Sheqer Ukaj hat viel erlebt, das ihn stählte für den Job, den er heute macht – die Bomben des Kosovokrieges, die serbischen Truppen, die in sein Dorf einrückten, die Flucht über die Grenze, zunächst allein, dann mit seiner ganzen, 22-köpfigen Familie. 1999, nach der Rückkehr aus Montenegro, begab er sich an den Wiederaufbau, wurde vom Dorfschreiner zum Unternehmer. An der Ausfallstraße von der kosovarischen Hauptstadt Prishtinë ins makedonische Skopje hat er vor Kurzem 600.000 Quadratmeter Grund gekauft und zwei Produktionshallen daraufgesetzt. 4.000 Stühle monatlich lässt er hier bauen, dazu einige Tausend Türen in einer anderen Fabrik, von über 100 Angestellten. Schon im vergangenen Jahr wurden die ersten Stühle auch nach Deutschland exportiert.

Ukaj, knapp über 40, hat Träume. 10.000 Stühle im Monat sollen es werden, 10.000 im Jahr will er den reichen Deutschen verkaufen. Der größte Tür- und Stuhl-Hersteller des Kosovos will er werden. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein farbiger Druck, das Bild eines eleganten Gebäudes aus Glas und Beton. So sollen seine Verkaufsräume aussehen, die er vor die Produktionshallen an die Straße bauen möchte. Es sei an der Zeit, aufzuhören, nur über die Vergangenheit zu reden, findet Ukaj. Es sei an der Zeit für ihn und sein unabhängiges Land, auf eigenen Füßen zu stehen.

Auf eigenen Füßen stehen? Drei Monate sind vergangen, seitdem das Parlament in Prishtinë die Unabhängigkeit des Kosovos von Serbien erklärte, mit Zustimmung der USA und der EU, gegen die wütenden Proteste der Russen und der Serben. Prishtinës Cafés und Geschäfte sind voll. Die Straßen zum Flughafen und nach Skopje werden ausgebaut. Shoppingcenter und Appartementblocks wachsen in den Himmel. Jeder Quadratkilometer bewohnten Landes protzt mit Dutzenden neuen Wohnhäusern, auf deren Balkonen kaum einmal die Parabolantennen fehlen. Dem Augenschein nach ist Europas neuester Staat eine Nation im Aufbruch. »Ein Land mit neuen Ambitionen«, wie der 25-jährige Software-Experte Kushtrim Xhakli beim Gespräch in einem Café in Prishtinë anmerkt, während ringsum schon am Nachmittag das Bier fließt und Madonna aus den Lautsprechern plärrt.

Aber der Augenschein ist nicht alles, und die Ambitionen wachsen auf brüchigem Grund. In den Büros der internationalen Organisationen und von privaten Forschungsinstituten werden dem Besucher Expertisen über den Tisch geschoben, die das Kosovo als Entwicklungsland beschreiben, zerfressen von Korruption und zerfleddert von organisierter Kriminalität. Etwa 40 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung sind arbeitslos. Die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche liegt brach, das Bildungssystem ist ein Scherbenhaufen. Ein Durchschnitts-Kosovare verdient im Jahr 1.500 Euro, weniger als jeder andere Europäer. Fast jeder siebte Bewohner des Zwergstaats lebt in extremer Armut und muss mit rund 90 Eurocent pro Tag auskommen. »Sind wir ökonomisch vorbereitet auf die Unabhängigkeit?«, fragt rhetorisch Shpend Ahmeti, der eloquente Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts GAP in Prishtinë. »Wir sind es nicht.«

Die EU schickt mehr als 2.000 Richter, Polizisten und Zöllner

Dabei haben die knapp über zwei Millionen Kosovaren seit 1999 pro Kopf mehr Geld von der internationalen Gemeinschaft erhalten als selbst die Allerärmsten in den schlimmsten Armutsregionen der Erde. Als der Schreiner Ukaj in seine Heimat zurückkehrte, kamen auch die Vereinten Nationen – und Hunderte Nichtregierungsorganisationen, die Nato, die EU, die OSZE. Die Internationale des Helfertums machte sich her über eine von Kriegsgräueln traumatisierte und zerstörte Region von der halben Größe Hessens und betrieb Nation-Building. Die Nation hat mit Parlament, Ministerien und Verwaltung nun alles, was gebraucht wird, um als Staat zu funktionieren. Eine der größten UN-Operationen der Geschichte ist beendet. Aber was ist mit Economy-Building?

Im Juni soll die EU große Teile der Aufgaben der Vereinten Nationen übernehmen. Sie soll das Kosovo auf einen Weg treiben, an dessen Ende die Mitgliedschaft im Club der Europäer winkt. Sie wird über 2.000 Richter, Polizisten, Zöllner und Wirtschaftsexperten schicken und mit ihnen zu beweisen versuchen, dass aus einem Entwicklungsland ein funktionierender, wirtschaftlich prosperierender Staat werden kann. Es ist der ultimative Test für das, was die Union an ihren Rändern zu tun vermag. Rund 1,5 Milliarden Euro wird sie dafür bis 2010 zur Verfügung stellen, dazu noch einmal ein bis zwei Milliarden, die von einzelnen Geberländern kommen. Sehr viel Geld, das vor allem der europäische Steuerzahler aufbringt.