Sinno ist vor Kurzem zum zweiten Mal ins Kosovo gekommen, jetzt als Abteilungsleiter der im Zentrum Prishtinës direkt neben dem kosovarischen Regierungssitz residierenden Vertretung der EU-Kommission. Er meint, das Glas sei voller geworden: »Damals gab es nichts, heute funktionieren die Banken, die Supermärkte sind gut bestückt, und alle Autos fahren mit Nummernschildern.« Angesichts der Ausgangslage ist das nicht wenig. Im Jahr 2000 gab es keine arbeitende Verwaltung, kein Ministerium und wenige durchgängig passierbare Straßen. Inzwischen ist das kosovarische Straßennetz besser als das im EU-Mitgliedsland Rumänien. Die Einführung zunächst der D-Mark, später des Euro als Zahlungsmittel brachte makroökonomische Stabilität. Der Zoll funktioniert und verschafft dem Staatshaushalt hohe Einnahmen. Die Institutionen sind eingerichtet, alle Ministerien aufgebaut. Dass das Kosovo heute »eine der modernsten Gesetzgebungen Europas« habe, gibt selbst der kritische Ökonom Ahmeti zu.

Freilich fehlt es am Personal, das diese Gesetze auch durchsetzen kann – »an einer kritischen Masse an Expertenwissen und institutioneller Erfahrung«, wie es Andreas Wittkowsky ausdrückt, der als EU-Mann unter dem Dach der Vereinten Nationen für die wirtschaftliche Entwicklung des Kosovos zuständig ist. Wie soll es auch anders sein in einem Land, das vor gerade einmal acht Jahren nur dem Gefühl nach eine Nation war und dessen heutige Elite das Jahrzehnt zuvor überwiegend im Untergrund verbrachte? Kosovo-Albaner wurden damals von den Serben aus allen Führungspositionen entfernt, Schule fand für ihre Kinder nur noch im Wohnzimmer des Elternhauses statt. So kommt es, dass heute nach Wittkowskys Worten »die Kosovaren Fragen etwa des Außenhandels allein nicht bearbeiten können«. Dafür brauchen sie Hilfe. Und die werden sie bekommen.

Schlimmer ist anderes. Die Herrschaft des Rechts gibt es im Kosovo bis heute nicht. Nach den Statistiken von Transparency International steht das Land auf der globalen Rangliste der Korruption an viertletzter Stelle, übler geht es nur in Kamerun, Kambodscha und beim Nachbarn Albanien zu. Daran tragen die Vereinten Nationen Mitschuld. Zwar verweist deren oberster Repräsentant Joachim Rücker auf rund 40 anhängige Korruptionsverfahren mit über 100 Verdächtigen, unter anderem gegen den Chef des Flughafens Prishtinë. Auch in umfangreichen Geldwäschefällen werde ermittelt. Aber es verwundert schon, dass mit Kambodscha und dem Kosovo ausgerechnet jene Staaten zu den korruptesten der Welt gehören, in denen die internationale Gemeinschaft seit Jahren so aktiv ist wie sonst nirgends auf dem Globus.

Auslands-Kosovaren schicken Hunderte Millionen Euro nach Hause

Shpend Ahmeti vermutet, dass der Kampf gegen die Korruption, in die auch einige ranghohe kosovarische Politiker verwickelt sein sollen, dem Drang nach stabilen politischen Verhältnissen zum Opfer fiel. Das ist einer der Gründe, warum wenig investiert wird. Ein anderer: Eine Vision, auf welchen Pfad sich das Land ökonomisch begeben kann, haben bislang weder die UN noch die kosovarischen Regierungen entwickelt. »Bisher ging es fast nur um die Frage, wie die Unabhängigkeit zu erreichen ist«, sagt Ahmeti. »Eine Basis für die Wirtschaft wurde durch die knapp drei Milliarden Euro, die seit 1999 aus internationalen Kassen ins Land geflossen sind, dagegen nicht geschaffen.«

Die Folgen lassen sich an den Statistiken über die soziale Lage ablesen – und an einem Blick in die Regale der Supermärkte. Überall im Kosovo findet man Tomaten aus Makedonien, Käse aus Bayern oder Pfirsichsaft aus Slowenien, alles Produkte, die genauso gut im eigenen Land produziert werden könnten, wenn es die Produzenten gäbe. Auf dem Land leben rund drei Viertel der Bevölkerung, aber nur neun Prozent des Sozialprodukts werden hier erwirtschaftet. Zugleich fehlt es an Industrie. Gerade einmal zehn Prozent aller Betriebe sind im verarbeitenden Gewerbe tätig. All das führt dazu, dass das Kosovo 2007 nach den Angaben Ahmetis 15mal mehr Waren ein- als ausführte. Noch immer ist Schrott das wichtigste Exportprodukt.

Finanziert wird das Handelsdefizit durch internationale Hilfe und durch die Überweisungen von im Ausland lebenden Kosovo-Albanern. Beides hat eine regelrechte Kultur der Abhängigkeit geschaffen, die kurzfristig kaum zu durchbrechen ist. Allein die Überweisungen der Emigranten machen rund 15 Prozent des Sozialprodukts aus. Mitunter fließt das Geld in produktive Zwecke; der Schreiner Sheqer Ukaj bekam 200.000 Euro Starthilfe von einem in der Schweiz lebenden Bruder, fünf Millionen Euro investierte ein in New York tätiger kosovarischer Bauunternehmer in Kosova Steel. Überwiegend aber geht das Geld in den Konsum – und dient dazu, der arbeitslosen und armen Sippschaft zu Hause das Überleben zu sichern. Die Großfamilie ist im Kosovo das stärkste soziale Netz.