HOCHSCHULRANKINGAuf der Suche nach sich selbst

von Kilian Kirchgeßner

So angenehm könnte das Forscherleben sein, wenn nicht diese Frage wäre. Ulrich Bartosch kennt sie schon seit mehr als einem Jahrzehnt, so lange schon dauert seine akademische Karriere. Heute ist er Professor für Soziale Arbeit an der Universität Eichstätt Ingolstadt, einer der renommiertesten Fachleute auf seinem Gebiet und immer noch kommt diese Frage, wenn er sich mit Kollegen aus anderen Fachbereichen unterhält: »Ist denn das, was ihr macht, überhaupt Wissenschaft?« Für Ulrich Bartosch steht die Antwort fest, natürlich sei Soziale Arbeit eine Wissenschaft, und immerhin habe sie sich an den deutschen Hochschulen schon längst etabliert. Dass hinter den Zweifeln an seinem Fach ein handfestes Imageproblem steht, sagt er nicht aber genau das ist es, was der Sozialen Arbeit derzeit zu schaffen macht.

Wahrscheinlich sind sie einfach zu unsichtbar, die Absolventen des Studiums. Viele Tausend sind es pro Jahr, die vor allem an Fachhochschulen ihren Abschluss machen und dann im Arbeitsalltag verschwinden, der oft hinter verschlossenen Türen stattfindet.

Sozialarbeiter werden die Absolventen oder Streetworker, Erzieher, Heilpädagogen, Suchtberater, Familienhelfer. Meist sind es Berufe am Übergang zwischen einer problembeladenen Klientel und der Alltagsgesellschaft. In den Blickpunkt geraten die Fachleute allenfalls dann, wenn irgendein Sozialskandal ans Licht kommt. Die Arbeit im Hintergrund bleibt im Verborgenen, und sie eignet sich auch nicht für eine seitenlange Darstellung in Hochglanzmagazinen. » Wir haben einen praktischen, lebensnahen Beruf«, so formuliert es Michael Leinenbach, der Vorsitzende des Bundesverbandes für Soziale Arbeit (DBSH). Und dann fügt er hinzu: »Die Theorie ist aber wichtig für den Berufsstand, ohne sie geht es nicht.«

Soziale Arbeiter sind Praktiker in die Wissenschaft wollen die wenigsten

Der Umkehrschluss gilt auch. In der Sozialen Arbeit kann die Theorie nicht ohne die Praxis auskommen, die Abhängigkeit ist immens: Fast alle Absolventen kommen in einer öffentlichen Einrichtung unter und Gesellschaft und Politik geben in immer kürzeren Zyklen vor, welche Probleme gelöst werden müssen. Die Fachhochschulen sollen dann die passenden Absolventen hervorbringen. Kocht etwa das Thema Jugendkriminalität hoch, steigt schlagartig die Nachfrage nach Kräften für Jugendzentren und Stadtteilhäuser - dann rückt wieder eines der Modethemen in den Vordergrund, Integration zum Beispiel oder demografischer Wandel. Selbst bei den konkreten Studieninhalten mischt die öffentliche Hand mit: Derzeit müssen fast alle Studenten betriebswirtschaftliches Basiswissen lernen, Controlling und Evaluation werden auch in der Sozialbranche immer wichtiger. In diesem Geflecht von Vorgaben noch eigene Schwerpunkte zu setzen wird für die Wissenschaftler zunehmend zum Problem.

Ihr Dilemma haben die Forscher deshalb längst in eine griffige Formel gepackt: »Wir sind ein Bindestrichfach.« Zerrissen zwischen Praxis und Theorie, zwischen hehren Idealen und dem angespannten Staatshaushalt, aber auch zwischen den wissenschaftlichen Schulen der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit. Denn eigentlich ist Soziale Arbeit in dieser Kombination noch ein junges Studienfach. » Wir haben erst vor fünf Jahren die Phase abgeschlossen, in der Sozialpädagogik und Sozialarbeit unter einem Dach zusammengelaufen sind«, sagt Ulrich Bartosch. Er ist Vorsitzender des Fachbereichstages und balanciert seither zwischen den vielen Ansprüchen, die mit Bindestrichen zusammengehalten werden. Die pädagogischen Traditionslinien aus der Jugendarbeit sind ebenso im Fach vertreten wie die Elemente der klassischen Armen- und Altenfürsorge. Ob das alles überhaupt Platz hat in einer einzigen Disziplin, darüber debattieren die Fachleute selbst am heftigsten. Oder, wie es Bartosch vorsichtig tastend formuliert: »Das gemeinsame Fundament ist noch nicht so weit gefestigt, dass es nicht mehr bestritten würde.«

Die Skepsis liegt auch daran, dass neben der Sache mit dem Bindestrich immer noch das zweite Unwort die Runde macht: das der Bezugswissenschaften. Wer im Bereich der Sozialen Arbeit forscht, stößt immer wieder auf andere Disziplinen, die eng verwandt sind und sich teilweise mit den eigenen Fragen überlappen: Soziologie, Psychologie, Politologie, Pädagogik, aber auch Jura haben ihren unverkennbaren Einfluss auf die Disziplin. » Wir haben den Vorteil, dass wir neue Fragestellungen interdisziplinär angehen können und gerade nicht auf eine bestimmte Perspektive festgelegt sind«, sagt Karin Luckey von der Fachhochschule Oldenburg. Themen wie der demografische Wandel oder die europäische Sozialpolitik seien so vielschichtig, dass erst eine solche Verknüpfung unterschiedlicher Denkschulen überhaupt zu einer sinnvollen Strategie führe.

An genau dieser Stelle klafft allerdings die größte Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Es gibt nämlich kaum Wissenschaftler, die diese interdisziplinäre Forschung leisten könnten. Das liegt an der Vergangenheit des Studiums: Über Jahrzehnte hinweg war es auf eine reine Ausbildung hin ausgerichtet - darauf, gewiefte Sozialarbeiter heranzuziehen. Die meisten Studenten kommen bis heute aus der Praxis, sie haben einige Berufsjahre hinter sich oder zumindest längere Praktika irgendwo zwischen Caritas, Schulsozialdienst und Jugendhäusern. » Mit den wissenschaftlichen Ambitionen«, sagt ein Brancheninsider, »ist es bei den meisten unserer Studenten nicht weit her.« Dass die Soziale Arbeit deshalb vor allem an den praxisorientierten Fachhochschulen gelehrt wird, ist nur folgerichtig.

Genau an dieser Stelle setzt aber ein Teufelskreis ein, den das Fach bislang nicht durchbrochen hat: Die FHs haben kein Promotionsrecht und sind deshalb eine Sackgasse für den akademischen Nachwuchs und an den klassischen Universitäten gibt es das Fach Soziale Arbeit nur vereinzelt. Viele Professoren haben deshalb ihre akademische Heimat in einer der Bezugswissenschaften. Genau daran scheitern bisher viele Bemühungen, die Soziale Arbeit als eigenständige Disziplin zu verankern. Häufig scheinen allzu deutlich die soziologischen oder psychologischen Wurzeln durch. Wie gut die Soziale Arbeit trotz aller Hindernisse auf eigenen Beinen stehen kann, zeigt der Blick ins Ausland: In Amerika etwa, konstatieren deutsche Wissenschaftler neidvoll, wird Soziale Arbeit seit bald einem Jahrhundert an den Universitäten gelehrt und hat einen ganz anderen Nimbus als hierzulande. Auf internationalen Fachkonferenzen sind Deutsche deshalb nur selten anzutreffen eine Art selbst gewählte Isolation, wie Kritiker gerne mit spitzer Zunge anmerken.

Die Grande Dame träumt von einem Berufskodex

Zu den Kritikern gehört Silvia Staub-Bernasconi. Die 72-jährige Schweizerin gilt als Grande Dame der Sozialen Arbeit. » Solange im deutschsprachigen Raum umstritten ist, ob die Soziale Arbeit ein bloßer Beruf ist oder eine Profession«, mahnt sie, »wird sich unser Selbstbewusstsein nicht herausbilden können!« Die Schweizerin, die noch heute in Berlin lehrt, verficht hartnäckig eine Abgrenzung der Sozialen Arbeit von den Bezugswissenschaften. » Wir können es uns nicht leisten, nur auf die Soziologie zu rekurrieren. Unser Gegenstand ist etwas Originäres nämlich zur Lösung der sozialen Probleme beizutragen.« Für ihr Fach wünscht sich Staub-Bernasconi einen eigenen Berufskodex, der ein Bewusstsein als Profession erst ermögliche. Nur so wären die Sozialen Arbeiter künftig nicht mehr nur ihrer konkreten Klientel und der Gesellschaft verpflichtet, sondern eben auch ihrer eigenen Berufsordnung.

Bislang ist es mit einem Standesbewusstsein nicht weit her. Nur ein Bruchteil der Absolventen ist im Berufsverband organisiert. » Die Leute definieren sich nach ihrer konkreten Ausbildung«, sagt Michael Leinenbach vom Bundesverband für Soziale Arbeit. » Sie sehen sich als Erzieher, als Sozialarbeiter oder als Heilpädagogen.« Da ist sie wieder, die Bindestrichhypothese: Formal sitzt man zwar im gleichen Boot, aber ohne wirkliches Zusammengehörigkeitsgefühl. Vielleicht, hoffen Branchenexperten, bietet die Umstellung auf Bachelor und Master nach vielen Jahren des Nebeneinanderherlebens die Chance, das zu ändern: »Ich wünsche mir für alle Studenten einen generalistischen Bachelor in Sozialer Arbeit«, sagt Karin Luckey, »darauf kann ein spezialisierter Masterstudiengang aus einer der konkreten Disziplinen aufbauen.« Für ein gemeinsames Berufsverständnis sei das ideal, nebenbei entstünde ein Kanon, was nun eigentlich unabdingbar zur akademischen Disziplin gehöre. Ob sich ihre Hoffnung erfüllt, werden Luckey und ihre Kollegen spüren wenn sie keiner mehr fragt, ob ihr Fach wirklich eine Wissenschaft sei.

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