Für einen Moment scheint es, als habe sich Charlotte Roche verwandelt in Helen Memel, die Heldin aus ihrem Buch. In Unterwäsche watet sie durch einen Bach in der Innenstadt von Göttingen, sie fischt eine leere Packung Capri Sonne heraus und nimmt den Strohhalm in den Mund. "Schmeckt sogar noch nach Kirsche", ruft sie. Passanten, die ihr neugierig zusehen, begrüßt sie mit einem lauten "Guten Tag", sie tut so, als sei das hier alles ganz normal. Charlotte Roche posiert für Fotoaufnahmen. Später geht sie in schlammverschmiertem Unterhemd und Unterhose durch die Straßen zurück zum Hotel. Sie wirkt sehr frei, wie eine, der egal ist, was die anderen von ihr denken. Helen, dieses enthemmte 18-jährige Mädchen, dem nichts peinlich ist, hätte es genauso gemacht. Und Charlotte, das sagt sie abends auf ihrer Lesung, wäre gerne ein wenig so wie Helen.

Helen, das ist die Romanfigur, die Charlotte zur Bestsellerautorin gemacht hat. Helen hat Spaß daran, ihren Körper zu erforschen, sie experimentiert mit den Flüssigkeiten, die er produziert, und sie mag es, wenn ihr Intimgeruch auch durch dicke Jeans zu vernehmen ist. Charlotte, ihre Schöpferin, tritt jetzt in Talkshows auf und erklärt dem Publikum den Trend des Analbleachings. Und diese Charlotte Roche klingt einige Tage nach den Fotoaufnahmen am Telefon ganz anders. Es geht ihr nicht gut, sie hat Angst, die Bilder könnten zu obszön sein.

Ihre Verunsicherung verwundert, denn vor zwei Jahren noch war Charlotte Roche in einem Musikvideo mit dem Sänger Bela B. in Strapsen zu sehen, auf dem Plattencover zeigte sie ihren blanken Po. Und nun hat sie dieses Buch geschrieben, das wegen seiner Freizügigkeit provoziert. Sie wusste von Anfang an um die Gefahr, man könnte von Helens sexuellen Vorlieben auf ihre eigenen schließen. Damit spielt sie auch. In einem Interview gleich nach Erscheinen ihres Buches erklärte sie, 70 Prozent darin seien autobiografisch, und jeder konnte seinen erotischen Fantasien freien Lauf lassen. Heute sagt sie, das mit den 70 Prozent sei natürlich nur ein Scherz gewesen, und man weiß nicht, welche Version man denn nun glauben soll. Aber man hat einen Verdacht: dass sie fürchtet, ihr könnte die Kontrolle über das Spiel entgleiten.

Charlotte Roche bittet darum, die Fotos aus dem Bach vorab zu sehen, und sie gefallen ihr dann doch. Aber der Erfolg hat sie vorsichtig gemacht. Sie ist nicht mehr die Königin des Nischenfernsehens wie einst als Viva -Moderatorin, jetzt reißen sich die Massen um sie. Und für diese gierigen Massen ist klar, wer Charlotte Roche ist: die Frau fürs Schmutzige. Das macht ihr Angst. "Ich will nicht die neue Erika Berger sein."

Wer ist diese Frau nun wirklich, deren Roman Feuchtgebiete sich in den ersten drei Monaten 570.000 Mal verkauft hat? Der Spiegel vergleicht sie mit Heidi Klum, weil beide ihren Erfolg der gleichen Zielgruppe zu verdanken hätten. Andere sagen, sie sei genau das Gegenteil, mal ist sie auch die neue Elke Heidenreich und mal die Anti-Eva-Herman. Man versucht sie einzuordnen, weil man nicht weiß, wie das Phänomen ihres Erfolgs zu deuten ist.

Charlotte Roche gelang etwas, was noch kein deutscher Autor geschafft hat: Sie stand im März auf Platz eins der internationalen Amazon-Bestsellerliste, auf dem Onlineportal war ihr Buch das weltweit meistverkaufte. Und ganz Deutschland fragt sich, warum ein Roman, der zwischen den Beinen einer 18-Jährigen spielt, so erfolgreich ist. Es ist ein Buch, das polarisiert, das viele genial und manche einfach nur eklig finden. Die einen sagen, die Doktorspiele dieser Helen seien pornografisch, die anderen erkennen darin eine Satire auf den Hygiene- und Schönheitswahn unserer Zeit, in dem parfümierte Slipeinlagen 24 Stunden Frische versprechen und Frauen sich so sehr um die Ästhetik ihres rasierten Unterleibs sorgen, dass sie selbst dort vor Operationen nicht zurückschrecken.

Seit Wochen ist Charlotte Roche nun auf Tour, oft liest sie zweimal pro Abend. In den ausverkauften Sälen von Hildesheim, Göttingen und Braunschweig beginnt man zu verstehen, was den Erfolg dieses Buches und seiner Autorin ausmacht. Und man kann beobachten, wie Charlotte Roche das Kunststück vollbringt, Intimstes auszuplaudern und gleichzeitig nichts von sich preiszugeben.