Italien
Man messe mich am Müll
Beim Kampf gegen den Abfall auf den Straßen Neapels trifft der Populist Silvio Berlusconi zum ersten Mal unpopuläre Entscheidungen
Früher hieß die Chefsache für Silvio Berlusconi immer nur Silvio Berlusconi. Seine Firmen, seine Prozesse, sein Fußballklub. Darum kümmerte er sich als Regierungschef mit bemerkenswerter Ausdauer und Hingabe. Was sein Ansehen im Ausland nicht mehrte, seinen Reichtum und seine Macht in Italien hingegen schon. Heute, in seiner dritten Amtszeit, haben sich die Prioritäten des Ministerpräsidenten verschoben. Zwar erobert Berlusconis Unternehmen Mediaset Nordafrika mit einem neuen Sender für 90 Millionen Menschen. Und in Rom wird eine Notverordnung verabschiedet, die im Kleingedruckten einem Berlusconi-Programm jene Sendeerlaubnis gewährt, die ihm das Verfassungsgericht eigentlich entzogen hatte.
Aber trotzdem kann man nicht behaupten, dass der Ministerpräsident in diesen Tagen hauptsächlich mit eigenen Angelegenheiten beschäftigt sei. Die neue Chefsache heißt: Müll. Es geht um die Tausenden von Tonnen an stinkendem Abfall, die schon wieder seit Wochen auf den Straßen von Neapel und seinem Hinterland liegen. Seine erste Kabinettssitzung hat Berlusconi demonstrativ in der Müllhauptstadt Neapel abgehalten, und die Minister reisten, bescheiden wie zu einem Betriebsausflug, mit dem Bus dorthin. Nicht aus Rom, sondern nur vom Flughafen in die Innenstadt. Aber immerhin.
Berlusconi verspricht, den Müll von den Straßen zu schaffen. Er hat Polizei und Militär geschickt, die die reibungslose Verfrachtung der Müllberge in die dafür vorgesehenen Deponien garantieren sollen. Es kam zu regelrechten Straßenschlachten zwischen Ordnungskräften und aufgebrachten Bürgern, die keine Kippe in ihren Wohnvierteln wollen. Aber Berlusconi bleibt hart. Er will wieder nach Neapel reisen, um sich über die Entwicklung an der Müllfront zu informieren. Er will einen Erfolg, den man sehen kann. In Bildern: vorher, nachher. Das ist politisch werbewirksam – Müllpolitik kann telegen sein, auch für das ausländische Publikum. Aber Berlusconi hat so auch ein Erfolgskriterium eingeführt, dem er sich unterwirft. Am Müll will er sich messen lassen.
Dazu trifft der Populist tatsächlich unpopuläre Entscheidungen. Im Interesse des Gemeinwohls müssten die protestierenden Anwohner endlich akzeptieren, dass ihr Müll auch bei ihnen entsorgt werde, sagt er. Das trägt ihm sogar auf der Linken Applaus ein. Es applaudiert der linke Präsident der Region Kampanien – mit den Worten: »Endlich bin ich nicht mehr mit dem Müll allein.« Es applaudiert die linke Bürgermeisterin von Neapel mit der Ankündigung: »Gemeinsam werden wir es schaffen.« Regierung und Opposition gemeinsam, überparteilich: So ist in der extrem polarisierten italienischen Politik schon lange nicht mehr geredet worden.
Bereits jetzt hat die Chefsache Müll ein neues Wirgefühl im Land geschaffen. Angeblich ist jeder vierte Wähler der Oppositionsparteien mit der Amtsführung des Ministerpräsidenten diesmal einverstanden. Auch die oppositionelle Presse unterstützt ihn bei dem Kreuzzug gegen den Abfall. Es scheint, als ergebe sich Italien dem Müllkonsens. Nur sehr leise lassen sich die üblichen Nörgler vernehmen. Die erinnern daran, dass der Müll schon seit 14 Jahren Neapel überschwemmt. Exakt genauso lange macht Silvio Berlusconi Politik.
- Datum 1.6.2008 - 03:42 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 29.05.2008 Nr. 23
- Kommentare 7
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Liebe Redaktion,auf das Schlusswort des Artikels"Nur sehr leise lassen sich die üblichen Nörgler vernehmen. Die erinnern daran, dass der Müll schon seit 14 Jahren Neapel überschwemmt. Exakt genauso lange macht Silvio Berlusconi Politik."sollten Sie nochmal näher eingehen. Das würde dem Artikel ein aufklärerisches Glanzlicht setzen. Worin bestehen die möglichen Zusammenhänge zwischen der neapolitanischen Müllmisere und Berlusconis politischer Tätigkeit genau?
Der dezente Hinweis soll wohl andeuten, dass Berlusconi schon länger Gelegenheit hatte, aktiv zu werden.
Berlusconi ist kein Unmensch. Er ist politisch unkorrekt und impulsiv. Aber er tut - wie Mussolini - viel Gutes für Italien. Das ist schockierend aber meiner Ansicht nach war. Er hat in seiner letzten Legislaturperiode 800.000 italienische Pässe verteilt. Welche Politiker sind keine Populisten??Die (typisch deutsche) Empörung (über Berlusconis Italien) des Artikels verwischt die wahren Angelegenheiten Italiens. Italien hat durch den Euro viel verloren im Gegensatz zu Deutschland. In Italien werden finanzielle- und immigrationstechnische Angelegenheiten ernster und wissenschaftlicher diskutiert als im USA ähnlichen Multikultistaat Westdeutschland. Ich ärgere mich über solche Artikel über Italien, bei denen die Redakteure sich einbilden, Sie hätten die Probleme des Landes der Spaghettis gefressen. Das ist auch rassistisch, eine Nation so respektlos und billig zu bewerten.(Anmerkung: Bitte gehen Sie vorsichtig mit Äußerungen um, die als Verherrlichung des Faschismus interpretiert werden könnten. Die Redaktion/jk) -- Johannes http://JohannesGabrielBlu...
Aha, Berlusconi als Heilsbringer!"In Italien werden finanzielle- und immigrationstechnische Angelegenheiten ernster und wissenschaftlicher diskutiert als im USA ähnlichen Multikultistaat Westdeutschland. " Wo? Sicherlich nicht in den oeffentlichen Medien! Leben Sie in einer Parallelwelt zum realexistierenden Italien?Wissen Sie, dass in Genua ein Prozess gegen Polizeibeamte laeuft, die beim G-8 Gipfel 2001 Genua, in das Medienzentrum der Demostranten eingedrungen sind und eine Menge Leute halbtot geschlagen hatten. Und die Staatsanwaltschaft wirft diesen Staatsdienern vor, dass sie falsche Beweise produziert, Beweismittel verschwinden lassen, Menschen gefoltert und Falschaussagen gemacht haben. Und raten Sie mal wer damals Ministerpraesident war? Berlusconi! Und das neue Gesetz, das fuer ein Jahr Prozesse einfriert, betrifft auch diesen Prozess.Tja, er tut viel Gutes fuer das Land, wie Mussolini!
Der dezente Hinweis soll wohl andeuten, dass Berlusconi schon länger Gelegenheit hatte, aktiv zu werden.
damals hat die Camorra entdeckt, dass man mit Müll mehr Geld machen kann als mit Kokain und Frauen allein. Kampanien, eine der schönsten Kulturlandschaften Europas -wenn nicht der Welt wurde zum Standort vieler illegaler Giftmülldeponien. Das Öffnen der alten Deponien ist ein weiterer populistischer Schnellschuss Berlusconis. Er wird der Probleme kaum Herr werden. Das größte Problem ist das System - die Camorra, das die schönste Stadt der Welt -jeder Napolitaner wird sie als solche bezeichnen -ob Camorrista oder Knecht derselben und Pizo-Zahler - in seinen Fingern zermalmt. Das System profitiert von der Abwesenheit des Staates - von Berlusconis Neoliberalismus profitiert also mittelfristig alleine dieses Syndikat, das ähnlich der Hamas in Gaza leider auch das einzig funktionierende (bescheidene ) Sozialsystem darstellt. Aufgrund dieser lausigen Erfahrungen haben die Bürger immer gegen Verbrennungsanlagen etc. protestiert. Man hat aus langer, langer bitterer Erfahrung heraus kein Vertrauen in einen Staat, der stets Helfershelfer der Feudalherren war. Andererseits - mangelnde "Erziehung" zu Mülltrennung, geschweige denn Müllvermeidung etc. - wo kein Vertrauen in die die Lebensumstände regelnden Institutionen herrscht, funktioniert natürlich auch das nicht.Immerhin - Deutschland hatte ja immer gute Verbrennungsöfen (*) - und - profitiert ja auch vom Müllexport und Müllverschieben aus Kampanien in hiesige Müllverbrennungsanlagen.(*kein Kommentar - )
Die Anwohner zukünftiger Deponien wehren sich gegen ebendiese, da in der Vergangenheit immer wieder die Erfahrung gemacht wude, dass es eben nicht um fachgerecht eingerichtete und betriebene Deponieanlagen ging, sondern um chaotisches Wegkippen und Zuscharren. Anwohner alter Deponien werden dann mit Müll und Verseuchung allein gelassen.Da es wenig Grund für die Annahme gibt, dass es diesmal anders sein wird, wehren sich die Leute. Und das ist gut so.
damals hat die Camorra entdeckt, dass man mit Müll mehr Geld machen kann als mit Kokain und Frauen allein. Kampanien, eine der schönsten Kulturlandschaften Europas -wenn nicht der Welt wurde zum Standort vieler illegaler Giftmülldeponien. Das Öffnen der alten Deponien ist ein weiterer populistischer Schnellschuss Berlusconis. Er wird der Probleme kaum Herr werden. Das größte Problem ist das System - die Camorra, das die schönste Stadt der Welt -jeder Napolitaner wird sie als solche bezeichnen -ob Camorrista oder Knecht derselben und Pizo-Zahler - in seinen Fingern zermalmt. Das System profitiert von der Abwesenheit des Staates - von Berlusconis Neoliberalismus profitiert also mittelfristig alleine dieses Syndikat, das ähnlich der Hamas in Gaza leider auch das einzig funktionierende (bescheidene ) Sozialsystem darstellt. Aufgrund dieser lausigen Erfahrungen haben die Bürger immer gegen Verbrennungsanlagen etc. protestiert. Man hat aus langer, langer bitterer Erfahrung heraus kein Vertrauen in einen Staat, der stets Helfershelfer der Feudalherren war. Andererseits - mangelnde "Erziehung" zu Mülltrennung, geschweige denn Müllvermeidung etc. - wo kein Vertrauen in die die Lebensumstände regelnden Institutionen herrscht, funktioniert natürlich auch das nicht.Immerhin - Deutschland hatte ja immer gute Verbrennungsöfen (*) - und - profitiert ja auch vom Müllexport und Müllverschieben aus Kampanien in hiesige Müllverbrennungsanlagen.(*kein Kommentar - )
Aha, Berlusconi als Heilsbringer!"In Italien werden finanzielle- und immigrationstechnische Angelegenheiten ernster und wissenschaftlicher diskutiert als im USA ähnlichen Multikultistaat Westdeutschland. " Wo? Sicherlich nicht in den oeffentlichen Medien! Leben Sie in einer Parallelwelt zum realexistierenden Italien?Wissen Sie, dass in Genua ein Prozess gegen Polizeibeamte laeuft, die beim G-8 Gipfel 2001 Genua, in das Medienzentrum der Demostranten eingedrungen sind und eine Menge Leute halbtot geschlagen hatten. Und die Staatsanwaltschaft wirft diesen Staatsdienern vor, dass sie falsche Beweise produziert, Beweismittel verschwinden lassen, Menschen gefoltert und Falschaussagen gemacht haben. Und raten Sie mal wer damals Ministerpraesident war? Berlusconi! Und das neue Gesetz, das fuer ein Jahr Prozesse einfriert, betrifft auch diesen Prozess.Tja, er tut viel Gutes fuer das Land, wie Mussolini!
ich meinte in den Zeitungen wird anders diskutiert als bei uns. Der Einstieg in Artikel ist mir zu pseudoobjektiv hierzulande.
Wenn in Baden- Baden beim Natogipfel einer der 600 Demonstranten einen Stein geschmissen hätte, dann wäre für jeden einzelnen Demonstranten 10 Polizisten da gewesen. Weißt du, was ich meine?
Ich bin kein Mussolini oder Berlusconifan. Aber die antifaschistischen Sozial(demokratischen) LinksGrünen machen mir zusammen mit den Alliierten und der Internationalen Presse ANGST. Zuviel Denkverbote!
--
Johannes
http://JohannesGabrielBlu...
ich meinte in den Zeitungen wird anders diskutiert als bei uns. Der Einstieg in Artikel ist mir zu pseudoobjektiv hierzulande.
Wenn in Baden- Baden beim Natogipfel einer der 600 Demonstranten einen Stein geschmissen hätte, dann wäre für jeden einzelnen Demonstranten 10 Polizisten da gewesen. Weißt du, was ich meine?
Ich bin kein Mussolini oder Berlusconifan. Aber die antifaschistischen Sozial(demokratischen) LinksGrünen machen mir zusammen mit den Alliierten und der Internationalen Presse ANGST. Zuviel Denkverbote!
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Johannes
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