Es ist schon still auf den Fluren des Jugendamtes im Berliner Bezirk Wedding, als plötzlich das Krisentelefon klingelt. Klaus Wörsdörfer, der an diesem Tag der Mann für Notfälle ist, hat seit zehn Minuten Feierabend. Morgen ist Gründonnerstag, er zögert kurz, dann hebt er ab. In der Togostraße, meldet die Polizei, habe man in einer Wohnung ein schreiendes Baby gefunden, neben der Leiche seiner Mutter. Wörsdörfer nickt. "Wahrscheinlich eine Überdosis", notiert er. "Säugling okay. Aufgebrachter Mann behauptet, Vater zu sein."

Wörsdörfer könnte den Fall dem Kindernotdienst überlassen, aber er hat ein ungutes Gefühl. Seit 30 Jahren ist er als Sozialarbeiter beim Jugendamt in Mitte zuständig für Kinderschutz. Er hat drei Herzinfarkte hinter sich, aber er ist ein Mensch geblieben, der den Dingen nachgeht. Er greift sich seine Trekkingweste und das Diensthandy, dann wirft er noch schnell einen Blick in die Akte der Toten: Melanie Pohlmann, 35, heroinsüchtig und Klientin des Jugendamtes seit vielen Jahren.

"Wahnsinn, dass der Junge überlebt hat", sagt er auf dem Weg zum Taxistand. "Ansonsten hätte es wohl wieder Schlagzeilen gehagelt."

Als Wörsdörfer die Wohnung in einem unscheinbaren Klinkerbau im Wedding betritt, ist die Leiche bereits abtransportiert worden. Es wimmelt von Leuten. In der Küche tigert der Lebensgefährte der Toten auf und ab. Der Mann, der laut Akte Herr Schult* sein muss, drückt das schreiende Baby an seine Brust und flüstert: "Mikey, mein Mikey, du bleibst bei mir." Wörsdörfer streckt ihm die Hand hin. "Wörsdörfer", sagt er. "Vom Jugendamt. Setzen wir uns erst mal, Herr Schult."

Schult ist ein schmächtiger Mann in einem übergroßen Sweatshirt, seine Augen sind verweint. "Sie nehmen mir meinen Sohn nicht weg", ruft er erregt. "Den kriegt ihr nicht, niemals!"

Wörsdörfer weiß, er darf jetzt keine Diskussion aufkommen lassen. Er erklärt Schult, dass er Mike jetzt mitnehmen müsse. "Vorerst, Herr Schult", sagt Wörsdörfer bestimmt. "Nicht für immer." Schult schießen die Tränen in die Augen. Er schüttelt den Kopf. "Herr Schult", fährt Wörsdörfer mit ruhiger Stimme fort. "Ich kenne Sie ja gar nicht. Ich weiß nicht, ob Sie der Vater sind. Sie stehen unter Schock, ich bin nicht sicher, ob Sie das Kind über das Wochenende versorgen können."

Der Mann tut Wörsdörfer leid, aber er hat keine Wahl. Er fordert Schult jetzt auf, ein paar Dinge von Mike zusammenzupacken, sein Fläschchen, seine gewohnte Nahrung. Vorhin im Taxi hat Wörsdörfer eine Pflegemutter angerufen, die sich spontan bereit erklärte, das Kind über die Ostertage aufzunehmen. Eine Polizistin kommt in die Küche. "Muss das denn sein?", murmelt sie. "Der Mann macht doch einen ordentlichen Eindruck." – "Wenn es weg is, isses weg", schaltet sich eine Nachbarin ein, "das kennt man doch!"

Wörsdörfer ist wieder mal der böse Mann vom Jugendamt. Er und seine Kollegen können es keinem recht machen. Entweder greifen sie zu früh ein oder zu spät. Nehmen sie die Kinder raus, heißt es, sie reagierten über; lassen sie sie drin, wirft man ihnen Fahrlässigkeit vor. "Herr Schult, verstehen Sie bitte", sagt Wörsdörfer, "wenn Mike etwas zustößt, käme ich ins Gefängnis. Kommen Sie am Dienstag ins Jugendamt, dann sehen wir weiter."

Die Angst geht um unter den Sozialarbeitern, und sie wächst mit jedem Kind, das irgendwo in Deutschland stirbt. Immer hat das Jugendamt etwas gewusst, in Bremen, wo man die Überreste des kleinen Kevin in einem Kühlschrank fand, in Hamburg, wo ein Mädchen namens Jessica in einer Hochhauswohnung verhungerte, und in Schwerin, wo die Großeltern der fünfjährigen Lea-Sophie vor deren Tod das Jugendamt noch gewarnt hatten, dass etwas nicht stimme. Nach dem Grundgesetz soll der Staat die elterliche Erziehung überwachen, und wenn ein Kind in Gefahr ist, muss er es schützen. Doch warum versagt er immer öfter? Was läuft schief in den Jugendämtern?

Fast immer, wenn es irgendwo zur Katastrophe kam, wurde später einzelnen Sozialarbeitern der Prozess gemacht. Aber sind Kevin, Jessica und Lea-Sophie tatsächlich nur tragische Einzelfälle? Oder sind sie die Folge eines immer maroder werdenden Systems der Jugendhilfe, das unter dem öffentlichen Sparzwang zusammenzubrechen droht? In Bremen hatte man vor Kevins Tod ein Drittel des Personals in der Abteilung "Junge Menschen" gekürzt, nachdem eine Unternehmensberatung ein Sparziel von fünf Millionen Euro verordnet hatte; in Schwerin hatte man innerhalb von zehn Jahren ein Viertel der Sozialarbeiter abgeschafft.

Überall sind die Kassen der Kommunen klamm, deshalb werkelt man in den Ämtern an den Strukturen, streicht Stellen und kürzt Leistungen, und dabei scheint es, als sei der Bedarf an Schutz und Hilfe nie so groß gewesen. Nach einem Bericht der Regierung leben in Deutschland 2,5 Millionen Kinder unter der Armutsgrenze, in Berlin ist es fast jedes dritte. Seit Anfang der Neunziger hat sich die Zahl der Familien, die vom Jugendamt betreut werden, versechsfacht. In Talkshows fordern Politiker gern neues Personal und bessere Frühwarnsysteme, tatsächlich aber müssen in den Jugendämtern immer weniger Mitarbeiter immer mehr Fälle bearbeiten.

Wohl nirgendwo ist das Budget so eng wie in der Hauptstadt, vielleicht ist deshalb das Jugendamt in Mitte so etwas wie ein Fernglas, durch das man sehen kann, wohin die Jugendhilfe steuert.

Es sei nur eine Frage der Zeit, bis auch in ihrem Bezirk ein Kind sterbe, sagen die Sozialarbeiter im Berliner Wedding. Im Februar haben sie dem Stadtrat deshalb ihre Überlastung angezeigt. Sie wollen rechtlich abgesichert sein, falls jemand sie belangen will. Die Kinderschutzmeldungen, schreiben sie in dem Papier, hätten sich mehr als verdoppelt. Sie wissen nicht mehr, wie sie diese Flut bewältigen sollen.

Es ist neun Uhr morgens, als die Sozialarbeiter in der Weddinger Ruheplatzstraße zu ihrer wöchentlichen Teamsitzung zusammenkommen. Am Karfreitag ist Klaus Wörsdörfer noch mal im Büro gewesen, um den Vermerk zum Pohlmann-Fall zu schreiben, am Samstag hat er verfolgt, ob die Zeitungen nicht doch irgendwas schreiben, aber zum Glück hatte die Polizei über die Feiertage keine Meldung herausgegeben.