Altenpflege Krisenintervention

Was macht Patienten wütend? Wie schützt man Pfleger vor Überlastung? Fragen an den Münchner Psychiater und Demenz-Experten Hans Förstl

DIE ZEIT: Warum werden Demente aggressiv?

Hans Förstl: Demente Patienten wissen oft nicht mehr, wo sie sind, und erkennen mitunter ihre Angehörigen nicht. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen auf der Toilette, und plötzlich fummelt ein Wildfremder in Ihrem Intimbereich herum. Wer wäre da nicht ungehalten? Dazu kommen oft Missverständnisse und Spannungen.

DIE ZEIT: Die gehen nicht nur von einer Seite aus, oder?

Förstl: Bestimmt nicht. Wenn ein Patient innerhalb von zehn Minuten fünf Mal dasselbe fragt oder immer wieder fordert, nach Hause gehen zu dürfen, obwohl er daheim ist, dann platzt dem geduldigsten Pfleger irgendwann der Kragen. Der zurechtgewiesene Kranke wiederum kriegt nur den Ärger mit; er regt sich noch mehr auf, bekommt am Ende Angst und verteidigt sich, wie jeder andere das auch tun würde, der sich beleidigt und bedroht fühlt.

DIE ZEIT: Sind solche aggressiven Ausbrüche häufig?

Förstl: Sie sind nicht selten. Bei schätzungsweise einem Drittel der Patienten können zeitweise starke Probleme mit der geordneten Wahrnehmung, Reizbarkeit und Aggressivität auftreten.

DIE ZEIT: Kündigt sich aggressives Verhalten an?

Förstl: Sobald eine Situation wiederkehrt, die früher schon zu verbaler oder körperlicher Gewalt geführt hat, wird es brenzlig. Will man dem vorbeugen, gilt es, die Situation zu erkennen und zu ändern. Was auch eine Rolle spielt, vor allem bei der Pflege durch Angehörige: Ist der Pflegende selbst erschöpft und verzweifelt, kann die Sache eskalieren – bis zur Misshandlung durch den Pflegenden oder zum Faustschlag durch den Patienten. Wünschenswert wäre daher ein ausgeruhtes, konsequentes, aber freundliches Verhalten des Pflegenden. Das Problem ist nur, dass die pflegenden Angehörigen meist alt sind, allein gelassen und im Dauerstress. Werden sie noch durch die Patienten vom Schlafen abgehalten, bricht alles zusammen.

DIE ZEIT: Wie lässt sich diese Situation entschärfen?

Förstl: Man muss verhindern, dass der pflegende Angehörige auch zum Patienten wird. Er braucht Tipps von anderen mit ähnlichen Erfahrungen, Anleitung zum deeskalierenden Umgang, also moralische Unterstützung einerseits und andererseits die Gewissensentlastung: Es ist dem Patienten nicht damit gedient, wenn man sich selbst opfert.

DIE ZEIT: Und was braucht der Demenzkranke selbst?

Förstl: Die Patienten müssen medizinisch gut behandelt werden, eine gute Einstellung der körperlichen Grunderkrankungen, Schmerzfreiheit et cetera sind dabei mindestens so wichtig wie die Behandlung der Demenzerkrankung.

DIE ZEIT: Wann ist der Einsatz von Pflegepersonal oder die Überweisung in ein Pflegeheim sinnvoll?

Förstl: Im fortgeschrittenen Stadium kann die häusliche Hilfe durch professionelles Pflegepersonal in kritischen Situationen Wunder wirken. Die spezielle Anleitung und Motivation des Personals in Pflegeheimen kann Aggressivität von beiden Seiten reduzieren. Häufig wird aber nur der Ruf nach dem Doktor laut, der mit Beruhigungsmitteln für Ruhe sorgen soll. Mit fatalen Folgen.

Die Fragen stellte Sabine Borngräber .

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 21.05.2008 Nr. 22
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Sozialpolitik | Gesundheitspolitik | Misshandlung
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service