Klaus Klemms Kritik ist ernst zu nehmen, ist er doch durch sein Mitwirken im wissenschaftlichen Beirat von Pisa mit der Studie vertraut. In der Sache jedoch geht seine Kritik in wesentlichen Teilen zumindest am deutschen Teil der Pisa-Untersuchung vorbei.

Klemm bemängelt, dass in den Pisa-Studien nicht genau begründet werde, welche Schüler zur sogenannten Risikogruppe gehörten, und dass die Zuordnung überdies von Studie zu Studie wechsele. Hier hat Klemm unsere Berichte nicht genau gelesen. Pisa 2000, die erste Pisa-Studie, hat mit dem Begriff der Risikogruppe erstmals auf ein skandalöses Problem des deutschen Schulsystems aufmerksam gemacht: Ein erheblicher Anteil der 15-Jährigen erreicht in den Basisqualifikationen Lesen und Mathematik nicht das Bildungsminimum, das für selbstständiges Weiterlernen und das Erlernen eines zukunftsfähigen Berufs vorausgesetzt wird. Damit erfüllt die Schule eine elementare Qualifikationsaufgabe nur unzureichend.

Die Risikogruppen werden in der Pisa-Studie durch die Zugehörigkeit zu sogenannten Kompetenzstufen eindeutig festgelegt. Die Bedeutung der Kompetenzstufen wird definiert, indem anhand von Beispielaufgaben für jedermann nachvollziehbar gezeigt wird, was Jugendliche können. Im ersten Bericht von Pisa 2000 heißt es zur Mathematik-Kompetenzstufe I: "Sie können arithmetisches und geometrisches Wissen, wie es in der Grundschule (sic!) vermittelt wird, in vertrauten Aufgabenstellungen anwenden, also zum Beispiel durch Dividieren und Multiplizieren einen Preis ermitteln oder den Flächeninhalt eines Rechtecks mit vorgegebenen Kantenlängen berechnen. Anforderungen, die über solche elementare Standardaufgaben hinausgehen, können sie nicht bewältigen. Damit sind sie … nicht in der Lage, typische mathematische Aufgaben für Ausbildungsplatzbewerber zu lösen. Die Schülerinnen und Schüler auf Kompetenzstufe I (und a fortiori auf unterer Stufe) müssen demnach im Hinblick auf ihre … Bildungs- und Berufschancen als Risikogruppe angesehen werden." Diese Definition wird über alle Berichte durchgehalten. Zur Risikogruppe gehören in Deutschland bei Pisa 2000 24, 2003 21,6 und 2006 19,9 Prozent der 15-Jährigen.

Im Hinblick auf die Lesekompetenz argumentiert Pisa vorsichtiger, weil es schwieriger ist, vergleichbare außerschulische Kriterien heranzuziehen. Außer Frage steht die Unzulänglichkeit der Lesekompetenz für das selbstständige Weiterlernen bei Jugendlichen, die keine der Pisa-Aufgaben sicher lösen können und damit unter der Stufe I bleiben. Diese Jugendlichen identifiziert Pisa 2000 als eindeutige Risikogruppe. Aber auch für Stufe I gibt es genügend Anhaltspunkte, dass typische Leseanforderungen, die in allen zukunftsfähigen Berufen anfallen werden, nicht bewältigt werden können. Deshalb fasst Pisa 2000 Jugendliche der Kompetenzstufen I und unter I als potenzielle Risikogruppe zusammen. Diese Abgrenzung wird durchgehalten, und die Gruppe wird genau beschrieben. Zu ihr gehören in Deutschland 2000 22,6 Prozent, 2003 22,3 Prozent und 2006 20,0 Prozent. Auch in Bezug auf die Naturwissenschaften ist Pisa in sich schlüssig. Der Begriff der Risikogruppe wurde hier nie verwendet, weil das Scheitern im gesellschaftlichen Alltag nicht so eindeutig belegt werden kann.

Klaus Klemm vermag sich offenbar mit Aussagen zu Risikogruppen nicht anzufreunden, weil sie seine Kritik an der Ausbildungsunwilligkeit von Betrieben schwächen könnten. Damit kommt er jenen nahe, die Pisa-Befunde je nach Passung für eigene politische Interessen benutzen oder abwehren.

Des Weiteren bemängelt Klemm verwirrende Befunde über den Zusammenhang des Bildungserfolgs mit der sozialen Herkunft der Schüler. Nun kann man die soziale Lage von Menschen und Familien nicht eindimensional beschreiben. Pisa verwendet zur Kennzeichnung sozialer Lagen zu Recht eine Reihe von Indikatoren. Diese Merkmale werden mit dem Kompetenzerwerb in Beziehung gesetzt. Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsprozessen zu erklären.

Dies alles kann den Ökonomen Klemm nicht ernsthaft verwirren, zumal die Ergebnisse in sich völlig schlüssig sind; den Politikberater Klemm irritiert aber der Befund, dass sich die Kopplung von sozialer Herkunft und Kompetenzerwerb in Deutschland im Zeitvergleich und im Vergleich zu Nachbarstaaten zwischen 2000 und 2006 abgeschwächt hat. Zu dieser Irritation hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beigetragen, die die Pisa-Studie international koordiniert, als sie 2003 und nochmals 2006 einzelne Indikatoren zu einem komplexen Index zusammengefasst und damit die Vergleichbarkeit erschwert hat. Das Pisa-Konsortium hat 2003 auch den neuen OECD-Index berichtet und damit möglicherweise zur Verwirrung beigetragen. Insofern ist Klemms Kritik berechtigt. Das deutsche Pisa-Konsortium hat aber in seinem Bericht zu Pisa 2006 den Sachverhalt transparent dargestellt und Vergleiche von Pisa 2000 bis Pisa 2006 auf der Basis des international am besten geeigneten Indikators durchgeführt. Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Kompetenz hat sich in Deutschland seit 2000 – auch im internationalen Vergleich – geringfügig, aber signifikant verringert. Er ist aber immer noch alarmierend, sodass das Thema wohl auf der Agenda der Bildungspolitik bleiben wird. Vor diesem Hintergrund ist Deutschland gut beraten, weiterhin eigene Analysen durchzuführen, nach Bedarf die Erhebungen und Instrumente zu ergänzen und eigene Berichte anzufertigen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass für Deutschland wichtiges Steuerungswissen verborgen bleibt. Wer wollte etwa nicht wissen wollen, dass ein Bildungssystem auch ohne Strukturveränderung etwas gerechter werden kann?