China - Religion Der Gott aus dem Westen
Chinas Katholiken müssen sich zwischen Papst und Partei entscheiden. Oder einen dritten Weg wählen – wie der Bischof von Fengxiang

© Teh Eng Koon/AFP/Getty Images
Chinesische Katholiken während der Heiligen Messe
Xian – alle Welt kennt Chinas alte Hauptstadt wegen ihrer antiken Tonsoldatenarmee. Aber sie besitzt noch eine Rarität: die nestorianische Stele. Die Nestorianer sind heute vergessen, aber im ersten Jahrtausend waren sie eine große, weit nach Asien wirkende christliche Kirche. 635 tauchten ihre Missionare in Xian auf. Auf die mannshohe Stele schrieben sie ihr Glaubensbekenntnis, rund 150 Jahre stand sie im Nestorianerkloster nahe der Stadt, dann wurde das Christentum verboten, die Stele begraben. Fast 800 Jahre lang lag sie unter der Erde, erst 1625 kam sie wieder ans Licht.
Mit der Ankunft jener ersten Christen begann ein Drama, das bis heute andauert. Chinas Hin- und Hergerissensein zwischen Toleranz und Verfolgung, zwischen Faszination für den Glauben weit aus dem Westen und dem immer wieder jäh und gewaltsam aufbrechenden Gefühl, sich gegen Überfremdung wehren und die Langnasen und ihren Kult verjagen zu müssen.
Wir fahren von Xian aus ins Bergland. Dort soll es einen katholischen Bischof geben, von dem wir Dinge gehört haben, die es eigentlich in China nicht gibt. Dieser Li soll ein Untergrundbischof sein – aber ein vom Staat anerkannter. Eine menschgewordene Unmöglichkeit. Denn Katholik sein in China heißt, sich entscheiden zu müssen: Gehe ich in die sichtbare Kirche mit ihren staatlich, aber oft nicht von Rom anerkannten Priestern und Bischöfen – oder schließe ich mich einer Rom-treuen Untergrundkirche an, die sich privat trifft, um die Messe zu feiern, und heimlich, aber eben mit dem Segen Roms, ihre Priester und Bischöfe weiht?
Vor einem Jahr nun sandte Papst Benedikt einen Hirtenbrief an Chinas Katholiken, sein Kernsatz lautet: »Mein sehnlichster Wunsch ist, dass ihr (…) euch gegenseitig all das vergebt, was zu vergeben ist, (…) euch gegenseitig akzeptiert und alle Barrieren überwindet, um all das zu umgehen, was euch trennen kann.« Ein Appell an die Untergrundkirche, sich mit der offiziellen zu versöhnen, sagen die einen und folgen ihm. Halt, sagen viele Untergrundchristen: Haben wir, verfolgt und verachtet, so lange Rom die Treue gehalten, um jetzt in die Kirche jener zu gehen, die mit dem Staat paktierten und sich zum Teil von ihm bezahlen lassen?
Das Bistum Fengxiang liegt am Oberlauf eines Stroms, der Steinfluss heißt, und so ist er auch: felsreich, mit dem Temperament eines wilden Bergbachs. Als nach stundenlanger Autofahrt am anderen Ufer auf halber Bergeshöhe ein Dorfkirchlein auftaucht, ein Bild, so europäisch-alpin, als wären wir daheim, da sind wir da. In diese Dorfkirche hat uns Bischof Li bestellt.
Zwanzig Jahre Haft – wegen »konterrevolutionärer Gedanken«
Er erwartet uns mit dem jungen Dorfpriester Johannes, der in St. Augustin bei Bonn das Priesterseminar besuchte und Deutsch spricht. Ganz alte Priester oder ganz junge, das ist typisch für China, die Generation dazwischen fehlt. Da war Kulturrevolution. Beim Tee eröffnet Bischof Li, ein lebhafter Mann von 87 Jahren, das Gespräch mit der Frage: »Sprechen Sie Latein?« Er setzt voraus, dass wir das Chinesische nicht beherrschen und schlägt tatsächlich vor, uns in der Sprache des Augustinus zu unterhalten.
Er habe sich Latein selbst beigebracht, sagt er, im Gefängnis. Italienisch und Englisch übrigens auch. Manchmal spricht er ein wunderliches Gemisch aus allen dreien. »Ich war 22 Jahre in Haft, 15 im Gefängnis und sieben im Arbeitslager, von 1958 bis 1980.« Als Bischof oder Priester im Gefängnis zu sitzen sei ganz einfach gewesen: »Fast alle Bischöfe und Priester saßen im Gefängnis.«
Haben alle überlebt, die er kennt? »Aus meinem Bistum wurden über 20 verhaftet – fünf davon haben überlebt, mit mir.«
Wessen war er angeklagt?
»Konterrevolutionäre Gedanken. Ich folgte dem, was Rom sagte, und unterschrieb römische Dokumente. Auf einer Gefangenenversammlung sagte der Politkommissar: »Er macht alles richtig, nur im Kopf ist er nicht richtig – konterrevolutionäre Gedanken.« Als 1967 eine Amnestie kam, habe man ihn aufgefordert, »eine gute Rede« zu halten, dann würden ihm zwei Jahre Haft erlassen. »Ich sagte, ich diene Gott und der vatikanischen Kirche. Der Beamte sagte: Das ist genau dein Problem. Viele wurden entlassen, ich nicht.«
Wo Bischof Li auftaucht, knien die Menschen nieder
Er winkt ab. »Alte Geschichten.« Es ist ihm unangenehm, Aufhebens davon zu machen, dass er die kompletten sechziger und siebziger Jahre eingesperrt war. »Ich habe nicht so viel gelitten wie andere, die geschlagen wurden und Schwerstarbeit leisten mussten. Ich wurde von Gott behütet. Ich durfte sogar das Lager verlassen. Als Arbeitsmaterial knapp war, wusste ich, wo es das gab, und ging einkaufen. Ich war der Einzige, der das durfte.«
Eigentlich ist er bis heute geblieben, was er im Lager war – der Ausnahmefall. Einer, der ganz bei Gott, bei Rom, bei sich bleibt. Und einer, aus dem die Gegenseite nicht schlau wird. Aber auch der, mit dem sie Abreden trifft, weil er sie einhält. Es ist wahr, er bestätigt es achselzuckend: »Nein, nein, mit der Patriotischen Vereinigung rede ich nicht!« Ja, er sei der einzige Bischof auf dem chinesischen Festland, der diese staatliche »Massenorganisation«, die Bischofswahlen und überhaupt die offizielle Kirche steuere, ignoriere und mit dem der Staat trotzdem rede – direkt.
Wo aber steht er im Konflikt, den der Hirtenbrief lösen will – ist sein Bistum nicht eine Untergrundkirche? In diesen Kategorien zu denken, lehnt er ab. »Ich bin von Anfang an mit Rom verbunden. Mein Bistum ist eine normale Kirche. Das ist die beste Bezeichnung.«
So spricht das Selbstbewusstsein einer langen Tradition. Bischof Li entstammt einer katholischen Familie in diesem alten Missionsgebiet. Ein Jesuit zog im 17. Jahrhundert hier durch und gewann Anhang. Lis Vater, der den Spitznamen »Alter Heiliger« trug, gab seine Söhne aufs Priesterseminar, alle vier. Lis Heimatdorf war Zentrum des Bistums mit Seminar, Waisenhaus, Franziskaner-Konvent, Schwestern- und Herz-Jesu-Kongregation. Erzkatholisches Gebiet, ein kleines chinesisches Münsterland, wenn man will, mit 20000 Gläubigen und 40 Kirchen, die Li ständig bereist. Die Leute verehren ihn. Sie knien, wo er auftaucht, und küssen seinen Ring. Als er 1980 aus dem Lager gekommen sei, erzählt er, seien sie aus weit entfernten Dörfern gekommen, teils zu Fuß, um ihn zu begrüßen.
Die Normalität jedoch, die Li betont, das generationlang Gewachsene der katholischen Kirche, ihr Chinesischsein, das sich im chinoisierenden Baustil seiner Bischofskirche in Fengxiang ebenso zeigt wie im Stil seines seidenen Bischofskleides – es ist auch das Problem der Katholiken. In einer Zeit, in der Protestanten in China viel Zulauf haben, weil sie vielleicht niedrigschwellig, aber eifrig werben, fehlt ihnen der Missionarseifer jener, die von außen neu auf diesen religiösen Riesenmarkt drängen. Der Vergleich hinkt, weil Chinas geschätzte 14 Millionen Katholiken eine Minderheit sind – dennoch: Ein wenig geht es ihnen wie Europas Katholiken, denen es ja auch fernläge, ihr eigenes Traditionsfeld zu missionieren. Auch diese Sorge steckt im Hirtenbrief des Papstes.
Was sagt Li dazu – er, der 1980 geheim geweiht wurde? Die Bulle aus Rom, die ihn zum Bischof machte, wurde nach Taiwan gesandt, zu seinem Bruder, der dort Priester war. Der ließ ihn wissen: »Du bist schon Bischof!« Es folgte die illegale Weihe in der Privatwohnung seines Vorgängers im Amt. Danach ging Li zur Regierung und teilte mit, er sei der neue Bischof hier. Er lacht. »Sie nannten mich nicht Bischof, sie nannten mich ›Administrator‹.« So nennt ihn längst niemand mehr.
»Es gibt nur eine Kirche«, sagt der alte Mann im chinaseidenen römischen Kleid. »Ja, es gibt Probleme zwischen offizieller und Untergrundkirche, aber das ist nur ein Phänomen. In Wahrheit gibt es nur ein Problem zwischen Kirche und Religionspolitik. Die offizielle Kirche sagt, was die Regierung möchte.« Offizielle und Untergrundkirche hätten nur je einen Teil des Papstbriefes verstanden – »doch der Staat hat richtig verstanden, was der Papst will: Chinas Kirche soll den Weg gehen, den die Weltkirche geht. Sie ist jetzt gleichwertig.« Die Partei schaue zu. »Wer siegt – offizielle oder Untergrundkirche –, den wird sie unterstützen.« Ihre große Sorge sei, mit Blick auf die Rolle des Papstes in Polen, dass die Religion den Staat umstürze.
Chinas Polen liegt nicht in diesem frommen Bistum. Es liegt hinter den Bergen – in Tibet. Dorthin führt uns der vierte und letzte Teil dieser Reise.
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- Datum 25.05.2008 - 04:30 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.05.2008 Nr. 22
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