Kunst Alles so schön esoterisch

In Paris sucht eine große Ausstellung nach den »Spuren des Heiligen« in der Moderne. Doch wie religiös ist die Gegenwartskunst?

In schlechten Zeiten, so lautet ein Gemeinplatz, werden die Menschen gläubig. Doch das ist höchstens die halbe Wahrheit. Denn die in den letzten Jahren oft proklamierte »Wiederkehr des Religiösen« ist auch ein Wohlstandsphänomen: Wer seine täglichen Lebensgrundlagen gesichert hat und sich saturiert fühlt, giert nach Bewusstseinserweiterung. Da wird nicht zuletzt die Kunst zur metaphysischen Verheißung. Bereits im späten 18. Jahrhundert galt sie als Psychotherapeutikum und gesellschaftliches Allheilmittel, und auch heute vermuten manche in ihr gewaltige Ressourcen des Spirituellen.

So verwundert nicht, dass es in den letzten Jahren wiederholt Ausstellungen moderner und zeitgenössischer Kunst gab, die von einem spezifisch religiösen Interesse motiviert waren. In Dresden fand 2004 die Schau Die Zehn Gebote statt, die anhand von Werken heutiger Künstler die Aktualität und Berechtigung großer religiöser Themen beweisen wollte. Noch weiter greift eine Ausstellung, die derzeit das Pariser Centre Pompidou zeigt und die im Herbst ins Münchner Haus der Kunst weiterwandert. Unter dem Titel Traces du Sacré (»Spuren des Heiligen«) versammelt sie rund 350 Arbeiten, die dokumentieren sollen, wie Künstler der Moderne auf den Verlust von Glaubensgewissheiten reagiert haben. Wie gingen sie um mit Nietzsches Diktum vom Tod Gottes?

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Gerade die Avantgarden verweigerten sich der Entzauberung der Welt durch Aufklärung und Industrialisierung. Sie nutzten das entstandene Vakuum, um eigene metaphysische Weltentwürfe zu lancieren. Viele Heroen der Moderne hielten spiritistische Sitzungen ab, glaubten an okkulte Kräfte oder träumten von einer kosmischen Reinigung der Welt. In den letzten zwei Jahrzehnten wurde dies von der kunsthistorischen Forschung umfangreich dargestellt, zuerst sehr zum Entsetzen vieler Freunde der Moderne. Sie hingen nämlich der hehren Vorstellung an, dass die Avantgarde klar dem Fortschritt – also dem Rationalismus und den großen Emanzipationsbewegungen – verpflichtet gewesen sei. Die antimodernistischen Bestrebungen der Moderne, ihre esoterischen Motive wurden lange ausgeblendet, gar tabuisiert.

Die Pariser Ausstellung macht diese Motive nun präsent, will dabei aber nicht noch einmal den Glauben an eine rationalistische Moderne erschüttern, sondern bestätigt die mittlerweile allgemein anerkannten Erkenntnisse über die spirituellen Affinitäten moderner Kunst, um diese einem seinerseits spirituell empfänglicher gewordenen Publikum schmackhaft zu machen. In 24 Sektionen wird die moderne Kunst als Ladestation für geistige Energien, als Reflexionsmasse sämtlicher ersten und letzten Fragen gewürdigt.

Deren Erhabenheit verführt jedoch auch zur Grenzenlosigkeit: Es geht um den Neuen Menschen, um Eros und Thanatos, um das Motiv des Tanzes, um den Zufall und um vieles mehr. Oft vermittelt sich trotz gewissenhaft zusammengetragener Exponate nur eine vage Ahnung von dem, was die Künstler umtrieb. So hat man etwa Hugo Balls berühmten Auftritt als magischer Bischof im Züricher Cabaret Voltaire im Jahr 1916 erstmals genau rekonstruiert. Gezeigt wird ein Film, in dem ein Dadaismus-Experte das Lautgedicht Karawane im bischofsähnlichen Fantasiekostüm des Dichters rezitiert. Doch versäumt die Ausstellung, zugleich darauf hinzuweisen, wie stark sich Ball damit auch in gnostische und mystische Traditionen stellte, ja als Erneuerer eines – eigenwillig interpretierten – Katholizismus begriff.

Wenn es schon verwundert, dass manche Sektionen nur einem Jahrzehnt, andere einem Land, wieder andere aber einem Motiv gewidmet sind, dann erstaunt noch mehr, wie stark die Ausstellung eine Kontinuität vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart suggeriert. Vermutlich verleitete aber gerade die aktuelle Renaissance spiritueller Themen dazu, auch den zeitgenössischen Künstlern entsprechende Ambitionen zu unterstellen.

Leser-Kommentare
  1. Kunst-„Geistiges“: Offenbart es sich nur im Metaphysischen, Mystischen, Heiligen? Die Ausstellung „Spuren des Geistigen“ zeigt in München momentan Werke von 120 Künstlern des 19. und 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, die das kontinuierliche künstlerische Interesse am „Geistigen“, an der menschlichen Erkenntnis- und Empfindungsstruktur bezeugen sollen. Sucht man danach, was mit dem „Geistigen“ gemeint ist, hofft man dies an der Denkweise der Ausstellung zu erfahren: Themenbereiche wie Götterdämmerung; Synkretismus; Jenseits des Sichtbaren; Kosmische Offenbarungen; Absolutum; Homo novus; Masken, Ritual, Trance; Ekstase; Profanierung; Homo homini lupus; Sakralkunst; Göttliche Ornamentik; Mythen und Schamanen; Doors of Perception; Zen und Epilog. Die Ausstellungsmacher wollen offenbar zeigen, dass sich das Verhältnis der „Kunst“-Menschen zur Religion kulturell-evolutionär verändert hat, was nicht bedeutet, dass bis heute noch nicht das Ende des Geistigen oder Göttlichen in der „Kunst“ eingetreten sei. Wassily Kandinsky vertrat in seiner Schrift „Über das Geistige in der Kunst" von 1910 die Ansicht, dass Malerei „sich als wirklich reine Kunst in den Dienst des Göttlichen stellt". Das Metaphysische scheint aus der „Kunst“ nicht wegzudenken zu sein - glauben „Kuratoren“ -, obwohl Gott nach Nietzsche und Dawkins schon längst tot ist.

    Als „wichtige Gegenwartskünstler“ sieht der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich auch Vertreter von „Luxus Kunst“: Dass MURAKAMI die „Revolution“ Marcel Duchamps und des All-is-pretty-Warhol bewundert, kann man angesichts von Syntax und Semantik der Werke des Japaners gut verstehen. Wenn der Künstler aber behauptet, er trage zur „Evolution der Kunst“ bei (so in einem art-Interview), ist das anzuzweifeln. Evolutionsprinzipien (Auslese, Anpassung etc.) gelten in Kunst und Kunstgeschichte und dienen letztlich der Erkenntnis des Wesens der Welt und unseres Selbst. Im Stammbaum der bildenden Kunst wird sich MURAKAMI – mangels kulturellem Tiefgang - als absterbendes Seitenzweiglein etablieren (negatives Mem-Produkt). Seine momentane „Berühmtheit“ im Kunstbetrieb verdankt „Japans Andy Warhol“ den autoritären und ausgeklügelten Marketing-, VIP- und PR-Strategien des nervenden zeitgenössischen Kunstmarktes, der auch die Kitsch-Macher wie Hirst und Koons fördert. Die Non-Art des provokativen Geschäftsmannes MURAKAMI ist eine letale Mutante dessen, was heute noch „Ästhetik“ (Variante „Kunst der Kunstlosigkeit“) genannt wird. Den bewusstlosen Bewusstseins-Zustand des Kunst-Markt-Künstler-Betriebs – mit „Kunst der Absatzstrategie“ (Holger Liebs) - spiegeln besonders die genannten drei „Künstler“-Figuren (deren NICHT-Originalität/Innovation) wider; nicht den Erkenntnis-Stand des gebildeten Kunst-„Kenners“s. Was soll’s, wenn die infantile Pop-Bildsprache des Takashi MURAKAMI an die Welt der Mangas, der bunten und wilden, neckischen japanischen Comics, erinnert; Comic-als-„Kunst“-Verehrer dürfen sich freuen, Kunstkritiker sollten ihren Beruf (der Kritik) ernst nehmen, Kunstmarkt-Satire sollte nicht nur mit Satire beantwortet werden.

    • Anonym
    • 27.09.2008 um 18:27 Uhr

    danke ich Ihnen für die, wie ich denke, zutreffende Anmerkung zum oben ausgeführten Phänomen.

    MfG
    S. Paschasius

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