Literatur "Geprägt hat mich Kafka"
Was ist Literatur? Der vollendete Ausdruck des Lebens, sagt Joachim Unseld, seit 1994 Verleger der Frankfurter Verlagsanstalt, im Interview
DIE ZEIT: Sie verlegen nichts als Literatur. Warum?
Joachim Unsel: Aus angeborener Leidenschaft, denke ich, das Literarische ist einfach mein Temperament. Ich lese, wähle aus und lektoriere jedes meiner Bücher in der Frankfurter Verlagsanstalt.
ZEIT: Können Sie sagen, was das ist, Literatur?
Unseld: Literatur ist vollendeter Ausdruck des Lebens. Sie schafft aus dem rohen Material der Wirklichkeit eine in sich geschlossene und schlüssige Welt voll Schönheit und Trauer, eine Parallelwelt, die dauerhafter und wertvoller ist als alles Flüchtige und Zusammenhanglose des globalen Alltags.
ZEIT: Und was bedeutet Literatur für Sie selber?
Unseld: Es gibt die kulinarisch-unterhaltende und die analytisch-erkennende Literatur, und ich selber optiere jederzeit für letztere, für Autoren wie Hermann Broch, Robert Musil, Marcel Proust, für Gegenwartsautoren wie Ernst-Wilhelm Händler und Bodo Kirchhoff. Damit wir immer wieder zu einem Bewusstsein darüber kommen, wovon uns die tolle Welt um uns herum täglich ablenken will.
ZEIT: Welcher Autor hat Sie am meisten geprägt?
Unseld: Franz Kafka, über den ich mit den Worten Rilkes sagen kann: »Ich habe nie eine Zeile dieses Autors gelesen, die nicht auf das Eigentümlichste mich angehend oder erstaunend gewesen wäre.«
ZEIT: Ist das Verlegen heute schwieriger?
Unseld: Durch das Buchhandels-Sterben und das Aufkommen großer Filialisten wird de facto der lukrativere Mainstream mit auswechselbaren Bestsellern bedient. Die Brutalität amerikanischer Marktgesetze wird sich spätestens dann bei uns durchsetzen, wenn die für die qualitativ hochstehende Literatur so wertvolle Preisbindung fällt.
ZEIT: Ist das Buch bedroht?
Unseld: Nein. Das Buch ist als Objekt ebenso ideal und ausgereift wie ein Korkenzieher zum Öffnen einer Weinflasche: Es zählt, was drin ist. Solange es Menschen gibt, die beim Lesen noch Unterschiede machen und die Welt wirklich erkennend erleben wollen, wird es Literatur und Bücher geben.
- Datum 20.05.2008 - 03:32 Uhr
- Serie Bildungskanon
- Quelle DIE ZEIT, 21.05.2008 Nr. 22
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren