Es ist paradox: Je mehr sich China öffnet und der Weltwirtschaft anpasst, desto schrecklicher erscheint vielen im Westen sein wirtschaftliches System. Statt genau hinzuschauen und des schwer erarbeiteten Fortschritts gerade auch der unterprivilegierten Gesellschaftsschichten gewahr zu werden, stellt man sich China mit postindustrieller Arroganz als eine frühkapitalistische Hölle vor.

Die Klage wird gegen einen asiatischen Manchesterkapitalismus geführt, in dem die Menschen rücksichtslos ausgebeutet werden, Kinderarbeit zum Alltag gehört, Kranke nicht versorgt und Löhne verweigert werden, wo die Sicherheit am Arbeitsplatz bewusst aufs Spiel gesetzt wird. Man spricht von einem unerschöpflichen Heer chinesischer Arbeitskräfte, das sich dem Kapital andient, keine eigenen Forderungen stellt oder gar Rechte verlangt. Dieses Gemisch aus brutaler Gewalt des Kapitals und proletarischer Duckmäuserei halten manche in den Zeiten der Globalisierung für so explosiv, dass es eines Tages auch unsere soziale Marktwirtschaft sprengen könnte.

Doch Chinas Wirtschaftsentwicklung ist menschlicher, als es sich die meisten vorstellen. Zwar hat die Modernisierung, die das Land gerade durchläuft, viele grausame Seiten, die es ohne Rücksicht anzuprangern gilt. Ein Beispiel dafür sind Zigtausende Opfer in den maroden Bergbauminen, allein 3786 wurden im Jahr 2007 offiziell bekannt. Aber das kann nicht über die vielen Fortschritte hinwegtäuschen. China erlebt eine Explosion unternehmerischer Kreativität. In einem Jahrzehnt ist der von Privatunternehmen erwirtschaftete Anteil am chinesischen Bruttosozialprodukt von nur 7,37 Prozent auf stolze 65 Prozent gestiegen. Es sind 4,9 Millionen Privatunternehmen, die dem Land heute die Hoffnung auf einen schichtübergreifenden gesellschaftlichen Wohlstand geben.

Ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder über Wanderarbeiter berichtet, ich bin mit ihnen in Bummelzügen von Peking in ihre ländliche Heimat gefahren, habe sie in den Spielzeugfabriken von Shenzhen besucht, habe ihre schwierige Rechtslage in Arbeitsprozessen studiert und ihre Familien besucht. Fast immer waren die Arbeiter Opfer von Rechtsverletzungen. Meistens ging es nur um unbezahlte Löhne und Überstunden. Als aber in einem Fall ein Arbeitgeber seinem illegal Angestellten aus der Provinz das Krankengeld nicht zahlen wollte und die Ärzte deshalb eine wichtige Operation verweigerten, da ging es auch schon einmal um Leben und Tod. Und dennoch: Ich habe in China ganz selten unglückliche Wanderarbeiter getroffen. Die allermeisten von ihnen stammten aus quasifeudalen Dorfverhältnissen und waren froh, ihnen entkommen zu sein. Sie waren stolz auf ihr weniges selbst verdientes Geld, weil ihre Eltern als Bauern noch viel weniger verdienten. Sie erzählten von den vielen kleinen Verbesserungen in ihrem Leben – etwa der Möglichkeit, den Ehepartner frei zu wählen, statt ihn wie früher auf dem Land von der Familie diktiert zu bekommen.

Hier liegt das große Problem vieler westlicher Moralisten mit China: Sie wollen einfach nicht anerkennen, dass die allermeisten Chinesen – allen voran die unterprivilegierten Wanderarbeiter – heute freier und würdevoller als noch vor ein paar Jahren leben. Allein in den Jahren von 2005 bis 2007 stiegen die Niedriglöhne in China um jeweils 30 Prozent. Warum freut sich kein westlicher Gewerkschafter darüber und sieht darin ein frühes Versprechen für eine wirklich internationale Arbeiterbewegung?

Der Trend zu höheren Löhnen und mehr Rechten für die Beschäftigten ist unumkehrbar. Bestes Indiz dafür ist das neue Arbeitsvertragsrecht. Seine historische Bedeutung: Erstmals können 800 Millionen Menschen – Chinas arbeitende Bevölkerung – ein eigenes Rechtsbewusstsein am Arbeitsplatz entwickeln. Und Ansätze für einen Sozialstaat gibt es in China heute überall. So unkommunistisch sind die Kommunisten noch nicht, als dass sie die Sprengkraft der Klassengegensätze im Kapitalismus komplett unterschätzen würden. Die neuen sozialen Trends in China widersprechen den vorschnellen Thesen westlicher Globalisierungskritiker, nach denen in der Volksrepublik eine unbegrenzte Zahl zahmer Arbeitskräfte zur Verfügung stehe, die sich von den globalen Konzernen beliebig auspressen ließen, um ihren Kollegen in den Industrieländern die Arbeit wegzunehmen.

Diese Angst ist bislang unbegründet. Zwischen 2001 und 2006 wurden laut Statistischem Bundesamt nur 188.000 Stellen aus Deutschland ins Ausland verlagert, davon der größte Teil innerhalb der EU. Zwar erwirtschaftete China zuletzt einen bilateralen Handelsüberschuss von 21 Milliarden Euro – doch führt das Land hauptsächlich Produkte wie Textilien nach Deutschland aus, die hier ohnehin nicht mehr hergestellt werden. Hingegen stammen die deutschen Exporte nach China im Wert von zuletzt 27,5 Milliarden Euro zumeist aus arbeitsintensiven Branchen wie dem Maschinen- und Automobilbau. Mit anderen Worten: China ist kein Jobkiller, sondern das Gegenteil – ein Arbeitsbeschaffer.