Korruption Ein spröder Held

Hans Brendel, Komissar a. D., hat sein Leben dem Kampf gegen die Korruption gewidmet. Seine Ermittlungen haben auch einen Weltkonzern wie Siemens in die Enge getrieben. Porträt eines deutschen Beamten

Der alte Kommissar. Hans Brendel passte gut in einen dieser Filme, die man sich immer wieder gerne anschaut: wenn ein pensionierter Ermittler noch mal ranmuss, für einen allerletzten Fall reaktiviert wird. Jemand würde in den Münchner Stadtteil Oberföhring fahren, in dem Mietshaus dann hoch in den fünften Stock und schließlich auf der Couch sitzen in der kleinen Wohnung, um Brendel zu überreden. Komm, Hans, wir brauchen dich. So wäre es im Film. Weil sich einer erinnerte, dass dieser Brendel jahrelang der Beste in Sachen Korruptionsjagd war.

Im richtigen Leben sitzt Hans Brendel, Kommissar a. D., auf dieser Couch in seiner Einzimmerwohnung und schnäuzt sich. Heuschnupfen. Erster Eindruck: unscheinbarer Typ, Cordhose, Hemd, Brille, leichte Knollennase, ein Jedermanngesicht. Brendel, mittlerweile knapp 70 Jahre alt, sagt, er habe eigentlich schon erwartet, dass sich in seinem Ruhestand einige melden würden bei ihm, Behörden, private Firmen beispielsweise, um zu profitieren von seiner Erfahrung, seinem Wissen, »doch niemand kam, nix, gar nix«. Brendel lacht. Nicht dass ihm langweilig ist, nein, er beschäftigt sich mit Goethe, ist Geschäftsführer des Ortsvereins München der Goethegesellschaft, er hat sogar zu studieren angefangen, Philosophie, Geschichte, Literatur. »Ich möchte ran ans wissenschaftliche Denken. Ich möchte verstehen, nach welchen Gesetzen das abläuft.«

Apfelschorle steht auf dem Tisch. An den Wänden Bücherregale, die meisten Bücher sind von oder über Goethe, darunter einige besondere Gesamtausgaben. Ein Bügelbrett ist aufgebaut, ein Fernseher ist da, auch ein Schreibtisch mit Computer, hinten im Eck ein großes Bett, ein paar Familienbilder. Gibt es in dieser Wohnung irgendeine Spur, die an den Kriminalkommissar erinnert? Brendel lacht wieder kurz. Oft macht er das, und dann schweigt er, als wäre dieses kurze Lachen ein Übergang zum Nachdenken. Er blickt sich um, sein Blick wandert durch den Raum. »Nix«, sagt er, »nix ist mehr da vom Kriminalkommissar.«

Er steht auf, kramt in Schubladen herum, er findet ein Polizeiabzeichen. Brendel sagt, irgendwo müsse diese Collage sein, die ihm seine Kollegen zum Abschied geschenkt haben, bestehend hauptsächlich aus den unzähligen Zeitungsschlagzeilen, für die Brendel und seine Leute mit ihrer Ermittlungsarbeit gesorgt hatten. Er erzählt von seinem Ausstand. Einen Bauernhof hatte er gemietet, 170 Leute waren gekommen, fast alles Polizisten, auch einige Staatsanwälte, »aber nur die guten«. »Gut« bedeutet mutig, Menschen, die nur nach dem Gesetz handeln und sich nicht einschüchtern lassen von der Prominenz eines Verdächtigen.

In dem VW Bus der Fahnder stapelten sich die Akten bis unters Dach

Brendel erwähnt, dass einer seiner Polizeikollegen nicht mehr dabei gewesen sei, »einer der besten Ermittler«, der hatte sich umgebracht, Gehirntumor, »er hatte wahnsinnig Angst, er wird verrückt«. Aber ein anderer war da, ein langjähriger Weggefährte. »Der spricht breites Niederbayerisch, so breit, dass ihn alle immer unterschätzt haben, vor allem die Großen, die Bosse. Die dachten, na, der wird uns ja bestimmt nicht gefährlich. Gerade deswegen konnte keiner besser verhören als er. Am Ende haben sich viele gewundert.« Sehr sentimental sei diese Feier gewesen, erinnert sich Brendel, »heulen hab ich müssen. Es waren alles meine Leute. Und wir waren gut.«

Brendels Metier waren die Wirtschaftsstrafsachen, wo die Polizeiarbeit besonders kompliziert und mühsam ist. Manchmal fuhren sie mit einem VW Bus herum, in dem sich die Aktenordner bis unters Dach stapelten, wenn es wieder Durchsuchungen gegeben hatte bei Siemens und anderen, damals bei der großen Klärwerksaffäre Anfang der Neunziger. Die Beamten pflegten einen bestimmten Rhythmus: Montag bis Donnerstag wurde durchsucht und verhaftet, danach wurden zwei Wochen lang die Akten ausgewertet, die Festgenommenen verhört. Dann ging es in die nächste Runde.

Brendel war akribisch. Als er einen Bankenskandal aufzuklären hatte, beschaffte sich der Kommissar ein längst vergriffenes Fachbuch eines pensionierten Richters aus Hof, der den Sachverhalt der Untreue bei Bankgeschäften besonders kundig beschrieben hatte. »Mit diesem Buch saß ich tagelang da und schälte die einzelnen Tatbestände langsam raus.« Eigentlich sei es ganz einfach, meint Brendel: »Wenn Verantwortliche zum Schaden der Bank wissentlich zu riskante Geschäfte machen, begehen sie eine Straftat.« Am Ende der Ermittlungen schrieb er einen 70-seitigen Bericht: Vorstände und auch ein Aufsichtsrat wurden verhaftet und eingesperrt, wie es Brendel nennt. Schließlich wurde die ganze Bank komplett beschlagnahmt. Er habe später oft vor jüngeren Kollegen Vorträge gehalten, wie man als Ermittler mit Banken umgeht, »denn bei den meisten großen Wirtschaftsstraftaten führen die Spuren irgendwann zu einer Bank«. Bankiers vermittelten gerne den Eindruck, sagt Brendel, alle anderen seien zwei Köpfe kleiner als sie, »deshalb muss man unheimlich gut vorbereitet sein. Die müssen sofort kapieren, Achtung, da ist einer auf Augenhöhe.«

Brendels Bilanz seines Kommissarslebens: Hunderte wurden verhaftet und verurteilt, darunter Dutzende von Managern, Bosse von Siemens und anderen. Geldstrafen oder Geldbußen in Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro wurden verhängt, ganz zu schweigen von den Summen, die die Finanzämter durch seine Ermittlungen nachträglich einsammeln konnten. Die Tatbestände lauteten Untreue, illegale Absprachen und immer wieder: Bestechung, Bestechung, Bestechung. Und immer wieder tauchte dabei dieser eine Name auf: Siemens. Hans Brendel und seine Leute waren es, die in den vielen Einzelfällen der Korruption ein System erkannten, auch ein System Siemens. Und ihre Ermittlungen bei diesem Konzern reichten schon Mitte der neunziger Jahre weit nach oben. Einige Siemens-Vorstände bekamen mehrjährige Haftstrafen. Bereits damals ging Brendel dem Verdacht nach, dass zumindest einige Zahlungen auf Weisung des Vorstandsvorsitzenden von Siemens geschehen waren.

Plötzlich führen alle Spuren in das Münchner Baureferat

Vor ein paar Tagen hat in München ein neues Korruptionsverfahren begonnen, diesmal auch gegen ein Siemens-Vorstandsmitglied (siehe Seite 16). Dutzende Prozesse werden folgen. Diesmal geht es um Milliarden von Euro, diesmal geht es auch um die Existenz des gesamten Konzerns. Wie verfault ist der Gigant in seinem Inneren? Können im letzten Moment neue Stützwände eingezogen werden? Die Zukunft von Siemens scheint so ungewiss wie nie zu sein. Deshalb ein Rückblick. Deshalb Hans Brendel, deshalb unser Mann auf der Couch, einer von jenen, die die Lawine losgetreten haben, die nun alles mit sich zu reißen droht.

Er hat schnell zugestimmt zu diesem Porträt. Der Kommissar möchte von der Alltagsarbeit der Polizei in einem solch riesigen Fall erzählen, von Verhören in Autos, von Gesprächstechniken und der Angst, die gut situierte Bürger nach der ersten Nacht im Untersuchungsgefängnis befällt. Brendel hat nichts dagegen, das Thema Korruption einmal herunterzubrechen, weg von den Akten und Aktenzeichen, den vorsichtigen Statements und unverständlichen Sachverhalten, weg vom Nebel, dorthin, wo man sich gegenübersitzt, Auge in Auge. Eine Nahaufnahme der Täter, aber auch der Polizisten. Brendel wird davon erzählen, welchen Preis er für sein Ermittlerleben gezahlt hat. Wie sehr es ihn, den Menschen Brendel, erschüttert hat.

Und noch etwas ist ihm ganz wichtig. Hans Brendel steht auf, läuft auf und ab in seinem Zimmer. Er redet von Siemens und seiner Wut auf die Firmenspitze, »aber trotzdem: Es wäre viel zu kurz gegriffen, wenn man nur von Siemens sprechen würde. Siemens ist nur ein Rädchen in einer viel größeren Geschichte.«

Fast rührend klingt sein Plädoyer in der kleinen Wohnung, man dürfe die Siemens-Bosse nicht auf ewig verteufeln. Wenn er sagt, Siemens sei einer von vielen, doch der eigentliche Skandal bestehe darin, dass zwar immer neue Korruptionsfälle aufgeklärt würden, aber keiner wirkliche Konsequenzen ziehe: »Ich meine damit nicht nur die Privatwirtschaft, sondern auch und vor allem den Staat. Die zuständigen Behörden, die Kontrolleure, die Politik.« Er selbst hat das als Pensionär versucht, als Nachrücker ist er für die CSU als Stadtrat ins Münchner Rathaus gekommen. Er wollte die Korruption von der anderen Seite bekämpfen.

Brendel, der Korruptionsermittler. Wie alles angefangen hat? Hans Brendel hat als Antwort zwei Geschichten auf Lager, von denen die eine beinahe unbedeutend klingt. Es muss Anfang der siebziger Jahre in München gewesen sein. Der junge Brendel gehörte damals zu einer Abteilung, die sich mit organisierter Kriminalität befasste. Eher zufällig klopfte es eines Tages an seiner Bürotür, und der Fahrer eines Betonmischwagens trat ein. Er wisse gar nicht, ob er hier richtig sei, habe der Mann gesagt, aber er habe etwas zu erzählen. Er fahre täglich seinen Beton zur Baustelle des neuen Münchner Olympiastadions, und wenn er die Hälfte davon abgeladen habe, heiße es immer, stopp, den Rest fahr jetzt bitte zur privaten Baustelle eines wohlhabenden Münchners, für den Neubau seines Hauses. Also, meinte der Fahrer, korrekt komme ihm die Sache nicht vor.

Brendel sah das ähnlich, legte ein Protokoll samt Aktenzeichen an, gab den Vorgang weiter an die Staatsanwaltschaft. Und hörte nichts mehr davon. Brendel erkundigte sich und hörte wieder nichts. Brendel fragte ein wenig lauter nach – und wurde von einem Vorgesetzten regelrecht »zusammengeschissen«, wie er sich erinnert. Was ihn das angehe, ob er nichts Besseres zu tun habe, als eine solche Lappalie zu verfolgen. Außerdem, sagte der Chef noch, könne man doch jetzt nicht den Bau des großen Olympiastadions behindern. Das müsse schließlich fertig werden. Brendel sagt, dieses Argument habe er später immer wieder gehört. Bei den Klärwerken, bei den Müllverbrennungsanlagen, beim Münchner Großflughafen, bei Kraftwerken. Man könne den Bau doch nicht aufhalten. Doch, antwortete Brendel dann immer: »Das geht.«

Die zweite Geschichte, die der Kommissar erzählt, hatte dramatischere Folgen. Sie spielte Anfang der 90er Jahre. Brendel hatte gerade eine kleine Spezialeinheit für Wirtschaftsstrafsachen in Erding bei München gegründet, zu der bald 16 Mitarbeiter gehörten. Ein Staatsanwalt rief an und fragte, ob Brendel folgende Geschichte interessiere: Die Steuerfahndung sei auf einen Unternehmer gestoßen, der ein paar Hunderttausend Mark an »nützlichen Aufwendungen« beim Bau des Klärwerks Dietersheim von der Steuer absetzen wollte. Wenige Tage später saß dieser Unternehmer bei Brendel zum Verhör. Er sollte das erste Puzzlestück sein in einem gigantischen Kriminalfall, der erhebliche Teile der deutschen Wirtschaft erschütterte. Der Unternehmer wollte über Schmiergelder zunächst nicht reden. Doch irgendwann nannte er einen Angestellten im Münchner Baureferat.

Von da an kam Tempo in die Sache. Brendel ließ das Baureferat durchsuchen und stieß in den Akten an verschiedenen Stellen auf eine auffällige Nähe zwischen den städtischen Mitarbeitern und Vertretern der Wirtschaft, auch bei gemeinsamen Partys und Besuchen des Oktoberfestes. Brendel schickte eine Polizeibeamtin zur Wohnadresse des genannten Angestellten, sie sollte nachschauen, in welchen Verhältnissen denn der Mann so wohnte. Sie stand vor einem schlichten, hübschen Häuschen. Die Beamtin läutete, aber es reagierte niemand, dann erkundigte sie sich bei den Nachbarn. Nein, der wohne schon lange nicht mehr hier, nur eine Hausverwalterin kümmere sich ab und zu um das leere Gebäude. Die Leute seien plötzlich reich geworden, sagten die Nachbarn, lebten jetzt am Starnberger See, »große Villa, großer Pool«.

Ein Klärwerk wird zum Lehrstück in Sachen Korruption

Brendel verhaftete den städtischen Angestellten auf der Baustelle des Klärwerks, nach fünf Minuten legte der ein erstes Geständnis ab. Dann nannte der Mann bald einen zweiten Mann, der ihn ebenfalls bestochen haben sollte, im großen Stil. Es handelte sich um einen ehemaligen Siemens-Mitarbeiter, der nun Rentner war. Ein rüstiger Mann, freundlich, wohlhabend, mehrere Wohnungen und ein millionenschweres Schmiergeldkonto in der Schweiz. Brendel erzählt von einem ersten Verhör, das im Hause des Rentners stattfand. Der Einrichtung der Wohnung habe man ansehen können, dass hier ein gottesfürchtiger Mensch lebte, ein Kreuz an der Wand, Schallplatten mit Kirchenmusik. »Ich habe zu ihm gesagt, Sie sind ein gläubiger Mann, ich bin ein gläubiger Mann. Sie können doch nicht lügen wie die anderen. Kurz darauf hat er gesagt: Kann ich Sie unter vier Augen sprechen? Ja, manchmal ist die Sache so einfach.«

Der Mann lieferte sofort Informationen, die zu weiteren Festnahmen führten. Wenige Monate später sollte sich herausstellen, dass dieser freundliche Rentner mit seinen Aussagen die Ermittler direkt ins Herz von Siemens dirigierte. Nach Lage der Akten sah sein Bestechungsalltag meist so aus: Ein hochrangiger Siemens-Manager kam zu ihm und signalisierte, dass der Konzern an einem Auftrag interessiert sei. Der rüstige Rentner rief daraufhin eine Summe ab, 500000 Mark beispielsweise. Ein Drittel davon, so der Deal, behielt er für sich, mit dem Rest sorgte er dafür, dass Siemens den Auftrag erhielt.

Brendel ist ein Mann, der komplizierte Dinge gerne einfach erklärt. Zum Klärwerk Dietersheim sagt er beispielsweise: Im Grunde gehe es darum, die Scheiße raus aus München in dieses Klärwerk zu pumpen, dazu seien viele dicke Röhren und eine Menge Ventile erforderlich, so etwas nenne man dann Prozessleittechnik. Es gehe um viel, viel Geld. Und das Muster bei solchen Großbauten sei meistens ähnlich: Die Stadt beauftrage ein Ingenieurbüro zur Ausschreibung und Abwicklung dieses Baus, mache aber schon gewisse Vorgaben. Das Ingenieurbüro suche dann die jeweiligen Firmen für die jeweiligen einzelnen Bauvorhaben. Brendel sagt: Bei Korruption müsse also immer mindestens einer von der Stadt, einer vom Ingenieurbüro und einer von einer Firma zusammenarbeiten, »dieses Triumvirat haben wir immer gesucht«. Hilfreich, sagt er, seien immer die Protokolle der sogenannten Baustellenbesprechungen gewesen, »da mussten immer die Leute sein, die sich auskennen, auch bei den miesen Dingen«. Papiere mit vielen Kürzeln drauf und Aktenzeichen, »für uns waren diese Protokolle Gold«.

Die Ermittlungen zum Klärwerk Dietersheim begannen 1991, die letzten Gerichtsverfahren endeten mehr als zehn Jahre später. Dietersheim ist ein Lehrstück in Sachen Korruption. Wie bei so vielen anderen Großprojekten gab es eine kleine Gruppe von Firmen, Siemens immer vornan, die zusammen ein Kartell bildeten, das die Aufträge untereinander aufteilte. Da dieses Kartell die jeweiligen Ausschreibungen beliebig manipulieren konnte, ließ sich in der Regel verhindern, dass andere Firmen den Auftrag bekamen, obwohl sie vielleicht besser und billiger gewesen wären.

Diesen Sumpf konnten Brendel und seine Leute auf immer neuen Baustellen ausleuchten, sozusagen Meter für Meter. Kaum hatten sie etwas hinter sich gelassen, tauchte schon ein neuer, oft noch tieferer Tümpel vor ihnen auf. So erzählt Brendel von einem geheimen Treffen führender internationaler Wirtschaftsvertreter in der Nähe von Mailand Mitte der Neunziger. Es ging um das große, weltweite Geschäft mit Müllverbrennungsanlagen. Einziger Tagesordnungspunkt: die neue, hervorragende Technik einer kleinen Firma in Sachen Müllverbrennung. Das Kartell fürchtete Konkurrenz. Und was wurde bei dem Geheimtreffen beraten? Nicht etwa, wie man die eigene Technik verbessern könne, sagt Brendel, nein, »die redeten nur darüber, wie man diese Firma kaputt machen kann, durch Manipulation, durch Terror. Unglaublich.«

Besonders wertvoll für die weiteren Ermittlungen seien stets die ausführlichen Geständnisse gewesen. Der erwähnte Angestellte im Baureferat habe irgendwann richtig ausgepackt. Er erzählte von einem Geldkoffer, darin umgerechnet eine Summe von einer Million Euro, die er in einer Bäckerei versteckt hatte. »300000 Mark davon waren Hunderterscheine, säuberlich umwickelt von Streifen mit der Aufschrift einer Schweizer Bank. Das war unsere erste Spur in die Schweiz«, erinnert sich Brendel. Vor allem habe der Angestellte unzählige technische Details ausgeplaudert. Zum Beispiel sei es in der Branche üblich gewesen, billige Rohre einzubauen und teure abzurechnen.

Seit Jahrzehnten singt der Kommissar im Polizeichor

Wir sitzen in einem Münchner Café, als Brendel auf diesen Betrug zu sprechen kommt. Der pensionierte Polizist, der auf den ersten Blick so blass und unscheinbar wirkt, wird fast laut, wütend, und für einen Augenblick kann man sich vorstellen, wie unangenehm es werden kann, wenn er jemanden verhört. »Verstehen Sie«, sagt Brendel, »das war die erste Information, die uns die Augen geöffnet hat, was Korruption wirklich bedeutet.« Also haben sie weiter recherchiert. »Es waren nicht nur diese Röhren, fast alles wurde nach diesem Prinzip überdimensioniert. Mindestens zwei-, dreimal so groß war dieses ganze Klärwerk, wie es hätte sein müssen, nur weil immer noch mehr abkassiert werden sollte.« Und natürlich nicht nur dieses Klärwerk. »Bei allem, das wir kontrollierten, war es so, alles riesige, völlig überproportionierte Dinger.« Kein Wunder, es seien ja auch überall ähnliche geschlossene Kartelle tätig gewesen. »Wir waren an einer Münchner Klinik dran, der gleiche Horror. Aber leider schon verjährt. Verstehen Sie jetzt, was Korruption für einen Wahnsinn bedeutet?« Der Zorn steht ihm ins Gesicht geschrieben, beinahe brutal wirkt Brendel plötzlich.

Wirtschaft, Bauämter, Stadtparlamente – eine Ausgeburt der Korruption? Man hört so was normalerweise von Verlierern oder Verschwörungstheoretikern. Hans Brendel ist aber ein erfolgreicher Kriminalkommissar außer Dienst. Lange Jahre hat er in München als Leiter des Kommissariats Wirtschaftskriminalität mit Udo Nagel zusammengearbeitet, der bis vor wenigen Wochen geachteter Innensenator in Hamburg war. Nagel sagt über Brendel, er sei ein außerordentlicher Teamarbeiter gewesen, er habe seinen Leuten nie etwas zugemutet, was er nicht selbst auch getan hätte. Nagels Fazit: »Dieser Mann war nicht nur ein guter Polizist, sondern ein sehr guter.«

Brendel ist seit 1973 Mitglied der CSU, nennt sich einen »bayerischen Konservativen«. Kein Fantast, sondern ein Law-and-Order-Mann, der sich nicht mal vorstellen kann, dass ein Grüner im Innenministerium Staatssekretär sein könnte, »das würde nix werden«. Seit Jahrzehnten singt er im Polizeichor die zweite Bassstimme. Und seine große Leidenschaft gilt Goethe, Deutschlands Dichterfürsten. Er kann unzählige Gedichte auswendig. Aber Brendel bleibt Brendel, auch wenn es um Goethe geht.

Sehr schnell kommt er auf den Politiker Goethe zu sprechen, auf seinen Umgang mit Korruption. »Es war in Ilmenau«, sagt Brendel, »von dort kamen keine Steuereinnahmen, und niemand konnte erklären, warum.« Goethe schleuste einen verdeckten Ermittler in die Finanzverwaltung ein – und kurz drauf konnte der staatliche Steuereintreiber verhaftet werden. Goethe war damals 26 Jahre alt.

Zur Abwechslung klärt er einen Doppelmord auf

Brendel erzählt von seinem Pflegevater, den er sehr liebte und der, bevor er im Zweiten Weltkrieg nach Russland an die Front zog, zu ihm sagte, er solle jede Nacht zu den Sternen schauen, von dort aus werde er ihn täglich grüßen. Als nach Bombenangriffen das Haus brannte, in dem sie wohnten, konnte der Junge nur ein paar Bücher retten, die Lieblingsbücher seines Pflegevaters. Von Goethe waren sie alle, am Rande hatte der Vater Anmerkungen in die Bücher geschrieben. Sie haben Brendel ein Leben lang begleitet. »Ich bewundere Goethe«, sagt der Polizist, »wie er manchmal allein durchs pure Anschauen die kompliziertesten Sachverhalte ergründen konnte.« Auch nach langen Arbeitstagen habe er immer versucht, vor dem Einschlafen wenigstens ein paar Zeilen der Gedichte zu lesen.

Das Menschenbild Goethes: Abgründe gehören dazu, Verzweiflung, Niedertracht, aber auch immer die Fähigkeit, göttlich zu werden. Gleicht es dem Menschenbild des Polizisten Brendel? Als Antwort spricht er von jenem bestechlichen Angestellten im Baureferat. Leid tue der ihm, richtig leid. Zu sechseinhalb Jahren Haft sei er verurteilt worden, »war zu hoch die Strafe, finde ich«. Der Mann stammte aus einfachen Verhältnissen. Als der Fall durch die Presse ging, zerbrach die Familie, »die haben sich geschämt«. Nach der Haftzeit habe sich der Mann nicht mehr erholt, »das Letzte, was ich von ihm hörte, war, dass er zu viel Alkohol trinkt«. Dabei sei er ein echter Fachmann gewesen, »der kannte sich aus. Wenn ich eine Firma hätte, ich würde den jetzt einstellen. Der hätte eine zweite Chance verdient.« Polizisten, sagt Brendel, setzten Grenzen, »wir wollen nicht vernichten«. Es sei erwiesen, dass Täter, die umfassende Geständnisse abgelegt hätten, später wesentlich seltener rückfällig würden. Brendel erzählt von dem oft mühsamen Weg zu diesem Geständnis. Am Anfang eines Verhörs stelle man am besten gar keine Fragen, »damit sich das Lügengebäudes eines Täters nicht verfestigen kann.« Besser sei es, selbst zu erzählen, was einem durch den Kopf gehe.

Warum er Polizist geworden ist? Brendel erzählt, dass er in einem Internat einmal zu Unrecht eines kleinen Diebstahls beschuldigt worden sei, »alle hatten beschlossen, ich war’s«. Diese Gemeinheit, dieses Gefühl der Ohnmacht habe den Ausschlag gegeben. »Damals hab ich entschieden, zur Polizei zu gehen, wirklich, so war es.«

Eine zweite Geschichte will er noch hinzufügen. Hans Brendel steckte mitten in den Ermittlungen des Bank-Skandals. Arbeit beinahe rund um die Uhr, kein Wochenende frei. Die Familie zuhause, Frau und die drei Kinder, alle bekommen ihn kaum mehr zu sehen. Plötzlich sagt seine Frau: Schluss, Schluss mit diesem Leben. Sie verlässt ihn. Brendel zieht die Ermittlungen gegen die Bank durch, lebt schon allein, als er den Abschlussbericht schreibt. Er sieht krank und erschöpft aus in dieser Zeit.

Die Kollegen machen sich Sorgen, erkundigen sich bei ihm, was los sei. Und meinen schließlich, der Brendel brauche eine Abwechslung. Sie geben ihm einen Doppelmord zur Aufklärung. Brendel lächelt, als er das erzählt, »hat funktioniert, so was bringt einen auf andere Gedanken«.

Er steht in seiner Wohnung und schildert den Fall: Ehepaar tot, Frau mit dem Messer regelrecht abgeschlachtet, Mann erschossen. Brendel überführt den Sohn als Mörder, »man muss sich immer hineinversetzen in den Täter. Ich kann das.« Ein Fingerabdruck an der Wand spielte eine wichtige Rolle. Brendel stellt die Szene nach, erklärt sie jetzt an der Wand seiner Wohnung. Wie es damals dazu kommen musste, dass der Sohn genau an diese Stelle griff. Fast 20 Jahre danach weiß es Brendel noch.

»Ich kann das.« Selten hört man solche Sätze von ihm, die den Stolz des Polizisten erahnen lassen. Einmal erzählt er kurz von seinem Sohn, der auch bei der Kriminalpolizei arbeitet. »Er macht seine Sache gut, er macht es sich nicht einfach, er geht dahin, wo es anstrengend ist, wo es wehtut.« Wenn Hans Brendel von der Pflicht eines Beamten spricht, dann klingt das seltsam altertümlich. »Für mich hat sie immer darin bestanden, mehr zu tun, als verlangt wird. Meine Leute waren alle so. Da hat keiner auf die Uhr geschaut. Wir haben oft nach Feierabend durchsucht und verhaftet.«

Ein Beamter erzählt vom Beamtensein und macht daraus beinahe ein Abenteuer. Brendel sagt, dass er die Angewohnheit hatte, morgens und abends auf die Waage zu steigen. Wenn die Tage hart waren, hatte er nachts fünf Pfund weniger.

Warum Polizist? Es hat auch mit Leidenschaft zu tun und mit dem Gefühl für die eigene Macht. Die Macht des Gesetzes. Er mag das Wort Macht nicht, Brendel schüttelt sich, Macht habe für ihn den Beigeschmack von Schikane. Er redet lieber von Grenzen. Grenzen setzen, Grenzen ziehen.

Brendel sagt, bei den Wirtschaftsverfahren hätten ihn immer die Großen interessiert, die eigentlichen Hintermänner. Betrügerischer Bankrott, solche Kleinigkeiten, »nix, das war nie meine Sache. Arme Schweine, die zu lange um ihre Firma gekämpft haben. Denen gibt man dann noch ’ne Geldstrafe, was soll das?« Deshalb war dieses Klärwerk nahe München so ganz nach seinem Geschmack, wie an einer Perlenschnur reihten sich die Ermittlungserfolge hintereinander. Durch ganz Deutschland, in die Welt hinaus.

Brendel und seine Leute stellten fest, dass Siemens einen eigenen Abteilungsleiter hatte, der nichts anderes tat, als die Gewinne anderer Abteilungen einzusammeln, um diese dann für Bestechungen auszugeben. Ein Schmiergeldabteilungsleiter. Irgendwann kamen die Beamten dahinter, dass Siemens eine eigene Schmiergeldbank in der Schweiz gegründet hatte, nur für diesen Zweck. Ungeheuerliche Anschuldigungen? Nein, sagt Brendel, gar nicht, die Schuldigen seien ja längst verurteilt.

Mitte der neunziger Jahre verhörte Hans Brendel zusammen mit einem Staatsanwalt auch einen Siemens-Vorstand. In dem Gespräch ging es um die Frage, ob er die eingestandene Schmiergeldzahlung selbst oder auf Anweisung des Vorstandsvorsitzenden, Karl-Heinz Kaske hieß er damals, angeordnet habe. Was genau passierte damals in diesem Verhörzimmer? Brendel schweigt. Er sagt, er werde nichts behaupten, was er nicht beweisen könne. Vielleicht kann man es so zusammenfassen: Eine Verantwortung ließ sich damals nicht erhärten.

Der Kommissar sagt: Polizist, das sei schon ein guter Beruf

Brendel hält nichts von dem Vorurteil, der Justiz und der Polizei würden Ketten angelegt, wenn es gegen die ganz Großen gehe, gerade in Bayern. Als der Kommissar einen CSU-Senator verhaften ließ, den korrupten Besitzer einer Elektrofirma, also einen Mann seiner Partei, wurde Brendel zu Edmund Stoiber bestellt, damals noch Innenminister. Misten Sie aus, habe Stoiber zu ihm gesagt, ohne Rücksicht auf Personen. »Schauen Sie«, sagt Brendel, »wie weit wir in unseren Ermittlungen gekommen sind, ist auch ein Beleg dafür, dass wir im Grunde nicht gebremst wurden.«

Siemens. Brendel war schon längst im Ruhestand, als immer neue Straftaten aufgedeckt wurden. Die Koordinaten blieben dieselben, nur die Fälle wurden noch größer, noch internationaler, die Beschuldigten quer durch alle Industriesparten noch zahlreicher, weitere Schmiergeldbanken tauchten nun in Liechtenstein und Österreich auf. Und auch jetzt wieder die Frage: Was hat der Mann ganz oben gewusst? Kann sich der Kommissar erklären, warum der Konzern keinerlei Konsequenzen aus all den Verfahren gezogen hat, warum offenbar weiterhin bestochen, gelogen und betrogen wurde? Brendel lacht. »Ich glaub schon, dass die Konsequenzen gezogen haben. Die haben gesagt: Wir müssen vorsichtiger sein.« Die Geschäfte müssen eben sprudeln, immer neue Aufträge müssen her. Vielleicht stecke dahinter ja die Sorge, ohne Korruption sei man nicht konkurrenzfähig. Wie beim Doping im Sport: Alle wissen, es ist verboten, aber man läuft eben schneller mit dem Zeug. Aber jetzt sei wirklich Schluss, sagt Brendel, »ich hoffe, Siemens hat begriffen, dass die allerletzte Chance ehrliche, anständige Arbeit ist«.

Es ist spät geworden an diesem Nachmittag in München-Oberföhring. Der spröde Held muss noch ein bisschen bügeln, abends singt sein Polizeichor. Eine letzte Frage: Wie fällt seine Bilanz aus nach 15 Monaten Stadtratsarbeit im Münchner Rathaus? Trostlos, sagt Brendel. Es sei überhaupt kein Bewusstsein da für die Dimension von Korruption. Dass die städtischen Kontrolleure in den letzten Jahren keinen einzigen großen Fall aufgedeckt hätten, »sagt alles«. Unglaublich, diese Blauäugigkeit, meint Brendel und fügt hinzu: »Wenn es denn immer Blauäugigkeit ist.«

Ein Ermittlerleben. Er würde es noch mal machen. Polizist ist ein guter Beruf. Als er anfing, verdiente er 80 Mark im Monat. Als er aufhörte, waren es netto 2500 Euro. In all seinen Wirtschaftsverfahren sei er übrigens nie auf einen Beschuldigten getroffen, der so wenig wie er verdiente, »ganz zu schweigen vom Gehalt meiner Leute«.

 
Leser-Kommentare
    • WIHE
    • 02.06.2008 um 15:26 Uhr

    Dieser spröde Held von Kommissar  wird die deutsche Volkswirtschaft viele Milliarden Euros kosten und viele Arbeitsplätze dazu. Wo Dummheit die Welt regiert, ist die Arbeitslosigkeit nicht mehr weit.(Anmerkung: Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Die Redaktion/jk)  

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • wergi
    • 29.07.2008 um 13:44 Uhr

    überlegen sie mal, was sie da von sich geben !

    • wergi
    • 29.07.2008 um 13:44 Uhr

    überlegen sie mal, was sie da von sich geben !

    • Zynix
    • 02.06.2008 um 17:33 Uhr
    2. @WIHE

    Soso er wird die deutsche Wirtschaft Milliarden kosten, wenn er dafür sorgt, dass Leistung und nicht Beziehungen der Maßstab für Investitionsentscheidungen der öffentlichen Hand werden? Alles Geld, da zuviel in die Wirtschaft fließt wird doch nur unrechtmäßig vom Steuerzahler abgeschöpft.

    • wergi
    • 29.07.2008 um 13:44 Uhr
    3. wihe

    überlegen sie mal, was sie da von sich geben !

    Antwort auf "Dieser spröde Held"
    • wergi
    • 29.07.2008 um 13:49 Uhr

    ist ein sehr unspektakuläres leben. ob einer massenmörder ermittelt oder korruptionsfälle - in jedem fall ist es ein leben an der front, aber im hintergrund. was unabdingbar notwendig ist für diese arbeit, rein sachlich bedacht.ich würde gerne wissen, wie man das nun macht.... eigentlich zählt man eine erbse und noch eine und unterscheidet sie von einer linse, diese wiederum von einer bohne - und manchmal trifft man an unpassender stelle auf einen insektenbiß... es ist faszinierend einfach - und doch unendlich mühsam.Herr Brendel, ich wünsche Ihnen noch viele entspannte Jahre im Ruhestand. Ermitteln Sie bei Goethe, vergessen Sie seine Frauen nicht, und bleiben Sie lange gesund.

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