Literatur

Die Schmutzkampagne

In ihrem Roman "Feuchtgebiete" entblößt Charlotte Roche den weiblichen Körper – und scheinbar sich selbst. Warum ist sie damit so erfolgreich?

Für einen Moment scheint es, als habe sich Charlotte Roche verwandelt in Helen Memel, die Heldin aus ihrem Buch. In Unterwäsche watet sie durch einen Bach in der Innenstadt von Göttingen, sie fischt eine leere Packung Capri Sonne heraus und nimmt den Strohhalm in den Mund. "Schmeckt sogar noch nach Kirsche", ruft sie. Passanten, die ihr neugierig zusehen, begrüßt sie mit einem lauten "Guten Tag", sie tut so, als sei das hier alles ganz normal. Charlotte Roche posiert für Fotoaufnahmen. Später geht sie in schlammverschmiertem Unterhemd und Unterhose durch die Straßen zurück zum Hotel. Sie wirkt sehr frei, wie eine, der egal ist, was die anderen von ihr denken. Helen, dieses enthemmte 18-jährige Mädchen, dem nichts peinlich ist, hätte es genauso gemacht. Und Charlotte, das sagt sie abends auf ihrer Lesung, wäre gerne ein wenig so wie Helen.

Helen, das ist die Romanfigur, die Charlotte zur Bestsellerautorin gemacht hat. Helen hat Spaß daran, ihren Körper zu erforschen, sie experimentiert mit den Flüssigkeiten, die er produziert, und sie mag es, wenn ihr Intimgeruch auch durch dicke Jeans zu vernehmen ist. Charlotte, ihre Schöpferin, tritt jetzt in Talkshows auf und erklärt dem Publikum den Trend des Analbleachings. Und diese Charlotte Roche klingt einige Tage nach den Fotoaufnahmen am Telefon ganz anders. Es geht ihr nicht gut, sie hat Angst, die Bilder könnten zu obszön sein.

Ihre Verunsicherung verwundert, denn vor zwei Jahren noch war Charlotte Roche in einem Musikvideo mit dem Sänger Bela B. in Strapsen zu sehen, auf dem Plattencover zeigte sie ihren blanken Po. Und nun hat sie dieses Buch geschrieben, das wegen seiner Freizügigkeit provoziert. Sie wusste von Anfang an um die Gefahr, man könnte von Helens sexuellen Vorlieben auf ihre eigenen schließen. Damit spielt sie auch. In einem Interview gleich nach Erscheinen ihres Buches erklärte sie, 70 Prozent darin seien autobiografisch, und jeder konnte seinen erotischen Fantasien freien Lauf lassen. Heute sagt sie, das mit den 70 Prozent sei natürlich nur ein Scherz gewesen, und man weiß nicht, welche Version man denn nun glauben soll. Aber man hat einen Verdacht: dass sie fürchtet, ihr könnte die Kontrolle über das Spiel entgleiten.

Charlotte Roche bittet darum, die Fotos aus dem Bach vorab zu sehen, und sie gefallen ihr dann doch. Aber der Erfolg hat sie vorsichtig gemacht. Sie ist nicht mehr die Königin des Nischenfernsehens wie einst als Viva -Moderatorin, jetzt reißen sich die Massen um sie. Und für diese gierigen Massen ist klar, wer Charlotte Roche ist: die Frau fürs Schmutzige. Das macht ihr Angst. "Ich will nicht die neue Erika Berger sein."

Wer ist diese Frau nun wirklich, deren Roman Feuchtgebiete sich in den ersten drei Monaten 570.000 Mal verkauft hat? Der Spiegel vergleicht sie mit Heidi Klum, weil beide ihren Erfolg der gleichen Zielgruppe zu verdanken hätten. Andere sagen, sie sei genau das Gegenteil, mal ist sie auch die neue Elke Heidenreich und mal die Anti-Eva-Herman. Man versucht sie einzuordnen, weil man nicht weiß, wie das Phänomen ihres Erfolgs zu deuten ist.

Charlotte Roche gelang etwas, was noch kein deutscher Autor geschafft hat: Sie stand im März auf Platz eins der internationalen Amazon-Bestsellerliste, auf dem Onlineportal war ihr Buch das weltweit meistverkaufte. Und ganz Deutschland fragt sich, warum ein Roman, der zwischen den Beinen einer 18-Jährigen spielt, so erfolgreich ist. Es ist ein Buch, das polarisiert, das viele genial und manche einfach nur eklig finden. Die einen sagen, die Doktorspiele dieser Helen seien pornografisch, die anderen erkennen darin eine Satire auf den Hygiene- und Schönheitswahn unserer Zeit, in dem parfümierte Slipeinlagen 24 Stunden Frische versprechen und Frauen sich so sehr um die Ästhetik ihres rasierten Unterleibs sorgen, dass sie selbst dort vor Operationen nicht zurückschrecken.

Seit Wochen ist Charlotte Roche nun auf Tour, oft liest sie zweimal pro Abend. In den ausverkauften Sälen von Hildesheim, Göttingen und Braunschweig beginnt man zu verstehen, was den Erfolg dieses Buches und seiner Autorin ausmacht. Und man kann beobachten, wie Charlotte Roche das Kunststück vollbringt, Intimstes auszuplaudern und gleichzeitig nichts von sich preiszugeben.

Für die Lesung im Jungen Theater Göttingen hat Charlotte Roche sich wie immer bei ihren Auftritten der letzten Zeit sehr adrett gekleidet. Die kurzen Kleidchen und die Stiefel, in denen sie noch vor einem Jahr im Fernsehen auftrat, hat sie zu Hause gelassen. Sie trägt ein schwarzes Trachtenkleid mit bunten Blumenstickereien, als käme sie aus einer anderen Zeit, aus den spießigen fünfziger Jahren. Diese Bürgerlichkeit umgibt sie wie ein schützender Kokon, so lässt es sich leichter über Analverkehr reden.

Im Publikum sitzt Cynthia Friedrichs aus Leipzig. Sie hält einen Brief und eine Avocado in den Händen, "das ist für Charlotte", sie nennt sie beim Vornamen wie eine gute Bekannte. Die Avocado will sie ihr nach der Lesung überreichen, weil Helen Avocadopflanzen züchtet. Cynthia Friedrichs hat ein Pflaster daraufgeklebt, weil auch das Buchcover ein Pflaster ziert. Sie erzählt von einer Kommilitonin, die sogar ein Lied komponiert hat über Feuchtgebiete. Cynthia Friedrichs studiert Dramaturgie in Leipzig, sie ist 24, nur sechs Jahre jünger als Charlotte Roche. Aber wie sie so aufrecht im Theatersessel sitzt und zur Bühne schaut, wirkt sie wie ein Teenager.

Dort oben erzählt Charlotte Roche gerade eine Anekdote von ihrem Mann. Weil Frauen suggeriert werde, sie stänken im Schritt "wie ein toter Fisch", stelle sie sich manchmal vor, wie ihr Mann mit dem Kopf zwischen ihren Beinen hänge und dann süß lächelnd zu ihr hochblicke – mit einer Wäscheklammer auf der Nase. Die Lesung gleicht einer Show mit genauer Dramaturgie, Charlotte Roche trägt drei Textstellen vor und platziert ihre Gags. Cynthia Friedrichs lacht, ihre Wangen leuchten rosarot. "Charlotte hat ein Bild unserer Generation gezeigt, wie sie sein könnte, wenn der Schönheitswahn uns nicht so unfrei gemacht hätte."

Als Charlotte Roche am Ende die Avocado entgegennimmt, wirkt sie echt berührt, obwohl das eigentlich ein Geschenk für Helen ist, denn die züchtet ja Avocados. Cynthia Friedrichs kann das egal sein, schließlich hat Charlotte Roche Helen mit ihrer Fantasie erschaffen. Für Charlotte Roche aber macht das einen großen Unterschied. Zwar lässt sie sich nach der Lesung bereitwillig mit ihren Fans fotografieren, "dann können die prahlen, dass sie auf einem Foto neben der Sextante stehen", aber wenn sie das Theater verlässt, ist sie nicht mehr Helen-Charlotte, diese Sextante, dann will sie wieder Charlotte Roche sein.

Am Nachmittag vor ihrer Lesung sitzt Charlotte Roche auf einer Restaurantterrasse in Göttingen. Sie hat einen Tisch im Schatten ausgesucht, zu viel Sonne verträgt ihre blasse Haut nicht. An den Füßen trägt sie Gesundheitsschuhe, wie Senioren sie mögen, eine weiße Folklorebluse hängt luftig über ihrem schmalen Körper. Sie mustert ihr Gegenüber. Die Frau, die hier sitzt, ist nicht dieselbe, die später in den Bach steigen wird. Als der Kellner kommt, bestellt sie Spargelsalat, "ich muss jede Gelegenheit zum Essen nutzen", sagt sie, aus Zeitmangel komme sie so selten dazu. Es ist ein wenig peinlich, in der Öffentlichkeit mit ihr über Feuchtgebiete zu reden. Wörter wie "masturbieren" fallen unvermeidlich. Deshalb senkt Charlotte Roche die Stimme, wenn der Kellner in der Nähe steht. "Ich will dem ja nicht den Tag versauen, weil er ständig das Wort 'ficken' hören muss." Offenbar ist die private Charlotte Roche sehr gut erzogen.

Für ihre Auftritte hat sie eine Figur erschaffen, die scheinbar enthemmt über ihre liebste Gleitcreme plaudert. Charlotte Roche nennt das die "Comedyversion" ihres Privatlebens. "Ich rede über Sex mit meinem Mann, und die Leute denken, sie wüssten alles über mich. Dabei wissen sie gar nichts." Ihrem Publikum lässt sie die Illusion, und das ist wohl Teil ihres Erfolges. Aber die Privatperson Charlotte muss dafür sorgen, dass sie all das unbeschadet übersteht. Deshalb öffnet Charlotte Roche keine Briefe ihrer Leser. "Mein Management leitet nur Autogrammwünsche an mich weiter." Sie schirmt sich ab. Die Comedyfigur geilt wildfremde Männer auf. Die wirkliche Charlotte Roche hat daran kein Interesse.

Vor drei Jahren ging Charlotte Roche schon einmal mit einem ungewöhnlichen Text auf Lesereise. Gemeinsam mit dem Schauspieler Christoph Maria Herbst rezitierte sie die Doktorarbeit eines Urologen mit dem Titel Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern. Die Auftritte sind legendär, Anke Engelke plauderte in der ersten Sendung ihrer Late-Night-Show mit ihr über das Thema, weil man Roche als Talkgast für besonders quotenträchtig befand. "Ich kann wunderbar unterhalten mit angeblichen Tabuthemen", sagt Charlotte Roche. Als sie sich entschied, einen Roman zu schreiben, wusste sie schnell, dass sie in diesem Themenbereich bleiben sollte, das könnte erfolgreich sein. Also erfand sie Helen, diese freigeistige Pippi Langstrumpf, die mit dem Duschkopf onaniert und dabei multiple Orgasmen hat.

Dass sie mit ihrem Buch, wie der stern schrieb, auch einen neuen Feminismus befördere, gefällt ihr gut. Am Anfang stand zwar diese Idee der Pippi "in Hardcoresexuell", aber weil sich Roche selbst als Feministin bezeichnet, schwang auch immer eine Kritik an der Hygieneindustrie mit, die propagiert, nur nach Veilchen duftende, rasierte Frauen seien erotisch. Charlotte Roche erzählt von den Selbsterfahrungskursen der siebziger Jahre, in denen Frauen gemeinsam ihre Körper erkundeten. Heute herrsche unter Frauen Sprachlosigkeit, was Sexualität anbelange. Charlotte Roche will mit ihrem Buch unterhalten, aber vor allem junge Leserinnen scheinen darin etwas Befreiendes zu finden, und sei es nur das Lachen darüber. Ihnen gefällt, dass da jemand ein übertriebenes und dadurch komisches Gegenbild zu den Frauen in der Werbung und im Fernsehen entwirft.

Das Publikum johlt, wenn sich Charlotte Roche am Ende der Lesung verbeugt. Sie verschränkt dann ihre Arme, legt ihren Roman darauf und wiegt ihn wie ein Baby. Charlotte Roche ist auch deshalb so stolz auf dieses Debüt, weil der Verlag Kiepenheuer & Witsch, der sie damit beauftragt hatte, es so nicht veröffentlichen wollte. Sie wechselte daraufhin den Verlag. Die Ablehnung, sagt sie, habe sie sehr getroffen. Aber als gute Entertainerin macht sie aus der Enttäuschung einen Witz. In Hildesheim, wo sie in der dunklen Kulturfabrik neben dem Bahnhof liest, erzählt sie, dass sie jetzt manchmal bei KiWi anrufe. "Und wenn die Sekretärin abhebt, schreie ich ganz schnell 'Muschi' ins Telefon." Dann lege sie wieder auf.

Eine neue feministische Bewegung hat sich an dem Abend jedenfalls nicht formiert. Es fehlt das Feindbild. Charlotte Roche sagt, sie könne mit der Theorie über die Parallelen zwischen ihr und Heidi Klum nichts anfangen. Man hat das Gefühl, all das ist ihr schlicht egal. Sie prangert zwar jetzt ständig den "Rasurzwang" an, aber das macht sie nicht zum Gegenstück von Heidi Klum. Die Romanfigur Helen ist die Anti-Heidi, Charlotte Roche ist es nicht. Die will in erster Linie unterhalten, und deshalb sagt sie über Heidi Klums Show einen Satz wie vom Gagschreiber erfunden: "Der einzige Grund, warum ich mich da nicht beworben habe, ist, dass die kaum eine 1,50 Meter große Engländerin nehmen würden."

Dass viele in Charlotte Roche dennoch die Vorkämpferin eines neuen Feminismus sehen, liegt auch daran, dass es in Deutschland nur eine Ikone der Frauenbewegung gibt, Alice Schwarzer. Die hat ihre eigene Sexualität zur Privatsache erklärt. Und deshalb freuen sich jetzt so viele Frauen, dass es eine Charlotte Roche gibt, die sich als Feministin bezeichnet und trotzdem Spaß am Sex mit Männern propagiert.

Charlotte Roche findet, dem Feminismus in Deutschland tue es nicht gut, nur ein Gesicht zu haben. Sie sitzt in einem Hotelzimmer in Göttingen, vor sich ein halbes Dutzend Kleider und Schuhe für ihre Auftritte ausgebreitet. "Alice Schwarzer verteufelt, dass Frauen Männern gefallen wollen. Das ist ziemlich albern." Sie kreuzt die Beine und verschränkt die Arme, wenn sie von Schwarzer spricht. Sie geht auf Distanz, fast schwingt so etwas wie Verachtung mit.

Charlotte Roche hat Alice Schwarzer einmal sehr geschätzt. Mit 14 bekam sie von ihrer Mutter ein Emma- Abo geschenkt, in der Pubertät hing über ihrem Bett kein Popstar-Poster, sondern ein Emma- Plakat. Später, als Viva -Moderatorin, hat sie Alice Schwarzer in ihrer Sendung interviewt, schrieb für Emma und war selbst auf dem Cover der Zeitschrift zu sehen.

Beide Frauen wohnen und arbeiten in derselben Stadt, aber über die Vorwürfe reden sie nicht miteinander. Überhaupt mag Schwarzer sich zu dem Thema nicht öffentlich äußern. Sie sitzt in ihrem Kölner Frauenmediaturm und will "die recht durchschaubare Anti-Schwarzer-Marktstrategie" nicht bedienen. Die Arbeit mit Roche habe sie aber in bester Erinnerung.

Vielleicht wäre es zum Zerwürfnis in dieser Form gar nicht gekommen, hätte es nicht Alice Schwarzers Werbung für die Bild -Zeitung gegeben. Letztes Jahr war sie auf Plakaten mit dem Spruch zu sehen: "Jede Wahrheit braucht eine Mutige, die sie ausspricht." Charlotte Roche sagt: "Ich sah das, und dann war alles aus für mich." Als sei das Ende einer Liebesbeziehung besiegelt worden.

Gegen die Boulevardpresse kämpft Charlotte Roche unermüdlich seit einem persönlichen Schicksalsschlag vor sieben Jahren. Charlotte Roche wollte in London ihren langjährigen Freund heiraten. Einen Tag vor der Feier hatten ihre Mutter und ihre drei Brüder auf dem Weg zur Hochzeit einen schweren Autounfall. Die Mutter überlebte verletzt, die Brüder waren sofort tot. Charlotte Roche sagte die Hochzeit ab. Und die Boulevardmedien waren hinter ihr her.

Wenige Wochen später fotografierte sie ein Paparazzo, als sie lachend mit ihrem Freund auf der Straße vor ihrer Wohnung stand. In Interviews erzählte die Moderatorin, dass sie kurz darauf von einem Boulevardjournalisten angerufen worden sei. "Der hat mich erpresst", sagte Roche. "Entweder du gibst uns ein Interview, oder wir machen eine Geschichte, die nicht gut ist für dich. In der Art 'So tief ist ihre Trauer', daneben eine lachende Charlotte Roche." Charlotte Roche gab trotzdem kein Interview, aber es erschien auch keine Geschichte.

Kurz vor dem Unfall, im Mai 2001, hatte Alice Schwarzer Charlotte Roche mit deren Mutter interviewt, ein sehr privates Gespräch. Es ging ums Heiraten, und Roches Mutter, die vier Mal geheiratet hat, riet der Tochter, besser gar nicht damit anzufangen. Charlotte widersprach. "Ich will aber jetzt heiraten", ihr jetziger Freund sei "einfach der Richtige".

Im Sommer 2001 bekam Charlotte Roche zum ersten Mal zu spüren, wie schnell einem das eigene Bild in der Öffentlichkeit entgleiten kann. Damals hat sie begonnen, sich zu wehren. Ein Interview, in dem sie ihre Hochzeitspläne offenlegt, würde sie heute nicht mehr geben. Sie ist mittlerweile tatsächlich verheiratet, allerdings nicht mit ihrem Freund von damals, sondern mit Martin Keß, der die Fernsehproduktionsfirma Brainpool mitgegründet hat und 2003 Roches Sendung Charlotte Roche trifft... auf ProSieben produzierte. Über die Hochzeit selbst ist kein Zeitungsbericht zu finden, Charlotte Roche und ihr Mann hielten sie streng geheim.

Sie ist überrascht, als man ihr erzählt, dass im Internetlexikon Wikipedia steht, sie habe 2007 Martin Keß geheiratet, für jeden nachlesbar. Sie wird plötzlich sehr ernst, verweist auf den Klappentext ihres Buches. Dort steht: "Charlotte Roche lebt in Köln, ist verheiratet und hat ein Kind." Das ist alles, was sie preisgeben mag. Und doch lautet die Widmung ihres Romans: "für Martin". Auch auf ihren Oberarm hat sie sich den Namen tätowieren lassen. Jeder kann ihn sehen, aber am liebsten soll sie keiner danach fragen.

Dass so wenig über ihre Ehe zu erfahren ist, zeigt, dass Charlotte Roche mittlerweile einflussreich genug ist, ihr Bild in den Medien zu bestimmen. Zehn Jahre nach ihrem Start bei Viva ist sie Teil des Kölner Medienzirkels. Ihr Mann wurde zu einem der wichtigsten Comedyproduzenten Deutschlands. Roche gehört zum Brainpool-Kosmos wie Stefan Raab, Anke Engelke und Oliver Pocher. Ihr Auftritt bei TV Total im März war für sie ein Heimspiel, ähnlich wird es sein, wenn sie am Donnerstag zu Gast ist bei Schmidt&Pocher. Diese Sendungen haben geholfen, ihr Buch bei einer Leserschaft von Feministinnen bis zu Pornofans zu vermarkten.

Im Spiegelzelt von Braunschweig, wo sie beim Literaturfestival gastiert, ist der lauteste Lacher Mario Krupp, "wie Krupp-Stahl". Er sieht nicht aus wie ein typischer Literaturfan. Er ist ein kräftiger, kahl rasierter Mann und trägt eine Bomberjacke mit dem Aufdruck des Motorradclubs Red Devils. Unter dem Schriftzug ist ein roter Teufelskopf mit Feuerschweif im Nacken abgebildet. Er sagt, er arbeite "im Sicherheitsbereich".

Die Stimmung hier ist wie im Bierzelt, Mario Krupp ist begeistert. "Die Frau da kommt rüber wie live von der Straße." Dann erzählt er, dass er Frauen kenne, die einen "Ejakulationsorgasmus" bekämen, und dass er den Huren gerne unterm Arm rieche. Ob er auch finde, dass das Buch feministisch sei? "Ach was, der Feminismus wurde dazu erfunden, hässliche Frauen in die Gesellschaft zu integrieren." Er freut sich über den gelungenen Spruch und lacht. Man kann sich vorstellen, dass es Fans wie Mario Krupp sind, die Roche dazu veranlassen, ihre Post lieber nicht zu öffnen. Und man versteht noch ein bisschen besser, warum ihr Verleger bei DuMont, Marcel Hartges, sagt: "Es war ein großes Risiko für sie, das Buch zu veröffentlichen."

Mario Krupp konzentriert sich, wie die meisten, auf die Stellen des Buchs, in denen es um sexuelle Vorlieben geht. Es ist nicht zu vermuten, dass er etwas über die wahre Charlotte Roche erfahren möchte. Wollte er es, müsste er auf die leisen Stellen achten. Aber darum geht es in ihren Lesungen nicht.

Als Charlotte Roche barfuß durch Göttingen läuft und so frei wirkt wie ihre Helen, sagt sie, sie gebe nur in einem Punkt zu, dass sie ihr ähnlich ist: Beide sind Scheidungskinder. Charlotte Roche war fünf, als sich ihre Eltern trennten, sie sagt, sie habe sehr darunter gelitten. Als sie 15 war, wurden die Probleme mit der Mutter, die neu verheiratet war, so groß, dass sie auszog. "Ich hatte eine Menge älterer Freunde, die es super fanden, dass ich schon meine eigene Zweizimmerwohnung hatte", sagt sie über diese Zeit. Sie hat sich sehr früh ihre Unabhängigkeit erkämpft. Doch das Verhältnis zu ihrer Mutter war schwer belastet.

Genau wie Helen habe sie immer das Ziel gehabt, ihre Eltern wieder zusammenzubringen, sagt Charlotte Roche. Als Helen erkennen muss, dass das unmöglich ist, deckt sie gegenüber ihrem jüngeren Bruder das Familiengeheimnis auf: Die Mutter hat versucht, sich umzubringen, und wollte den Sohn mit in den Tod nehmen. "Als die nette Helen nach Hause kam, lagt ihr bewusstlos auf dem Küchenboden und Gas strömte aus dem Ofen", sagt Helen zu ihrem Bruder.

Im Emma- Interview erzählt Charlottes Mutter von ihrer eigenen Kindheit. Als sie zwölf gewesen sei, habe ihre Mutter versucht, sich umzubringen. "Und meinen kleinen Bruder gleich mit. Ich kam mittags von der Schule nach Hause. Ich fand beide in der Küche auf dem Boden, der Kopf auf einem Kissen und der Gashahn auf." Sie hat sie gerettet, wie Helen.

Auf ihren Lesungen sagt Charlotte Roche, sie wäre gerne so wie Helen. Vielleicht ist es ganz anders. Vielleicht ist schon viel mehr von Helens Leben in Charlottes, als ihr lieb ist.

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Leser-Kommentare

    • 23.05.2008 um 8:51 Uhr
    • nnier

    > In Unterwäsche watet sie durch einen Bach in der Innenstadt von GöttingenEin "Bach" in der Innenstadt von Göttingen? Damit kann höchstens der Leinekanal gemeint sein, die Fotos sehen mir aber sehr nach Leine und Leinewiesen aus ... http://mad.blogger.de

  1. Das ist ein ganz toller Artikel. Ich sehe jetzt wesentlich klarer und bewundere den Stil, sich so respektvoll und warmherzig über jemanden zu äußern, der vielleicht leichte Beute gewesen wäre.
    Viele Grüße aus Schleswig-Holstein

    • 24.05.2008 um 11:01 Uhr
    • clubby

    Es ist erschreckend wie vorhersehbar das Publikum in Deutschland ist. Wie die Schafe rennen sie nun ihrer neun progressiven Gallionsfigur hinterher, die einige Redakteure im stillen Kämerlein als solche auserkoren und hochgeschrieben haben. Natürlich hat auch C.R. den Trend erkannt, das muß man anrechnen. Es ist nicht leicht die gerade aktuelle Kotzlinie zu finden, die gerade noch aktzeptiert wird, aber dennoch noch ausreichend progressiv ist, um den gewünschten Skandaleffekt zu erreichen, der den Absatz so kontobereichernd ankurbelt. Wo mag in drei/vier Jahren dann die nächste Linie liegen, die auf die Bestellerliste führt...hmm... Sex mit Tieren... mal sehen.
    Interessant auch wie prüde eigentlich eine Gesellschaft geworden ist, die es anscheinen nötig hat, für derart belangloses Zeug, eine "Vorreiterin" zu benötigen, der man folgt. Und dann auch noch den Lesungen beizuwohnen, anstatt die Zeit besser zu nutzen und sich einfach Zuhause den Spielchen hinzugeben. Das scheint mir das eigentliche Phänomen der heutigen Zeit zu sein. Nicht nur hier, auch in anderen Bereichen, läßt man lieber stellvertretend von anderen leben als es selber zu tun.
    Schön blöd....

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    Und zwar deshalb, weil Charlotte progressiv ist. Denn Progression ist besser als Reaktion. Viel besser. Es ist auch eine große Leistung, wie diese hochemanzipierte und hochqualifizierte Powerfrau mit ihrer Frauenpower die Männerdomänen erobert. Z.B. Tabus brechen. Noch zur Zeit von König Nebudkadnezar waren alle Tabubrecherinnen männlich. Denn, so das patriarchale Vorurteil des Patriarchats, man glaubte damals das die hochemanzipierten und hochqualifizierten Powerfrauen mit ihrer Frauenpower gar nicht fähig wären Tabus zu brechen. Und heute? Also ich bin der [...] (Bitte unterlassen Sie persönliche Beleidigungen. Die Redaktion / ft) Charlotte sehr dankbar für ihr revolutionäres Buch. Sie hat viel gewagt. Und viel getan für die Befreiung der hochemanzipierten und hochqualifizierten Powerfrauen aus den Fesseln des Patriarchats..Ergänzung:http://www.zeit.de/2008/21/Martenstein-21

  2. Walcott
    Ich frage mich, warum die doch sonst so seriöse "Zeit" so viel Aufhebens von einer "Autorin" macht, der es doch nur darum geht, groß herauszukommen. Warum muss die Redaktion unbedingt auch noch auf ein Thema setzen, das der "Stern" oder der "Playboy" doch viel besser bedienen könnten? Warum nicht mehr Platz auf Autoren verwenden, die wirklich etwas zu sagen haben? Ich finde es schade, dass dieselbe "Zeit", die oft genug Politikern vorwirft, sie seien populistisch, genau diesem Prinzip folgen, nur weil es vermutlich Auflage bringt.

  3. 5. NICHTS

    Endlich mal ein Artikel über Frau Roche! Darauf haben wir lange gewartet. Warum Frau Roche so erfolgreich ist? 1. Sie ist eine junge Frau und sieht ganz gut aus 2. Sie ist vom TV her bekannt 3. Sie schreibt Zoten. Jetzt aber mal ganz im Ernst: Frau Roche sollte Bundespräsidentin werden. Und Lady Bitch Ray (so nennt sie sich doch) Bundeskanzlerin. Und das "Werk" von Frau Roche sollte als Grundschullektüre verbindlich in den Lehrplan aufgenommen werden. Alles nichts, oder? ...
    rheinelbe

  4. war schon als Fernsehmoderatorin langweilig. Nun versucht sie sich, mit einem ganz, ganz neuen, völlig unbekannten Thema wichtig zu machen, das in einschlägigen Truckermagazinen schon - wenn auch aus anderer Perspektive - seit Jahrzehnten hinreichend abgehandelt worden sein dürfte.Und wer es wissenschaftlicher möchte, sollte sich Freuds Originalwerke durchlesen...LANGWEILIG!

    • 24.05.2008 um 14:55 Uhr
    • rondo

    @bromfietsgerade die andere perspektive ist doch der gag. ob beim film, musik literatur usw., es kommt ein junger mensch und macht das gleiche wie zig vor ihm und die medien (junge redakteure) machen eine sensation daraus. in ein paar jahren lacht sich die nächste generation darüber kaputt. bis dahin wird schnell abgesahnt. dann geht das spielchen mit der neuen generation wieder von vorne los. so ist es schon immer gewesen.

  5. Und zwar deshalb, weil Charlotte progressiv ist. Denn Progression ist besser als Reaktion. Viel besser. Es ist auch eine große Leistung, wie diese hochemanzipierte und hochqualifizierte Powerfrau mit ihrer Frauenpower die Männerdomänen erobert. Z.B. Tabus brechen. Noch zur Zeit von König Nebudkadnezar waren alle Tabubrecherinnen männlich. Denn, so das patriarchale Vorurteil des Patriarchats, man glaubte damals das die hochemanzipierten und hochqualifizierten Powerfrauen mit ihrer Frauenpower gar nicht fähig wären Tabus zu brechen. Und heute? Also ich bin der [...] (Bitte unterlassen Sie persönliche Beleidigungen. Die Redaktion / ft) Charlotte sehr dankbar für ihr revolutionäres Buch. Sie hat viel gewagt. Und viel getan für die Befreiung der hochemanzipierten und hochqualifizierten Powerfrauen aus den Fesseln des Patriarchats..Ergänzung:http://www.zeit.de/2008/21/Martenstein-21

    Antwort auf "Erschreckend"
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    "Denn, so das patriarchale Vorurteil des Patriarchats, man glaubte damals das die hochemanzipierten und hochqualifizierten Powerfrauen mit ihrer Frauenpower gar nicht fähig wären Tabus zu brechen. Und heute?"...
    Und heute fallen scharenweise möchtegern-hochemanzipierte und hochqualifizierte Powerfrauen auf einen absonderlichen und dummen Marketingquatsch herein und lesen den in einen gift-schweine-rosa-farbenen Einband gegossenen Roche-Mist beim Beine-Achsel-und-Muschi-rasieren.
    Gott erhalte uns Alice Schwarzer.

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  • Von Annabel Wahba
  • Datum 5.12.2008 - 11:21 Uhr
  • Quelle ZEITmagazin LEBEN, 22.05.2008 Nr. 22
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