Film Wir morden, weil wir morden wollen
Michael Haneke hat ein Remake von »Funny Games« für den US-Markt gedreht. Das Grauen des Originals bleibt unerreicht
Es gibt nicht viele Filme, deren Skandalgehalt über die Jahre nicht kleiner, sondern eher größer wird. Bei Michael Hanekes Funny Games ist das der Fall. Je länger sich der Film des österreichischen Regisseurs ins Gedächtnis hineinfrisst, desto ungeheuerlicher wird er. Seine Kälte wirkt noch kälter, seine Präzision noch mörderischer. Der Schluss war moralisch schon immer unerträglich, und elf Jahre später ist er es erst recht. Doch der Vorwurf, Haneke verrohe das Publikum, ist abwegig. Wer der langsamen Hinrichtung einer Urlauberfamilie durch zwei bestialische Killer beigewohnt hat, ist von Gewaltfilmen aller Art geheilt. Genau darin bestand die Absicht des Films. Funny Games wollte die Gewaltlust des Kinogängers, seine libidinöse Identifikation mit dem Grauen, denunzieren. Es ist gelungen.
Für seine Bewunderer war es kein geringer Schock, als Haneke sich entschloss, dem singulären Werk eine »Kopie« zur Seite zu stellen, ein Remake für den amerikanischen Markt, auf dem synchronisierte Fassungen bekanntlich keine Chance haben. Tatsächlich war das Original dort stecken geblieben, wo sich die Fans mit Vornamen kennen, in den esoterischen Zirkeln des US-Kunstkinos. Deshalb wurde Funny Games pedantisch »amerikanisiert«, Wort für Wort, Szene für Szene. Mit berühmten amerikanischen Schauspielern, feisteren Autos und hässlicheren Möbeln.
Jedes Remake, heißt es, sei ein Verrat am Original. Es raube ihm seine Aura und kränke die Schauspieler, besonders dann, wenn der Regisseur selbst das Unwiederholbare wiederholt. Doch bei Funny Games U.S. ist diese Sorge unbegründet; das Original erweist sich als fälschungssicher. Es überstrahlt das Remake und sabotiert dessen Eigenständigkeit, obwohl dieses ihm an Perfektion in nichts nachsteht und das Entsetzliche, das Haneke immer nur indirekt zeigt, sogar noch eine Spur lakonischer erscheint. Naomi Watts ist bewundernswert, Michael Pitt und Brady Corbet, die mörderischen Wohlstandsflegel, sind von sardonischer Brillanz, nur Tim Roth spielt, als habe er schon am Anfang sein grässliches Ende vor Augen. Doch wer dieses Kunstwerk und seine Schauspieler würdigen will, der darf die Erstfassung eigentlich gar nicht kennen, und so bleibt zunächst nur ein kontrastiver Effekt: Die amerikanischen Akteure zeigen, wie großartig ihre deutschen und österreichischen Kollegen in der Erstfassung gespielt haben – Susanne Lothar und Ulrich Mühe, Arno Frisch, Frank Giering und Stefan Clapczynski.
Die Mörder: Zwei wohlgenährte College-Boys ohne jedes Motiv
Dass sich Haneke mit dieser Adaption viele Freunde gemacht hätte, lässt sich allerdings nicht behaupten. Die amerikanischen Rezensenten fielen über Funny Games U. S. her, als handele es sich um eine völkerrechtswidrige Intervention in die inneren Angelegenheiten ihrer Kulturnation. Empört sind sie vor allem über Hanekes schwarze Pädagogik, die den Zuschauer wehrlos mache und ihn zur Friedfertigkeit erpresse. In der Tat, der Film macht den Betrachter zum Komplizen. An einer berüchtigten Stelle wenden sich die Mörder grinsend ans Publikum und fragen, wie es beim Abschlachten der Opfer weitergehen soll. Sie machen ihm klar, dass auch Kino-Gewalt nicht anderes ist als – Gewalt. Das Imaginäre ist real. Warum schaust du zu? Warum gehst du nicht raus? Funny Games lockt den Zuschauer in die Falle und macht seiner Gewaltlust den Prozess. Das Urteil: »Schuldig«.
Es mag sein, dass sich die Technik des pädagogischen Hinterhalts inzwischen abgenutzt und jeder seine Lektion gelernt hat. Aber es spricht für die Qualität des Remakes, dass es sofort eine andere Skandalschicht freisetzt und so das Original gleichsam neu »belichtet«: den Skandal grundloser Gewalt, die Barbarei ohne Motiv. Denn die Killer sind zwei wohlgenährte College-Boys, deren Eltern vermutlich ihr Bestes gegeben und sie immer lieb im Freizeitjeep in die Schule gefahren haben. Doch ein Motiv für ihre Taten finden zu wollen erweist sich als zwecklos. Sie sind keine Monster, auch nicht das ewige Böse, das aus archaischen Vorzeiten aufsteigt und sein Wesen treibt. Die Mörder kommen aus dem Hellen, aus der klinischen Normalität des Alltags. Ein fremder Gast klopft an die Tür und bittet höflich um ein paar Eier. Dann fließt Blut.
Weil ihre Gewalt kein Motiv haben darf, lässt Haneke die Mörder als Zwillingstypen auftreten, als leere Verdopplung des Horrors, ohne Beziehung zu einem Außen, ohne Referenz zur Welt. Peter und Paul kommen ganz in Weiß, dem reinen, selbstbezüglichen Zeichen, das sich wie ein Spiegeleffekt ins Unendliche verdoppelt. Unerbittlich rührt Haneke an die Urangst der Moderne, es könne in ihrem Gehäuse etwas geben, das grundlos aus dem Nichts »eintritt« und dem sozialtechnisch nicht beizukommen ist. »Peterpaul« beherrschen sogar den modernen, um Erklärungen verlegenen Diskurs der Gewalt. Hört auf, nach unseren Motiven zu suchen, höhnen sie, wir haben keine! Wir sind weder drogenabhängig, noch hatten wir eine schwere Kindheit. Wir morden, weil wir morden. Funny Games.
Vielleicht gibt Haneke den Mördern in einem Punkt ja recht und sagt: Es ist sinnlos, nach den Ursachen der Gewalt zu suchen. Sie ist eine menschliche Möglichkeit, sie lauert an der Oberfläche und kommt wie der Dieb in der Nacht. Wir müssen mit ihr rechnen, und das Einzige, was wir tun können, ist zu verhindern, dass sie eine Chance bekommt. Aber wie?
Hanekes Antwort ist aufreizend konservativ, denn bei ihm huscht der Teufel durchs Schlüsselloch der Zerstreuung. Er kommt, sobald das symbolische Netz von Zuwendung und Aufmerksamkeit reißt, sobald sich die Menschen aus den Augen verlieren und die Trägheit des Herzens Macht über ihr Leben gewinnt. Wären die Urlauber aufmerksam gewesen – hätte sie dann nicht die Todesangst in den Blicken ihrer Nachbarn bemerken müssen? Schon in der grandiosen Eröffnungsszene wirkt die Familie seltsam zerstreut, achtlos und in Routine befangen. Und sie tut etwas, was man bei Haneke nie tun darf: Sie missbraucht die »heilige Musik«, die kostbarste Quelle menschlicher Empfindsamkeit, als Ratespiel, um sich die Zeit zu vertreiben. Darin steckt, so scheint es, eine sehr alteuropäische Behauptung: In dem Augenblick, wo die Menschen keine Wette mehr auf die augenöffnende Kraft ihrer Kultur abgeben, ist es mit ihnen vorbei, und dann wettet der Teufel. »Wetten, dass ihr morgen um neun Uhr alle tot seid?«, sagen Peter und Paul und zwingen die Mutter, ein Gedicht fehlerlos rückwärts zu sprechen.
In den USA wird die neue Version bekämpft wie der Antichrist
Und warum haben amerikanische Rezensenten gegen Funny Games U.S. eine Abwehrschlacht geführt, als sei Haneke der Antichrist in Gestalt? Vielleicht ist die Antwort ganz einfach. Seit den Anschlägen vom 11. September, seit dem blutig gescheiterten Irakkrieg und den Folterexzessen von Abu Ghraib muss die Öffentlichkeit Hanekes Kampf gegen die visuelle Gewalt des Kinos als europäisches Luxusproblem empfinden. Ein Land, das realen Terror erfahren und selbst einen Krieg vom Zaun gebrochen hat, wird sich dem Grauen des Imaginären nicht auch noch stellen wollen.
- Datum 24.05.2008 - 03:42 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.05.2008 Nr. 22
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"Funny Games": Mal abgesehen von der künstlerischen Leistung aller Beteiligter. Wie kann aus Böses, Gutes entstehen? Verherrlicht werden zwei Mörder, und das soll im Umkehrschluss in der Gefühlswelt der Zuschauer bzw. Kinobesucher zur erwünschten Karthasis durch das Gezeigte führen? Ist das Ihr Ernst? Wenn die Religionen den Menschen nur schwer zu bessern vermochten, wie soll es dann eine solche Filmbotschaft tun? Ihre tiefen psychoanalytischen Verrenkungen fungieren hier als pure Apologetik des Irrationalen. Im Gesetz Israels heißt es klar: "Du sollst nicht töten", und basta. Wer das Gesetz brach, hatte die Konsequenzen zu tragen. Also hüten wir uns, die Filkunst zum Diener einer sehr fragwürdigen Karthasis-Vorstellung der Moderne zu machen und den Teufel mit Beelzebub austreiben zu wollen - das ist ein gefährliches Unternehmen.
Mit der Bemerkung "Gesetz Israel" beziehe ich mich freilich auf die Existenz des Alten Israels unter seine Gesetzesstifter Mose. Levinson
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