Vor den Eingängen ihrer Bienenstöcke hat Sabine Graf weiße Planen ausgebreitet, darauf lassen sich die toten Leiber besser erkennen und zählen. "Die strecken den Rüssel raus, wenn sie vergiftet sind", sagt sie und hält verkrümmte Tiere ins Sonnenlicht. Dann öffnet sie die Wabenkästen und schaut nach der Honigausbeute. Es ist kaum etwas da, und die Honigerntezeit ist fast vorbei. Dieses Frühjahr sei eine Katastrophe, sagt die Biologin und Fachfrau für Bienengesundheit des Landesverbandes Badischer Imker, und zwar für alle Imker entlang der 200 Kilometer langen Rheinebene zwischen Rastatt und Lörrach. 7000 Völker sollen laut Schätzung des Verbandes vernichtet worden sein. Dessen Vorsitzender Ekkehard Hülsmann spricht von "Todeszone".

Während der zweiten Maiwoche begannen Behörden wie die Abteilung Landwirtschaft beim Regierungspräsidium Freiburg damit, Bienenproben zu sammeln und an mehrere Institute zu schicken. Die Imker aber machten rasch den Hauptverdächtigen in diesem tödlichen Krimi aus. Sie hatten beobachtet, wie die Landwirte von Ende April an ihre Maissaat in den Ackerboden fuhren, und sie hatten die rosafarbenen Staubwolken gesehen, die hinter den Traktoren aufgestiegen waren. Sie stammten von dem im Rheintal erstmals verwendeten Saatguttyp Poncho Pro, hergestellt von der Firma Bayer Crop-Science. Die Maissaatkörner sind mit einem rotfarbenen Insektizid umhüllt, das den Wirkstoff Clothianidin enthält. Erstmals am 5. Mai machte Imker Hülsmann den baden-württembergischen Landwirtschaftsminister Peter Hauk auf Poncho Pro aufmerksam, wies auf die verdächtigen "roten Kügelchen" an den Wegrändern und in den Feldern hin. Aber das Ministerium lehnte Sofortmaßnahmen ab.

Währenddessen ahnte man bei Bayer wohl, dass sich Ärger anbahnte. Mit Rundschreiben vom 9. Mai gab Bayer CropScience den Landwirten am Oberrhein die "dringende Empfehlung", bei der "noch verbleibenden Maisaussaat pneumatische Geräte einzusetzen, deren Abluft in den Boden abgeführt wird" – am besten mit Hilfe eines "flexiblen Schlauchs am Abluftkanal". Die kurios klingende Empfehlung kam zu spät, das Saatgut lag bereits auf den Feldern.

Die Aussaat von Mais erfordert Genauigkeit. In Abständen von etwa zwanzig Zentimetern muss jeweils ein Saatkorn zehn bis fünfzehn Zentimeter tief in die Erde gesetzt werden. Die von den Bauern verwendeten Sämaschinen saugen die Körner aus Behältern und schießen sie in den Acker. Die dafür nötige Druckluft entweicht über ein Rohr, das meist in Höhe der Traktorfahrerkabine ins Freie ragt.

Die Landwirtschaftsbehörden in Baden-Württemberg hatte den Bauern empfohlen, auf das neue Saatgut zu wechseln. Denn 2007 wurden starke Ernteausfälle durch den Westlichen Maiswurzelbohrer verzeichnet. Um die Fundstellen aus 2007 musste in diesem Jahr eine Befalls- und eine Sicherheitszone eingerichtet werden. Poncho Pro sollte helfen, die Ausbreitung des Schädlings zu verhindern. Noch am vergangenen Freitag hielt es eine Sprecherin von Landwirtschaftsminister Hauk für möglich, dass nur solche Bienenvölker den Gifttod starben, die bereits durch die Varroamilbe geschwächt waren.

Das deckte sich mit der Sprachregelung von Bayer am selben Tag: Es seien "wegen starker Varroa-Belastung (…) viele Bienenvölker geschwächt aus der Winterruhe gekommen". Die Herkunft des giftgeschwängerten Abriebstaubs wiederum, der sich über breite Landstriche legte, stamme vermutlich von "fehlerhaft behandelten Mais-Saatgutpartien".

Ernster sah das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) die Sache. Es zog die Zulassung von Poncho und sieben anderen Insektiziden mit sofortiger Wirkung zurück; im BVL waren die Ergebnisse des Braunschweiger Julius Kühn-Instituts eingegangen: Es könne "eindeutig geschlossen werden, dass eine Vergiftung der Bienen durch Abrieb des Pflanzenschutzmittelwirkstoffs Clothianidin vorliegt." Bei der Frage nach Verantwortlichkeiten hält sich das Amt allerdings zurück. Die Vorkommnisse am Oberrhein hätten sich nicht vorhersehen lassen.