Wall Street Straße der Angst

Die Finanzwelt erschüttert das größte Beben seit 1929. Das Epizentrum ist die New Yorker Wall Street. Ein Besuch bei vier Bankern, die mit der Krise leben müssen

Als Theodore Weisberg an diesem Morgen in seiner Wohnung an der Upper East Side aufstand, sah alles nach einem weiteren unruhigen Tag aus. Er hatte das Radio wie jeden Tag Punkt fünf Uhr angeschaltet, und die erste Zahl, die er hörte, war 80.000. So viele Arbeitsplätze hatte es im März in den USA weniger gegeben. Fast doppelt so viel wie erwartet. Am Tag zuvor hatte Ben Bernanke selbst, der Präsident der amerikanischen Notenbank , erstmals das Wort Rezession als mögliches Resultat der Kreditkrise in den Mund genommen. Weisberg setzte seine randlose Brille auf das sonnengebräunte Gesicht und zog eines der frischen weißen Hemden an, die ihm seine Haushälterin in den Schrank gelegt hatte. Dann band er sich in aller Ruhe seine Krawatte um.

Seit 40 Jahren fährt er jeden Tag in die Wall Street, seit 29 Jahren hat er seine eigene Brokerage-Firma, Wall-Street-Krisen hat er schon zigmal erlebt. Wie jeden Morgen ging er auch an diesem Tag ins Si-Cafe an der Ecke Lexington und 71. Straße, um zu frühstücken. Oft sitzt dann schon Woody Allen hier, der auch gerne früh aufsteht. Weisberg ist 68, seit über zwanzig Jahren geschieden und daher Stammgast. Würde Woody Allen jemals einen freundlichen älteren Banker für einen seiner Filme brauchen, Weisberg mit seinem weißen Haarkranz, dem runden Gesicht und den kleinen lachenden Äuglein wäre die perfekte Besetzung.

Wie jeden Morgen las Weisberg zuerst das Wall Street Journal und traf sich dann mit einem befreundeten Banker, um die Lage zu besprechen. Wie wird der Markt auf die Arbeitslosenzahl reagieren? Seitdem die Banken durch die schlechten Kredite und riskante Finanzinstrumente große Verluste machten, war es an der Börse zu heftigen Verkäufen gekommen. Sollte man den eigenen Kunden auch zu Verkäufen raten? Es war ein bisschen, als unterhielten sich zwei alte Psychotherapeuten über einen gemeinsamen Patienten. Als die Diagnose gestellt war, stieg Weisberg in die U-Bahn und fuhr zu seiner Firma.

Weisbergs Firma Seaport Securities hat zehn Angestellte und kauft und verkauft für ihre Kunden alles, was an der Wall Street gehandelt wird. Weisbergs Kunden sind Hedgefonds, Banken, Geldmanager und Kleinanleger, bezahlt wird er pro Kauf- oder Verkaufsorder, je träger der Markt, je ängstlicher die Investoren, desto weniger verdient Weisberg. Da seine Firma jedoch chronisch unterbesetzt ist und er selbst immer die Finger von exotischen Finanzinstrumenten gelassen hat, musste er noch nie jemanden entlassen; Weisberg ist old school .

An diesem Morgen riet er seinen Kunden, Ruhe zu bewahren und nicht zu verkaufen. Der Markt würde die Arbeitslosenzahlen schon wegstecken, sagte er. Es hatte so viele schlechte Nachrichten in den letzten Monaten gegeben, dass er davon überzeugt war, dass die Arbeitslosenzahlen an diesem Tag niemanden an der Börse aus der Ruhe bringen würden.

Die Gegend um die Wall Street ist in den Morgenstunden erstaunlich ruhig. Viele der schmalen, verwinkelten Straßen im Finanzdistrikt an der Spitze Manhattans sind für den Verkehr gesperrt, die Boten liefern Umschläge und Briefe zu Fuß aus, weil es so schneller geht. Die größte Wertpapierbörse der Welt hat hier ihren Sitz, und die Deutsche Bank, Goldman Sachs, die Federal Reserve von New York, quasi alle Banken von internationaler Bedeutung haben sich um sie herum niedergelassen. Im letzten Jahr waren sie für fast ein Drittel aller Gehälter in New York City verantwortlich, für elf Prozent aller Jobs und dreimal so viele Servicejobs. Viele davon wird es bald nicht mehr geben. 726.300 Angestellte beschäftigt die Wall Street, 36.000 wurden seit August entlassen; bis zum Ende des Jahres, schätzen einige Personalagenturen, können es leicht 100.000 sein.

Durch die Straßen geistern Männer mit Aktentasche und Kaffeebecher in den Händen und auch eine Gruppe französischer Touristen, auf der Suche nach dem Kaufhaus Century21. Weißer Dampf steigt hinter ihnen aus einem Bauloch und verschwindet in der Straßenschlucht. Ein Hundeausführer biegt um die Ecke, und wenn man ihn dabei beobachtet, wie er vergeblich versucht, eine Handvoll Möpse zu koordinieren, käme man nicht auf die Idee, dass dies die Straße ist, an der sich das Schicksal der Weltwirtschaft entscheidet.

Wird sich die Wall Street noch einmal fangen? Kann die Finanzindustrie den schlechten Nachrichten trotzen, indem sie sich genügend Geld besorgt, um das Loch, das schlechte Hypotheken gerissen haben, zu stopfen? Oder wird das Geld an der Wall Street knapp – und hier, ausgerechnet auf dieser Straße, gerät die amerikanische Wirtschaft ins Schleudern und reißt Asien, Europa, die ganze Weltwirtschaft mit sich? Vielleicht gibt eine Erkundungstour durch die verschwiegene Welt des Geldes Antwort auf diese Fragen.

Der Haupteingang der Börse in der Bond Street ist durch einen hüfthohen, gusseisernen schwarzen Zaun abgeriegelt, an beiden Enden stehen kleine weiße Zelte mit bewaffneten Sicherheitsbeamten. Ein bisschen erinnert das hier an die Vorbereitungen zu einer großen Party. Es ist jetzt 9.25 Uhr. Ted Weisberg steht in der blauen Jacke seiner Firma und mit seinem tragbaren Touchscreen-Computer auf dem Parkett der Börse. Auf den Fernsehern läuft Bloomberg TV, die Digitalschriftbänder zeigen die Schlusskurse vom Vorabend an, die Broker haben ihre Kunden in der Leitung, und die Händler tippen unermüdlich Kauf- und Verkaufsorders in die Computer ein. Die Uhr springt auf 9.30, der Gong ertönt, und – Ruhe. Kein Geschrei, keine nervösen Verkäufe, kein hektischer Handel, genau so, wie Weisberg es vorausgesagt hat. "Das ist momentan, als trete man ein totes Pferd. Der Markt reagiert auf die schlechten Nachrichten gar nicht mehr, er hat die schon längst eingepreist", sagt Weisberg.

Der letzte Tag, an dem an der Wall Street alles blendend lief, erinnert sich Weisberg, war der 19. Juli vergangenen Jahres, ein Donnerstag. Der Dow Jones hatte die Rekordmarke von 14.000 Punkten durchbrochen, und am nächsten Tag fuhr Weisberg zu seinem Boot nach Long Island raus und segelte mit seinem Sohn, der schon beim Admiral’s Cup mitgefahren ist, im Long Island Sound. Von Schwierigkeiten am amerikanischen Immobilienmarkt war zwar ab und zu die Rede, aber die Sonne schien, und die Wirtschaft florierte. Warum sollte man sich Sorgen machen?

Dann fror am 8. August die französische Bank BNP Paribas drei ihrer Fonds für riskante, hoch verzinste amerikanische Hypotheken ein, denn die Zahl der in Verzug geratenen Hypotheken war explodiert. Der Aktienwert von BNP Paribas sank, der Dow Jones sackte um fast 400 Punkte. Am 15. August fiel er unter 13.000. Heute liegt er immer noch unter dieser Marke. Vor allem die Aktienkurse der Banken lähmen den bekanntesten Wertpapierindex der Welt.

Die Bank, die es am stärksten getroffen hat, ist die Citibank. Die größte Bank der Welt mit Sitz an der Park Avenue, der teuersten Straße New Yorks. Bislang hat sie auf dem Papier 39 Milliarden Dollar verloren. Am 17. März fiel ihre Aktie auf den Tiefpunkt, 18,25 Dollar, ein Verfall von 50 Prozent. Alle hatten Angst, dass die Citibank bankrottginge.

Auch Ted Weisberg besitzt Citigroup-Aktien. Er hat sie während der letzten Kreditkrise 1990 gekauft. Damals war die Aktie von 35,50 Dollar auf 10,75 gefallen. Auch damals ging die Angst um, dass die Citibank bankrottgehen könnte. Die Bank entließ 8000 Angestellte, schloss 14 Filialen in den USA und wurde von einem saudischen Prinzen mit 590 Millionen Dollar gestützt. Die Aktie erholte sich. "Man muss an der Börse die Ruhe bewahren", sagt Weisberg. "Aber heutzutage hat ja keiner mehr Geduld."

Jetzt ist die Aktie wieder billig. Die Bank hat bislang 13.000 Entlassungen angekündigt, der saudische Prinz hat zur Kursstützung erneut ein großes Aktienpaket übernommen, und die Abu Dhabi Investment Authority hat mit 7,5 Milliarden Dollar geholfen. Ted Weisberg hat wieder gekauft. Nächsten Monat fliegt er zum Segeln nach Konstanz.

Wenn Greg Newmark für seine Bank Firmen analysiert, dann gehören zu hohe Personalkosten immer zu den Dingen, die er negativ bewertet. Jetzt sitzt er bei Starbucks, sein Gesicht tief in seiner regendichten Sportjacke versteckt, die er über seinem schwarzen Anzug trägt. Greg ist 38, der Teamchef von drei Analysten in einer großen Investmentbank, und er will seine eigene Entlassung nicht noch forcieren, indem er sich mit einer Journalistin blicken lässt. Das wäre nun wirklich das Ungeschickteste, was er machen könnte. Daher hat er sich erbeten, seinen echten Namen hier nicht zu nennen. Er lässt den jungen Mann im blauen Anzug ein paar Meter vor sich in der Reihe den Kaffee bezahlen, dann schielt er über die Schulter, um zu sehen, ob er den Laden auch ja verlassen hat. Greg schiebt seine runde Brille hoch und atmet tief durch. "Das ist mein Junior-Analyst."

Nicht nur in der Citibank, auch in Gregs Bank haben die Entlassungen schon begonnen, alle sind momentan sehr vorsichtig, denn keiner weiß, wie schlimm es kommen wird. Nach der Dotcom-Krise 2001 entließ die Wall Street 60.000 Banker, und Greg ahnt, dass es dieses Mal noch mehr werden könnten. Von der Entspanntheit eines Ted Weisberg ist er weit entfernt. Seine Frau ist gerade mit dem zweiten Kind schwanger, die 5000 Dollar Miete für die Dreizimmerwohnung an der Upper East Side müssen bezahlt werden, Kindergarten, irgendwann Schule und College. Das alles denkt Greg Newmark, wenn er morgens aufsteht.

Gregs Team beobachtet einen sehr kleinen Zuliefererbereich der Computerindustrie. 13 Unternehmen, über die er von den Absatzzahlen bis zur Personalpolitik alles weiß und zu deren Kauf oder Verkauf er seinen Kunden rät. Nur sieben oder acht Banken in den USA beschäftigen überhaupt Analysten für diesen Teilbereich. "Und wenn keiner diese kleinen Werte mehr handelt, braucht die Bank uns natürlich auch nicht mehr", sagt Greg und beißt in einen zuckrigen Kuchen. Es ist Lunchtime, und das Starbucks in Midtown, wohin viele Investmentbanken ihren Sitz verlegt haben, nachdem es um die Wall Street herum immer enger und teurer wurde, ist laut und gut gefüllt.

Greg ist ein ruhiger Typ, der schnell das Gefühl verbreitet, dass er im Leben immer etwas zu kurz kommt. Spaß, sagt er, macht ihm sein Job nicht. Ständig muss er seinen Platz verteidigen und aufpassen, dass keiner mehr verdient als er. Er muss um halb sieben in der Bank sein, um den Kontakt zu den asiatischen Kunden zu halten, und oft kommt er erst um zehn nach Hause. Von seinem Kind sieht er nicht viel, und wenn seine Frau sich dann auch noch erschöpft ins Bett legt und erzählt, wie anstrengend das Kind war und dass sie daher nichts anderes erledigen konnte, kommt es oft zum Streit.

Als er noch für eine kleine Videospielefirma arbeitete, verdiente er nicht schlecht, und er mochte seinen Job. Aber wer an der Upper East Side wohnt, für den reicht das nicht. Jetzt verdient Greg wie alle Analysten in seiner Bank ein Basisgehalt von 100.000 Dollar im Jahr. Dazu kommt Ende des Jahres ein Bonus, der zwischen 25.000 für einen Junior-Analysten und drei Millionen für einen der Senior-Analysten liegen kann. "Ich hab noch nie drei Millionen bekommen", sagt Greg.

Im Durchschnitt verdiente ein Banker im letzten Jahr in New York 387.000 Dollar, nirgendwo sonst werden solche Gehälter gezahlt. In gewisser Weise entschädigen sie für das Risiko, von einem auf den anderen Tag entlassen werden zu können. Einer von Gregs Kollegen wurde erst letzte Woche entlassen. Er hat ein Polster von 500.000 Dollar. "Das reicht selbst in Manhattan eine Weile", sagt Greg.

Er schluckt das letzte Stück Kuchen runter. "Wenn ich tatsächlich entlassen werden sollte, hoffentlich mit den 14.000 Leuten von Bear Stearns", sagt er. Die Krise der Investmentbank, die nun mit Hilfe der amerikanischen Notenbank von JP Chase Morgan übernommen wird, hat für Greg wenigstens ein Gutes: "Dann gehen vielleicht endlich die Wohnungspreise in Manhattan runter, und ich muss nicht mehr zur Miete wohnen, sondern kann mir ein Apartment kaufen, das groß genug für die ganze Familie ist."

30 Straßen weiter im Süden steht Adrienne Berman in einem leeren, unrenovierten Studio im 17. Stock eines hässlichen Fünfziger-Jahre-Apartmenthauses mit freiem Blick bis zum Empire State Building und hat nichts als schlechte Nachrichten für Greg. Sie streicht ihre glänzenden schwarzen Haare hinters Ohr, verabschiedet den letzten Interessenten für das Studio und nimmt einen Stapel Tabellen aus ihrer Tasche. Berman ist Immobilienmaklerin, und aus den Verkaufszahlen ihrer Firma Corcoran für das erste Quartal 2008 lässt sich ablesen, dass der Quadratmeterpreis um acht Prozent gestiegen ist. Der durchschnittliche Apartmentpreis in Manhattan liegt jetzt zwischen 1,63 und 1,72 Millionen Dollar. In Soho ist sie gerade dabei, ein etwas heruntergekommenes Dreizimmerapartment zu verkaufen. 2,5 Millionen wollte der Besitzer, die Interessenten haben den Preis hochgetrieben. Ein Banker war dabei, außerdem hatten ein Künstler, ein Immobilienentwickler und drei Europäer Gebote abgegeben. Mit dem starken Euro sind sie im Moment überall vertreten. Für das kleine 50-Quadratmeter-Studio im 17. Stock hat ihr gerade jemand eine halbe Million geboten.

Hatten die Banker ihre großen Wohnungen gekauft, suchten sie vor der Krise meist nach den passenden Bildern für die vielen leeren Wände. Und so haben von dem Aufstieg der Wall Street vor allem Künstler und Galeristen sehr profitiert. Für die Banker wurde die Kunst über die eigenen Wände hinaus schnell zum Spekulationsspielzeug. Über 300 Galerien haben sich seit den goldenen Neunzigern im rauen Chelsea niedergelassen. Um in die Kunstmesse Armory Show zu kommen, musste man noch im letzten Jahr zwei Stunden lang anstehen, sieben Blocks weit. Und das im Februar.

In diesem Jahr kamen viele Galeristen zum ersten Mal mit einem unsicheren Gefühl nach New York. Alle hatten vor den Auswirkungen der Wall-Street-Krise Angst. Zwei Stunden nach der Eröffnung hatte die Galeristin Victoria Miro allerdings die Hälfte ihrer Kunst verkauft, die Galerie Cheim & Read schlug zwei Werke von Jenny Holzer für 300.000 und 400.000 Dollar los, drei Tracy Emins für jeweils 110.000, und die Matthew-Marks-Galerie bekam für einen Gursky 1,2 Millionen Dollar. Wo der eine oder andere Banker zögerte, griffen auch hier die Europäer beherzt zu.

Nur Dragan hat von all diesen Europäern nichts. Der grauhaarige Rumäne fährt langsam an den Messehallen vorbei. Bis vor vier Monaten war er bei einem Car-Service fest angestellt, der die Banker der Wall Street nach neun Uhr auf Kosten der Banken nach Hause fuhr. Um zu sparen, haben viele Banken den Service eingeschränkt, und Dragan war seinen Job los. Jetzt fährt er Taxi. Aber Europäer sind nicht so großzügig beim Trinkgeld.

Wenn es Abend wurde an der Wall Street, wenn die Börsen geschlossen waren und die Kunden ihre Empfehlungen für den nächsten Tag erhalten hatten, dann waren früher die Restaurants und Kneipen rund um die Banken immer gut gefüllt. Die Älteren gingen zu Bobby Van’s direkt gegenüber der Börse und tranken einen Bourbon an der mondänen Mahagonibar oder aßen ein Steak an einem der großen runden, weiß betuchten Tische. Aber vor allem die Jungen waren es, die nach der Arbeit in den Irish Pubs noch lange feierten. Work hard, play hard war das Motto, aber momentan will keiner der Erste sein, der Feierabend macht. Lieber noch einen Kunden anrufen.

Stephan Koch gehört da mit seinen 33 Jahren schon fast zum alten Eisen. Vielleicht hat er sich deshalb auch schon um halb sieben verabredet. Es dauert dann allerdings doch etwas länger, bevor er in die Bar zwischen den Eingängen zweier Broadway-Theater kommt. Kurzfristig war ein Krisenmeeting einberufen worden.

Stephan Koch ist Risikomanager bei einer deutschen Bank. Er ist derjenige, der darüber entscheidet, ob ein Unternehmen einen Kredit bekommt oder nicht, und auch er zieht es vor, dass sein echter Name nicht in der Zeitung steht. Die Kredite, die er betreut, fangen bei 50 Millionen an, und sie schaffen viele Arbeitsplätze – wenn er sie gewährt. Man kann also sagen, dass Koch die Wirtschaft wachsen oder schrumpfen lässt.

Als Koch um acht in die Bar kommt, ist er bestens gelaunt. Erstaunlich, denn an der Wall Street sprechen schon alle von der großen Fehlspekulation seiner Bank. Ist sein Unternehmen nicht in großer Aufregung? "Ach was, so etwas passiert nun mal", sagt er und winkt nach einem Bier. "Es handelt sich ja auch nur um 80 Millionen. Das reicht höchstens für einen kleinen Imageschaden."

Koch ist auf einem Bauernhof in Norddeutschland groß geworden, ein paar Jahre in der Welt herumgereist und vor vier Jahren nach New York gezogen. Jetzt wohnt er in einer WG in Harlem, hat sich einen blonden Bart wachsen lassen und beim Hutmacher eine Melone gekauft. Er besucht Creative-Writing-Kurse, interessiert sich für Philosophie, spielt die japanische Bambusflöte der Zenmönche und könnte sich auch gut vorstellen, mal für die UN zu arbeiten. Nebenher dreht er gerade den Kredithahn zu. "Der Automobilbranche, Stahl oder dem Einzelhandel gebe ich momentan eher keinen Kredit. Die werden ihre Sachen doch nicht los", sagt er.

Windkraftanlagen und Krankenhäuser prüft er genauer. Wenn er einen Kredit vergibt, fordert er jetzt detaillierte Berichte über den Fortgang des Projekts. "Im Moment ist unser Risikoappetit relativ gering", sagt er und nimmt einen Schluck Bier. Bis zum Sommer letzten Jahres war das anders. Da gab es auch in seiner Abteilung Ramschkredite mit äußerst wenigen Kontrollvereinbarungen. Wie bei den Ramschhypotheken hoffte die Bank einfach, dass die boomende Wirtschaft die Nachfrage nach allem, was sie finanzierte, schon sättigen würde. Sie nannten das in seiner Abteilung Light-Produkte. "Da werden noch große Verluste auf uns zukommen", sagt Koch.

Und die könnten dann auch den »80 Millionen sind kein Problem«-Mann beunruhigen. Um neue Kredite zu finanzieren, leiht sich auch seine Bank Geld von anderen Banken. Aber wer will noch mit einer Bank Geschäfte machen, auf deren Schulden man sitzen geblieben ist? Denn wenn ein Unternehmer mit einem Ramschkredit von Kochs Bank pleitegeht, dann bleibt nicht nur Kochs Bank auf dem Verlust sitzen, sondern dann müssen auch alle anderen Banken erst einmal auf ihr Geld warten. Wie eine lange Reihe von Dominosteinen fällt dann ein Stein nach dem anderen, und das Geld wird auf einen Schlag knapp.

Der einzige Ort an der Wall Street, an dem die guten Nachrichten momentan kleben wie Metallschnipsel an einem Magneten, hat die Adresse World Financial Center und liegt direkt am Hudson, schräg gegenüber der Freiheitsstatue. Ein kleiner Hafen, ein paar Jogger, eine Sackgasse ohne Verkehr. An diesem entspannten Ort liegt die New Yorker Warenterminbörse. Hier steht Raymond Carbone, 48, auf dem obersten Absatz eines Mini-Amphitheaters, eingequetscht zwischen seinen Kollegen, und brüllt seine Kauforders in den Ring.

Carbone handelt mit Öl, und an seinem Arbeitsplatz geht es etwas lauter zu als an Theodore Weisbergs Wall-Street-Börse. In den Nachbarringen werden Gas, Gold, Kupfer, Zucker gehandelt. Aber Öl ist der Spitzenwert. Um knapp 50 Prozent ist sein Preis im vergangenen Jahr gestiegen. Die Rezession und der gesunkene Kraftstoffverbrauch in den USA haben ihm bislang nichts anhaben können, denn die weltweite Ölnachfrage steigt beständig. Carbones Geschäft boomt, er hat gerade jemanden eingestellt. Vor einer Rezession hat Carbone keine Angst, er fürchtet etwas ganz anderes: Frieden im Irak. "Je größer die politischen Konflikte, desto besser für unser Geschäft", sagt er, ohne den Blick aus dem Ring zu nehmen. Der Mann hofft auf das Schlimmste.

Carbone trägt ein dunkelblaues New-York-Yankees-Sweatshirt, eine schwarze Jacke, sein Schädel ist kurz rasiert, er hat nicht nur, wenn er brüllt, Ähnlichkeit mit Bruce Willis. Carbone ist der Sohn italienischer Einwanderer, er hat Politik studiert, spricht vier Sprachen, und seine vietnamesische Freundin arbeitet als Bankerin in Paris. Jetzt schreit er aus voller Brust: "June 08, 110!" Einer seiner Kunden kauft Optionen auf Öl im Juni 2008 für 110 Dollar, nachdem er Optionen auf Öl im Mai für 108 Dollar verkauft hat. Der Kunde will den Ölpreis nach oben treiben.

Was Carbone nicht ungelegen kommt, denn er selbst hat sich Ende März ein wenig verkalkuliert. Er hatte Öl gekauft, nachdem Schiiten eine Pipeline im Süden des Iraks in Basra gesprengt hatten. Carbone hatte damit gerechnet, dass die Kämpfe andauern würden und die Ölproduktion eingestellt würde, was den Ölpreis hätte explodieren lassen. Aber Schiitenführer Muqtada al-Sadr hatte seine Leute Anfang April überraschenderweise aus den Straßenkämpfen in Basra zurückgezogen, und der Ölpreis erholte sich – um dann doch die Rekordmarke von 123 Dollar pro Barrel zu durchbrechen. Es war bekannt geworden, dass die USA weniger Ölreserven haben als angenommen. Kurz darauf kündigte auch noch Russland an, dass seine Fördermengen zurückgehen würden. Während Ted Weisbergs Aktienanleger wegen der steigenden Ölpreise Geld verlieren, zählt Raymond Carbone seine Gewinne.

Carbone packt seine Sachen zusammen und steigt in die schwarze Limousine, die vor der Warenbörse auf ihn wartet. Er lässt sich durch Tribeca und Chelsea bis zur Penn Station fahren und steigt dort in den Zug nach Long Island, zu seinem Haus am Strand. Er ist ein bisschen aufgeregt, denn heute Abend wird er eine 1940er Martin 000-21 kaufen. Alles an der Gitarre ist Original, brasilianisches Rosenholz, Rotfichte aus den Adirondack Mountains, hervorragender Zustand, nur 25 davon wurden jemals hergestellt. Diese Gitarre wollte er schon lange haben, aber sie war ihm immer ein wenig zu teuer. Nicht dass er sie sich nicht hätte leisten können – er hat für eine Gitarre auch schon 75.000 Dollar ausgegeben – oder dass er nicht schon genügend Gitarren hätte; momentan sind es 150.

Aber Carbone ist nun mal Händler, und ein Händler wartet immer auf den besten Preis (und schweigt dann darüber). Seit einigen Wochen beginnt der Markt für teure Sammlergitarren – und Rolex-Uhren, eine andere seiner Leidenschaften – nachzugeben. "Es sind die Leute aus dem Mittelbau der Finanzwelt, die sich jetzt von ihren teureren Hobbys trennen", sagt Carbone. "Für die 50.000 Dollar plötzlich viel Geld sind."

Der Zug hält, Raymond Carbone nimmt seine Tasche, knöpft seine Jacke zu und geht zu seinem Auto. Carbone ist sich sicher, dass er in nächster Zeit noch die eine oder andere Gitarre kaufen wird.

 
Leser-Kommentare
  1. Die genannte ImmobilienPreise sagen eigentlich alles:==> fast 2 Mio für lausige kleine Appartements ...==> 5000 $ Miete für 3 Zimmer ...Dort ist auch das viele Geld hin, das jetzt fehlt. Und da sollen in Deutschland sogar gut ausgebildete Arbeitslose 1-EUR-Jobs zwangsweise machen müssen ???

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