Kanufahren im lappischen Wildwasserfluss, Wandern in den piemontesischen Alpen, Klettern auf Korsika – was andere sich höchstens für einen Actionurlaub vornehmen, gehört für Julia Leibold zum ganz normalen Uni-Alltag. Sie studiert Abenteuer- und Erlebnispädagogik an der Universität Marburg. Während des zweijährigen Masterprogramms lernt die 22-Jährige in Hochseilgärten statt Hörsälen, sammelt Auslandserfahrungen in einem schottischen Outdoorcenter und besucht Selbsterfahrungsseminare bei einer Bewegungstherapeutin. Vom praxisfernen Massenstudium hatte Leibold nach ihrem Bachelor in Erziehungswissenschaften und Sozialpsychologie genug. »Jetzt ist alles viel spannender, weil wir am eigenen Leib erfahren, was wir später vermitteln sollen.«

Ungewöhnliche Masterprogramme liegen im Trend. Allein vergangenes Jahr wurden über tausend neue MA-Studiengänge an Deutschlands Hochschulen akkreditiert, darunter etliche, die exotische Titel tragen (siehe nächste Seite). »Englische Namensgebungen sind hierbei genauso beliebt wie neue Akzentsetzungen«, sagt der Forscher Christoph Heine vom Hochschul-Informations-System (HIS). Grund ist der wachsende Wettbewerb inmitten einer weitreichenden Studienreform. »Er zwingt die Hochschulen dazu, sich ein eigenes inhaltliches Profil zu erstellen, mit dem sie sich von der Konkurrenz abheben können.«

Bleibt die Frage, ob durch die zwanghaften Spezialisierungen nicht viele Orchideenfächer entstehen, die ihre Absolventen ins Abseits statt auf den Arbeitsmarkt führen. »Diese Entwicklung und Vielfalt wirkt in der Tat in hohem Maße verunsichernd – und zwar auf Studierende und sicher auch auf Arbeitgeber«, sagt der Experte Heine. Für die wachsende Komplexität der neuen hochschulspezifischen Studienangebote lägen ja noch viel zu wenig Erfahrungen und ausreichende empirische Daten zum Berufseinstieg und zur Bewährung im beruflichen Alltag vor.

Die Nachfrage nach Abenteuerpädagogen sei dennoch enorm, sagt Peter Becker, Professor für Sportsoziologie und Initiator des deutschlandweit einzigartigen Studiengangs in Marburg. »In der frühkindlichen Bildung werden sie ebenso gebraucht wie in der Jugendarbeit und im Bereich der Managerschulung.« Erlebnispädagogische Zentren entstehen, kommerzielle Anbieter organisieren naturnahe Klassenfahrten, und in immer mehr Kliniken der Kinder- und Jugendpsychiatrie etabliert sich eine »Adventure-Therapy«.

Dass sein Master in der Nische Erfolg haben wird, glaubt auch Roland Trill, Studiengangssprecher des im vergangenen Wintersemester gestarteten E-Health-Programms an der Fachhochschule in Flensburg. Das Studium reagiert auf den grundlegenden Wandel des deutschen Gesundheitssystems. »Das Informationsbedürfnis der Bürger wächst«, sagt Trill. Gleichzeitig sollen Kosten gespart werden. »Das kann nur funktionieren, wenn Krankenhäuser, Arztpraxen und Krankenkassen in viel stärkerem Maße vernetzt sind.« Und hier setzt E-Health an: mit der elektronischen Gesundheitskarte, die seit November 2007 in mehreren Regionen Deutschlands ertestet wird, darunter auch in Flensburg; durch einrichtungsübergreifende Informationssoftware, die die Kommunikation aller Beteiligten maßgeblich verbessert; und vor allem durch fähige Absolventen, die das Projektmanagement genauso beherrschen wie medizinisches Know-how und ökonomisches Denken. »Ich glaube fest daran, dass über 80 Prozent unserer Studenten sofort nach ihrem Abschluss den direkten Berufseinstieg schaffen werden«, sagt Trill, »gerade weil wir bislang die Einzigen sind.« Er verweist auf eine Studie, die seine FH mit dem »Gemini Executive Search«-Institut durchgeführt hat und die, wie er sagt, die Wachstumsaussichten des Marktes E-Health eindeutig belegt.

»Wenn der zunehmenden Spezialisierung eine fundierte Marktanalyse zugrunde liegt, sehe ich kein Problem in der wachsenden Hochschulspezialisierung«, sagt auch HIS-Forscher Heine. E-Health-Studentin Christine von Hielmcrone schätzt ihre Berufschancen ebenfalls positiv ein. Nach einem Diplomstudium in Volkswirtschaft und einem Jahr Berufspraxis empfand die 28-Jährige es zwar als Wagnis, für weitere zwei Jahre zurück an die Hochschule zu gehen. »Gleichzeitig hat es mich aber gereizt, mich in einem Fachbereich zu spezialisieren, den es so bislang noch nicht gab.« Bei einem Praxisprojekt konnte von Hielmcrone mittlerweile live miterleben, wie sehr ihre Hilfe in medizinischen Einrichtungen gefragt ist. »Wir haben ein Barcode-System für Unfall-OPs entwickelt, bei dem alle verwendeten Materialien und Medikamente einfach eingescannt werden.« Eine erhebliche Zeitersparnis, denn bislang wurde alles handschriftlich festgehalten – ohne einheitliches System.

Als weiteren Vorteil empfindet die Studentin, dass ihre Kommilitonen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen stammen; Informatiker und Mediziner, Betriebs- und Volkswirte sind darunter. »Wir können viel voneinander lernen und funktionieren besonders gut im Team«, sagt von Hielmcrone. »Die Chance, das bisherige Studium auch in einer anderen Fachrichtung fortzusetzen, ist einer der großen Vorteile der gestuften Studienstruktur«, sagt Christoph Heine vom HIS, »denn sie ermöglicht eine sehr gezielte individuelle Weiterqualifizierung.« In Masterprogrammen, die nicht eins zu eins aus einem Diplom- oder Magisterstudiengang hervorgehen konnten, sind die Module häufig stimmiger, weil komplett neu erarbeitet – und auch die Lehrenden können sich besser mit der neuen Struktur identifizieren.