Verlagswesen Das geht zu weit!
Der Verleger Helge Malchow über literarische Schlachten, das Verbots-Urteil gegen Maxim Biller und die Diktatur der Harmlosigkeit
DIE ZEIT: Herr Malchow, ist es eine Beleidigung oder ein Lob, wenn man sagt, dass Sie 1968 das Kämpfen gelernt haben?
Helge Malchow: Es ist die Wahrheit. Das war eines der wenigen Dinge, die man 68 lernen konnte – und die man nicht nachträglich einer schmerzhaften Kritik unterwerfen musste.
ZEIT: Sie waren damals in der DKP.
Malchow: Aus der ich ausgeschlossen wurde, weil ich mich als Mitglied der Lehrergewerkschaft mit den streikenden Arbeitern in Polen solidarisiert habe.
ZEIT: Ist denn Kiepenheuer & Witsch nun ein 68er- oder ein Anti-68er-Verlag?
Malchow: Verlage werden chronisch überschätzt, wenn es um die Gestaltung von politischen oder sozialen Prozessen geht. Natürlich gab es in den siebziger Jahren Übereinstimmungen mit dem damaligen linken, gesellschaftskritischen Milieu, also Böll, Wallraff und anderen. Heute würde ich sagen: Wir stehen politisch in der Tradition der Aufklärung, wir treten für soziale Gerechtigkeit ein und verteidigen demokratische Freiheiten. Aber das tun andere auch.
ZEIT: Ist das ein Problem – die Verwechselbarkeit der Verlage, die Unschärfe der Programme?
Malchow: Die Verlage spiegeln da nur die Situation der politischen Öffentlichkeit insgesamt. Natürlich ist es auch ein verlegerisches Problem, weil sich die acht bis zehn ernstzunehmenden Publikumsverlage oft um dieselben Bücher streiten. Ich sehe das aber als eine interessante Konkurrenzsituation.
ZEIT: War die Popliteratur, die Ihr Verlag seit den achtziger Jahren veröffentlicht, so etwas wie ein Gegen-68?
Malchow stellt sich vor seine Autoren – wenn es sein muss, auch vor Gericht Der Begriff Popliteratur war ein Etikett für eine kleine Zahl von Autoren, das von Kritikern und Journalisten stammt. Die Abgrenzung etwa von inflationären Betroffenheitstexten und ritueller Politkultur spielte da eine Rolle, aber die Unterschiede waren immer größer als die Gemeinsamkeiten.
ZEIT: Und auch den Begriff der KiWi-Kultur finden Sie übertrieben?
Malchow: Auch das hat mehr mit unseren Geschmacksnerven und intellektuellen Entwicklungen zu tun als mit einer strategischen Entscheidung. Wir versuchen eben, die populäre Kultur mit derselben Neugier und Ernsthaftigkeit zu betrachten wie die klassische Literatur.
ZEIT: Ein Spagat.
Malchow: Sicher, aber mein Naturell geht auch eher in Richtung Brückenbauer.
ZEIT: Und trotzdem streiten Sie seit Jahren vor Gericht wegen Maxim Billers Roman Esra, Anfang Juni ist der nächste Termin.
Malchow: Ein Verlag muss für die Bücher, die er aus guten Gründen verlegt hat, kämpfen, zur Not auch vor Gericht. Die Geburtsstunde meiner Haltung in diesen Fragen war der Kampf um Salman Rushdies Satanische Verse. Dass das Buch schließlich in Deutschland trotz der Fatwa erschien, war ein Zeichen für die Freiheit der Literatur.
ZEIT: Biller ist der neue Rushdie?
Malchow: Nein, aber das Verbot eines anerkannten literarischen Werks bedeutet auf jeden Fall eine empfindliche Einschränkung der Kunstfreiheit, die das Grundgesetz garantiert. Eine Minderheit der Richter des Bundesverfassungsgerichts hält das Urteil gegen Biller sogar für verfassungswidrig. Vor allem ist das Urteil inkonsequent: Es bestätigt nach einer kunstspezifischen Prüfung des Romans zuerst, dass es sich bei Esra nicht um eine Schmähschrift oder eine vorsätzliche Verletzung von Persönlichkeitsrechten handelt – und dann wird zumindest einer der beiden Klägerinnen recht gegeben und der literarische Text plötzlich doch wie ein persönlicher Erfahrungsbericht gelesen.
ZEIT: Wegen der Klage der Mutter hat das Bundesverfassungsgericht das Verfahren an den Bundesgerichtshof zurückverwiesen. Darüber hinaus gibt es nun noch Geldentschädigungsprozesse. Das Landgericht München hat der Tochter bereits 50000 Euro zugebilligt.
Malchow: Dieses maßlose Urteil hat die Tendenzen noch verschärft, die schon im Verbotsverfahren deutlich wurden. Das ist ein neuer, restriktiver Kurs in der Rechtsprechung, der für alle Autoren und Künstler eine Gefahr darstellt. Auch dieses Urteil basiert auf der puren Unterstellung niedriger Motive, die übrigens das Bundesverfassungsgericht gerade nicht gesehen hat. Es beruht auf einer grotesken Fehleinschätzung des Schadensausmaßes, und es fehlt die Schuldhaftigkeit des Handelns. Besonders skandalös ist die zusätzliche Argumentation des zuständigen Münchner Richters, nach der die Höhe der Entschädigungszahlung der Verlag zu verantworten hat, weil er immer wieder Rechtsmittel eingesetzt hat. So wird vom Landgericht München sehenden Auges ein Grundrecht infrage gestellt – und so auch noch die Höhe des Schmerzensgeldes begründet.
ZEIT: Was bedeutet dieses Urteil für die Arbeit des Verlages?
Malchow: Es belastet unsere Arbeit in den Lektoraten. Es ist eine Bedrohung für jeden Schriftsteller, der seine Arbeit ernst nimmt. Kunstwerke entstehen nach einer ästhetischen, nicht nach einer juristischen Logik – nach der Logik dieses Urteils müssten ganze Bibliotheken der Weltliteratur umgeschrieben werden. Wir haben es hier offensichtlich mit einer neuen Form von Biedermeier-Mentalität zu tun, mit einer Sehnsucht nach konfliktfreier Wohlfühl-Kultur. Wir leben in einer Diktatur der Harmlosigkeit.
ZEIT: Das Verbot als Gesellschaftsphänomen?
Malchow: Man sollte vorsichtig sein mit Verallgemeinerungen, aber denken Sie an den Contergan-Film in der ARD, der erst nach mehreren gerichtlichen Instanzen freigekämpft wurde. Die generelle Tendenz ist, dass Richter und häufig auch Journalisten nicht unterscheiden zwischen Verletzungen von Privat- und Intimsphäre durch Paparazzi- und Boulevardjournalismus – und ernsthaften Kunstwerken, die zu Recht verfassungsgemäß geschützt sind.
ZEIT: Im Juni zieht der Verlag auch um, warum eigentlich?
Malchow: Wir verlassen die lauschige Villa in einem Kölner Vorort nach 50 Jahren ungern, aber der Platz reicht nicht mehr. Wir sitzen nun im Zentrum der Stadt, zwischen Dom und Hauptbahnhof und sind gespannt, welche Auswirkungen das auf unsere Arbeit als Verlag haben wird.
ZEIT: Viele in der Verlagsbranche sehen im Internet eine Bedrohung, Sie auch?
Malchow: Nein, es geht auch weniger um die Angst vor dem Internet an sich als um die wirklich wichtige Frage nach dem Schutz von Urheberrechten. Werden Autoren und Verlage auch in Zukunft für ihre Arbeit gerecht bezahlt, wenn das Buch nur noch ein Datenträger neben anderen ist? Wäre im Internet alles frei und kostenlos verfügbar, so wäre das eine Form des permanenten Mundraubs.
ZEIT: Google stellt ganze Bibliotheken ins Netz.
Malchow: Trotzdem wird das Buch – vor allem in der Belletristik – nicht verschwinden, auch wegen seiner sinnlichen Qualitäten.
ZEIT: Zum Schluss noch die Frage, die sich die ganze Branche stellt: Warum hat Ihr Verlag eigentlich Charlotte Roches Feuchtgebiete abgelehnt?
Malchow:
Abgelehnt ist falsch. Wir hatten in einem frühen Stadium des Manuskripts Einwände, die dazu geführt haben, dass sich die Autorin an einen anderen Verlag gewendet hat.
Das Gespräch führte
Georg Diez
- Datum 26.05.2008 - 04:49 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.05.2008 Nr. 22
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50.000 Euro sind doch ein angemessener Preis für so viel öffentliche Aufmerksamkeit, wie sie jetzt Autor und Verlag zuteil werden. Genau betrachtet ist es sogar ein Schnäppchen. Der Name Biller wird sich für sehr lange Zeit im Gedächtnis der Literaturfreunde halten, und wenn er jetzt keine Fehler macht, ist der Erfolg seiner kommenden Werke vorprogrammiert.
Den peinlichen Herrn Biller mit Salman Rushdi zu vergleichen ist ein starkes Stück, Herr Verleger.
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