strömen nach Florida, um einen der letzten Starts des Space Shuttles mitzuerleben.
Sicher, die tausend Meilen auf der Harley seien ein Riesenspaß gewesen, rüber von Texas, mit Jeansweste und wehenden Haaren über die Highways, die heiße Luft von Amerikas Süden im Gesicht. Er liebe solche Trips auf seinem Motorrad. Aber deswegen sei er nicht hier. Dave streicht sich durch den Bart, dann klappt er den Arm aus. Ober, noch ein Bier, bitte. Dave sitzt in einer Strandbar von Cocoa Beach, Florida. Es ist Abend, 28 Grad warm.
Daves Reiseziel ist kein Ort. Er will nicht ans Meer, das sich hier spüligrün an die Küste wirft, auch keines dieser Bikertreffen besuchen, bei denen Chrom blitzt und Brüste hopsen. Sein Reiseziel ist ein Zwei-Minuten-Showdown: Dave will einmal einen Raketenstart miterleben. Sehen. Hören. Fühlen. Morgen Abend soll am Cape Canaveral das Space Shuttle starten, Rampe 39-A, das Wetter ist gut, alle Systeme laufen. Der betagte Raumgleiter ist zu einer amerikanischen Ikone geworden. Pioniermythos mit Raketenantrieb.
2010 soll der letzte Raumgleiter eingemottet werden
Einmal explodierte eine der Fähren nach dem Start und verdampfte in weißen Spuren am Himmel. Ein anderes Shuttle brach beim Sinkflug auseinander, die Trümmer gingen wie Mohnstreusel über den Südstaaten nieder. Ein gewisser Nervenkitzel ist immer dabei, wenn sich zwei Millionen Kilo hochexplosiver Treibstoff entzünden. »Ich habe gehört, dass man es bis in die Magenkuhle spürt«, sagt Dave. »So laut ist es.« Zu jedem lift-off kommen bis zu 200000 Besucher in den Osten Floridas und fluten die Hotels, Motels, Campingplätze. 2010 soll der letzte der schwarz-weißen Raumgleiter eingemottet werden. Die verbleibenden Starts wollen nun immer mehr Menschen sehen.
Eine Autostunde östlich von Orlando beginnt jener Küstenabschnitt, der als Space Coast berühmt ist. Auf der riesigen Halbinsel Merritt Island liegt der Weltraumbahnhof Cape Canaveral: In den sechziger Jahren, während des Wettlaufs zum Mond, starteten von hier aus die legendären Missionen, die Millionen Zuschauer in aller Welt fesselten. Manche sagen, Amerika habe hier den Kalten Krieg gewonnen.
Noch immer heben regelmäßig Raketen ab, doch heute ist die Küste von Titusville bis Palm Bay vor allem Ferienregion. Palmen, Surfstrände, warmes Meer. Plus zwölf Monate Hochsommer. In den Lokalen gibt es »Space-Burger«, Pizza »Neil Armstrong« und Longdrinks, die »Moonwalker« heißen. Auf Plakaten prangt das Maskottchen der Region: eine mannsgroße Astronautenfigur. Das Kennedy Space Center, ein bunter Themenpark auf dem Raumfahrtgelände, zieht jedes Jahr 1,5 Millionen Besucher an. Der Knüller aber ist, wenn alle paar Monate das Shuttle startet.
An diesem Mittwoch stehen die Uhren am Kap auf »T minus acht« – noch acht Stunden bis zur Zündung um 18.36 Uhr. Die Radiosender verkünden: »Good morning, Florida! Alles sieht gut aus für die Mission STS 118. Also, Leute, stellt das Bier kalt, egal, von wo aus ihr heute Abend zuschauen werdet.« Gegen Mittag schieben sich die ersten Autokolonnen über die Zugangsstraßen zu den Aussichtspunkten. Das Land ringsherum ist flach, so flach, als hätte Gott ein Brett auf die Erde genagelt. In den Sümpfen leben Alligatoren, in der Ferne sind die Abschussrampen zu sehen, 100 Meter hohe Gerüste aus Stahl und Eisen.
Nirgends kommen zivile Zuschauer dem Spektakel eines Raketenstarts näher als auf dem Gelände des Kennedy Space Center. Dennoch steht das Shuttle immer noch acht Kilometer entfernt, aus Sicherheitsgründen und wegen der Lautstärke. Sechs Sekunden vor lift-off werden über 1,5 Millionen Liter Wasser auf die Startrampe gepumpt, um den entstehenden Lärm zu dämpfen. Einen Lärm, der sonst in 300 Meter Umkreis alles Leben töten und Menschen noch in mehreren Kilometer Entfernung die Trommelfelle zerreißen würde.
Am Nachmittag füllt sich die große Wiese des Themenparks. Die Menschen liegen auf Nasa-Handtüchern, trinken Cola, essen Chips, braten in der Sonne. Und wer immer diese grünen Klappstühle vertreibt, macht ein Bombengeschäft. Zu Hunderten sitzen sie auf den wackligen Nylonsesseln, mit Sonnendach über dem Kopf und Getränkehalter in der Lehne. Die meisten sind Amerikaner, aber auch Japaner, Kanadier und Europäer sind hier. Wenn während des Besuchs in Miami, Orlando oder Disneyland ein Shuttle startet, machen viele den Abstecher ans Kap.
Worin liegt der Reiz? Zwei Minuten, und das Geschoss ist weg. »Schwer zu sagen«, meint Robert Stelzing. Er ist mit seiner Familie aus Atlanta gekommen. »Meine Kinder gaben keine Ruhe, aber ganz ehrlich, ich bin auch gespannt. Ich habe gehört, dass die Fensterscheiben noch in 20 Kilometer Entfernung zittern, wenn das Shuttle hochgeht.«
»Go, baby, go!«, schreien die Menschen. Sie juchzen und klatschen
Ein Hauch von Woodstock macht sich breit, eine Vorfreude, als ob gleich eine weltberühmte Rockband die Bühne beträte. Barfuß stehen die Menschen auf der Wiese, zwei Jungs kippen sich eine Flasche Wasser über den Kopf, so heiß ist es. Die Menge rückt dichter zusammen. Im Hintergrund ragen riesige Raketenmodelle aus alten Tagen empor. Noch eine Stunde.
Die Nasa hat an diesem Tag ehemalige Astronauten eingeladen, die von einem Podest aus Fragen beantworten. Da steht ein Al Worden mit Sonnenbrille, ein schlanker Mann im blauen Overall und mit leicht ergrautem Haar. 1971 war er mit Apollo 15 am Mond. Die Mondmissionen mögen für viele Geschichte sein, aber wenn Worden erzählt, wie sie die Krater des Mondes aus der Nähe erblickten, legt sich Ehrfurcht auf die Gesichter. Neben Worden steht John Blaha, er ist das Shuttle fünfmal geflogen. Wie wird man Shuttle-Pilot, will ein Mädchen wissen? »Och, das ist ganz einfach«, antwortet der Ex-Astronaut. »Man muss nur einer der besten Testpiloten der USA sein, fit sein wie ein Boxer und das Fliegen noch mehr lieben als seine Frau.« Die Amerikaner lieben solche Antworten.
Als Blaha dann ein paar Fakten zum Start nennt, lauschen alle andächtig. Der Treibstoff aus den riesigen Tanks wird mit einer Geschwindigkeit von 3,8 Kilometern pro Sekunde aus den Haupttriebwerken schießen und das Space Shuttle emportreiben. Blaha sagt so was lächelnd. Nach nur einer Minute wird die Raumfähre bereits 1600 km/h schnell sein. Nach zwei Minuten sind die sieben Astronauten 66 Kilometer über der Erde, sechsmal höher als jeder Passagierjet, und jagen mit Mach fünf, über 6000 km/h, durch die Grenze von Strato- und Mesosphäre. Die Erdkrümmung sei dann deutlich zu sehen, sagt Blaha. »Ein Heidenspaß, so ein Ritt.«
Noch zehn Minuten. Das Shuttle ist von hier aus nicht zu sehen. Erst Sekunden nach dem Start wird es hinter den Baumreihen auftauchen. Alle stehen jetzt. Zigtausend Augenpaare sind gen Horizont gerichtet, Pärchen halten sich an den Händen, Kinder sitzen auf den Schultern ihrer Väter. Über Lautsprecher kommt der Countdown, alle zählen mit: zehn, neun, acht, sieben … Die Ersten halten den Atem an, denn gegen das gleich folgende Ereignis sind alle Rockstars dieser Welt leise Chorknaben.
In acht Kilometer Entfernung schießen Flammen über die Erde, gigantische Wasserdampfwolken blähen sich in den Abendhimmel, der Kommentator spricht die Worte: »We have lift-off!« Und dann schwillt ein Donnern an, ein dumpfes Beben, das erst vage, dann immer spürbarer die Luft durchdringt. Dann kommt es. Erst kerzengerade, dann schräg steigt, fliegt, rast das Shuttle nach oben, einen weißen Schweif hinter sich herziehend wie ein umgekehrter Komet. »Go, baby, go!«, schreien die Menschen, sie juchzen, klatschen, und nach 80 Sekunden ist nur noch ein winziger Feuerpunkt zu sehen, der bald an der Grenze zum Weltraum entschwindet. Überall Gemurmel. »Unglaublich! Sagenhaft!« Die Menge starrt noch immer nach oben, ins leere Blau.
An diesem Abend herrschen Staus in alle Himmelsrichtungen. Wer zurück in sein Motel will, braucht drei Stunden für vierzig Kilometer. Die Nacht kommt herbei, schwül und heiß, die Bars füllen sich, die Radiosprecher schicken Grüße an die Astronauten. Heute Abend geht die Happy Hour bis Mitternacht. Am Cocoa Beach stehen sie am Meer und grillen. Eine Spur kühler ist es hier. Vor den Bars, auf den Balkonen, in den Straßen – gelegentlich heben die Menschen ihre Köpfe und blicken kurz hoch. Da oben fliegen sie jetzt mit 28000 Sachen durchs göttliche Schwarz. In 90 Minuten einmal um den blauen Planeten. Zehnmal schneller als eine Pistolenkugel.
INFORMATION
Anreise:
Mit Lufthansa/United Airlines fünfmal die Woche von Frankfurt nach Orlando
Space Shuttle:
Der nächste Start findet voraussichtlich am 31. Mai statt. Alle weiteren Starts:
nasa
Kennedy Space Center:
Karten kosten 38 Dollar für Erwachsene, 28 für Kinder von 3 bis 11 Jahren, jeweils plus Steuern. Der Preis beinhaltet die »Launch Experience«, eine Simulation des Shuttle-Starts, eine Tour durch das Kennedy Space Center sowie Zutritt zum Imax-Kino, zur Astronaut Hall of Fame und zu allen Ausstellungen. Das Besucherzentrum ist täglich geöffnet von 9 bis 19 Uhr
Auskunft:
Kennedy Space Center, Tel. 001-321/4494444,
www.kennedyspacecenter.com
- Datum 20.05.2008 - 13:25 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
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Der Artikel verwirrt beim lesen. "An diesem Mittwoch stehen die Uhren am Kap auf ..." Man hat den Eindruck in ein paar Stunden ist der nächste Shuttle-Start, bis man dann irgendwann merkt, der Autor beschreibt STS-118 von August 2007. Tatsächlich ist der nächste Start STS-124 am 31.Mai 2008. "Hunderttausende strömen nach Florida, um einen der letzten Starts des Space Shuttles mitzuerleben." ist auch übertrieben, denn es sind noch 10 Flüge.
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