"Viva Polonia" Ihr, das kleine Übel
Der Kabarettist Steffen Möller ist in Polen einer der bekanntesten Deutschen. Nun verrät er seinen Landsleuten, wie man die Nachbarn im Osten erobern kann
Die ZEIT: Sie leben seit 14 Jahren in Polen, machen dort Kabarett und treten nun auch in Deutschland auf. Was erzählen Sie den Deutschen über Polen?
Steffen Möller: Ich fange mit der Geschichte an, wie ich zum ersten Sprachkurs nach Krakau fuhr und im Zug neun Stunden lang mein Portemonnaie festgehalten und dazu noch meine ersten polnischen Wörter buchstabiert habe, hamulec bezpieczenstwa, Notbremse. Danach übe ich mit dem Publikum die beiden wichtigsten polnischen Wörter ein, damit es auch mal ein Erfolgserlebnis hat und nicht an den Zischlauten zugrunde geht.
ZEIT: Welche Wörter sind das?
Möller: Das erste ist prze-pra-szam, Entschuldigung. Ein Wort, das für uns Deutsche ja öfter mal nützlich ist. Das zweite Wort benutzt man, wenn einfach alles schiefgeht. Dann sagt ein Pole: trudno, schwierig. Dazu erzähle ich die Geschichte von meinem Freund Daniel, der aus Mainz nach Polen fuhr und nur diese beiden Wörter konnte. In Warschau wurde er von der Polizei angehalten, weil er 30 Stundenkilometer zu schnell war. Der Polizist überschüttete ihn mit einem Wortschwall. Daniel verstand nichts und sagte einfach »przepraszam«. Daraufhin wollte der Polizist 400 Zloty Strafe, etwa 100 Euro. Und Daniel sagte: »truuuuuudno«, schwierig. Da musste der Polizist so lachen und meinte: Komm, fahr weiter.
ZEIT: Beschreiben Sie doch mal die Deutschen und die Polen in drei Sätzen.
Möller: Die Deutschen sind den Polen sehr ähnlich. Beide trinken gerne Bier, sie lieben die Schrebergarten- Gemütlichkeit und sind sehr skeptisch.
ZEIT: Und die Unterschiede?
Möller: Die Sprachbarriere. Würden die Deutschen nicht denken, dass die polnische Sprache völlig unverständlich ist – vom Temperament her würden die beiden Nationen gut zusammenpassen.
ZEIT: Es bleibt die Last der deutschen Schuld.
Möller: Natürlich ist die Vergangenheit da. Aber sobald die Polen merken, dass ein Deutscher diese Vergangenheit nicht abstreitet, sondern darüber spricht, werden sie locker.
ZEIT: Die Deutschen setzten sich doch mit ihrer Vergangenheit intensiv auseinander.
Möller: Das ist doch nur in bestimmten Kreisen so. Ich moderiere oft Partys von deutsch-polnischen Firmen, und da geht es den Polen auf die Nerven, wenn sie das Gefühl haben, da kommt ein Deutscher und tut so, als sei nichts gewesen. Für deutsche Unternehmer, die in Polen eine Filiale gründen, hat dieses Thema keinen Platz, das sollen mal schön Historiker oder Politiker machen. Sie behandeln die Polen oft herablassend. Die Polen folgern dann: Aha, die angebliche Vergangenheitsbewältigung ist etwas für Sonntagsreden.
ZEIT: Klingt nicht nach gegenseitiger Leichtigkeit.
Möller: Die Polen sind gegenüber Deutschen eigentlich aufgeschlossen. Nach den Deutschen kamen ja noch die Russen, und die sind dann gleich 40 Jahre dageblieben. Die Deutschen gelten deshalb heute als das kleinere Übel.
ZEIT: Wenn der Umgang mit der Vergangenheit so leicht ist, warum haben die Kaczyńskis dann so oft darauf zurückgegriffen? War das alles nur Show?
Möller: Nein, sie glaubten wirklich, dass der Revanchismus in Deutschland blüht. In Moskau glaubt man es doch anscheinend auch. Gerade jetzt bei der großen Parade auf dem Roten Platz hat sich gezeigt, dass viele Russen allen Ernstes befürchten, die Nato wolle die Rohstoffe in Sibirien erobern und rücke deshalb an die russischen Grenzen vor. Wir halten das für völlig absurd und die Russen für paranoid. Genauso haben wir die Kaczyńskis für paranoid gehalten. Aber mit etwas schlechtem Willen kann man das so sehen.
ZEIT: Mit sehr viel schlechtem Willen!
Möller: Wir glauben, die ganze Welt wüsste, dass es so was wie die 68er, die Friedensbewegung und das Berliner Holocaust-Denkmal gegeben hat. Das weiß aber im Osten kaum einer, so wie wir ja auch nichts über polnische oder russische Befindlichkeiten wissen. Am Anfang konnte ich das Phänomen Kaczyński verstehen. Sie wollten ja vor allem die Korruption und die Postkommunisten im eigenen Land bekämpfen. Das Thema Deutschland war nicht wichtig. Was dann aber an Hetze stattfand, war schlimm. Aber jetzt haben wir ja den Papst! Der repariert das deutsche Image wieder.
Zeit: Benedikt XVI. als Polens Liebling?
Möller: Man könnte ihn als den Statthalter von Johannes Paul II. auf Erden bezeichnen. Dadurch ist er so beliebt.
ZEIT: Wird Polen jetzt also normal?
Möller: Ja. Ich erlebe es oft, dass Deutsche mein Buch kaufen, weil sie nun nach Polen in den Urlaub fahren wollen. Jetzt, wo die Kaczyńskis weg sind, haben sie das Gefühl, wieder hinzukönnen.
ZEIT: Die Deutschen kommen bei Ihnen nicht gut weg. Sie beschreiben zum Beispiel den flinken, netten polnischen Schaffner und dann den unfreundlichen deutschen mit dem Watschelgang. Aber das hat sich in den vergangenen Jahren geändert.
Möller: Die meisten Deutschen würden Ihnen empört zustimmen. Wenn ich schreibe, die Deutschen seien obrigkeitshörig, heißt es immer, Steffen, das sind abgegriffene Klischees, wir haben uns doch geändert. Aber ich habe in Polen nun mal ein anderes Deutschland kennengelernt, ein etwas unsympathischeres als das, was ich kannte.
ZEIT: Wie meinen Sie das?
Möller: Die deutsche Arroganz ist überall spürbar, man muss nur mal ein bisschen Pole sein. Ich habe es in einer Berliner Wohnverwaltung erlebt. Ich sollte eine Steuerbescheinigung vorlegen. Als ich sagte, mein Finanzamt befinde sich in Warschau, konnte ich förmlich sehen, wie meine Chancen auf diese Wohnung rapide sanken. Wenn ich gesagt hätte, mein Finanzamt ist in London, hätte ich die Wohnung sofort gehabt. Ich frage auch Polen, die zu meinen Lesungen kommen, wie lange sie schon in Deutschland leben. 25 Jahre, sagt dann einer. Und, finden Sie die Deutschen nett? Erst kommt Schweigen, dann: Sie sind so kalt.
ZEIT: Die Fußballweltmeisterschaft 2006 hat an diesem Bild nichts geändert?
Möller: Doch! Ich kenne einen TV-Produzenten, der zur WM nach Deutschland gefahren ist. Er hatte zwar keine Karten, hat die Spiele aber auf den Fan-Meilen angeschaut. Der war begeistert von Deutschland. Aber die meisten Polen haben davon nichts mitgekriegt. Im Fernsehen wurde nur Reklame und dann gleich der Anpfiff gezeigt.
Zeit: Bei der letzten WM standen Sie zwar im polnischen Fanblock, waren aber zwischen Deutschland und Polen hin- und hergerissen. Sind Sie bei dieser EM für Polen?
Möller: Die Polen haben doch immer nur verloren, verloren, jetzt sind sie mal dran. Aber mit Fußball ist es wie mit Essgewohnheiten. Ich bin heute noch ein Fan von deutschem Brot und deutscher Wurst, auch wenn alle Polen meinen, polnische Wurst und polnisches Brot seien unübertrefflich. Und es ist verflixt schwer, nicht für Deutschland zu sein, wenn man schon als Kind in Bayern-München-Bettwäsche geschlafen hat.
Zeit: Und trotzdem sind Sie für Polen?
Möller:
Ich nehme es mir zumindest vor. Aber das ist, als würde ich mir vornehmen, dass mir ab morgen das polnische Brot doch besser schmeckt.
Die Fragen stellten
Alice Bota
und
Bernd Ulrich
- Datum 18.05.2008 - 14:21 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21
- Kommentare 6
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Aber man redet andauernd vom geeinten Europa, kann man nicht endlich mal dieses nervige kokettieren mit Stereotypen unterlassen und dauernd zu sagen was in welchem Land wie sei oder das hier gar noch zu zementieren indem man "Verhaltensratschläge" einführt? Ich habe Bekannte aus beinahe jedem Land Europas und auch Übersee und ich finde in der Tat alle Stereotypen vertreten - nur nicht bei dem Land wo man es "erwartet". Ich weiß nicht warum das so überhand nimmt, erst gestern war im SWR so eine illustre Gesprächsrunde die uns (die EM naht) erzählen wollte was typisch Österreichisch, Schweizerisch und Deutsch sei und wo die Unterschiede seien (und der - natürlich blonde - deutsche Moderator hat immer nur bescheiden gegrinst als die Alphörner gesagt haben wieviel besser bei ihnen in Wahrheit alles ist). Dermaßen triefend vor Klischees und Lokalpatriotismus.
Ich bin öfters in Polen (mit familienanschluss) und kann die Schilderung bestätigen - auch wenn natürlich NIEMALS von "den Polen" gesprochen werden darf, das ist wirklich falsch. In Polen leben sehr unterschiedliche Volksgruppen - wie ja auch hierzulande.Aber die Auswirkung der Kaszinsky-Propaganda war wirklich deutlich zu spüren - da war plötzlich eine spürbare Aversion bei Vielen.Aber vielleicht ist es auch Auswirkung der zeitgleichen deutschen Politik - die Art, wie gerade Polen von Deutschland in Europa behandelt wird, ist fatal. Andere Staaten (Niederlande, GB, Irland) heißen Polen als Arbeitskräfte willkommen und (beide Seiten!) werden sogar reich dabei.Als Deutscher weiß ich, wie heftig MEINE Landsleute im umgekehrten Fall reagieren würden und es ja auch tun.da traue ich den Menschen in Polen (denen, die in Nord+Süd kenne) erheblich mehr Verständnis zu............
Warum suchen wir Deutschen eigentlich immer die Schuld bei uns selbst? Die Kaczynski-Propaganda kann doch nicht mit einer vermeintlich schlechten deutschen Politik begründet werden. Und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit Erika Steinbach. Ich bin der polnischen Sprache mächtig und mir ist die antideutsche Hetze in einigen (von der Regierung beeinflussten) polnischen Medien sehr bewusst.
Wenn Sie sicht tatsächlich darüber wundern, dass polnische Gastarbeiter in GB und Irland gefragter sind als hierzulande, dann schauen Sie sich doch mal an, wie sich diese Länder verglichen mit Deutschland in den letzten 15 Jahren entwickelt haben. Während die Wirtschaft z.B. in Irland geboomt hat, ist Deutschland nach der Wende vom europäischen Musterknaben zur grauen Maus abgestiegen. Ich kann mich noch gut an den Aufschrei Anfang der Neunziger erinnern, als die Arbeitslosenzahl erstmals die 3-Mio-Marke überstieg. Danach gab es einen kontinuierlichen Anstieg auf über 5 Mio. Angesichts dieser Entwicklung finde ich es kaum verwunderlich, dass die Menschen hierzulande skeptisch gegenüber "ausländischer Konkurrenz" auf dem Arbeitsmarkt geworden sind - ob das nun gerechtfertigt ist oder nicht.
Warum suchen wir Deutschen eigentlich immer die Schuld bei uns selbst? Die Kaczynski-Propaganda kann doch nicht mit einer vermeintlich schlechten deutschen Politik begründet werden. Und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit Erika Steinbach. Ich bin der polnischen Sprache mächtig und mir ist die antideutsche Hetze in einigen (von der Regierung beeinflussten) polnischen Medien sehr bewusst.
Wenn Sie sicht tatsächlich darüber wundern, dass polnische Gastarbeiter in GB und Irland gefragter sind als hierzulande, dann schauen Sie sich doch mal an, wie sich diese Länder verglichen mit Deutschland in den letzten 15 Jahren entwickelt haben. Während die Wirtschaft z.B. in Irland geboomt hat, ist Deutschland nach der Wende vom europäischen Musterknaben zur grauen Maus abgestiegen. Ich kann mich noch gut an den Aufschrei Anfang der Neunziger erinnern, als die Arbeitslosenzahl erstmals die 3-Mio-Marke überstieg. Danach gab es einen kontinuierlichen Anstieg auf über 5 Mio. Angesichts dieser Entwicklung finde ich es kaum verwunderlich, dass die Menschen hierzulande skeptisch gegenüber "ausländischer Konkurrenz" auf dem Arbeitsmarkt geworden sind - ob das nun gerechtfertigt ist oder nicht.
Warum suchen wir Deutschen eigentlich immer die Schuld bei uns selbst? Die Kaczynski-Propaganda kann doch nicht mit einer vermeintlich schlechten deutschen Politik begründet werden. Und kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit Erika Steinbach. Ich bin der polnischen Sprache mächtig und mir ist die antideutsche Hetze in einigen (von der Regierung beeinflussten) polnischen Medien sehr bewusst.
Wenn Sie sicht tatsächlich darüber wundern, dass polnische Gastarbeiter in GB und Irland gefragter sind als hierzulande, dann schauen Sie sich doch mal an, wie sich diese Länder verglichen mit Deutschland in den letzten 15 Jahren entwickelt haben. Während die Wirtschaft z.B. in Irland geboomt hat, ist Deutschland nach der Wende vom europäischen Musterknaben zur grauen Maus abgestiegen. Ich kann mich noch gut an den Aufschrei Anfang der Neunziger erinnern, als die Arbeitslosenzahl erstmals die 3-Mio-Marke überstieg. Danach gab es einen kontinuierlichen Anstieg auf über 5 Mio. Angesichts dieser Entwicklung finde ich es kaum verwunderlich, dass die Menschen hierzulande skeptisch gegenüber "ausländischer Konkurrenz" auf dem Arbeitsmarkt geworden sind - ob das nun gerechtfertigt ist oder nicht.
@ Steffen - ich allein habe vier Exemplare von "Viva Polonia" gekauft und verschenkt, und das, obwohl ich eine echte Deutsche bin... Ich kann das Buch nur jedem empfehlen, der sich auf unterhaltsame Art über unsere Nachbarn informieren will.
Deutsche, nehmt euch ein Beispiel an Steffen. Diskutiert nicht lange, fahrt hin und probiert es aus! All diese schweren Probleme kann man im polnischen Alltag leicht überbrücken, wenn man den Leuten freundlich und humorvoll begegnet.
Nur ein Beispiel unter vielen: im vergangenen Jahr war ich zur Zeit des EU-Gipfels in Polen unterwegs und überflog zunehmend verzagter die antideutschen Schlagzeilen auf den Zeitschriften, die an einem Kiosk auslagen. Beklommen trat ich an den Kiosk heran, weil ich dort eine Fahrkarte für die Tram kaufen musste. Es war klar, dass ich mich durch meinen unverkennbaren Akzent schon beim ersten Wort als eine dieser ungeliebten Deutschen outen würde... Sobald ich dem Verkäufer meinen Wunsch mitgeteilt hatte, fing er an zu lächeln: "Ach, Sie kommen aus Deutschland, wie interessant! Und Sie sprechen ja so schön Polnisch! Was machen Sie denn hier?..." Die Diskrepanz zwischen der agressiven Presse und dem herzlichen, aufgeschlossenen Menschen hätte kaum größer sein können!
Und so ist es mir meistens in Polen gegangen. Viele Situationen, die Steffen beschreibt, habe ich auch so oder so ähnlich erlebt, und deswegen halte ich sein Buch für sehr repräsentativ und nützlich. Es sollte Pflichtlektüre in den Schulen sein.
Pozdrowienia :)
Hallo!Ich bin auch der Ansicht dass die Polen den Deutschen (DE-PL) sehr ähnlich sind. Ich habe an einer bekanntesten Universität Deutschlands einen Deutschkurs absolviert. Während des fast 7 Jähriges Aufenthalt in BRD habe ich viel erlebt, gelernt, erfahren usw .Kaum etwas, war es negativ. Ich fühle mich z.B. in Berlin wie zu Hause. Ich würde mir mal wünschen, dass die Deutschen sich auch in Krakau, Wrocław, Poznań wie zu Hause fühlen . Es lebe EU!!!
[entfernt wegen Doppelposting/ Redaktion; svb]
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