US-Vorwahlen Kommt jetzt Barack?

Obama kann mit dem Sieg rechnen – und üblen Überraschungen, meint Josef Joffe

Der »kleine« Zeitgeist meldet: Hillary Clinton bleibt Senatorin in New York – wie immer auch die letzten fünf Vorwahlen (bis zum 3. Juni) ausgehen. Und der »große« Zeitgeist raunt: Der 44. Präsident wird Obama heißen.

Wieso? Die erste historische Faustregel lautet: Gewählt wird nach dem Kontostand. Im Wahljahr 2008 signalisiert der nichts Gutes für den Republikaner John McCain: Minuswachstum im zweiten Quartal, abstürzende Häuserpreise, Kreditkrise, Benzinpreisexplosion. Sodann: Es gibt kein drittes Mal. Nach der Dauerherrschaft der Demokraten unter Roosevelt und Truman (1933–1953) haben es die Republikaner nur einmal geschafft, das Weiße Haus ein drittes Mal zu erobern. Das war unter Vater Bush, der auf acht Jahre Reagan folgte. Schließlich: Sieht der Vorgänger mies aus, kann sein Erbe nicht glänzen. Nur noch 32 Prozent schätzen Bushs Amtsführung – ein neues Tief. Wie soll sich McCain aus dieser Falle befreien?

Befragen wir nun den »gemessenen« Zeitgeist, wie er sich in den Umfragen darstellt. Die jüngste (12. Mai, Rasmussen Reports ) gibt McCain 46 Prozent, Obama 47, was statistisch ein Gleichauf bedeutet. Wie das, wenn doch der große Zeitgeist murmelt: Obama wird’s? Die Erklärung besteht aus zwei Wörtern: Rasse und Klasse. »Rasse« heißt, dass die Weißen sich seit Obamas Anfangserfolg in der Iowa-Vorwahl von ihm abwenden. Unter weißen Männern führt McCain mit zwölf Punkten, unter weißen Frauen mit elf. Obama will nicht als »Kandidat der Schwarzen« antreten, wird aber so gesehen – und zwar, weil sich auch »Klasse« als Wahlfaktor herausschält.

Von der Fahne geht Obama das traditionelle Fußvolk der Demokraten: die »Blaumänner« mit niedrigem Bildungs- und Einkommensstand, die um ihre Jobs und Hypotheken bangen. Umgekehrt ist es die »Chablis und Brie«-Truppe, die Obama zujubelt: die Hochgebildeten und Wohlhabenden, dazu die Jungen, die sich im Markt noch nicht bewähren müssen.

In Zahlen: Von den Demokraten wollen 22 Prozent zu McCain überlaufen, von den Republikanern nur 13 Prozent zu Obama. Das ist dessen wunder Punkt, und das Paradox ist nicht neu. Schon 1980 waren es die Reagan democrats – die abtrünnigen Traditionswähler –, die den Republikanern das Weiße Haus zuschanzten. Folglich hilft es Obama nicht, wenn sein Topstratege wähnt: »Wir müssen uns nicht nur auf weiße Arbeiter und Latinos verlassen.« Denn gerade die könnten in den großen Staaten wahlentscheidend sein.

Das weiß McCain, und deshalb hat sich der alte Bush-Feind in der Mitte positioniert. Dass er den Irakkrieg gewinnen will, würde ihm nur in Westeuropa schaden. In Amerika aber verblasst der Krieg im Vergleich zur Wirtschaft. Weder der alte Haudegen noch der junge Rhetoriker glänzen hier mit besonderer Kompetenz. Der große Zeitgeist flüstert: Obama wird’s. Doch bis zum 4. November lauern noch viele kleine Quälgeister, »Überraschungen« genannt, auf seinem Weg. Erinnert sich noch jemand an Michael Dukakis? Der lag im Sommer 1988 mit 17 Punkten vor Vater Bush. Oder an Gerald Ford? Sein Vorsprung betrug 30 Punkte, gewählt wurde Jimmy Carter.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Obama

    egal, wie der naächste Präsident der USA heißt, an der "Politik der Stärke" wird sich nichts ändern.
    Auch ein Herrn Obama wird seinen jetzigen und zukünftigen Geldgebern gerecht werden müssen - frei nach dem Motto: "Wes´ Brot ich ess, des´ Lied ich sing!".

    • BieneX
    • 14.05.2008 um 21:11 Uhr

    Die erste historische Faustregel versagte bereits beim letzten Wechseln. Trotz Clintons Überschuss-Kontostandes war Al Gore nicht so weit gekommen sein Nachfolger zu werden. Obama ist sympatisch, aber nicht fähig, Buschs Kontostand zu verbessern. Der Sieger wird  McCain heißen. Wetten?

  2. Egal welcher von dreien es zum Präsidenten bringt, Europa wird auch weiterhin keine bedeutende Rolle in der US-Politik spielen, eher weniger. In der Tat wurde Europa von keinem der Kandidaten in den zahllosen Wahlreden auch nur erwähnt.  Auch im US-Export und Import spielt Europa seit langem nur noch eine marginale Rolle.   Seit der Finanzkrise werden sich die USA womöglich sogar noch mehr als bisher auf ihre internen Probleme konzentrieren.

  3. Am besten wäre es natürlich, wenn Bush seine Amtszeit à la Lukaschenko seine Amtszeit einfach nochmal um vier Jahre verlängern würde.Wie bitte, das "geht nicht"?Und ob das geht. Bekanntlich ist Krieg, und da darf der Präsident einfach alles: Länder in Schutt und Asche Bomben, weltweit Menschen kidnappen, sie foltern und ermorden lassen, internationale Verträge brechen, sein korruptes Parlament belügen, Wahlen fälschen, etc.  Natürlich mit ausdrücklicher Zustimmung amerikanischer "Elite"-Juristen.Und da soll er nicht auch einfach seine Amtszeit verlängern können?Für die Welt wäre es zweifellos das Beste. 

  4. Ein Muslim als amerikanischer Präsident? Da sei Gott (und nicht Allah!!) vor!

    • MDNL
    • 15.05.2008 um 14:12 Uhr

    "europa" wird im wahlkampf nicht erwähnt, weil das für den durchschnitts-ami ein reizwort geworden ist seit 9/11.

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    Europa und besonders Deutschland werden von niemandem erwaehnt, weil beide Amerika voellig egal geworden sind.

    Europa und besonders Deutschland werden von niemandem erwaehnt, weil beide Amerika voellig egal geworden sind.

  5. Redaktion

    Das ist von der Statistik her nicht richtig. Zwar sind die Exporte der USA nach Europa seit 2000 gesunken, die Importe von Europa nach USA und damit das Außenhandelsdefizit sind aber gestiegen (übrigens generell, das betrifft nicht nur Europa).http://www.eurunion.org/p...Sonst wäre der Dollar gegenüber dem Euro ja auch nicht so unterbewertet.Das dürfte sich aber auch unter den Demokraten nicht ändern, denn das reflektiert eher die allgemeine Wirtschaftslage.

  6. Auch 'unter' einem Präsidenten Obama würde Hillary Clinton eine bedeutende politische Rolle in der amerikanischen Politik einnehmen und nicht mehr in der Hauptsache als 'einfache' Senatorin von New York, wie von ZEIT-Herausgeber Joffe ganz aktuelle berichtet, tätig sein. Deshalb bleibt sie auch bis zum Ende dabei.
    Warum Busch-Freund Joffe Obama in der Headline mit Barack, seinem Vornamen, anspricht, bleibt offen. Deutlich wird aber die Haltung und Einstellung von Joffe zu Barack Obama. 

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