Den Besserwisser erkennt man unter anderem daran, dass er ungefragt zu allem sofort eine Meinung hat. Den Satz "Darüber müsste ich erst einmal nachdenken" hat der Besserwisser nicht auf seiner Festplatte. Wenn du zu dem Besserwisser sagst: "Schönes Wetter heute", dann antwortet der Besserwisser: "Letztes Jahr um diese Zeit war es aber drei Grad wärmer." Sagst du: "Ich war an der Havel Hechte angeln", kommt die Antwort: "Seit dem Fischsterben von 2003/2004 leben in der Havel keine Hechte mehr."

Ein Nichtbesserwisser, der das gleiche Wissen über die Vorgänge von 2003/2004 besitzt, würde dagegen antworten: "Gibt es also doch noch Hechte in der Havel?" Ein Gespräch mit dem Besserwisser ist unerquicklich, weil der Besserwisser immer seine eigene Großartigkeit vorführen möchte, ohne zu merken, wie sehr dies den Gesprächspartner abtörnt. Besserwissertum und Sensibilität für Gesprächssituationen schließen einander nämlich aus. Weil solche Menschen den Selbstzweifel nicht kennen, sind sie oft in Führungspositionen zu finden. Der Chef des Besserwissers hält diesen häufig für eine verwandte Seele und deshalb für hochkompetent. Die Untergebenen des Besserwissers aber rollen mit den Augen, sobald sein Name fällt.

Auf einigen Sachgebieten kennt sich fast jeder Besserwisser tatsächlich aus. Auch zu den anderen, ihm zum Teil völlig fremden Sachgebieten hat der Besserwisser immer etwas plausibel Klingendes zu sagen, auch wenn es Oberflächlichkeiten sind, die jeder echte Experte sofort als oberflächlich oder sogar falsch erkennt. Der Besserwisser vertritt seinen sogenannten Standpunkt – in Wirklichkeit lautet sein Standpunkt natürlich immer nur: "Ich bin der Größte" – mit so viel Eloquenz und Nachdruck, dass er oft überzeugender wirkt als der echte Experte.

Der Experte, der weiß, wie komplex die Dinge in Wirklichkeit häufig sind, kann den einfachen, selbstbewusst vorgetragenen Weisheiten des Besserwissers kaum etwas entgegenhalten. Er verheddert sich in windungsreichen, relativierenden Erklärungen, während der Besserwisser seine fragwürdige Weisheit in dem gleichen Ton verkündet wie einst Jahwe die Zehn Gebote.

Für die Meinung ihres Gegenübers interessieren sich Besserwisser nicht im Geringsten, gleichzeitig ist der Besserwisser davon überzeugt, dass alle Menschen sich danach verzehren, seine Meinung zu erfahren. Es kann passieren, dass der Besserwisser auf jemanden trifft, der Romanistik im Hauptfach studiert hat und fast alle wichtigen französischen Romane des 19. Jahrhunderts im Original gelesen hat, und der Besserwisser, von Beruf, sagen wir, Jurist, hält einen halbstündigen halbwahren Vortrag über französische Literatur, wobei er erkennbar fast nichts gelesen hat und sich auch nicht nach dem Kenntnisstand seines Gegenübers erkundigt.

Als ich diesen Text jemandem zu lesen gab, sagte die betreffende Person: "Endlich mal ein wirklich ehrlicher autobiografischer Text von dir." Da sagte ich, ja, genau, sehr gut erkannt, tatsächlich kenne ich die französische Literatur wie kaum ein Zweiter. Die Person rollte mit den Augen. Sie sagte: "Als Schlusspointe solltest du die Information bringen, dass du selber in persona der größte Besserwisser und nervtötendste Oberlehrer des Universums bist." Daraufhin sagte ich, nein, das wäre als Schlusspointe zu naheliegend, außerdem brauchen Texte dieser Art nicht zwingend eine Schlusspointe, ich mache schließlich kein Kabarett. Die Person rollte erneut mit den Augen.