Lehramtsstudium: So macht’s der Nachbar
In Deutschland halten die Kultusminister am Staatsexamen für Lehrer fest. In Österreich hat man mit dem Bachelorabschluss gute Erfahrungen gemacht.
Sie bemerkt noch während ihres Vortrags, dass niemand im Publikum sie richtig versteht. »Wir haben einfach aneinander vorbeigeredet«, erinnert sich Marlies Krainz-Dürr. Die Österreicherin, die in Klagenfurt die Pädagogische Hochschule leitet, war für ein Referat über Lehrerausbildung in Kiel – und erst später am Abend hat sie begriffen, warum ihre deutschen Kollegen sie nicht verstanden haben: »Als ich von Profession geredet habe, dachten die deutschen Lehrer automatisch an Mathematik, Deutsch oder Geografie. Wir in Österreich meinen damit aber den Lehrerberuf als solchen. Lehren und Lernen, das ist unsere Profession!«
Es sind Welten, die zwischen der Lehrerausbildung in Deutschland und in Österreich liegen. Der Bologna-Prozess bringt zusätzlichen Wirbel in die Sache: Für die Gliederung des Studiums in Bachelor und Master gibt es in fast jedem deutschen Bundesland ein eigenes Modell – und bisweilen variiert die Ausbildung schon von Universität zu Universität. An ein Prinzip aber halten sich alle Kultusminister in Deutschland: Ein Bachelorabschluss allein reicht bei den angehenden Lehrern nicht als Qualifikation aus, um vor eine Klasse zu treten. Eine Regelung, die in Österreich für Verwunderung sorgt – dort nämlich ist es der Regelfall, dass die jungen Lehrer gleich mit dem Bachelor in den Schuldienst wechseln.
Den Grund dafür sieht Marlies Krainz-Dürr gerade in der anderen Auffassung von Profession. »Wer bei uns studiert, ist während seines ganzen Studiums in engem Kontakt mit der Unterrichtspraxis an den Schulen«, sagt sie. Anders als in Deutschland, wo die meisten angehenden Lehrer erst während des Referendariats in längeren Kontakt mit ihrem Berufsfeld kommen.
Angehende Lehrer gehen schon während des Studiums in Schulklassen
In Österreich sind es sogenannte Schulpraktische Studien, die den Studenten schon während ihrer Ausbildung Einblicke in den Schulalltag ermöglichen. Ein rundes Drittel des Studiums ist dieser Art der Praxisvermittlung gewidmet; ein weiteres Drittel macht die pädagogische Ausbildung aus, die damit genauso stark gewichtet ist wie der fachwissenschaftliche Teil des Studiums. Sechs Semester dauert in Österreich ein solches Bachelorstudium, anschließend arbeiten die Absolventen als vollwertige Lehrer – zumindest in den Grund- und Hauptschulen.
Auch das ist charakteristisch für das öster reichische System: Die Lehrerausbildung ist strikt in zwei Gruppen unterteilt. Wer an Grund- oder Hauptschulen unterrichten will, geht auf eine Pädagogische Hochschule, macht dort den Bachelor und beginnt dann den Schuldienst. Wer das gymnasiale Lehramt zum Ziel hat, der muss sich an einer Universität einschreiben, einige Semester länger studieren und mehr fachwissenschaftliche Inhalte pauken. Ein solches streng getrenntes zweigleisiges Konzept zur Lehrerausbildung hat Seltenheitswert – in Deutschland gibt es etwas Vergleichbares nur in Baden-Württemberg. Außer dem Namen haben diese Pädagogischen Hochschulen (PH) aber nicht viele Parallelen zum österreichischen Pendant. »Mit einem Bachelortitel wird hier bei uns niemand Lehrer«, sagt Ulrich Druwe, der die Pädagogische Hochschule in Freiburg leitet. In Deutschland halten die Kultusminister am Staatsexamen fest – und das kollidiert häufig mit dem gestuften Studiensystem von Bachelor und Master. Auch an den Pädagogischen Hochschulen führt deshalb kein Weg an den herkömmlichen Studiengängen vorbei. Sechs bis sieben Semester dauern sie für die Grund-, Haupt- und Realschullehrer – und daran schließen sich obligatorisch bis zu zwei Jahre im Referendariat an. Erst dann folgt das entscheidende Staatsexamen. Schneller lasse sich kein Lehrer ausbilden, argumentiert Ulrich Druwe: »Schließlich ist es die Mischung aus Kenntnissen in der Grundlagenforschung und Praxiselementen, die einen guten Lehrer ausmacht. Und das braucht einfach Zeit.« Ein reines Bachelorstudium hält Druwe schlicht für zu kurz, um damit Lehrer zu werden.
Es fehlt an einem einheitlichen Konzept
In Österreich sieht man das anders. »Wir haben mit der sechssemestrigen Ausbildung zum Lehrer einige Jahrzehnte lang gute Erfahrungen gemacht«, sagt Herbert Altrichter. Er unterrichtet an der Johannes Kepler Universität in Linz und ist Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Bildungswesen. »Früher hieß das zwar noch nicht Bachelor, sondern schlicht Lehramtsabschluss – aber es hat nie Klagen gegeben, dass die Lehrer wegen des kurzen Studiums mit ihren Aufgaben nicht zurechtkämen.« Die Debatte über die Studienzeiten greife zu kurz, sagt er. »Weder sechs noch neun Semester machen aus einem Studenten einen fertigen Lehrer. Wer die Qualität der Ausbildung verbessern will, muss auf die Übergangszeit zwischen Studium und Beruf schauen und den jungen Lehrern viel Hilfestellung geben.«
In Deutschland könnte die Umstellung auf Bachelor und Master der passende Anlass sein, genau an dieser Stelle etwas zu verändern. »Dass das Fachstudium parallel zur didaktischen Ausbildung läuft, ist eine wichtige Voraussetzung für ein gutes Lehramtsstudium«, sagt Andreas Keller von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Bei einigen innovativen Lehramtsmodellen an verschiedenen Hochschulen wird exakt das bereits praktiziert – es fehlt aber schlicht an einem einheitlichen Konzept oder auch nur einer gemeinsamen Grundlage. So unübersichtlich ist die Situation rund um die Reformstudiengänge inzwischen geworden, dass selbst Experten nur schwer den Überblick behalten. Für Gewerkschaftsmann Andreas Keller allerdings steht fest: »Wir haben darunter noch keine befriedigende Antwort gefunden, wie der Bachelor allein zum Lehrberuf qualifizieren könnte.«
Eine Ausnahme für Grund- und Haupt-schullehrer so wie in Österreich wird es in Deutschland auf absehbare Zeit wohl nicht geben. Im Gegenteil: Es sei schließlich ein Trugschluss, heißt es unter Experten, dass angehende Lehrer kleine Kinder schon nach einem kurzen Studium und große Kinder erst nach einem langen Studium unterrichten könnten. »Gerade wer sich um kleine Kinder kümmert, muss sich intensiv mit bildungswissenschaftlichen Inhalten beschäftigen«, mahnt Druwe von der PH Freiburg. »Die Kinder sollen ja nicht nur betreut, sondern auch angeregt werden!«
Vielleicht ist ja zumindest das ein Aspekt, den sich die Deutschen aus Österreich abschauen: Lehren und Lernen als Profession zu verstehen und nicht mehr die jeweilige wissenschaftliche Ausrichtung – genauso wie es die Klagenfurter Hochschulleiterin Marlies Krainz-Dürr unlängst bei ihrem Vortrag in Kiel erlebt hat.







Es ist unglaublich. Da wird im Zuge der gesellschaftlichen Veränderung in den 70er Jahren endlich dafür gesorgt, dass die Zweiklassenbildung wenigstens bei der Lehrerausbildung abgeschafft wird - und nun wird einem dieses Konzept aus dem 19. Jhd. wieder als besonders innovativ verkauft. Zu BA und MA mag jeder stehen, wie er will - einen 22-Jährigen von der Schule an die (Pädagogische Hoch-)Schule zurück in die Schule zu schicken, kann ja nicht Sinn einer Reform der Lehrerausbildung sein. Ich würde meine Tochter ungerne in die Hände eines solchen Junglehrers geben.
Und wie ist das mit dem festgefahrenen, ausgebrannten und unmotiviertem Altlehrer?! Die Lehrerausbildung ist übrigens immernoch aufgeteilt. Wer Haupt- und Realschullehramt studiert, ist prinzipiell erstmal nicht aufs Gymnasium mit Oberstufe aus. Umgedreht werden Studenten des gymnasialen Lehramts zu Gymnasiallehrern "ausgebildet", was ich persönlich für nicht gut halte. Wir bekommen viel zu wenig Kompetenzen im Bereich Psychologie, Sonderpädagogik oder Mediation vermittelt. Die Ausbildung ist leider vieles, aber nicht die Beste. In Hessen gestaltet sich die Gewichtung so, dass wir in den beiden Fächern 90 Leistungspunkte holen müssen, in den Erziehungswissenschaften 60. Die Erziehungswissenschaften sind gnadenlos überlaufen, ein planmäßiges Studium nicht möglich. Der Praxisbezug ist meiner Meinung nach nicht ausreichend gegeben. Die meisten Erfahrungen mache ich persönlich über die Unterrichtsgarantie Plus. Wenn ein 22-jähriger schon genügende Erfahrungen gemacht hat, kann er ruhig in den Schuldienst. Aber ich kann mir das für mich nicht vorstellen, da ich mich noch bei weitem nicht reif genüg fühle. Aber ich würde einen größeren Schwerpunkt hin zu Praktika UND Erziehungswissenschaften begrüßen. Und wir sollten uns mehr mit dem Lehrberuf als Profession beschäftigen. Und, woran es in Deutschland ganz gewaltig krankt: Der Anerkennung des Lehrerberufs. Viele sind doch noch der Meinung, dass Lehrer faul sind, lange Ferien haben. Das dazu aber einer der psychisch eher belastenderen Job mit großer Verantwortung zählt, vergessen die meisten dann ganz gerne.
Lehrer haben in Österreich einen vergleichbar schlechten Ruf wie in Deutschland, und dass leider teilweise zu Recht. Ich kann nur über Lehramtsstudien im naturwissenschaftlichen Bereich an Universitäten sprechen, und hier wird meiner Meinung nach im Studium zu wenig auf Grundlagenwissen wert gelegt. So ist ein Teil der Studenten der Meinung, alles, was über den Schulstoff hinaus geht, eigentlich nicht lernen zu brauchen, da sie in der Schule nie mehr damit zu tun haben werden.
Lehrer sind keine Tutoren, die in einem Schnellkurs nach Absolivierung der Schulzeit auf die nächte Generation von Schülern losgelassen werden sollen. Ob eine gute Ausbildung 3, 4 oder 5 jahre dauert, ist mir weniger wichtig wie deren Qualität, aber 3 Jahre empfinde ich für zuwenig, um eine entsprechende Ausbildung zu vermitteln.
Lehrer haben in Österreich einen vergleichbar schlechten Ruf wie in Deutschland, und dass leider teilweise zu Recht. Ich kann nur über Lehramtsstudien im naturwissenschaftlichen Bereich an Universitäten sprechen, und hier wird meiner Meinung nach im Studium zu wenig auf Grundlagenwissen wert gelegt. So ist ein Teil der Studenten der Meinung, alles, was über den Schulstoff hinaus geht, eigentlich nicht lernen zu brauchen, da sie in der Schule nie mehr damit zu tun haben werden.
Lehrer sind keine Tutoren, die in einem Schnellkurs nach Absolivierung der Schulzeit auf die nächte Generation von Schülern losgelassen werden sollen. Ob eine gute Ausbildung 3, 4 oder 5 jahre dauert, ist mir weniger wichtig wie deren Qualität, aber 3 Jahre empfinde ich für zuwenig, um eine entsprechende Ausbildung zu vermitteln.
Kilian Kirchgeßner schrieb: "Sechs bis sieben Semester dauern sie für die Grund-, Haupt- und Realschullehrer – und daran schließen sich obligatorisch bis zu zwei Jahre im Referendariat an. Erst dann folgt das entscheidende Staatsexamen."Es gibt in Deutschland zwei Staatsexamina, eines nach dem Studium, eines nach dem Referendariat._________________________________________________________AlexB1985 schrieb: "Und wie ist das mit dem festgefahrenen, ausgebrannten und unmotiviertem Altlehrer?!"Ja, was ist mit dem? Vielleicht wäre manchem "Altlehrer" (ist das zu verstehen wie Altkleidersammlung? Altpapier?) geholfen, wenn manche jungen Spunde "festgefahren", "ausgebrannt" und "unmotiviert" nicht in einen Topf werfen würden? Soviel psychologische Kompetenz darf man doch noch erwarten, auch wenn-- und da gebe ich Ihnen völlifg recht -- Psychologie nicht wirklich Teil der Lehrerausbildung ist.
»Gerade wer sich um kleine Kinder kümmert, muss sich intensiv mit bildungswissenschaftlichen Inhalten beschäftigen«Diese Erkenntnis führte dazu, dass in Japan gerade der Beruf des/der KindergartenzieherInnen die höchsten Anerkennung bekommt (gleich den Hochschulprofessoren), während in Europa es gerade umgekehrt ist.Das Ergebnis ist denn auch entsprechend - Theorie ist in der Erzieherausbildung höchstens Zwangsfach, der Inhalt wird baldmöglichst vergessen.Dass die Kindergärten in Deutschland trotzdem für die Mehrzahl der Kinder einen großen Lernvorsprung bieten (spielerisch erworben), ist dann eher Zufall oder Ergebnis des wirklich hervorragenden Materials, das Kindern spielerisches selbstständiges Lernen ermöglicht. .Mit Problemfällen sind auch ErzieherInnen in Kindergärten bereits hoffnungslos überfordert - denen fehlt einfach die entsprechende Vorbereitung..Das führt dann dazu, dass in der ersten Grundschulklasse bestens vorbereitete Kinder aus Kindergärten, Problemfälle aus den Kindergärten und Kinder, die nie einen Kindergarten besucht haben, in eine Klasse gestopft werden und (besonders in "Brennpunktschulen") ALLE Beteiligten (auch die Pädagogen) mit dieser unseligen Mischung ebenso hoffnungslos überfordert sind.Eine bessere Anerkennung und inhaltliche Auffüllung besonders dieses Studiengebietes wäre also sehr sinnvoll - während für das, was unsere "Studienräte" in der Realität an Gymnasien leisten wohl doch eher 6 Semester fast schon zu viel sind.
Lehrer haben in Österreich einen vergleichbar schlechten Ruf wie in Deutschland, und dass leider teilweise zu Recht. Ich kann nur über Lehramtsstudien im naturwissenschaftlichen Bereich an Universitäten sprechen, und hier wird meiner Meinung nach im Studium zu wenig auf Grundlagenwissen wert gelegt. So ist ein Teil der Studenten der Meinung, alles, was über den Schulstoff hinaus geht, eigentlich nicht lernen zu brauchen, da sie in der Schule nie mehr damit zu tun haben werden.
Lehrer sind keine Tutoren, die in einem Schnellkurs nach Absolivierung der Schulzeit auf die nächte Generation von Schülern losgelassen werden sollen. Ob eine gute Ausbildung 3, 4 oder 5 jahre dauert, ist mir weniger wichtig wie deren Qualität, aber 3 Jahre empfinde ich für zuwenig, um eine entsprechende Ausbildung zu vermitteln.
und das ist eine traurige Tatsache.Ich will sie nicht in Schutz nehmen aber es gibt genau so viel motivierte Lehrer wie die anderen.Leider bekommen sie weder vom Arbeitgeber noch den Eltern der Schueler die Unterstuetzung die sie brauchen um ihre Arbeit zu tun. Ich persoenlich moechte fuer kein Geld Lehrer(in) in der heutigen Zeit und mit den sozialen Problemen konfrontiert werden.
Niemand staerkt ihnen den Ruecken und gibt ihnen die Anerkennung fuer enen der schwierigsten Jobs in der heutigen Bundesrepublik.
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