Altenpflege Modell Hoffnung

Der Staat ist mit der Pflege der Alten genauso überfordert wie die Familie. Deshalb brauchen wir neue Wohn- und Lebensentwürfe.

Die Seniorenbegleiterin fuer demenziell erkrankte Menschen, Marion Walter, von der Volkssolidaritaet Gotha macht mit einem von ihr ambulant betreuten Rentner Atem-Uebungen in seiner Wohnung (Foto vom 08.11.07).

Die Seniorenbegleiterin fuer demenziell erkrankte Menschen, Marion Walter, von der Volkssolidaritaet Gotha macht mit einem von ihr ambulant betreuten Rentner Atem-Uebungen in seiner Wohnung (Foto vom 08.11.07).

Mehr als eine Million Leser hat in den vergangenen Jahren den Niedergang der Familie Lambert verfolgt – eine traurige Geschichte von überforderten Kindern und einem an Alzheimer erkrankten Vater, der um ein Altern in Würde ringt. Der US-Bestsellerautor Jonathan Franzen hat mit seinem Roman Die Korrekturen eine amerikanische Familiensaga und gleichzeitig eine Demografie-Erzählung geschrieben. Familie – das ist bei Franzen nicht nur das Leben mit Kindern, sondern der Alltag mit den Alten. Seither sind andere Bücher und Filme mit diesem Thema gefolgt. Meistens beschreiben sie, wie sehr die beiden Institutionen überfordert sind, die sich bisher um alte Menschen kümmern: einmal die Familie und dann der Staat mit seinen Pflegeheimen und ambulanten Diensten.

Für Franzens Protagonisten Lambert ist das Leben im Heim so schrecklich, dass er sich umbringen will. In der deutschen Wirklichkeit möchte nicht einmal jeder Zehnte seine letzte Lebenszeit in einem Heim verbringen, obwohl deren Qualität sehr unterschiedlich ist. Doch viele werden keine Wahl haben, denn die Familien können künftig weniger Pflege leisten als bisher. Noch werden über 80 Prozent aller Pflegebedürftigen zu Hause betreut, meistens von weiblichen Angehörigen. Spätestens die nächste Generation von Pflegefällen braucht jedoch andere Modelle; vor allem weil zunehmend erwachsene Kinder nicht mehr am selben Ort wie ihre Eltern leben. Und nicht mehr nur die Söhne, sondern auch die Töchter und Schwiegertöchter haben fast immer Jobs.

Auch eine andere Tendenz steigt: Die Verantwortung verteilt sich auf weniger Menschen. Früher kümmerten sich viele Enkel gemeinsam um die Großeltern; in Zukunft wird es häufiger vorkommen, dass sich ein Einzelkind gleich für vier alte, hilfebedürftige Menschen verantwortlich fühlen muss: zwei geschiedene Eltern und deren Lebenspartner. Die Pflege der Alten wird in vielen Biografien eine größere Rolle spielen als das Leben mit Kindern und wird manchmal sogar mehr Jahre in Anspruch nehmen. Die Vierzimmerwohnungen, die Architekten einst für Familien entwarfen, werden dann vielleicht von kinderlosen Ehepaaren Mitte 60 und ihren pflegebedürftigen Eltern bewohnt. Heutzutage zeigen Eltern auf ihr Kind und sagen: »Da geht mein Porsche«, um deutlich zu machen, worauf sie verzichten. Womöglich reden sie morgen so über ihre Eltern.

Die Pflegebedürftigkeit tritt später ein – das Leiden dauert länger

Kein Anteil der Bevölkerung wächst so schnell wie die Gruppe der über 60-Jährigen. Die jüngeren Alten sind viel gesünder und leistungsfähiger als vergangene Generationen, aber 20 Jahre später werden viele von ihnen Pflegefälle sein. Und im hohen Alter werden sie länger Hilfe brauchen als ihre Eltern und deren Generationsgenossen. Die Alten von morgen erleben voraussichtlich viel mehr gute, gesunde Jahre als ihre Vorgänger; aber auch ein paar zusätzliche schwere Jahre stehen ihnen bevor. Viele Krankheiten, die früher zum schnellen Tod führten, dämmen die Ärzte heute ein, ohne sie heilen zu können. Herzschrittmacher, Dialyse-Geräte für Patienten mit Nierenleiden, künstliche Därme und künstliche Hüften verlängern das Leben – und das Leiden. So wird die Pflegebedürftigkeit in Zukunft zwar später im Leben auftreten, sich dann aber über einen längeren Zeitraum hinziehen. Und häufig werden die Kinder, die ihre alten Eltern pflegen, dann selbst schon alte Leute sein.

Die Schwulenehe könnte ein Vorbild für Seniorengemeinschaften sein

Es wäre an der Zeit, dass die Sozialpolitik ein altes Prinzip wiederentdeckt: die Idee der Subsidiarität. Sie besagt, dass kleine Einheiten möglichst viel selbst regeln sollten, bevor der Staat eingreift. Im Fall der Altenpflege können das Nachbarschaften sein, ganze Kommunen, Freundeskreise oder auch Wohngenossen. Ansätze dieses Prinzips sind schon erkennbar: Überall in Deutschland sind in den vergangenen Jahren Wohnprojekte für Alte entstanden – privat organisiert oder staatlich gefördert, als Mehrgenerationenhaus, mal in einer alten Villa mit schicken Einliegerwohnungen, mal in einer echten WG mit gemeinsamer Küche und gemeinsamem Bad.

Selbst für Demenzpatienten haben sich Wohngemeinschaften bewährt. Sie können ideal sein für alte Menschen mit leichter Demenz, bei denen die Kasse keine Rundumbetreuung finanziert. In den Wohnprojekten steht 24 Stunden am Tag ein Profi bereit, weil sich mehrere Alte die Betreuung teilen. In anderen Fällen heuern Nachbarn, die in derselben Straße wohnen, gemeinsam eine Pflegekraft an.

Der Staat hätte durchaus ein Interesse daran, solche Projekte zu unterstützen, denn jede erfolgreiche private Pflegeinitiative bedeutet weniger Ausgaben für teure Rundumbetreuung – selbst wenn der Wechsel ins Heim nur aufgeschoben wird. Allerdings müssten einige rechtliche Voraussetzungen erfüllt werden.

So sollten sich private Wohnprojekte leichter als GmbH registrieren lassen können; das würde es ihnen ermöglichen, als Arbeitgeber aufzutreten und selbst Pflegekräfte anzustellen, was vor allem steuerliche Vorteile hätte. Auch ein Instrument aus der Gleichstellungspolitik könnte der Gesetzgeber für die Altenpflege nutzen: die eingetragene Partnerschaft, also den Rechtsrahmen für die Schwulenehe. Sie räumt schwulen und lesbischen Paaren in einigen Lebensbereichen die gleichen Rechte und Pflichten wie Ehepaaren ein: Der Besuch am Sterbebett, der nur Angehörigen erlaubt ist, gehört dazu oder auch besondere Rechte bei Erbschaften und Unterhaltspflichten.

Warum sollte man dieses Instrument nicht generell allen zur Verfügung stellen, die freiwillig und dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen wollen? Manche lockere Alten-WG könnte durch solche Vorgaben verbindlicher und damit auch attraktiver werden. Und ein Slogan für die Gesetzesinitiative wäre auch schnell gefunden: Nicht schwul – na und? Den Pflegekassen wäre damit gedient – und vielen Familien auch.

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Leser-Kommentare
  1. Der durchschnittlich Angestellte hat im Jahr für die Belastungen bei der Pflege von Angehörigen einen nur geringen Steuerfreibetrag. Wir haben deshalb als Familie (vier 80jährige, zwei 50 jährige) eine Firma gegründet, setzen die Kosten seit 2003 ab und haben gerade unsere Steuerprüfung bei Finanzamt positiv durch. Das sind Modelle, die dem Staat nicht schmecken, die aber unerlässlich sein werden.

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    Eine gute Idee, zumal sie sich bewährt hat, sollte verbreitet werden. Könntet ihr etwas mehr über euer "Firmenmodell" hier sagen?Der Dank vieler "junger Alter" und ihrer Angehörigen wäre euch gewiß!

    Eine gute Idee, zumal sie sich bewährt hat, sollte verbreitet werden. Könntet ihr etwas mehr über euer "Firmenmodell" hier sagen?Der Dank vieler "junger Alter" und ihrer Angehörigen wäre euch gewiß!

  2. Eine gute Idee, zumal sie sich bewährt hat, sollte verbreitet werden. Könntet ihr etwas mehr über euer "Firmenmodell" hier sagen?Der Dank vieler "junger Alter" und ihrer Angehörigen wäre euch gewiß!

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