Infineon Tolle Tage in München
Ein drohender Wechsel an der Spitze, ein Aufsichtsratschef in der Kritik und hohe Verluste: Die Krise des Halbleiterkonzerns Infineon nimmt kein Ende
Wolfgang Ziebart ist in diesen Tagen viel unterwegs: erst Kalifornien, dann Taiwan. Pflichtbewusst hält er Vorträge, spricht mit Kunden. Frühestens Ende der Woche kehrt er nach Deutschland zurück. Ganz nebenbei entzieht er sich mit seiner Reise dem Trubel in der Heimat – wahrscheinlich das Klügste, was er in diesen Tagen tun kann. Seit einer Woche reißen die Meldungen über Machtkämpfe in dem von Ziebart geführten Halbleiterkonzern Infineon aus München nicht ab. Im Zentrum: Wolfgang Ziebart und Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley.
»Total zerrüttet« sei das Verhältnis von Ziebart und Kley, so ist zu hören. Im Februar kritisierte Kley den Vorstand auf der Hauptversammlung, erste Meldungen über eine Ablösung Ziebarts kursierten. »Ziebart wird gehen«, sagt jetzt einer, der mit den Vorgängen vertraut ist. Mal heißt es, Ziebart verlasse Infineon zum 1. Juni, mal ist vom 1. Juli die Rede. Anscheinend sind noch letzte Details zu klären, bevor der Vertrag des Infineon-Chefs, der regulär erst im Herbst 2009 endet, vorzeitig aufgelöst werden kann. Entschieden werden dürfte darüber auf einer außerordentlichen Sitzung des Aufsichtsrats. Noch stehe der Zeitpunkt nicht fest, gebe es auch keine Einladung für den oft genannten 31. Mai, hieß es Anfang der Woche in Unternehmenskreisen. Eine Sitzung lasse sich aber natürlich kurzfristig einberufen.
Fieberhaft wird derweil mit Hilfe eines Personalberaters nach einem Nachfolger gesucht. Man sei »auf guten Wegen«, heißt es in informierten Kreisen frohgemut. Aber noch »steht kein Nachfolger parat. Es wird eine Zwischenlösung geben.« Und wieder beginnt das Rätseln: Wird Peter Bauer, Vorstand für die Auto- und Industrieelektronik bei Infineon, vorübergehend das Unternehmen führen? Oder doch, wie andere es wissen wollen, Klaus Wucherer, Mitglied des Aufsichtsrats und Ex-Zentralvorstand bei Siemens? Bei Infineon will man sich zu alldem nicht äußern: »Kein Kommentar.«
In München herrschen tolle Tage. Wieder einmal. Wie 2004, als Ziebarts Vorgänger Ulrich Schumacher Knall auf Fall das Unternehmen verließ. Wie 2005, als ein Korruptionsskandal um den Vorstand Andreas von Zitzewitz den Konzern erschütterte. Und wie 2007, als der neue Finanzvorstand Rüdiger Günther nach wenigen Monaten aus dem Amt gedrängt wurde. Infineon wird endgültig zum Opfer seiner eigenen Führung. Um die Qualitäten Ziebarts geht es dabei nur noch am Rande. Je länger die Querelen dauern, desto lauter werden die Fragen nach der Rolle von Kley und von alten Netzwerken. Soll Infineon eine Zukunft haben, bedarf es wohl eines weit umfassenderen Neuanfangs.
Entzündet hat sich der Streit um Ziebart an der wirtschaftlichen Misere. Ende der neunziger Jahre von Siemens abgespalten und seit 2000 an der Börse notiert, kämpft Infineon fast von Beginn an mit Milliardenverlusten, hohen Kosten und einem niedrigen Aktienkurs. Selbst die 2006 erfolgte Abtrennung des hochzyklischen Speicherchip-Geschäfts unter dem Namen Qimonda half nichts. Die Pleite des Großkunden BenQ sowie der Absturz des Dollar taten ihr Übriges. Wiederholt gab es Zweifel an der Zukunft des Konzerns mit seinen vier Milliarden Euro Umsatz und 30.000 Mitarbeitern (ohne Qimonda). Vergangene Woche zeigte Sistema aus Russland Interesse.
Die Trennung von Qimonda zu langsam vollzogen zu haben, lautet der Hauptvorwurf an Ziebart. Entscheidungsschwach sei er, so heißt es, »den hätte man gar nicht erst einstellen dürfen«. Nur: Ausgewählt hat ihn 2004 Kley selbst. Er war damals schon nach dem ersten Gespräch sicher, dass Ziebart der Richtige sei – obgleich dieser zuvor nur in der Autobranche (BMW, Conti) gearbeitet hatte. Wenn Kley ihn nun für nicht geeignet erachtet, muss er sich Kritik gefallen lassen. Zumal erneut ein Interregnum droht, wie 2004, als Kley die Geschäfte übernehmen musste. »Nach Schumachers Abgang stand bei Infineon für neun bis zwölf Monate fast alles still«, sagt Analyst Bernd Laux vom Finanzhaus Cheuvreux. In der Zeit, in der zunächst ein Nachfolger gesucht wurde und dann Ziebart sich einarbeitete, habe Infineon »keine strategische Entscheidung treffen können«. In der Branche mit ihren schnellen Produktzyklen und harter Konkurrenz führe ein Machtvakuum dazu, »dass ein Unternehmen hinter den Wettbewerbern zurückfällt«.
Dass mit Ziebart zum wiederholten Male ein Topposten mit viel Getöse und ohne direkte Lösung ins Gerede kommt, darin sehen viele keinen Zufall mehr. Im Fall Günther sah sich Aufsichtsratsmitglied Stefan Jentzsch, im Hauptberuf Chef der Investmentbank Dresdner Kleinwort, sogar dazu gezwungen, sein Mandat kurz danach niederzulegen – aus stillem Protest. »Bei keinem deutschen Unternehmen werden Spitzenpersonalien so spektakulär und so unprofessionell gehandhabt«, sagt ein Beobachter; Kley sei »überfordert«, meint ein anderer. Auch von Kritik aus dem Aufsichtsrat ist zu hören. Kley selbst, früher Finanzvorstand von BASF, teilte am Montagabend mit, er plane keinen Rücktritt und sei im Aufsichtsrat nicht umstritten.
Kritiker monieren, dass »bei Infineon alte Siemens-Seilschaften weiterleben«. Diese hielten sich gegenseitig an der Macht. In der Tat: Drei der fünf Vorstände arbeiteten früher für Siemens, ebenso der ausgeschiedene, von vielen aber als »heimliche Macht« titulierte Ex-Finanzvorstand Peter Fischl sowie die zwei Aufsichtsräte Klaus Wucherer und Johannes Feldmayer. Letztere saßen im Siemens-Zentralvorstand, verloren aber im Zuge der Neuordnung nach dem Korruptionsskandal ihren Job. Auch Kley weist eine gewisse Nähe zu Siemens auf: Vater Gisbert saß im Vorstand, Bruder Andreas in führender Position.
Heißen muss das alles nichts. Es fällt nur auf, dass voraussichtlich mit Ziebart wieder einer geht, der von außen kam. So wie Günther. Und so wie Peter Mihatsch, der vor Kley als Aufsichtsratschef amtierte und 2002, ebenfalls nach wenigen Monaten, wieder ausschied. Andere hingegen, die für Infineons Probleme zumindest mitverantwortlich sind, sind seit Jahren im Amt. Sich im Konzern keine eigene Hausmacht aufgebaut zu haben – darin sieht mancher Beobachter denn auch den eigentlichen Fehler von Wolfgang Ziebart.
- Datum 26.05.2008 - 08:36 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.05.2008 Nr. 22
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