Platte meines Lebens (8) Mein Ritt über den Bodensee
Im Popsommer 1982 drehte sich unser Autor nur um sein Idol: Er wollte sein wie Edwyn Collins von Orange Juice. Und das war seine Rettung.
Diese Platte trägt mich zurück. Zurück nach 1982, als ich 18 Jahre alt war, am Bodensee lebte und voller törichter Hoffnungen war. Noch heute muss ich mich oft wundern, dass sie sich tatsächlich fast alle erfüllt haben… Dass das geht! Dass man mit so etwas durchkommen kann! Und der entscheidende Anstoß dafür, meinen Weg als Musiker, DJ und Autor zu gehen, kam wohl von dieser Platte.
Orange Juice waren die Antwort auf die brennende Frage vieler junger Postpunks, wie es weitergehen würde – der Sänger von Joy Division , Ian Curtis , hatte sich gerade erhängt, Postpunk entwickelte sich in Großbritannien in eine düstere, schicksalsschwangere Richtung. Die schottischen Orange Juice erfrischten da schon durch ihren Namen. Das Cover mit den zwei springenden Delphinen vor blauem Himmel versprach Aufbruchsstimmung und große Gefühle. Noble Werte wie Romantik, Humor und Cleverness, kurz: Pop kehrte zurück in den Postpunk. Die Figur des Hipsters, geschichtsbewusst und ironisch, modisch und eklektisch, wurde wieder, nun ja, hip.
Ursprünglich nach guter Punk-Tradition durch den Besuch eines Buzzcocks-Konzerts zu eigener musikalischer Tätigkeit inspiriert, hatte sich der zunächst eher spitze und stolpernde Orange-Juice-Sound auf dieser ihrer ersten LP zu einer ultracharmanten Melange aus Velvet Underground und Chic entwickelt – eine geniale Kombination, die mir im Grunde bis heute Orientierung bietet.
Guten Morgen – Journal für Kunst und Zuversicht, ein Fanzine, das ich damals mitgegründet hatte, diente mir vor allem dazu, Ergüsse über meine Lieblingsband zu veröffentlichen (was schon okay war – mein Partner machte das Gleiche mit David Sylvain und der Band Japan). Meine eigene Band, Klub der Söhne, trimmte ich auch immer mehr in Richtung Orange Juice – die Gitarren halb Byrds, halb Disco, die Hemden möglichst kariert, die Haare… mein Gott, die Haare! Vorne lang, hinten kurz, eben so wie Edwyn Collins!
Ich ging sogar so weit, den Sänger zu feuern, weil ich wie Edwyn Collins sein wollte – das ist mir bis heute unangenehm. Denn nicht zuletzt konnte ich nicht gut singen – aber das konnte Edwyn Collins ja auch nicht! Gefühle hatten im neuen Meta-Zitat-Pop grundsätzlich überlebensgroß zu sein, gerade bei verliebten, vor allem selbstverliebten Gymnasiasten! Zwischen »We smash our hearts against the rocks« und »This is the sound of happiness«, wie Edwyn Collins es zu formulieren pflegte.
Ein Jahr lang hörte ich diese Platte jeden Tag mindestens einmal. Dann kam
Rip It Up,
das zweite Orange-Juice-Album, auf dem »unprofessionelle« Elemente aussortiert worden waren und die Band der realen Popwirklichkeit näher kam wie nie zuvor und niemals wieder. Den nun wirklich annähernd tighten Dancepop-Groove legte Collins nach Auflösung der Band aber leider bald ab zugunsten eines Neo-Rock-und-Rolls – für mich wurde er zu einer Art schottischen Chris Isaac. Diese Bewegung weg von Disco habe ich nie verstanden. Ende der achtziger Jahre missfielen mir seine konservativen Äußerungen über die nun zunehmend das neue Hipstertum definierende Club- und DJ-Kultur. Im herrlichen Popsommer 1982 aber war er mein Spiritus Rector. Ohne diese Platte wäre ich heute noch am Bodensee, das ist gewiss.
Orange Juice: You Can’t Hide Your Love Forever, Polydor
Hans Nieswandt, DJ, Autor, geboren 1964, lebt in Köln
Plattenrezensionen, Künstlerporträts und Bildergalerien gibt's auf
zeit.de/musik »
Sie wollen auf dem Laufenden bleiben?
Klicken Sie hier
, und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.
- Datum 22.05.2008 - 11:52 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.05.2008 Nr. 22
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren