Erzählungen Das schönste, traurigste Schweigen
Wie Peter Stamm es in seinen Geschichten schafft, aus fast nichts alles zu zaubern
Schwer ist es, erwachsen zu werden. Und schwer ist es zu altern. Aber erst die Zeit dazwischen! All die Jahre, in denen die kleinen Hoffnungen zunichtewerden und einem keine größeren mehr einfallen, für die es zu kämpfen, was heißt zu kämpfen: nur einfach auszuharren, jeden Tag neu zu bestehen lohnte. Was das Scheitern anbelangt, das leise Scheitern im Alltag, dem kein heftiges Aufbegehren vorangeht und kein dramatisches Leiden folgt, darin ist der 1963 geborene Schweizer Peter Stamm ein literarischer Meister. Seine Romane und Prosasammlungen, lakonisch und unprätentiös erzählt, in verhaltenem Ton, von minimalistischer Erzählökonomie und schnörkellosem Stil, fügen sich zu einer Enzyklopädie des Scheiterns, in der die unausgesetzte Abfolge von Niederlagen und Enttäuschungen, die das Leben für seine Protagonisten ausmacht, verzeichnet wird.
Ein paar Jahre der Ehe, das kann es doch nicht gewesen sein
Dies ist ein Autor, der sich auf das vergeudete, auf das nicht gelebte, nur hingenommene und ertragene Leben spezialisiert hat. Einerlei, ob es sich um einen jungen Dorfschullehrer oder eine resche Barkeeperin handelt, um eine talentierte Zeichnerin, die sich in einer Ehe mit einem Provinzspießer abhandenkommt, oder die einsame Witwe eines Steuerberaters; einerlei, ob diese unsäglich traurigen Geschichten irgendwo in den Metropolen der Welt spielen (wie einige Geschichten des Erzählbands In fremden Gärten von 2003), in Schweizer Provinzstädten oder zwischen Alpendorf und Einöde: Was Peter Stamm seinen stumm verzweifelnden Helden, seinen nur höchst selten in ihrer Verzweiflung auch aufschreienden Heldinnen widerfahren lässt, das ist immer und überall dasselbe. Der topografische und der soziale Ort haben darauf keinen Einfluss, Stand und Beruf bedeuten fast nichts. »Ich glaube nicht, dass sie über mich reden werden«, sagt sich in der ersten Erzählung von Stamms neuem Band die nicht mehr ganz junge Frau, die ihre Gäste nach dem Abendessen verfrüht hinauskomplimentiert hat. »Es gibt nichts zu reden über mich, und das ist gut so.«
Genau so könnte das auch die junge Kindergärtnerin sagen, von der die Titelgeschichte erzählt und die eines Abends merkt, dass sie eigentlich weder die Kinder, mit denen sie tagsüber zu tun hat, noch ihren Liebhaber, der nach Dienstschluss mit ihr seinen Spaß haben möchte, richtig mag; oder der Hotelrezeptionist, der seit dreißig Jahren seinen Dienst versieht, ohne aufzumucken, pflichtbewusst mit seiner Frau in gespenstischer Sprachlosigkeit das Abendessen einzunehmen pflegt und jetzt, nachdem man ihm ein Muttermal am Rücken entfernt hat, auf den histologischen Befund wartet, der vielleicht sein Todesurteil sein wird: »Er hatte sich nie viel gewünscht, hatte nur immer gehofft, dass alles so bliebe, wie es war.«
Warum Stamms Frauen und Männer, die jungen und die alten, gar nie auf die Idee kommen, dass nicht immer alles nur bleiben müsse, wie es ist, und sich Freunde oder Kollegen vielleicht auch über sie etwas zu erzählen haben könnten, das wird uns von Stamm nicht verraten. Er bleibt mit durch nichts zu irritierender Konsequenz seinen Figuren ganz nahe, vielleicht gelingt es ihm merkwürdigerweise bei den Frauen und den Alten sogar noch etwas besser, gewissermaßen aus ihrem Inneren heraus zu erzählen.
Auf ihre Weise ist eine Geschichte wie Drei Schwestern nicht zu übertreffen. Heidi wächst auf in einem Ort, in dem sie stets die Bergkette der Drei Schwestern vor Augen hat. Sie zeichnet und malt und wird darin unterstützt von ihrer Zeichenlehrerin, einer offenbar lesbischen Frau – so ein aufdringliches Wort ließe sich der diskrete Autor aber niemals durchgehen –, und macht sich eines Tages auf, mit dem Zug nach Wien zu fahren, um sich an der Kunstakademie zu bewerben. In Innsbruck aber hat sie der Mut schon verlassen, sie steigt aus, gerät noch in derselben Nacht in die Arme eines Mannes, der ihr mittels eines unverzüglich gezeugten Kindes ihren künstlerischen Spleen schon noch austreiben wird. Erst nach ein paar Ehejahren fängt Heidi wieder zu zeichnen an, es ist stets der von ihr mehr halluzinierte Körper eines Mädchens namens Carmen, das sich selbstbewusst auf ein Leben vorbereitet, das sie mit Frauen führen wird. Drei Schwestern, die alte Zeichenlehrerin, ihre begabte Schülerin und die junge Frau, die es, vielleicht, schaffen wird, ihr Leben nicht nur hinzunehmen, sondern zu gestalten.
Die Geschichte von den drei Schwestern ist eine der wenigen des Bandes, in denen immerhin die Ahnung davon aufscheint, dass die Dinge auch eine andere Wendung nehmen könnten. Doch fragt sich Heidi, eingesargt in die Ehe mit dem redlich dummen Mann, »was gewesen wäre, wenn sie damals nach Wien gefahren wäre und ihre Mappe eingereicht hätte«. Wahrscheinlich wäre sie dann »jetzt Zeichenlehrerin in irgendeiner Kleinstadt«, und wie Stamm das sagt, mag es behutsam klingen, aber es ist in Wahrheit nichts anderes als grausam.
Ein paar Runden im Schwimmbad nur, vielleicht wird alles gut
Offenbar reicht ihm die Markierung »Zeichenlehrerin in der Kleinstadt« aus, dass auch dieses alternative Leben wiederum nur ein verpfuschtes hätte werden können. Es herrscht ein eklatanter Mangel an Aufbruch, Widerspruch, Renitenz in diesen Biografien, selbst den missglückten Aufruhr wider die marternde Normalität, etwa in Form von alkoholischen Exzessen, hysterischen Attacken, manifesten Depressionen, billigt er seinen Figuren nicht zu. Duldsame Existenzen, sind sie einzig da, um zu leiden, und alle leiden sie unendlich diszipliniert und selbstbeherrscht. Man darf Bücher nicht an dem messen, was die Prosa des Klappentextes von ihnen verspricht: Aber dass es Peter Stamm gelänge – oder auch nur darum ginge –, im zäh fließenden Leben seiner Figuren jene »Momente einzufangen, in denen sich etwas verändert«, das ist schlichtweg für ein anderes Buch als jenes formuliert, das Wir fliegen heißt. Auf geradezu prekäre Weise sind die zwölf Erzählungen vielmehr auch darin stimmig, dass sie die Verzagtheit zum natürlichen Lebenszustand der Menschen erklären.
Geradezu beglückt liest man daher jene zwei, drei Geschichten, in denen ein Aufbruch, wie bescheiden auch immer, angedeutet wird. Ein einziges Mal isst der Hotelangestellte, der morgen Nachricht über Leben oder Tod erhalten wird, nicht bei seiner Frau, weil er »diesen letzten Abend nicht mit ihr verbringen wollte, mit ihrer falschen Fürsorge, mit ihrem unnützen Geschwätz«. Er bleibt im Hotel, und als alle Gäste und Angestellten schlafen, begibt er sich zum Swimmingpool, legt seine Kleider ab und tut das, woran er all die Jahre nicht einmal zu denken wagte: Er schwimmt im Becken ein paar einsame Runden.
- Datum 23.05.2008 - 11:49 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.05.2008 Nr. 22
- Kommentare 2
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"...Einerlei, ob es sich um einen jungen Dorfschullehrer oder eine resche (fesche?) Barkeeperin handelt, um eine talentierte Zeichnerin, die sich in einer Ehe mit einem Provinzspießer abhandenkommt, oder die einsame Witwe eines Steuerberaters; einerlei, ob diese unsäglich traurigen Geschichten irgendwo in den Metropolen der Welt spielen..."
1. Sind das nicht Klischees, die unter anderem Etikett in der Literatur schon x-mal abgehandelt wurden?
Ich weiß, alles ist schon mal da gewesen und kann trotzdem neu beschrieben werden. Nur – was ist das Neue?
2. Was ist an solchen Allerweltskonflikten so unsäglich traurig?
Der kuriosen Zeichenbrei - ist das eine effektvolle Story...? Soz. Super-Zeichen, metha-lesbar?*Ich glaube, Herr PeterSchoenau sollte Bücher lesen, die durch die Art der Darstellung und Sprache - Stil, Struktur, Bildlichkeit, Intention - auch Probleme, Leiden, Freuden, Abenteuer, die man individuell-plakativ phantasie- und empathielos "überholt" glaubt, erzählt werden können, die man&männle verdrängen will. *... und bevor es Schriftszeichen gab: Solch "prätentiöse Frage(n)" haben sich (vergeblichen Bildungshypothesen nach) schon keulenschwingende Neanderthaler gestellt, als sie nicht wussten, wie sie mit Sprache umgehen lernen könnten. Und es niemanden (nicht mal die spätere GOTTung) gab, der es ihnen beibringen konnte (oder mochte).*Des Lesens Wil-le? Stil und Stil-le.
Der kuriosen Zeichenbrei - ist das eine effektvolle Story...? Soz. Super-Zeichen, metha-lesbar?*Ich glaube, Herr PeterSchoenau sollte Bücher lesen, die durch die Art der Darstellung und Sprache - Stil, Struktur, Bildlichkeit, Intention - auch Probleme, Leiden, Freuden, Abenteuer, die man individuell-plakativ phantasie- und empathielos "überholt" glaubt, erzählt werden können, die man&männle verdrängen will. *... und bevor es Schriftszeichen gab: Solch "prätentiöse Frage(n)" haben sich (vergeblichen Bildungshypothesen nach) schon keulenschwingende Neanderthaler gestellt, als sie nicht wussten, wie sie mit Sprache umgehen lernen könnten. Und es niemanden (nicht mal die spätere GOTTung) gab, der es ihnen beibringen konnte (oder mochte).*Des Lesens Wil-le? Stil und Stil-le.
Der kuriosen Zeichenbrei - ist das eine effektvolle Story...? Soz. Super-Zeichen, metha-lesbar?*Ich glaube, Herr PeterSchoenau sollte Bücher lesen, die durch die Art der Darstellung und Sprache - Stil, Struktur, Bildlichkeit, Intention - auch Probleme, Leiden, Freuden, Abenteuer, die man individuell-plakativ phantasie- und empathielos "überholt" glaubt, erzählt werden können, die man&männle verdrängen will. *... und bevor es Schriftszeichen gab: Solch "prätentiöse Frage(n)" haben sich (vergeblichen Bildungshypothesen nach) schon keulenschwingende Neanderthaler gestellt, als sie nicht wussten, wie sie mit Sprache umgehen lernen könnten. Und es niemanden (nicht mal die spätere GOTTung) gab, der es ihnen beibringen konnte (oder mochte).*Des Lesens Wil-le? Stil und Stil-le.
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