Scarlett Johansson ist müde. Kaum kriegt sie ihre rot gekifften Äuglein noch auf. Lass mich doch einfach schlafen! Aber, nein, die gnadenlosen Schergen der Kulturindustrie können dem Mädchen mit dem Gesicht aus weißer Schokolade keine Ruhe gönnen. Sie wollen verwerten, verwerten, verwerten. Das arme Kind! Es drückt ein paar Tränchen weg. Doch da, sie lächelt schon wieder. Spiegel und Kamera sind in der Nähe. Sie ist schließlich – seufz! – ein Profi. Aber wenn wir wüssten, wie es in ihr drinnen aussieht! »Ich fühle mich, ja, ich fühle mich …«, sie überlegt eine Weile: »… schon fast wie Tom Waits!«

Das alpenmilchfrische Mädel gibt sich innerlich unrasiert

So ungefähr inszeniert das erste Video zu Scarlett Johanssons Debütalbum den alten tears of clown- Topos vom ewig lächelnden und sich innerlich doch ganz unrasiert und fern der Heimat fühlenden öffentlichen Performer. Der Witz, dass nun auch weiße Schokolade sich von innen nach Bartstoppeln anfühlen kann, ist bei der allgemeinen Tendenz zu Plastizität und Transzendenz kultureller Rollen keine große Überraschung. Dass aber die aus original Schweizer Bergmilch gewonnene Scarlett sich nicht nur so fühlt wie Tom Waits, sondern auch noch den Ehrgeiz entwickelt, seine Songs neu zu interpretieren, ist dann doch ein bisschen erklärungsbedürftig.

Nun, erst mal ist sie ein ganz normales Mittelschichtsmädchen der westlichen Hemisphäre, und als solche hat sie einen Indie-Rock-Geschmack. Sie mag die Band TV On The Radio, das ist originelle Indie-Musik. Am Anfang stand die Idee, eine Schallplatte zu machen, denn ihr hatte es so gut gefallen, Summertime für eine Compilation aufzunehmen. Sie probte ein paar weitere Standards des Great American Songbook und blieb bei einem Tom-Waits-Bette-Midler-Duett hängen. Daraus wurde ein Waits-Cover-Album. Das fand auch David Andrew Sitek von TV On The Radio gut, der nicht nur ein authentischer Indie-Rocker ist, sondern auch eine postmoderne Seele hat. Wie alle postmodernen Produzenten aber hält er das Produzieren für eine Kunst, die wie kalifornische Cuisine funktioniert. Und wie alle postmodernen Köche liebt er aus konzeptuellen Gründen die großen Gegensätze, daher auch die Kombination des Rohen mit der Gekochten.

Tom Waits war, lange nachdem es Beatniks gab, in den späten Siebzigern der erste Beatnik-Darsteller. Er zog sich zerrissen an, kultivierte ein Streuner-und-Säufer-Image, sang stabil gelungene Synthesen aus verlaberten Country-Songs mit jazziger Bar-Atmosphäre, bevor aus dieser Kombi der Soundtrack der Gentrifizierung wurde, und ließ sich fotografieren, als wäre er aus einer New-Hollywood-Glorifizierung des alten Amerikas herausgefallen. Danach begann er sich für große amerikanische Genies wie Captain Beefheart und Harry Partch zu begeistern, deren exzentrische Entwürfe eines wahnsinnigen Wüstenbluesrock oder auf eigenem Instrumentarium eingespielte neorituelle Kompositionen er auf einem eher kunstgewerblichen Level rekonstruierte – dazwischen fiel aber immer noch hin und wieder ein großer Song.

Johansson-Produzent Sitek schwärmt hingegen für die melancholisch-verhangenen Soundtüfteleien, die das 4AD-Label an Bands und Projekten wie Cocteau Twins und This Mortal Coil in den mittleren und späten Achtzigern ausprobieren ließ. Wahrlich, ein weiterer Versuch, mittels edlen Klangkunstgewerbes der einerseits durchkommerzialisierten, andererseits aggressiv unabhängigen Popwelt der Achtziger zu entkommen. Die Übertragung der einen Sorte auf die andere Sorte ambitionierter, aber naturgemäß begrenzter Aufwertung von Klang- und Klingdetails und Soundspezereien ist die zentrale Idee dieses Albums: Tom Waits’ Schwärmerei für große amerikanische Originalgenies, rekonstruiert durch die Lieblingsklangfärberei britischer New-Wave-Träumerles.