Ich habe einen Traum "Wir sind Supertiere"

David Cronenberg, Regisseur von verstörenden Thrillern wie "Die Fliege" und "Crash", macht gerne mal ein Nickerchen am Set. Seine Traumbilder verwandelt er dann in Filmszenen

Seitdem es Filme gibt, träumen Menschen anders. Wir haben uns als Kinogänger daran gewöhnt, durch Raum und Zeit zu wandern. Im alten Rom war das wohl noch nicht so. Filme haben eine ähnliche Funktion wie Träume, selbst wenn sie vorgeben, besonders realistisch zu sein. Wir stellen Träume synthetisch her. Und wir bauen sie in unser waches Leben ein. Umgekehrt funktionieren Filme nach der Logik von Träumen. Filme sind Wachträume.

Ich habe einen Film mit dem Titel Scanners gemacht, in dem ein Mann mit telepathischen Fähigkeiten Stimmen in seinem Kopf hört, die sich als Gedanken anderer Menschen herausstellen. Er bohrt ein Loch in seine Stirn, damit einige dieser Stimmen herauskönnen. Damals fragten mich viele Leute, woher all diese befremdlichen Bilder und Ideen kämen. Ich sagte: "Stellen Sie sich vor, Sie würden ein Loch in Ihre Stirn bohren und in einem Kino schlafen, und aus Ihrer Stirn heraus würden Ihre Träume auf die Leinwand projiziert. Sodass 2000 Leute Ihren Traum sehen würden. Was, glauben Sie, würde man dort sehen?"

Man muss Dinge zuerst träumen, dann erst versucht man, ihnen eine physische Gestalt zu geben. Oft entsteht so Technologie. Fernsehgeräte existierten in der Fantasie, lange bevor es sie gab. Über Satelliten zu kommunizieren war zu dieser Zeit auch noch Fiktion. Der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke beschrieb Satelliten, 40 Jahre bevor sie erfunden wurden. Durch Technologie haben wir große Macht erlangt, die wir als einfache Tiere nie gehabt hätten. Wir sind Supertiere. Im viktorianischen Zeitalter dachte man, dass wir irgendwann zu Engeln würden. Da ich nicht an Engel glaube, denke ich, dass es unser höchstes Ziel ist, zu höher entwickelten Individuen zu werden – vielleicht sind wir es andeutungsweise schon.

Ich glaube, Technologie ist die physische Entsprechung eines Traumzustandes. Das galt schon für Kunst oder Religion. Wenn wir eine Kirche besuchen, sind es die Düfte, das Licht, die hallenden Geräusche und Echos, die uns in einen Traumzustand versetzen. Das kann heute jeder zu Hause nachahmen, mit Computer, Fernseher und Stereoanlage. Wir haben viele Techniken, die Traumzustände herbeiführen. Vielleicht verbringen wir dadurch einen größeren Teil unseres Lebens im Traum als alle Menschen vor uns.

Irgendwann habe ich begonnen, bei Dreharbeiten zu schlafen. Immer wenn ich eine Gelegenheit finde, den Set zu verlassen, mache ich irgendwo ein Nickerchen. Häufig träume ich, wie ich die nächste Szene drehe. Ich muss meinen bewussten Geist loslassen, sodass ich wegtreiben kann. In diesem Zustand wird mir klar, welchen Winkel, welche Einstellung, welche Linse ich verwenden sollte. Jeder kreative Akt ist eine Art Wachtraum. Man muss aus sich selbst heraustreten. Jeder Film ist so etwas wie jene Projektion durch das Loch in der Stirn.

Nur einer meiner Filme wurde unmittelbar von einem Traum inspiriert. Ich hatte geträumt, mit einer Frau im Bett zu liegen. Als ich mich zu ihr umdrehte, kam eine riesige schwarze Spinne aus ihrem Mund und krabbelte weg. Die Grundstimmung war aber nicht besonders furchteinflößend. Die Frau schlief tief und ruhig. Ich war verblüfft. Ich fragte mich: Woher kommt diese Spinne? Hat die Spinne sie kontrolliert? Waren da noch andere Spinnen in ihr? Wusste sie davon? Die Spinne wurde ein zentrales Bild in Shivers.

Wenn man einen Film macht, erschafft man einen kleinen Planeten. Mit seinem eigenen Ökosystem und Wetter, mit seiner eigenen organischen Realität. Jeder, der an dem Film mitarbeitet, muss daran glauben. Man erschafft etwas, das nicht existiert. Am Ende besteht dieses Werk eben doch nur aus Farben, die auf einer Leinwand verlaufen.

Wie erreicht man, dass diese Farben Menschen emotional berühren, vielleicht sogar ihr Leben verändern? Durch den Glauben an die Kunst. Dieser Glaube ist nicht religiös. Es geht nicht um etwas, das über jede Frage erhaben ist. Der Glaube an die Kunst ermutigt sogar dazu, Fragen zu stellen. Kunst ist eine einzigartige Leistung, die vielleicht kein anderes Wesen im Universum beherrscht. Deshalb sollte Kunst uns Menschen mehr miteinander verbinden als alles andere.

Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke

David Cronenberg, 1943 in Toronto geboren, ist Regisseur. In Filmen wie "Crash", "eXistenZ" und seinem größten Erfolg "Die Fliege" lässt er Natur und Technologie in verstörenden Bildern aufeinandertreffen. Mit "Tödliche Versprechen – Eastern Promises" hat Cronenberg zuletzt einen klassischen Krimi inszeniert. In diesen Tagen erscheint er auf DVD.

Zu hören unter www.zeit.de/audio

Nach der erfolgreichen Ausstellung in Berlin im vergangenen Jahr geht der "Traum" weiter auf Reisen. Bis Anfang Juni sind die schönsten Fotografien der Serie im Goethe-Institut in Paris zu sehen.

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 19.05.2008 um 9:54 Uhr

    was nicht ganz klärt, warum die letzten beiden filme 'history of violence' und 'eastern promises' zwei filme über höflichkeit sind. ist man im traum höflich?

  1. Dr. med. Dieter Kroener
    Ich hatte geträumt, mit einer Frau im Bett zu liegen. Als ich mich zu ihr umdrehte, kam eine riesige schwarze Spinne aus ihrem Mund und krabbelte weg. Die Grundstimmung war aber nicht besonders furchteinflößend. Die Frau schlief tief und ruhig. Ich war verblüfft. Ich fragte mich: Woher kommt diese Spinne? Hat die Spinne sie kontrolliert? Waren da noch andere Spinnen in ihr? Wusste sie davon? Die Spinne wurde ein zentrales Bild in Shivers“.
     
    Zu dieser Passage im vorausgehenden Absatz „… mache ich irgendwo ein Nickerchen. Häufig träume ich, wie ich die nächste Szene drehe“ kann man sagen: Alle Kreativität fällt dem Menschen ein. Er selbst „macht“ weder die Bilder noch die Filme. Tatsächlich erlebt David Cronenberg im genannten „Nickerchen“ eine Zwischenstufe zu transzendierender Meditation, sog. „hypnagoge Einschlafbilder“, die ihm Einsichten geben, die er mit bloßem Verstand nicht unbedingt erlangt.
    Das gleiche trifft für den verratenen Traumtext zu. Es ist ein Situationstraum (zeigt einen aktuellen Status), in dem der Schöpfer des Traums seinem Träumer sagen könnte:
    Nun zeige ich Dir, wie es in Deinem Unbewussten - auf der Intimebene (Bett) in Dir -  aussieht. Deine Wahrheit liegt „hinter Deinem Rücken“ (Redensart, dreht sich um): Dann kannst Du Deine Seele sehen, die Dir unbekannt ist („eine“ Frau, die Seele ist weiblich). Sie entlässt diese „Spinnereien“, die Dir unbewusst (schwarz) sind. In Deinem Verstand entwickelst (krabbeln) Du sie dann in Gedanken (unsichtbar) weiter in der Welt … Denn Deine Seele führt ein zutiefst unbewusstes und stummes Dasein (schläft tief und ruhig). Trotzdem: Sie bewegt „Atman“ (Gott) in Dir, Sie ist Dein Leben, und das ist Gott (da nicht reflektiert: Helle und dunkle Seite). Die „Spinne“ kontrolliert alles, vor allem Dich(!), weil Ihr Einfluss Dir unbewusst ist, denn „sie“, die unbekannte Frau, bist Du selbst. Was Du sagst, kommt in Wirklichkeit nicht aus Dir (Deinem Verstand), es entspringt Deiner „inneren Frau“ (Spinne „aus ihrem Mund“). Nun bist Du aber verblüfft nicht wahr? Es gibt auch noch die Redensart: „Ein Wort, das man einmal ausgesprochen hat, kann man nicht mehr zurücknehmen“, und diese „Worte“ gehen dann als „verstörende Thriller“ um die Welt.
    Wissen um Symbolik ist eben doch mehr als „Glaube“, auch wenn es nur an die Kunst ist. Jeder kann in der Welt nur ausdrücken, was er selbst ist. Er kann den Gedanken dann als Teil seiner Lebensrolle erkennen – oder als „Spinnerei“ leben. Die Erkenntnis zwischen diesen polaren Widersprüchen kann er z. B. über den Traum erfahren. Der Regisseur David Cronenberg inszeniert eben seine „Spinnereien“, deren polare Zuweisungen er nicht reflektiert hat. Er ist wenigstens ehrlich, während andere Regisseure darauf beharren, sie hätten mit dem Inhalt ihrer Werke nichts zu tun …
    Der Traum gibt mit ganz wenigen archetypischen Symbolen eine sehr klare und schöne Antwort auf eine der fundamentalen Fragen der Menschheit: Wie frei ist der Mensch? Die Beobachtung mit dem „Nickerchen“ ist ein grandioses Paradebeispiel dafür, ein regelrechter „Gnadenakt“ des Schöpfers. In Wirklichkeit hat er nur die „Freiheit“ zwischen „Spinnerei“ aus dem Kleinen Ego (sog. falsche Selbstverwirklichung) oder Selbst-bewusster Entscheidung. Seine spirituelle Wirklichkeit ist eben dieses wahre Selbst. Wie auch immer er sich entscheidet: Er muss die Folgen tragen. Der Zustand der heutigen Welt, was das Menschenwerk betrifft, ist Ausdruck der Verwirklichung eines falschen Selbst. Also nimmt die Katastrophe weiter ihren Lauf, bis … siehe Traumdeutung.
    Ein Traum von überwältigender Weisheit – die sich durch einen Menschen ausdrückt.
     

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  • Quelle ZEITmagazin LEBEN, 15.05.2008 Nr. 21
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