Artenschutz Versöhnung mit der WildnisVersöhnung mit der Wildnis

Die Rettung einzelner Arten nützt gar nichts. Es muss um den Schutz ganzer Lebensräume gehen. Das stürzt die Menschheit in ein Dilemma. Sie will die Vielfalt der Natur bewahren, muss aber auch Ackerflächen für die Welternährung sichern.

Welches Aug’, welch ew’ge Hand formten Deines Schreckens Brand?« Zu diesen Zeilen riss es den Poeten William Blake einst beim Anblick des Tigers hin. Die goldene »Feuerspracht« seines Fells, darunter das kraftvolle Muskelspiel, wenn er elegant durch die Wälder streift: Alles flößt Ehrfurcht ein. Jedenfalls in jenen Regionen der Welt, deren Bewohner ihre eigenen Raubtiere schon seit Langem so gut wie ausgerottet haben.

Von Sibirien bis Indonesien aber, wo der Tiger lebt, wird er oft anders gesehen: als Einkommensquelle, deren Fell, Zähne, Klauen und Knochen sich teuer verkaufen lassen. Als Raubtier, das Nutztiere reißt und getötet werden muss. Mit den Wäldern roden die Menschen zudem seine artenreichen Reviere. Zwischen 1995 und 2005 sind die Lebensräume des Tigers um 40 Prozent geschrumpft, einige Unterarten sind ausgestorben. In Indien, wo 40.000 Tiere gezählt wurden, gibt es heute womöglich nur mehr 1.500.

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Nicht allein des Tigers und seines Dschungels wegen kommen in dieser Woche 5.000 Delegierte, Journalisten und Umweltminister aus aller Welt zur 9. Vertragsstaatenkonferenz der Convention on Biological Diversity (CBD) nach Bonn. Ihr diplomatisches Ringen gilt der Rettung der weltweiten biologischen Vielfalt: an den Polen, in Gebirgs- und Waldlandschaften, in mediterranen Zonen, in den Savannen. Und in den Ozeanen. Dort machen rund 2.000 Wissenschaftler im »Census of Marine Life«-Projekt derzeit Inventur bei einem kaum zählbaren Schatz noch unbekannter Lebewesen. Doch gleichzeitig arbeitet der wohlhabende Teil der Menschheit an der Vernichtung dieses Reichtums – mit der industriellen Wucht gigantischer Hochseeflotten. Die Bestände von Thunfisch, Kabeljau, Heilbutt, Rochen und Flunder wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf ein Zehntel reduziert.

Stiller, unscheinbarer siechen Wiesen-Augentrost und Knackelbeere in Europa, die Wilde Aprikose in Kasachstan oder eine ecuadorianische Flamingoblumenart dahin. Botaniker versuchen, zu retten, was zu retten ist, damit Samen und Gewebeproben solcher Todeskandidaten wenigstens in Genbanken überleben. Wildpflanzen haben kaum eine Lobby. In Bonn aber wird erstmals auch um sie ein Spektakel zelebriert, so wie um knopfäugige Eisbären und verträumte Orang-Utans. Anders als bei bisherigen Artenschutzkonferenzen steht dieses Mal die Vielfalt im Zentrum aktueller Kontroversen.

Denn angesichts der dramatisch steigenden Nahrungsmittelpreise und des weltweiten Energiehungers fragen manche: Hat die Menschheit nicht größere Probleme als die Gefährdung des Sumatra-Nashorns? Braucht sie nicht mehr intensiven Anbau von Ackerfrüchten statt neue Naturparks? Und muss die Biomasse auf dem Globus nicht eher der klimaneutralen Energiegewinnung dienen, als in geschützten Wäldern vor sich hin zu modern? Andere sehen im Erhalt der »freien Wildbahn« und der ganzen Vielfalt der Agrarkulturen die wichtigste Voraussetzung des Überlebens. Natur hat Konjunktur – und steckt zugleich mehr denn je in der Defensive.

Dabei war gerade der Versuch, den Interessenkonflikt zwischen dem Schutz der Tier- und Pflanzenwelt und menschlichem Wirtschaften aufzulösen, von Anfang an das Neue an der CBD. Große Industriestaaten und die Agrarwirtschaft hatten 1992 besorgt erkannt, dass mit den Arten auch genetische Informationen verschwanden. Zugleich war offensichtlich geworden, dass Kleinbauern vom Amazonas bis in den Kongo so lange wertvolle Bäume für Land und Holz schlagen, wie sie keine anderen Energie- und Einkommensquellen haben; dass indische Ureinwohner den Tiger weiter vergiften, solange er in stacheldrahtbewehrten Reservaten geschützt wird, aus denen man sie selbst vertreibt. Der Naturschutz würde keine Anhänger finden, folgerten seine Protagonisten, wenn er die Bedürfnisse der Einheimischen nach Entwicklung ignoriere.

Nicht der Gorilla muss geschützt werden, sondern sein Lebensraum

Fortan sollte nicht mehr der einzelne Weißkopfgeier oder Gorilla im Fokus stehen, sondern der Lebensraum – für Mensch und Tier. Mit diesem Paradigmenwechsel ging die Verpflichtung einher, ein dichtes Netz von Schutzgebieten zu schaffen und den Schwund der Arten bis zum Jahr 2010 signifikant zu senken. Doch stattdessen hat sich ihr Verlust seither noch beschleunigt. 1,75 Millionen Spezies sind auf der Welt beschrieben, davon 400.000 Pflanzen, 5.500 Säugetiere, 9.800 Vögel, eine Million Insekten. Die große Mehrheit aber ist noch unerforscht. Entsprechend unterschiedlich sind die Angaben, wie viele Arten jeden Tag verschwinden: 70, sagt Edward O. Wilson, der Doyen der Biologen; die G8-Umweltminister rechnen mit 150.

Die Tendenz ist eindeutig. Mehr als 16.000 Arten stehen auf der Roten Liste der Internationalen Naturschutzunion (IUCN). Ein Drittel aller Amphibien gilt als bedroht, jede achte Vogel- und jede vierte Säugetierart, bis zu 100.000 Wildpflanzenarten. So ist die Enttäuschung nach 16 Jahren CBD groß: »Der innovative Ansatz, die Natur nachhaltig zu nutzen und zu schützen, muss seine Wirksamkeit leider erst noch unter Beweis stellen«, sagt Barbara Unmüßig von der Heinrich-Böll-Stiftung.

Leser-Kommentare
  1. damit die menschliche Monokultur, die wir heute fast schon haben, auch möglichst auf dem derzeitigem Niveau erhalten bleibt: Wo ein Mensch ist und wohnt, da kann zugleich kein Nashorn oder kein Bär, oder kein Säbelzahntiger etc. (in der Nähe) sein! (Und deshalb dürfte diese Konflikt wohl in der Tat nicht wirklich zu lösen sein, weil die bereits existierenden Menschen ja aufgrund dieser Tatsache bzw. Voraussetzung (schon lange) leben und damit kein moralisches Recht haben, dies anderen zu verweigern. (Ja, die Endzeit hat eben schon auch negative Seiten - nicht nur positive...!)
     

  2. Nur jeder in eine andere Richtung. So langsam finde ich diese Mammutveranstaltungen zur Rettung der Erde zum k*tzen. Da wird grossspurig in Medien über das "Grossereignis" berichtet, Umweltminister und andere sonnen sich um trügerischen Licht der Fernsehkameras und dann werden die minimalst ereichbaren Ergebnisse als Superduperhypererfolg angeboten.

    Es ist doch naiv anzunehmen, dass diese Aktion tatsächlich nur einen Regenwurm vor der Ausrottung schützt. Denn wer macht denn "unsere" Umweltpolitik? Politikspacken, denen der Geldbeutel nah am Körper sitzt und der wird nicht von sauberer Luft gefüllt, sondern von knallharten wirtschaftlichen Gesichtspunkkten.

    Und während sich in Bonn die Nichtssager und Aufblasmännchen treffen, verreckten nebenbei noch ein paar weitere Arten auf dem einst blauen Planeten.

    • AchimW
    • 16.05.2008 um 9:46 Uhr

    ... ist letztendlich die wahre Ursache die immense Übervevölkerung unseres Planeten. Durch sein unkontrolliertes zahlenmässiges Wachstum (und damit Landvernichtung, Umweltverschmutzung, Klimaerhitzung usw. usf.) nimmt der Mensch der restlichen Natur immer mehr Platz weg und vernichtet systematisch seine Lebensgrundlagen.Was hülfe? Nur weltweite strenge, aber humane Geburtenkontrollen!

    • Colon
    • 16.05.2008 um 13:28 Uhr

    Als kleine Ergänzung zu Ihrem sehr informativen und verständlichen Artikel, Herr Sentker und Frau Grefe.
    "Artenreichtum" ist für Laien und für die so überaus wichtigen, vermittelnden 
    Medien nur schwer erkennbar! So konzentriert sich das Hauptinteresse
    der anteilnehmenden Öffentlichkeit auf die Spitzen der biologischen
    Nahrungskette. Wale, Nashörner, Elefanten, Tiger, Greifvögel und auf
    einige exotisch bunte Prachtexemplare aus der Welt der Insekten.
    "Wald" wird dann als gesichert angesehen, wenn er wächst, möglichst als Laubwald, möglichst "naturnah und  "wild".In Deutschland macht der Wald das, was wir wünschen, er wächst seit Jahren!  Aber dieser unser  Wald ist, verglichen z.B. mit den
    alten durchlichteten Weide (Hute-)wäldern, den trockenen Rasenstandorten oder
    von Streuobst- und Industriebrachen, sowie stillgelegten
    Bahnanlagen, sehr artenarm, auch wenn  Deutschlands Lieblingsbäume, die Eiche und die Buche, wieder mehr Fuß fassen und die Nutzholzstangenwälder langsam verdrängen.Was weiterhin bei uns fortgesetzt schwindet, sind artenreiche offene oder lichte Landschaftsbestandteile die bis zum Faktor 1000 mehr an Arten aufweisen.Diese Flächen müssen, obwohl sie "ungepflegt" aussehen, beständig durch menschliche Eingriffe freigehalten, extensiv (z.B. Schaftrieb) bewirtschaftet und betreut werden. Sie müssen dem anderweitigen Nutzungsdruck (Siedlung, intensive Landwirtschaft, Verkehr) und dem dichten grünen deutschen Laubwald als wirtschaftlichem Konkurrenten standhalten.Ganz umgekehrt die Lage in den Tropen und Subtropen! Dort vernichtet auch der beste menschliche Nutz- und Pflegeansatz die nährstoffarmen, aber extrem artenreichen  Wälder und schafft, wenn überhaupt, ökologisch ausgeräumte, minderwertige Surrogate. In den enstehenden "neuen" Wäldern können zwar manche tierschutzgeliebte Großtiere überleben (so wie bei uns Dammwild und Wildschweine, bald auch wieder der Wolf), die Artenvielfalt ist jedoch für immer dahin. - Anders als auf den Böden in Mitteleuropa und in anderen nördlichen Breiten, ist der massive menschliche Eingriff hier immer eine Katastrophe.Z.B. selektiert die Waldbewirtschaftung mit Hubschraubern auf dem Quadratkilometer Regenwald zwar nur wenige Bäume und Arten zur angeblich schonenden wirtschaftlichen Nutzung, aber es existieren in einem Regenwaldstück auch nur wenige Exemplare einer Art auf einer vergleichsweise riesigen Fläche. Selbst die wenigen herausgenommenen Bäume zerstören das Ökosystem, weil sie in einem beliebigen Waldstück gerade der Standort für eine Unzahl von Kleinlebewesen und weiteren vernetzen Pflanzen sind, aber nicht in großer Zahl vorkommen.Die einmal in Gang gesetzte Entwicklung ist übrigens, anders als in den gemäßigten Zonen bei uns, nicht mehr rückholbar. Wer die Bodenstruktur des Regenwaldes einmal zerstört hat, der kann dort nicht erneut einen Regenwald wachsen lassen, selbst wenn dereinst Reue aufkommt.Das bleibt das Elend  selbst der ganzen "ökologisch zertifizierten" Holz- und Waldwirtschaft, z.B.
    auch der Versuche, an die Stelle der Regenwälder, Plantagen- oder
    Nutzwälder mit ökologischen  Kritierien zu setzen.Ihre rhetorische Frage, ob denn nicht die Ernährung und daher die Gewinnung von landwirtschaftlicher Nutzfläche nicht aus rationellen Gründen Vorrang verdiene, ist sehr bedenklich, denn tropische oder subtropische Wälder stehen auf Böden, die, ohne intensive und vor allem industrielle Bewirtschaftung gar nicht konkurrenzfähig ertragreich sein können. - 90% der sogenannten Futtermittel- und Nahrungsmittelproduktion befindet sich aber in den Händen von Agrariern die industriell produzieren und Nahrungs- bzw. Futtermittelpflanzen im Systempaket ( Saatgut, Bodenverbesserer, Ertragssteigerer, Schädlingsbekämpfung) als "Marke" am Weltmarkt verkaufen. Am weitesten fortgeschritten und juristisch am besten abgesichert (Patente, Lizenzen, Welthandelsrichtlinien) arbeitet die sogenannte "grüne" Gentechnologie. Im Futtermittelanbau und bei den Energiepflanzen setzt sie sich an den am meisten gefährdeten Standorten gerade unerbittlich durch (Soja, Mais, Reis). Mit diesen Bedingungen konkurrieren die Bauern der Entwicklungsländer, die durchaus in der Lage wären, sich und die übrige Bevölkerung lokal und regional zu versorgen. Unter diesen Bedingungen geraten also gerade Flächen, die aufgrund ihrer Bodenstruktur (Nährstoffarmut) für den Landbau eher ungeeignet sind und aufgerund ihrer Biodiversität absolut schützenswert, zunehmend unter Nutzungsdruck.Der Gedanke der Welternährung kann getrost als Farma der Industrie ad acta gelegt werden. Schon heute reichen die vorhandenen guten Agrarflächen um die Weltbevölkerung satt zu bekommen, die weltweit erzeugte agarische Kalorienmenge reichte allemal für 9 Milliarden Erdenbürger um dick, satt, rund  und alt zu werden. Ob wir das wollen oder nicht, bestimmen wir derzeit nicht politisch oder sozial oder kulturell, sondern bekommen es als fortgesetztes Schauspiel ökonomischer "Sachzwänge" von wirtschaftlich Handlungsmächtigen vorgegeben.   Daher ist ja auch Frau Merkels Auftritt in Brasilien so scheinheilig. Sie fordert naturverträglichen Anbau von Energiepflanzen, wohl wissend, dass dies nicht funktioniert.Die möglichen Anbauflächen werden derzeit nämlich nicht vor allemaus dem Regenwald geschnitten, sondern sie verdrängen auf guten Böden die Ernährungslandwirtschaft (Ertragsgründe) und drängen diese auf die schlechten Böden und in die Abholzung des Regenwaldes. Aber, was soll man in dieser Frage von einem einst naturwissenschaftlich ausgebildeten "Mädchen" halten, dass noch 1992 mit ihrem damaligen Vorbild Kohl glaubte, mit der Konferenz von Rio sei der Regenwald fast schon, auf deutsche Initiative hin, gerettet. GrüßeChristoph Leusch

    • keox
    • 22.05.2008 um 17:05 Uhr

    defäzieren auf den Teller, vom dem sie speisen. Zwar schlagen auch Berggorillas täglich ein anderes Nachtlager auf, da sie nicht stubenrein sind und ungern in den eigenen Fäkalien übernachten, aber im Gegensatz zu uns können sie sich das leisten. Einmal eine große Runde gedreht, und die alten Schlafplätze sind wie neu.Wir aber haben nur ein Schlafnest. Und dann? Ab mit der NASA-Spaceline ab zum Mars?

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