Ja, es gibt Sex in diesem Liebesroman über eine achtunddreißigjährige Frau und einen dreißig Jahre älteren Mann. Er erschöpft sich in folgendem Satz auf der vorletzten Seite: »Ohne Worte fielen wir auf den Futon und liebten uns leidenschaftlich.« Leicht ist er zu überlesen, so kahl und eingeklemmt steht der Satz da zwischen Dutzenden genau beschriebener gemeinsamer Mahlzeiten, Betrachtungen des Mondes und der kleinen Dinge des Alltags. Wenige Zeilen später ist vom Tod des alten Mannes die Rede, den Tsukiko über alle Maßen liebt und den sie immer nur Sensei, Lehrer, nennt. Er hinterlässt ihr eine Aktentasche. Dann der letzte Satz des Romans: »Es ist nichts darin, nur Leere, nur eine große, allumfassende Leere breitet sich darin aus.«

Sex oder allumfassende Leere: Der westliche Blick hat eine unwiderstehliche Neigung, jede Geschichte zu fokussieren, auf ihren Höhepunkt, ihren Umschlagpunkt hin oder auf ihr Ende, ihren Sinn. Sex und allumfassende Leere – man muss weder Buddhist noch Schopenhauer-Leser sein, um in dieser Alternative die Welt als Wille und als Vorstellung wiederzuentdecken: das Illusionsgewoge im Reich der Begierde und die Reinheit des Nichtseins, Streben und Ruhe, Aktivität und Kontemplation.

Was macht der westliche Leser mit dieser befremdlichen spiegelverkehrten Harold und Maude- Geschichte? Der Roman der fünfzigjährigen Japanerin Hiromi Kawakami hat das Zeug, zum Liebesroman des Jahres aufzusteigen. So behutsam, so zart verläuft die Annäherung der beiden, so diskret und rücksichtsvoll gehen sie miteinander um, so leise flüstert die Sprache der Liebe, so untergründig entwickelt sich die Spannung, dass die Freude am Fortgang der Liebesgeschichte sich jederzeit die Waage hält mit dem kontemplativen Genuss der allereinfachsten Sätze.

Ähnlich geht es den Liebenden: Wenn sie gemeinsam die vielen kleinen, aufs Feinste zubereiteten leckeren Schweinereien in ihrer Eckkneipe essen und dazu Unmengen von Sake in kleinen Schlucken zu sich nehmen, dann reden sie bald nicht mehr. Sie sitzen nebeneinander, oft durch einen Barhocker voneinander getrennt, und blicken selig ins Leere. Und wenn sie doch reden, dann so herrliche, die erfüllte Gegenwart bestätigende Sätze wie: »Sake und Oden sind wirklich etwas Köstliches.« Man kann das als tautologische Funktion der Rede beschreiben nach dem Muster: »Es ist, was es ist«, woran eine ursprüngliche sakrale Funktion hörbar wird: Kein Abstand, keine Kritik trennt hier die Welt von ihrer Bedeutung. Solcher das Sein gut deutenden Rede folgt gelegentlich auch eine Aktion, die aber nur eine weitere Verstärkung der Bestätigung ist: »…worauf der Sensei mir leicht über den Kopf strich.« Doch wie geht der Roman nach einem solchen Satz weiter? Logischerweise: »›Sensei, sollen wir noch etwas bestellen?‹ – ›Ja, gern.‹ Also bestellten wir mehr.«

Wer sich bei der Lektüre wundert über die endlose Aufzählung von gekochtem Gemüse, gedünsteten Schalentieren, gebratenem Fleisch, marinierten Tofuscheiben, Walfischspeck, Reiscrackern, Fischwurst und Lotosknollen, der weiß spätestens an dieser Stelle, dass von jenem glücklichen Zustand die Rede ist, dessen Nichtvergehen tiefster Wunsch ist und der gleichwohl im Medium der nachträglichen Schrift dargestellt sein soll. Hier geschieht dies durch redundante Bestätigung des Glücksstroms selbst. Dass dieser die ursprüngliche Gestalt schmackhafter, immer schon weicher und zerteilter Nahrung hat, ist einerseits universell verständlich und andererseits auch wieder japantypisch: Denn die viele Jahre umfassende Mutter-Kind-Symbiose mit der Rundumversorgung des Kleinkindes unterscheidet das Erziehungssystem grundsätzlich von dem des Westens.

Doch die Schrift selbst kann unter Bedingungen erfüllter Liebe die glückssichernde Funktion der Speise übernehmen. Der Roman deutet es an bei einem Besuch der beiden Liebenden in einer Kalligrafieausstellung. Reizend seien die alten Handschriften aus der Heian- und der Kamakurazeit, »wirklich bezaubernd«, meint der Sensei und gibt zu, sie nicht entziffern zu können. Sinnlos schön, diese Schrift mithin. Und Tsukiko, die er mitgenommen hat zu den unlesbaren Schriften? »Ich war glücklich, bei ihm zu sein. Einfach nur glücklich.«

Und so geht es sinnlos glücklich weiter durch den Roman. Der Eindruck wird immer stärker, dass die kleinen Misshelligkeiten, unschönen Begegnungen am Rande, die Erinnerung an die verstorbene Frau des Sensei, das zögerliche Techtelmechtel von Tsukiko mit einem Gleichaltrigen – dass all diese Ablenkungen und Beeinträchtigungen nur das widerständige Material sind, das jede (Glücks-)Darstellung braucht, um sich überhaupt entfalten zu können.