Erinnerungen Eine Kindheit im Gruselkabinett

Frido Mann, der Lieblingsenkel von Thomas Mann, erinnert sich an seine Familie – und an sein bewegtes Leben

Gefangen im Netz der Zauberer« hat die Literaturwissenschaftlerin Marianne Krüll den Zustand der Faszination bezeichnet, der nach wie vor von der Familie Mann »mit all ihren Masken und Verkleidungen, die sie in der Realität ihres Seins und in der ihrer literarischen Werke angenommen haben«, ausgeht. Obwohl wir bereits in einer wahren Sintflut von biografischen Publikationen über die dramatische Beziehungsgeschichte der Generationen, Geschwister und Geschlechter der Dichterdynastie Mann zu ertrinken drohen – ist immer noch kein Sättigungsgrad erreicht.

Nach den Ehefrauen, Töchtern, Schwestern und Müttern der Clan-Großschriftsteller wird jetzt verstärkt die Enkelgeneration auf den Buchmarkt gedrängt. Schon länger wirbt der Heinrich-Mann-Enkel Ludvik mehr oder weniger literarisch für seine Tantra-Seminare in Brasilien, und im letzten Jahr erschien eine Prager Familienchronik seines Bruders Jindrich, der hauptberuflich als »Filmregisseur« tätig ist. Nun hat sich auch Frido, der Lieblingsenkel von Thomas Mann, mit einer neuen Autobiografie zu Wort gemeldet. Gegenüber seinen Vettern profitiert der Autor Frido Mann von dem Umstand, dass er bereits durch seinen Nobelpreisträger-Großvater literarisch geadelt wurde. Er war das Vorbild für den engelszarten Nepomuk Schneidewein, der im Doktor Faustus mit vier Jahren qualvoll sterben muss. Für die Erhärtung des Verdachts, dass er sich so den sehnsüchtigen Verzicht auf ein tabuisiertes Objekt erträglicher gemacht habe, sorgte Thomas Mann selbst. Das belegen entsprechende Bemerkungen in seinen Tagebüchern und inszenierte Fotos mit dem anmutig-lockigen Knaben Frido auf seinem Schoß.

Man hat den erwachsenen Frido Mann schon oft gefragt, ob er sich von seinem berühmten Großvater literarisch »ermordet« und persönlich »missbraucht« fühle. Doch der gelernte Psychologe antwortete immer ausweichend. Auch mit seinem neuen Buch werden sensationslüsterne Erwartungshaltungen enttäuscht, ähnlich wie schon vor zwanzig Jahren, als er seinen ersten autobiografischen Roman Professor Parsifal veröffentlichte. Damals fasste sein Onkel Golo die Meinungen der Enttäuschten zusammen und versah das Buchgeschenk des Neffen Frido mit der vernichtenden Randbemerkung »Courths-Mahler«. Diese Häme hat den Autor getroffen, denn er war und ist als Schriftsteller nicht um einen Rankingplatz in der Familienhierarchie bemüht, wie er im Buch und auf seiner Homepage erklärt. Und in der Tat spricht sein Lebensweg dagegen: Geboren 1940 in Kalifornien als erster Sohn von Gret Moser und Michael Mann, dem jüngsten Sohn Thomas Manns, verbrachte er einen Teil seiner Kindheit im großväterlichen Haus in Pacific Palisades. Während der Schulzeit erfolgte die Umsiedlung in die Schweiz. Studium der Musik in Zürich und Rom, dann der Theologie, Psychologie und Medizin in Deutschland. Nach einer therapeutischen Tätigkeit im Krankenhaus habilitierte er in Leipzig und erhielt eine Professur in Münster. Erst seit Beginn der neunziger Jahre begreift er sich als »freier Schriftsteller«.

Schreiben ist für Frido Mann – wie unschwer zu erkennen – eine therapeutische Tätigkeit. Natürlich arbeitet er traumatische Erlebnisse in der Großfamilie Mann auf – allerdings andere, als die meisten Leser erwarten. Mehr als die Erinnerungen an das großväterliche »Gruselkabinett« belastet ihn die Tragik des Elternhauses und speziell die seines Vaters. Michael Mann starb in der Neujahrsnacht 1977 – ähnlich wie sein Bruder Klaus – an der Einnahme einer tödlichen Mischung von Alkohol und Barbituraten. Er hatte stark darunter gelitten, kein »Wunschkind« von Thomas und Katia Mann gewesen zu sein. Auch er machte in unterschiedlichen Berufen Karriere – wechselte vom gefeierten Musiker zum Literaturwissenschaftler und veröffentlichte als Berkeley-Professor ein Buch mit dem Titel Schuld und Segen im Werk Thomas Manns. Frido Mann hat erkannt, dass sein Vater nach einer Erklärung suchte, gewissermaßen nach einem »Muster« für den Zusammenhang von Schuld, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Tod im Mannschen Familiennetz. Kurz vor seinem Freitod schrieb der Vater ihm seine Erkenntnis, die keine (Er-)Lösung war: »Väter und Söhne sollten sich viel öfters aus dem Weg gehen, als dies gemeinhin der Fall ist. Und mir scheint, wir haben unsere Sache relativ gut gemacht. Die berühmten ›Blutsbande‹ halte ich für einen gesellschaftlich überschätzten Faktor.«

Frido Mann will seine Sache besser machen – nicht nur als Familienvater. Er weiß – wie es scheint – auch in der Rolle des Erbwahrers zwischen Pose und Inhalt zu unterscheiden. So gründete er im brasilianischen Geburtsort seiner Urgroßmutter Julia da Silva Bruhns das eurobrasilianische Kulturzentrum »Casa Mann«, das sich dem »weltethischen« Programm eines Hans Küng verpflichtet fühlt. Auch das gehört zu den Informationen seines neuen Buchs, die wichtiger sind als jene aus dem »Gruselkabinett«.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 21.05.2008 Nr. 22
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    • Schlagworte Thomas Mann | Kalifornien | Literatur | Brasilien | Schweiz | Rom | Leipzig | Zürich
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