Fossile Energien Grüner Bauherr, schwarzer Staub
Hamburg streitet um ein Kohlekraftwerk, Schleswig-Holstein baut deren zwei, ein grüner Oberbürgermeister ist begeistert – und niemand protestiert
Brunsbüttel - Ganz Norddeutschland redet von Moorburg, wer spricht von Brunsbüttel? Auf einer Baustelle im Hamburger Süden, so scheint es bisweilen, entscheidet sich die Zukunft des Weltklimas oder wenigstens des deutschen Beitrags zu seinem Schutz – diesen Schluss jedenfalls legt die aufgeregte Debatte um das Kohlekraftwerk nahe, das der schwedische Energiekonzern Vattenfall dort errichten will. 70 Kilometer flussabwärts dagegen plant ein Konsortium süddeutscher Energieunternehmen ein Megakraftwerk, das Moorburg in vieler Hinsicht in den Schatten stellen dürfte: Noch größer, noch mehr sinnlos vergeudete Abwärme – und der halbherzige Versuch, zu dem sich Vattenfall hatte drängen lassen, das austretende Treibhausgas CO₂ abzuscheiden und zu speichern, ist bei diesem Kraftwerk gar nicht erst geplant. Aber während sich der Streit um Moorburg im Zuge der Hamburger Regierungsbildung zum nationalen Politikum auswuchs, interessiert sich für Brunsbüttel nur eine örtliche Bürgerinitiative.
Das ist bemerkenswert – denn mehr noch als Moorburg steht Brunsbüttel für den deutschen Weg in der Energiepolitik. Noch erzeugt in der Kleinstadt am Elbufer ein Atomkraftwerk Strom. Ginge es nach den Brunsbüttelern, dürfte das gerne so bleiben. »Wir – da spreche ich für die Mehrheit des Stadtrats – hätten gern ein Atomkraftwerk der neuesten Generation gehabt, wenn so etwas noch gebaut werden dürfte«, sagt Brunsbüttels parteiloser Bürgermeister Wilfried Hansen.
Atomkraftwerke aber dürfen in Deutschland nicht mehr gebaut werden, die Restlaufzeit des alten AKWs endet voraussichtlich im Jahr 2011, weshalb hier von 2012 an zwei neue Steinkohlekraftwerke Strom erzeugen sollen, insgesamt etwa dreimal so viel wie bisher. Dabei werden sie Jahr für Jahr ungefähr 15 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Luft blasen – fast doppelt so viel, wie das umstrittene Kraftwerk im Hamburger Süden ausstoßen soll.
Kohle statt Atom – der neue Kraftwerkspark in Brunsbüttel, mit all seiner Klimaschädlichkeit, ist ein Erbe der rot-grünen Energiepolitik. Da passt es gut, dass einer der prominentesten Grünen Deutschlands zu den Bauherren zählt. Zwar sind die Stadtwerke des grünen Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer nur mit einem winzigen Anteil an dem Bauvorhaben beteiligt – aber da man nicht ein bisschen für etwas sein kann, was man prinzipiell bekämpft, bleibt Palmer ein Bekenntnis zum Kohlestrom nun nicht erspart. In Tübingen treibt der Bürgermeister eine eindrucksvolle lokale Effizienzrevolution voran; die Investition im fernen Brunsbüttel verteidigt er mit Sätzen, wie man sie im Streit um Moorburg bislang nur aus der CDU hörte: Auch ein modernes Kohlekraftwerk sei immerhin ein Fortschritt gegenüber dem ineffizienten Status quo. »Wir dürfen neue Kraftwerksprojekte nicht um den Preis verhindern, dass alte ineffizient weiterlaufen«, sagt Palmer – ein Argument, das unter den Gesichtspunkten des Klimaschutzes vielleicht noch etwas plausibler wäre, würden die Kohleöfen in Brunsbüttel nicht ausgerechnet ein Kraftwerk ablösen, das kein Kohlendioxid ausstößt. Ökopolitisch korrekt fügt Palmer hinzu, sein Ziel sei es, einen »energiepolitischen Rahmen« zu schaffen, »der alle Kohlekraftwerke überflüssig und unwirtschaftlich macht«. Aber mit diesem Bekenntnis schwimmt er immer noch im Mainstream der Kohlelobby, die ihre Kraftwerke ja nicht als eine perfekte Zukunftstechnik, sondern nur als unvermeidliche Übergangslösung anpreist.
Darüber hinaus hat Palmer noch ein energiepolitisches Argument: Tübingen wolle sich mit einem eigenen Kraftwerk von den großen Energieversorgern unabhängig machen. »Denn wenn die Stadtwerke sterben, hat man keine Chance, den völlig verkrusteten Strommarkt ökologisch neu auszurichten.«
Im Dithmarscher Kreistag, zu dem Brunsbüttel gehört, sind Palmers norddeutsche Parteifreunde nicht vertreten. Das alte Atomkraftwerk gibt 300 Menschen einen Arbeitsplatz. 420 Jobs sollen die beiden neuen Kraftwerke schaffen – da kommt das Versprechen der schwarz-roten Landesregierung, »Brunsbüttel als Energiestandort zu erhalten«, bei den Einwohnern gut an. Und wenn ein Sozialdemokrat im Kieler Landtag mal etwas gegen die neuen Kraftwerke sagt, dann pfeift ihn sein Fraktionsvorsitzender eilig zurück.
So beschränkt sich die Opposition gegen das Kraftwerk auf einige Bauern im Nachbarkreis Steinburg, der in der Hauptwindrichtung von Brunsbüttel landeinwärts liegt und den größten Teil des Kohlestaubs abbekommen würde. Dort gibt es auch eine kleine Klimaschutzinitiative, die ihre Existenz wohl hauptsächlich der bewegten Geschichte der zu Steinburg gehörenden Gemeinde Brokdorf verdankt. 20 Aktive lassen Luftballons für den Klimaschutz steigen, die Lokalzeitung berichtet darüber, aber schon die Zeitungen des Kreises, so klagt die Bürgerinitiative, seien für ihr Anliegen nicht zu gewinnen.
»Brokdorf ist überall«, lautete die Parole, als Atomkraftgegner aus ganz Deutschland hier vor 30 Jahren vor dem Nachbar-AKW demonstrierten. Heute, da Fragen der Energiepolitik mehr denn je zum globalen Problem werden, sind schon Hamburg und Tübingen furchtbar weit entfernt.
- Datum 26.05.2008 - 04:41 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.05.2008 Nr. 22
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Wozu auch. Das "Nein Danke...." war doch eh nur das Vehikel für den Gang durch Instanzen. (Oder?) Das Ziel ist nun erreicht ....... die Straßenkämpfer von anno dazumal versorgt. Zuerst mit Pöstchen, jetzt langsam auch mit Pensionen. Dazu Beraterhonorare, Renditen aus den Windmühlen und Solardächern......(siehe auch "Solarschulden".... aber die bezahlt ja jemand anderes.) Als es um die Abwicklung der DDR ging, waren das die "Seilschaften". Ist das hier was anderes? (....ihr "lieben Landsleute"!.....)Eigentlich ist es doch mal an der Zeit, den rotgrünen Schwachsinn des Atomausstieges zu beerdigen. Schade nur, in welche Position sich die SPD in dieser Frage seit 20 Jahren gebracht hat.Hier in Brokdorf geht erstmal "nur" um die rauchenden Schlote. Das mit dem Verbuddeln des Kohlendioxides steht einfach so im Raum, als Lösung erstmal kaum hinterfragt. Wo bleiben sie den hier, die selbsternannten Experten der "Politik auf der Straße"?Soll das etwa keine "Risikotechnologie" sein? Wieso hat denn plötzlich keiner Angst vor einer undichten CO2-Kippe? Können wir hier nicht mal ein Naturereignis zum Präzedenzfall stilisieren? Der Nyos-See in Ostafrika. Garnicht so lange her....Ob nun geologisch-physikalisch begründet oder nicht. Wieso greifen da denn die "ausgewiesenen Bedenkenträger" nicht zu? Genug Tote für ein ordentliches Geschrei gäb das Nyos-Ereignis allemale ab. Es drängt sich da doch die politische Interpretation auf, daß mit diesem Vehikel im Moment nicht allzuviel zu holen wäre........
Jahrzehntelang kämpfte man verbissen für den Atomausstieg. Jetzt ist das Ziel endlich erreicht und es kommt das böse Erwachen. Denn das ist das Problem vieler Protestbewegungen. Es ist sehr leicht gegen etwas zu sein. Viel schwieriger ist es jedoch sinnvolle Alternativvorschläge zu machen. Was ist denn die Alternative zur Atomenergie? Kohlekraftwerke stoßen sehr viel CO2 aus, dafür gibt es aber noch Kohle für etliche hundert Jahre auf der Erde. Gaskraftwerke stoßen zwar relativ wenig CO2 aus, machen aber sehr abhängig von Russland und es ist nicht sicher, dass die Russen ihre Lieferversprechen halten können. (Vom ganzen Nahostproblemkomplex garnicht erst zu reden...) Neue Talsperren kann man auch nicht mehr bauen, aus Umweltschutz und Mangel an geeigneten Plätzchen... Windkraft ist ganz nett aber erstens immer noch sehr sehr teuer und nicht grundlastgeeignet, jedenfalls nicht, wenn nicht gaaaaanz viele Speicherkraftwerke gebaut werden aber das würde dann alles noch viel teurer. Halbleiterbasierte Solarenergie eignet sich für Satelliten und Taschenrechner jedoch niemals für Massenenergieproduktion, da der Herstellungsaufwand in keinem vernünftigen Verhältnis zur produzierbaren Energiemenge steht. Daran wird sich weder mittel- noch langfristig etwas ändern. Geothermie scheint auch nicht die Lösung aller Probleme zu sein...Am Ende stellt sich die Frage, ob die Atomenergie zwar eine schlechte Form der Energieerzeugung ist, aber immernoch die Beste Form, die zur Zeit technisch machbar ist?Sicher wird es sehr hart für die SPD, sich diese Sache einzugestehen, aber man kann sich der Realität nicht auf ewig verweigern...GrüßeTrench
Ja, die Demokratie und der Volkswillen entflammt nur an Gemeinplätzen, die gesehen werden. Übrigens auch in Moorburg, da nur die Grünen ein striktes Nein formulieren (waren es bei der letzten Wahl nicht ca. 13% von viel 60% Wählern? ). In Brunsbüttel leben reale Menschen, in Hamburg immer noch zu viele die eben nicht wirklich mehr sehen wie Energie "gemacht" wird. Hambrug "importiert" seine Energie. Das typische Problem von "aber nicht in meinem Garten, bitte!".
Ich arbeite für die Regenerativen Energien und sehe die ganze derzeitige Energiepolitik sehr gespalten. Es gibt Energieformen die bei derzeitigen Primärenergiepreisen wirtschaftlich sind und welche sind weit davon entfernt. Eine Neuausrichtung der Energiepolitik über Jahrzehnte braucht Zeit und einen allgemeinen Konsens, doch das gerade kann eine Demokratie nicht leisten.
Atomenergie - auf den Stand von Brokdorf - ist eine mögliche Energieform mit nach wie vor einem komplett ungeklärten Thema: Die Entlagerung. Atomenergie ist grundlastfähig, unser Energieverbrauch und System derzeit nahezu ohne Speichersysteme ausgestattet - zum Vergleich auch ein Auto hat einen Speicher um Starten zu können, die Batterie!
Vorzeitigen Atomausstieg ohne wirkliche Alternativen halte ich für falsch. Ich habe keine Ahnung wo derzeit der Steinkohlepreis liegt, aber der wird auch steigen, sobald alle auf Kohle "umschwenken".
Ökologisch ist die Steinkohle derzeit eine Sackgasse. Wäre Brunsbüttel ein Testkraftwerk um CO2-Einlagerung zu probieren, würde ich es begrüßen.
Das wahre Problem ist, das die Gesellschaft keinen Konsens, keine Systemstabilität für langfristige Planungen hinbekommt. Das Atom-Endlagerproblem wird seit über 20 Jahren "bearbeitet"... aber keine Lösungen wurden wirklich gezielt und mit Nachdruck wegen plitischen Drucks gesucht. Doch Verdrängen und Vertagen nützt nicht.
In Brunsbüttel brauchen sie Arbeit und Energie, deshalb gibt es keinen Protest. Reale Probleme werden von einer Demokratie immer gut gelöst. Und zum Teil ist das auch gut so...
Es gibt hier eine kleine, aber sehr aktive Bürgerinitiative in Brunsbüttel, die sich nicht darauf beschränkt, nur NEIN zu sagen zu Kohle, was die einzige Antwort sein muss, wenn man schon mal was von Klimawandel gehört hat. Das Problem ist aber: Es geht NUR, immer NUR, um Geld! Wir haben die technischen Möglichkeiten, alles aus Erneuerbaren Energien zu bestreiten, nur dann brauchen wir neue Netze, die nicht den Energieunternehmen gehören, europaweites Denken (mindestens), Mut und Beharrlichkeit. Seltene Tugenden - nicht nur in D.Beispiel: Diverse Genehmigungen für Offshore-Windkraftflächen wurden von den großen Versorgern aufgekauft und eingemottet - bloß keine Konkurrenz vom Wind, der bekanntlich Vorrang im Netz hat. Stattdessen werden an die großen Einspeisepunkte Kohlekraftwerke gesetzt, wie Barrikaden beim Malefizspiel. Für diese wird jedes zweite Kohleschiff direkt als Abwärme im Fluss versenkt (sie sind ja so effizient, die modernen Kohlekraftwerke!) - Kohle, für deren Abbau jedes Jahr Tausende sterben, darunter viele Kinderarbeiter. Hallo! Aufwachen!!!
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