Lupishtë ist eines des Dörfer, die am Tropf der Auslands-Kosovaren hängen. In einer lieblichen Hügellandschaft unweit der makedonischen Grenze schmiegt es sich zwischen weitgehend ungenutzte Felder und Weiden, am Dorfplatz steht als einziges Zeichen öffentlichen Lebens ein winziger Laden. Das Dorf wurde vor zwei Jahren von Sozialforschern genauer untersucht, an ihren Befunden hat sich seither nach den Worten eines Englisch radebrechenden Lehrers an der örtlichen Schule nicht viel verändert: Acht von zehn Erwerbsfähigen sind arbeitslos. Ein Viertel der knapp über 2.000 Einwohner arbeitet im Ausland. Über 100 neue Häuser wurden von ihnen finanziert. 60 Prozent aller Einkommen stammen aus Auslandstransfers.

Immerhin wurde in Lupishtë inzwischen der alte Wohncontainer dicht gemacht, der vor zwei Jahren als Klassenzimmer diente. Dort – wie heute noch in anderen Dörfern und Städten des Kosovos – wurden die Schüler in Schichten unterrichtet, weil es zu wenig Raum und zu wenige Lehrer gab. An seiner Stelle ist auf dem Hügel gegenüber der in der Sonne gleißenden Moschee ein neues, modernes Schulgebäude errichtet worden. Dutzende Kinder strömen zusammen, als der Besucher in der Pause nach dem Lehrer fragt. Das Kosovo hat die jüngste und die am schnellsten wachsende Bevölkerung in ganz Europa. Mindestens 25.000 junge Menschen drängen alljährlich auf den Arbeitsmarkt.

In der Erde warten Gold, Zink, Kupfer. Aber die Minen sind marode

Auch in Zukunft würden viele junge Kosovaren wohl gern ihr Glück im Ausland suchen. »Der Export von Arbeitskräften«, sagt der EU-Mann Andreas Wittkowsky, »ist das traditionelle Entwicklungsmodell des Kosovos.« Fraglich ist nur, ob es weiter funktioniert. Zu den Absurditäten europäischer Entwicklungspolitik gehört, Millionen in das Land zu schaufeln, zugleich aber für all jene die Grenzen zu schließen, die durch Arbeit ihren Beitrag zur Entwicklung leisten könnten. Seit dem Ende des Krieges sperren sich die Europäer gegen Emigranten vom Balkan, die noch vor wenigen Jahrzehnten zu den gern gesehenen Gastarbeitern auch in Deutschland gehörten. Zehntausende geflohene Kosovo-Albaner wurden zur Jahrtausendwende wieder nach Hause geschickt. Dabei könnten schon kurzfristige Werkverträge oder die Chance zur saisonalen Beschäftigung irgendwo im reicheren Europa den Kosovaren viel nutzen. »Geregelte Möglichkeiten zur vorübergehenden Migration würden uns sehr helfen«, sagt Besim Beqaj, der Chef der kosovarischen Handelskammer.

Dies gilt umso mehr, da es genügend Arbeitsplätze im eigenen Land selbst für gelernte Kräfte in naher Zukunft nicht geben wird. Zwar hofft Beqaj, dass die Unabhängigkeit den jungen Staat nun endlich auch auf den Radarschirm internationaler Investoren bringt. Kosovarische Arbeiter sind billig, und »zwischen Europa und China« sei das Land ein guter Standort, findet der Wirtschaftsmann. Aber bisher haben sich nur zwei ausländische Unternehmen – ein slowenischer Bierbrauer und ein kasachischer Nickelverarbeiter – in großem Stil im Kosovo engagiert. Auch bei einem deutschen Automobilzulieferer, der sich kürzlich im Land umschaute, rangiert das Kosovo auf der Rangliste potenzieller Standorte nach eigenem Bekunden noch immer ziemlich weit hinten.

Soll sich das ändern, ist vor allem die Regierung gefragt. Sie, und nicht die EU, sei nach der Unabhängigkeit für mehr Schulen oder den Kampf gegen die Korruption verantwortlich, meint der Unternehmer Ukaj. »Es gibt jetzt einen klaren Adressaten für die Frage: Warum sind wir arm?«, sekundiert der Manager Culaj. Ob kosovarische Politiker die Frage hören, wird sich zum Beispiel daran zeigen, ob sie nach acht Jahren Vorbereitung auf den eigenen Staat für ausreichend Strom im Lande sorgen können. Noch immer geht täglich das Licht aus, Maschinen stehen still. Zwei altersschwache Braunkohlekraftwerke nahe Prishtinë sorgen dafür, dass die Hauptstadt immer wieder von einer dichten Wolke aus Staub und Dreck überzogen wird. Seit Jahren diskutieren Regierungen und internationale Helfer darüber, die alten Meiler zu renovieren und mit einem zusätzlichen Kraftwerk das Kosovo zu einem Stromexporteur für die ganze Region zu machen. Die deutschen Stomgiganten RWE und EnBW haben sich um das Drei-Milliarden-Euro-Projekt beworben, entschieden ist nichts.

Angesichts von Armut und Rückständigkeit fällt der Gedanke schwer – aber das Kosovo ist ein potenziell reiches Land. Hinter seinem alten Schreibtisch sitzt Miftar Hyseni in einem düsteren Büro und schwärmt davon, was er alles aus dem Untergrund der von ihm geleiteten Mine Stan Tërg nach oben fördern könnte: bis zu 600.000 Tonnen Erze im Jahr, Blei und Zink vor allem, aber auch Silber und Cadmium. Seit 1975 ist der Ingenieur Angestellter in dem Bergwerk nahe der Stadt Mitrovicë, einem Teil des Bergbau-Konglomerats Trepça, das die Kosovaren zu ihren Kronjuwelen zählen. Neuere geologische Untersuchungen haben ergeben, dass das Land nicht nur die drittgrößten Braunkohlereserven Europas besitzt, sondern auch ergiebige Vorkommen an Kupfer, Nickel, Bauxit, Blei, Zink und Silber. Kürzlich wurde sogar Gold gefunden.