Ingenieure Das fast perfekte Glück

Dem Fach Wirtschaftsingenieurwesen geht es glänzend: Ausreichend Bewerber, hervorragende Berufsaussichten für die Absolventen. Die Studienbedingungen allerdings könnten besser sein

Es war ein sonniger Tag im Mai 2005, Francesco Vitale paukte gerade Stoff aus der Vorlesung Finanzierungsmanagement, als ihn der Chef seiner früheren Firma Aluplast anrief: »Wir bauen in Italien eine neue Niederlassung auf – willst du der Geschäftsführer werden?« Vitale, 27 Jahre jung, Wirtschaftsingenieurstudent an der FH Karlsruhe, sagte sofort zu – und tauschte den Hörsaal gegen ein geräumiges Büro in Ferrara. Bei Aluplast, einem Karlsruher Hersteller von Fensterprofilsystemen, hatte der gelernte Industriemechaniker vor seinem Studium den Vertrieb für Italien und die Schweiz geleitet; nun war er plötzlich für ein ganzes Werk verantwortlich.

Erfolgsgeschichten wie die von Francesco Vitale können viele Wirtschaftsingenieure erzählen, ihre Berufsaussichten sind exzellent: Nach einer Umfrage des Hochschul-Informations-Systems (HIS) hatten rund 90 Prozent der Uni- und FH-Absolventen des Jahrgangs 2005 ein Jahr nach ihrem Abschluss einen Job. Und: Nach fünf Jahren im Beruf verdienen fast die Hälfte aller Wirtschafsingenieure 20 Prozent mehr als bei ihrem Einstieg, ergab die aktuelle Berufsbilduntersuchung der TU Berlin, für die Absolventen und Personalverantwortliche befragt wurden. Arbeitslosigkeit ist in dieser Berufsgruppe die Ausnahme, und sie sinkt weiter: 2005 hatten durchschnittlich 3.536 »Wiings« keinen Job, 2007 waren es nur noch 1.599.

Wirtschaftsingenieure arbeiten an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik: Sie müssen die Arbeit des Konstrukteurs genauso verstehen wie die des Controllers; sie achten darauf, dass Produkte zuverlässig funktionieren – und sich auch verkaufen. Die studierten Generalisten kommen deshalb in fast allen Unternehmensbereichen zum Einsatz, wenn auch verstärkt in Logistik, Marketing, Controlling und bei Beratungsunternehmen.

Bei DaimlerChrysler etwa sind Wirtschaftsingenieure gern gesehen, weil sie »durch ihren technischen Sachverstand in Verbindung mit dem wirtschaftlichen Blick auf Qualität, Zeit und Kosten« vielseitig einsetzbar seien, sagt Maria Riolo, Leiterin der Konzernabteilung Global Talent Acquisition & Development. »Das sind Leute mit einem breiten Horizont, die sehr strukturiert denken und analytisch-konzeptionell arbeiten«, lobt auch Günther Illert, Personalchef der Unternehmensberatung Capgemini.

Um ihrem Ruf als »Mittler zwischen zwei Welten« gerecht zu werden, müssen Wirtschaftsingenieure ein anspruchsvolles Studium absolvieren. Sehr gute Mathe- und Physikkenntnisse sind Grundvoraussetzungen; in den Seminaren und Vorlesungen ist Flexibilität gefragt: »Morgens Mathe, mittags BWL, nachmittags Werkstoffkunde und Informatik – das ist eine besondere Herausforderung«, sagt Uwe Dittmann, Vorsitzender des Fachbereichstags Wirtschaftsingenieurwesen und Professor an der Hochschule Pforzheim. »Wir sagen den Studenten schon beim Aufnahmegespräch, dass wir eine hohe Leistung erwarten.«

Der erhöhte Aufwand im Vergleich zu einem BWL- oder Ingenieurstudium schreckt junge Leute aber nicht ab – im Gegenteil: Die Zahl der Studenten im Fach Wirtschaftsingenieurwesen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen, von rund 43.000 im Wintersemester 2003/2004 auf mehr als 55.000 – davon fast 11.000 Frauen – drei Jahre später.

Kritiker werfen Wirtschaftsingenieuren vor, von allem etwas zu wissen, aber nicht über Spezialwissen zu verfügen. »Da haben sie nicht ganz unrecht«, sagt Francesco Vitale, der ehemalige Student aus Karlsruhe. Man müsse aber auch nicht alle technischen Details kennen, entscheidend sei, dass man sich schnell einarbeiten könne.

Als es etwa in der neuen Produktionsstätte seines Betriebs in Ferrara ein Problem mit dem Abfluss des Kühlwassers gab, habe er schnell herausgefunden, dass die eingesetzten Rohre den falschen Durchmesser hatten. Die Mitarbeiter hätten große Augen gemacht, erzählt Vitale: »Oops, der Chef hat Ahnung davon.« Seitdem würden technische Probleme und Details ausführlich mit ihm besprochen.

Die Kritik an der universalen Ausbildung sei teilweise auch eine Neiddebatte, sagt Helmut Baumgarten, Verfasser der Berufsbilduntersuchung und Gründer des Fachbereichs Logistik an der TU Berlin. Neid? Allerdings, sagt Baumgarten: »Wirtschaftsingenieure arbeiten oft in Führungspositionen.« Tatsächlich haben es einige Absolventen des Fachs sogar bis in die obersten Etagen der Wirtschaft geschafft, zum Beispiel Wolfgang Reitzle, Vorstandsvorsitzender der Linde AG, oder Karl-Friedrich Rausch, Vorstand für Personenverkehr bei der Deutschen Bahn.

Die Beliebtheit des Fachs Wirtschaftsingenieurwesen und sein guter Ruf waren bisher verknüpft mit dem Diplom – das aber ist ein Auslaufmodell. Von den insgesamt 189 Wiing-Studiengängen sind laut Hochschulrektorenkonferenz bisher 155 auf Bachelor und Master umgestellt worden.

Während die Regelstudienzeit früher an Fachhochschulen zwei Semester kürzer ausfiel, ist sie dort nun genauso lang wie an den Universitäten: Sechs bis sieben Semester sind für den Bachelor vorgesehen, drei bis vier für den Masterabschluss, sodass die Wirtschaftsingenieure von morgen spätestens nach zehn Semestern zum Abschluss kommen sollen – bisher studieren die meisten 12 bis 13 Semester. Faktisch bedeuten Bachelor und Master also eine enorme Verkürzung.

Wie in allen Ingenieurwissenschaften läuft daher auch bei den Wiings die Debatte, ob der kurze Bachelorstudiengang denn nun überhaupt Berufschancen biete oder nicht. »Nach Möglichkeit macht man den Master«, sagt Helmut Baumgarten, der Berliner Logistikprofessor. In jedem Fall bräuchten Absolventen diesen Grad, wenn sie in Führungspositionen arbeiten wollten. »Unsere Bachelorabsolventen sind hundertprozentig berufsfähig«, sagt dagegen Uwe Dittmann von der Hochschule Pforzheim, einer Fachhochschule. Und: Auch Wirtschaftsingenieure mit Bachelor könnten es grundsätzlich in Führungspositionen schaffen.

Überhaupt seien die FH-Abschlüsse für Wirtschaftsingenieure inzwischen auf sehr hohem Niveau, betont Dittmann, sodass »die Unis nicht mehr die gleichen Vorteile haben wie früher«. Einig sind sich die beiden Professoren in der Einschätzung, dass die Ausbildung an Universitäten stärker für eine Arbeit in der Forschung qualifiziere, während das Studium an den Fachhochschulen praxisorientierter sei.

Dass der Bachelor für Wirtschaftsingenieure nicht ausreicht, um erfolgreich zu sein, und dass FH-Absolventen womöglich im Nachteil sind, widerlegen Absolventen wie Francesco Vitale, der sogar ohne Abschluss Werksleiter wurde. Seine Bachelor-Thesis schrieb er neben der Arbeit. Sein Chef habe nie von ihm verlangt, noch den Master zu machen, erzählt der junge Wirtschaftsingenieur.

Als er die neue Produktionsstätte von Aluplast im italienischen Ferrara aufbaute, hatte Vitale neun Mitarbeiter. Inzwischen sind es 40, und der heute 30-jährige Chef kann stolz verkünden, dass er die neue Zweigstelle in die Gewinnzone gebracht hat. Den Umsatz steigerte er im vergangenen Jahr um satte 28 Prozent auf 13 Millionen Euro.

So gut geht es dem Fach und seinen Absolventen, da mag es für die Studienanfänger am Ende gar nicht so sehr darauf ankommen, welche Hochschulen beim Ranking am besten abschneiden. Laut den CHE-Zahlen liegt etwa die TU Berli n bei der Studiensituation insgesamt ebenso wie bei der Betreuung und beim Praxisbezug in der Schlussgruppe, gleichzeitig reißen sich Arbeitgeber weiter auch um die Berliner Wirtschaftsingenieure.

Vorne im Ranking liegt die Brandenburgische Technische Universität (BTU) in Cottbus , die nach zuvor schon exzellenten Werten sich in der Studiensituation insgesamt nochmals verbessert hat. Ebenfalls stark sind die Universitäten Magdeburg , Karlsruhe , die TU Clausthal und die Universität Flensburg . Ansonsten finden sich überraschend viele Hochschulen im Mittelfeld wieder.

Wenig Starke, wenig Schwache: Vielleicht ist das ja auch typisch für ein Fach, das keine Nachwuchssorgen hat.

 
Leser-Kommentare
  1. Der Anteil der hochemanzipierten und hochqualifizierten Powerfrauen bei nur 20% und kein Aufschrei der Empörung?Was ist los?Es gab Zeiten, da ist die ZEIT schon wegen viel kleinerer Diskriminierung auf die Barrikaden gegangen.Warum wird der steinzeitlich patriarchale Zustand nicht angeprangert?Wo der Hinweis auf die um ihre Pfründe fürchtende Altherrenriege?Warum werden nicht die geheimen Mechanismen aufgedeckt, mit der das Patriarchat die hochemanzipierten und hochqualifizierten Powerfrauen aus diesem Studiengang rausdrängt?Wo bleibt die Forderung nach Quote und positiver Diskriminierung?Wo bleibt der anklagende Vergleich zwischen dem 50%-Anteil an der Weltbevölkerung und der totalen Unterrepräsentiertheit der hochemanzipierten und hochqualifizierten Powerfrauen im besagten Studium?Wo?Wo?Wo?Ach so, ich ahne es. In dieser Konstellation (schließlich kann sich jede Frau genauso eintragen wie jeder Mann) lässt sich aus der Unterrepräsentiertheit ganz schlecht eine Diskriminierung herbeireden. OK, man könnte das damit begründen, dass im 8. Jh. Frauen kein Wirtschaftsingenieurstudium aufnehmen durften, aber auch das würde in diesem Umfeld lächerlich wirken.-Aber zum nächsten Frauentag, dann liebe ZEIT, bitte ich um die übliche männerfeindliche Hetze, das übliche Diskriminierungsgequatsche, die üblichen Vergleiche zwischen 50%-Anteil Weltbevölkerung und nur 0%-Anteil bei den Konzerncheffinnen, die Forderung nach der Hälfte des Himmels, den Verweis auf das positive Beispiel Norwegen und die unbedingte Forderung („wissenschaftlich“ begründet, versteht sich) nach Quoten und positiver Diskriminierung.Frau Dückers, ich zähle auf Sie und danke schon mal im Voraus. Und werde dann gern auf diesen Artikel und dieses Posting verlinken (nein, ich kann mir das nicht merken, aber das Outlook hat ein gutes Gedächtnis)

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