Italien : Sattelfest im Olivenhain

Bei einer Radreise durch Apulien sind Picknick und Pythagoras wichtiger als der Kilometerstand

Vor dem Kastell des friedlichen apulischen Landstädtchens Conversano nehmen wir unsere Räder in Empfang. Robuste Gefährte mit acht Gängen, drei Bremsen, Doppelständer und Gel-Sattel, dazu bunte Gepäcktaschen. »Wer macht das Schlusslicht?«, fragt Reiseleiterin Evelyn. Der Ölmanager a. D., mit feinen Lederschuhen, Dreiviertelhosen und hellgrünem Pullunder ausgestattet, hebt die Hand. Genüsslich zieht er noch einmal an seiner Pfeife, dann radeln wir unter der warmen Südsonne los. »Au, so viel Fahrrad!«, ruft uns ein junger Mann hinterher. 242 Radkilometer durch Apulien liegen vor uns, eine einwöchige Reise durch den Stiefelabsatz Italiens. Eine Tour der Gemächlichkeit zwischen Adria und Ionischem Meer, über Karstflächen, durch Täler und Bauerndörfer.

Auf fast autofreien Sträßchen mit »ein paar leichten Ondulationen«, wie Evelyn die Anstiege umschreibt, queren wir das sanfte Hügelland. Am Wegesrand wuchert Herkuleskraut, hinter Bruchsteinmauern breiten sich grüne, mit rotem Klatschmohn betupfte Wiesenteppiche aus. Die Bauern machen Frühjahrsputz auf ihren Kleinparzellen. Mit Traktoren oder elektrischen Handmaschinen eggen sie die rotbraune Erde und stutzen die Kronen der Olivenbäume. 40 Prozent des italienischen Olivenöls stammen aus Apulien, das zugleich der größte Weinlieferant der Nation ist. Links und rechts unserer Piste ziehen sich Reihen von Rebstöcken hin – von allgegenwärtigen Plastikplanen bedeckt, die Vögel und Hagelschlag abwehren sollen. Über das Land verstreut und charakteristisch für diese uralte Agrarlandschaft sind auch die Trulli: mörtellos gefugte Steinrundhäuser mit dicken Mauern, winzigen Fenstern und schuppenartigen kegelförmigen Dächern, die als Viehställe, Lagerschuppen und den Bauern sogar als Nachtquartier dienten.

Unsere Radgruppe besteht aus 12 Damen und Herren zwischen 60 und 75 Jahren. Nach ersten Anbahnungen von Sattel zu Sattel wird klar, dass es sich um einen Kreis mit hoher Doktortitel- und Golfspielerdichte handelt. Zwei Augenärzte, ein Wirtschaftsjurist und der Ölmanager a. D., ein Kühlhausunternehmer und eine Weinhändlerin sind mit von der Partie. Die eine hat Trakehner auf der heimischen Koppel stehen, der andere eine Jolle am Chiemsee liegen. Uns zur Seite steht das kompetente Team des Reiseveranstalters: Dieter stammt aus Kärnten, Evelyn aus Südtirol. Er chauffiert den postgelben Begleitbus, wartet die Räder und bereitet die Picknicks zu. Sie erzählt uns Wissenswertes über Landschaft und Kultur.

Am ersten Nachmittag kommen wir nach Alberobello. Von der Aussichtsterrasse blicken wir auf den Hang gegenüber, der von Trulli übersät ist. Rund tausend Exemplare dieser putzigen Hütten mit den Zipfelmützendächern bilden das Ensemble, das im 15. Jahrhundert als Landarbeitersiedlung entstand und heute zum Weltkulturerbe der Unesco zählt. Zum Glück für die Einwohner existieren zwei Trulli-Viertel nebeneinander – eines zum Arbeiten, eines zum Schlafen und Entspannen. Im Stadtteil Rione Monti wird das Geld verdient: Hotel-Trulli, Bar-Trulli, Souvenirladen-Trulli dicht an dicht. Und jenseits davon das stille Wohnviertel Rione Aia Piccola, in dem die Einheimischen weitgehend unter sich geblieben sind.

Bald erradeln wir, dass Apulien nicht nur Trulli-Gebiet ist, sondern auch das Land der Schluchten und Grotten. Gravine, tiefe Canyons, von den Flussläufen seit der Steinzeit in die Ebene gegraben, durchschneiden das Kalksteinplateau Murgia. Wohnhöhlen und Höhlenkirchen, ja, ganze Höhlenstädte zeugen von einer lebendigen Grottenkultur. O sole mio singt ein Althippie, bevor wir in den Schlund der Karstgrotte in Castellana eintauchen. Behutsam folgen wir dem glitschigen Gang durch das Höhlenlabyrinth. Eine feuchte, brillant ausgeleuchtete Unterwelt aus Stalagmiten und Stalaktiten, deren märchenhafte Formen die Fantasie beflügeln. Wir können, wenn wir nur wollen, Zyklopen und Altarkerzen und den grazilen Fuß einer Ballerina sehen. Bis zur Grottenentdeckung im Jahr 1938 warfen ahnungslose Bauern und Hirten ihren Müll in das große Loch, durch das jetzt die Sonne ein Bündel Strahlen schickt. O sole mio!

Tags darauf landen wir nach langer Schussfahrt in Massafra. Bei Mina aus der Gravina. So taufen wir die blond gelockte Führerin, die uns zwei in Tuffstein gehauene Höhlenkirchen mit mittelalterlichen Fresken zeigt. In der ersten, einer byzantinischen Krypta, fallen uns die Säulenfresken auf. Sie stellen Wunderheiler und Schutzpatrone der Stadt dar, die Kranke gratis behandelten. »Heute würden die nur Privatpatienten nehmen«, murmelt einer aus der Gruppe. In der zweiten Grottenkirche, der Cripta della Candelora mit den Deckengewölben, staunt die bibelfeste Gelsenkirchenerin. Einmalig kommt ihr das Fresko vor, auf dem die Mutter Gottes den dreijährigen Jesus an der Hand führt. »Das habe ich noch nirgendwo gesehen«, sagt sie. Genug gesehen, der Magen knurrt, das Picknick lockt.

Immer wieder mittags tischt Dieter auf, was die bäuerliche Küche Apuliens hergibt. Salat mit wildem Rucola, Holzofenbrot, Ricotta mit Pesto, Artischocken und getrocknete Tomaten, Joghurt mit deliziöser Bohnenmarmelade, Mandelgebäck. Dazu regionale Landweine, einen roten aus Castel del Monte oder einen weißen aus Locorotondo. Stets findet Dieter ein ideales Plätzchen zum lukullischen Zwischenstopp. Einmal rasten wir vor einer Masseria, einem der typischen Gutshöfe aus dem 16. Jahrhundert, die zur Verteidigung gegen Plünderer mit Wehrtürmen und Schießscharten ausgestattet wurden. Wie so viele in Apulien wird er gerade zum Luxusquartier des Agriturismo umgebaut. An anderen Tagen picknicken wir nach schweißtreibendem Serpentinenanstieg neben einem Steinbrunnen oder bukolisch im Schatten eines griechischen Hera-Tempels mit zwei Reihen dorischer Säulen. »Hier also soll Pythagoras gewirkt haben«, sagt unser Pfeifenmann. Da weht ihm eine Windböe die Oliven vom Pappteller. Typisch für Apulien sind die Trulli, die Steinrundhäuser mit dicken Mauern und kegelförmigen Dächern BILD

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