Fussball-EM Die Leiden des jungen S.

Bastian Schweinsteiger war der Strahlemann des deutschen Fußballs. Dann kamen Misserfolge, Einsamkeit. Steht er vor seinem großen Comeback?

Natürlich hatte er sich in den letzten Wochen wieder mal angreifbar gemacht. Hatte die Haare silbern gefärbt, hatte sich vom Sponsor diesen Audi R8 liefern lassen, den teuersten im Katalog, und jetzt auch noch die Sache mit den Fingernägeln. Schwarz lackiert hatte er sie und die Initialen seiner neuen Freundin draufgeschrieben. Die Münchner Zeitungen waren voll davon. Seine Freundin Sarah ist ein 18 Jahre altes Model, es gibt Fotos von ihr, wie sie über rote Teppiche läuft. Am Ende hatte seine Mutter wieder mal gefragt, ob er nicht mehr so sein könne wie sein Mannschaftskamerad Philipp Lahm. Lahm trägt Sakkos und hält Kaninchen.

Die Sonne scheint auf München, als Bastian Schweinsteiger an einem Nachmittag im November seinen neuen schwarzen Audi in Richtung Säbener Straße steuert. Es ist eine der ersten Begegnungen mit dem 23-Jährigen, dessen sorglose Spielweise während der Weltmeisterschaft 2006 die Deutschen faszinierte – und an dem nun, keine zwei Jahre später, alles sorgenvoll und erdenschwer zu sein scheint. So schwer, dass man noch nicht weiß, was nun im Sommer 2008 sein wird, dem Sommer der Europameisterschaft.

Schweinsteiger trägt an diesem Tag einen langen Wollmantel, wie so oft versteckt er sein Gesicht hinter einer Schirmmütze und einer großen Sonnenbrille, den Nagellack hat er inzwischen entfernt. Hinterher sei man immer schlauer, sagt er leise. Es war doch nur eine Wette. So lange, bis er ein Tor schießen würde, sollte er ihn tragen. Aber er schoss kein Tor, und vielleicht ist es gerade auch ein ungünstiger Zeitpunkt für Wetten. Seit Monaten schlägt seine Leistungskurve aus wie eine riskante Aktie, seitdem Franck Ribéry da ist, scheint das Spiel der Bayern an ihm vorbeizulaufen. Schweinsteiger kämpft um seinen Platz in der Mannschaft.

Er ist spät dran, als er auf das Trainingsgelände einbiegt. "Glück gehabt", ruft der Platzanweiser grinsend, "der Manager ist noch nicht da."
"Ich park ihn ganz hinten", sagt Schweinsteiger. "Das Kennzeichen muss er ja nicht sehen."
SB steht auf dem Kennzeichen – SB für Sarah und Basti, dazu ihr Kennenlerndatum. Das Kennzeichen würde dem Manager nicht gefallen. Vielleicht ist das Kennzeichen wieder so ein Fehler.

"Der Basti liebt es, Fehler zu machen, einfach um zu sehen, ob es einer ist", sagt sein bester Freund Patrick. "Der Basti hasst Sicherheitspässe. Er ist ein Bauchmensch, im Leben und auf dem Platz."

Es war beim letzten WM-Spiel gegen Portugal, das Sommermärchen ging seinem Ende entgegen, als Schweinsteiger mit dem Ball am Fuß die linke Außenbahn hinunterlief. "Spiel ab!", rief Joachim Löw an der Seitenlinie, aber Schweinsteiger zog nach rechts und legte sich den Ball zurecht. Er hätte in den Abendhimmel gehen können, doch er flatterte genau in den Winkel. Ricardo, der Torhüter der Portugiesen, wird schlecht geschlafen haben an diesem Abend, denn Schweinsteiger wiederholte dasselbe Spiel noch einmal aus größerer Distanz. Zwei Tore, die ungeheure Frechheiten waren. Es war diese Unbekümmertheit, mit der die Deutschen sich so identifizierten.

Schweinsteiger war der heimliche Held in Sönke Wortmanns WM-Film. Es schien, als verkörpere niemand so gut wie er diese junge, unperfekte Mannschaft, die wie ein Versprechen auf die Zukunft war. "Sie können mich immer duzen", sagte er auf der Premierenfeier zur Kanzlerin. 90 Prozent der Deutschen kannten jetzt sein Gesicht, ein Metzger benannte eine Wurst nach ihm. Er war nun ein öffentliches Produkt, "der Schweini". Er durfte keine Fehler mehr machen.

Schweinsteiger wurde kurz nach der WM in seinem Heimatort Oberaudorf wie der Messias empfangen. 2000 Fans waren da, und als Schweinsteiger die Bühne des Kurpavillons bestieg, schmetterte die Blaskapelle. Der Bürgermeister nahm einen Fußabdruck von ihm, um ihn später in Bronze zu gießen und vor dem Rathaus in den Boden einzulassen. Schweinsteiger blickte schüchtern über das Fahnenmeer. Das hier war neu, es war nur für ihn, und irgendwann sagte er leise ins Mikrofon: "Das Wichtigste ist doch die Freude am Fußballspielen."

Beinahe zwei Jahre ist das jetzt her, und irgendwann in dieser Zeit muss er die Freude verloren haben. Im letzten Herbst spielt er fast nur noch Sicherheitspässe, wagte keine überraschenden Manöver mehr. Beim Länderspiel gegen Tschechien lässt er den Kopf hängen, er wirkt bemüht, aber abwesend, und als er ausgewechselt wird, pfeift es von den Rängen. Nach dem Duschen zieht er seinen Koffer hinter sich her, als lägen darin Ziegelsteine, mit gesenktem Blick eilt er an den Journalisten vorbei in die Tiefgarage. "Bitte keine Fragen zu meiner Person", sagt er fast flehend. Schon lange geht es nun so: Er ist verstummt. Ausgerechnet er, der immer einen Spruch draufhatte.

"Poldi-Schweini-Dämmerung" hatte Spiegel Online getitelt. Erst hatten die Medien ihn zum Helden gemacht, nun fragte Sport Bild: "Wie schlecht ist Schweinsteiger wirklich?" Es war die perfekte Story: der Jungstar, der fällt. An diesem Abend gibt Bild ihm die Note 5, und als Schweinsteiger am nächsten Mittag in einem Schwabinger Café ein Rührei verschlingt, tuscheln die Leute am Nebentisch. Er sieht älter aus als im Fernsehen, seine Züge wirken fast hart. Das Adrenalin hat ihn wieder mal spät schlafen lassen: Bastian Schweinsteiger, 23, rund drei Millionen Euro Jahresverdienst, seit fünf Jahren die Zukunft des deutschen Fußballs. Das Land wartet. Er weiß, dass er sein Versprechen bald einlösen muss.

"Lass uns nicht über das Spiel gestern reden", sagt er jetzt. Bald beginnt die EM, und er weiß, er muss endlich konstante Leistung bringen, wenn er vom Talent zum Großen reifen will. Ottmar Hitzfeld, sein Trainer beim FC Bayern, sagte der Presse, Schweinsteiger habe bis zu 30 Prozent Steigerungspotenzial, und wenn man zu Schweinsteiger sagt, er sei noch jung, zögert er. "Jung", sagt er, "na ja." Englands Wayne Rooney ist 22, Argentiniens Lionel Messi 21, Toni Kroos, Bayerns neuer Jungstar, ist 17. Der Druck hat zugenommen, mit jedem Jahr.

Im letzten Sommer war Schweinsteiger drei Monate lang verletzt, er hatte viel Zeit zum Nachdenken, und irgendwann hat er das Buch Nummer 1 von Oliver Kahn gelesen, den er bewundert. In dem Buch schreibt Kahn, wie seine Besessenheit einen Prozess der Selbstzerstörung einleitete. Kahn wirkt jetzt, am Ende seiner Karriere, gezeichnet wie ein Veteran, der aus einer Schlacht heimkehrt.
Ist das der Preis?

Er habe manchmal an Sebastian Deisler gedacht, sagt Schweinsteiger, auch der war mal die Zukunft des deutschen Fußballs. Im Mannschaftsbus saßen sie immer an einem Tisch, Schweinsteiger mochte ihn. "In diesem Geschäft ist man nur jemand, wenn man keine Schwächen zeigt", sagte Deisler in einem Interview nach seinem Rücktritt. "Ich hätte mich gern mal angelehnt, mich ausgeruht. Ich hatte nicht die Zeit, erwachsen zu werden. Am Ende war ich alt und leer."
Deisler war 27, als er kapitulierte.

Schweinsteiger wirkt ernst, wenn er von seinem ehemaligen Mannschaftskameraden spricht. "Mentale Stärke ist wichtiger als Talent", sagt er dann vorsichtig. Man müsse den Kopf freibekommen.

Deshalb ist er aus seinem großen Haus in Grünwald ausgezogen und wohnt jetzt mit Sarah in einer Schwabinger Altbauwohnung. Grünwald war so tot, sagt er, in Schwabing sei es lebendig. Er genießt es, morgens zu Starbucks zu laufen und zwei Kaffee zu holen. Sarah erweitere seinen Horizont, sagt er. Sie kennt ein ganz anderes Leben, ihre besten Freunde sind schwul. Sie hat in Mailand gelebt, war in New York, in Paris. Schweinsteiger ist noch nie allein verreist. Er würde gern mal mit seinem ehemaligen Mitspieler Claudio Pizarro nach Peru fliegen, zu dessen Familie, aber er hat keine Zeit für einen längeren Urlaub, er schafft es noch nicht mal zu einem Spiel seines Bruders, der in der Regionalliga bei Unterhaching spielt.

Seit Jahren lebt er in dieser Schleife ewig gleicher Abläufe: vom Hotel ins Stadion in den Bus in den Flieger, spielen, schlafen, essen, spielen, schlafen. Sich immer wieder anspannen, trainieren, nie nachlassen. Wenn nicht Saison war, dann war EM, WM oder Confed Cup. Er hat jetzt immer seinen Laptop dabei, um abends im Hotelzimmer per Webcam mit seinen Kumpels zu skypen, die an der Münchner Uni studieren. Seine besten Freunde in der Mannschaft, Claudio Pizarro, Owen Hargreaves und Roy Makaay, haben den FC Bayern verlassen.

Schweinsteiger flüchte immer als Erster vom Clubgelände, stellte Manager Hoeneß neulich fest. Vereine mögen es, wenn junge Fußballer ins Grüne ziehen, heiraten, früh Kinder kriegen; wenn sie nicht rauchen, nicht trinken, nicht grübeln. Früher konnte Günter Netzer eine Diskothek betreiben, heute sind schon lackierte Fingernägel eine Zeitungsmeldung wert. Es scheint, als hätte sich der Zwang zur Anpassung mit jeder Million, die in das System gepumpt wurde, verschärft. Als werde es immer schwieriger, darin erwachsen zu werden, als dürfe man immer weniger Fehler machen.

Auf der Bayern-Homepage gibt Lukas Podolski als Hobby "Familie" an, Philipp Lahm "Tennis" und Miroslav Klose "Angeln". Bei Schweinsteiger steht: "Freunde treffen und neue Dinge erleben". Vielleicht will er nur so sein wie jeder andere in seinem Alter. Vor einem halben Jahr hat er die Playstation in die Ecke geräumt. Er will sich eine Vespa kaufen, geht im Englischen Garten spazieren, und sooft er kann, läuft er rüber in die Uni-Bibliothek und trifft seinen Freund Patrick auf einen Kaffee.

Aber es ist immer dasselbe, sagt Schweinsteiger. Morgens steht was in der Zeitung, nachmittags fragt man ihn im Verein: Wo warst du gestern Abend schon wieder? In einer Woche soll er erst im P1 gesichtet worden sein, dann auf der Piste in Kitzbühel. Schweinsteiger schüttelt den Kopf. Nichts davon stimme. Er gehe abends kaum noch raus, ständig werde er mit Handys gefilmt. "Ich versteh ja, dass der Manager sich sorgt", sagt er, aber er sei doch auch kein Kind mehr. Wenn er über den FC Bayern spricht, den Verein, bei dem er aufwuchs, seit er 14 war, klingt es manchmal, als rede er über nervende Eltern. Wenn seine Freundin Sarah ins Stadion geht, setzt sie sich nicht zu den Spielerfrauen in die Loge, sondern zu seinen Freunden auf die Tribüne.

"Ich glaube, der Basti würde manchmal gern mit mir tauschen", sagt sein Freund Patrick Rohner. "Seitdem ich ihn kenne, steht er unter Druck."

Es ist ein Abend im Februar, als Rohner in einer Bar im Münchner Glockenbachviertel sitzt. Er kommt gerade vom Kicken im Englischen Garten. Rohner ist 25, ein besonnener Typ, der im siebten Semester Betriebswirtschaft studiert. Patrick war 19, Basti 17, als sie sich kennenlernten, und während Patrick für ein paar Hundert Euro jobbte, verdiente Basti schon 12.000 im Monat. Bei Patrick ging es um Anwesenheit und Punktzahlen, bei Basti um Siege, und während Patrick mit der Clique feiern ging, lag Basti schon im Hotelbett. Er warb jetzt für adidas , Zewa und Bifi . Mit jedem Jahr bekam er ein größeres Auto, eine größere Wohnung, und mit 20 zog er in dieses Haus bei Grünwald, 300 Quadratmeter, Pool, Sauna. Im Sommer grillten sie in seinem Garten und kickten auf Eishockeytore, kurz darauf lief Basti im Madrider Stadion Bernabéu auf.

Als sie sich einmal von Kindern beim Wasserski fotografieren ließen, fand Schweinsteiger sich am nächsten Tag in Badehose in der Bild -Zeitung wieder. Als die tz ihn mit einem Wettskandal in Verbindung brachte, belagerten Reporter sein Elternhaus. Ein verwackeltes Handyfoto von ihm war nun einige Hundert Euro wert. Er wurde vorsichtiger, stiller. "Der Basti lebte auf einmal wie ein 50-Jähriger", sagt Patrick. Er fuhr nicht mal mehr bei Gelb über die Ampel. Seine damalige Freundin schaffte Hunde und Katzen an.

Im Frühjahr nach der WM verließ sie ihn nach dreieinhalb Jahren. "Es war ein Schock für ihn", sagt Patrick. Schweinsteiger saß plötzlich allein im großen Haus, in einer sicher geglaubten Zukunft, und vielleicht brach damals etwas auf. Er lenkte sich im Nachtleben ab. Er aß zu viel und lief über den Rasen wie ein Traktor. Schweinsteiger müsse sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren, sagte sein Trainer Hitzfeld, auf den Fußball. Und Manager Hoeneß sagte der Presse, Schweinsteiger müsse begreifen, dass das Sommermärchen vorbei sei: "Zu viele Leute haben ihm nach der WM Puderzucker in den Arsch geblasen. Den klopfe ich nun wieder raus." Nach einer miserablen Saison verpflichtete der FC Bayern Franck Ribéry, Konkurrenz auf Linksaußen. Oliver Kahn sagte ihm damals: "Schweini, du darfst den Kopf nie hängen lassen, auch wenn du dich danach fühlst."

Schweinsteiger zuckt mit den Schultern. "Klappt halt nicht immer." Er steht in einer Trainingsjacke in seiner neuen Dachgeschosswohnung hoch über München. Es ist Februar 2008, seine Haare sind inzwischen nachgedunkelt. Im Internet kursieren Verkaufsgerüchte.

Er spricht sehr vorsichtig, als er sagt, dass er im vorigen Jahr Hilfe gebraucht hätte. Es war eine neue Erfahrung für ihn, öffentlich kritisiert zu werden, nicht nur von Kommentatoren, sondern auch vom eigenen Verein. Damals sagte er in Interviews: "Ich wünsche mir, dass der Respekt unter den Menschen wieder größer wird. Der Respekt vor der Person an sich." Sein Freund Patrick sagte immer wieder: "Rede mit dem Manager." Doch Schweinsteiger war zu stolz. Als sich kurz darauf auch noch sein Knie entzündete und er drei Monate pausieren musste, wandte er sich an den Psychologen der Nationalelf. Zur Nationalelf ist er oft geflüchtet.

"Wenn man aus dem Nachwuchs des eigenen Vereins kommt, hat man es schwerer, sich Respekt zu erarbeiten", sagt Schweinsteiger vorsichtig. Am Anfang dieser Saison stellte man den Neueinkäufen vier Paar Fußballschuhe hin, ihm ein einziges. Er hatte sich die Rückennummer 7 gewünscht, die Mehmet Scholl ihm vermachen wollte, doch dann sah er im Fernsehen, wie Franck Ribéry die 7 in die Kameras hielt. Manchmal nennt Hoeneß ihn immer noch Sebastian. Sebastian, obwohl er Bastian heißt. Und das nach acht Jahren.

Es gehe Schweinsteiger nicht gut im Moment, sagte Jürgen Klopp neulich im Fernsehen. In den vergangenen Monaten ist er von Arzt zu Arzt gehetzt, weil die Entzündung im Knie wiederkam. Er war beim Urologen, beim Homöopathen, beim Akupunkteur, beim Zahnarzt. Keiner fand den Entzündungsherd. Am Ende ließ er sich die Weisheitszähne und einen Schneidezahn ziehen. Sicher ist sicher.

Er denkt jetzt fast jeden Tag an die EM. Er sorgt sich, dass die Entzündung wiederkommt. Ob er manchmal Angst hat? "Du kannst das Wort Angst vielleicht benutzen", sagt er.
"Ich nicht. Ein Fußballer hat keine Angst." Dann grinst er es weg. Er ist kein guter Schauspieler.

Weihnachten war er mit Sarah in Paris, es war der schönste Urlaub seines Lebens. Sie gibt ihm Halt, genau wie seine Freunde, die er fast immer um sich hat. Es gibt nicht viele Menschen, denen er noch vertraut.

Er sagt, er vermisse es, daheim bei seinen Eltern in Oberaudorf am Küchentisch zu sitzen und einfach nur zu plaudern. Aber sie wollen meist über Fußball reden. Über die Geschichten aus den Zeitungen. Sie geben Ratschläge, mischen sich ein. Manchmal sei es nicht leicht für sie, das alles zu verstehen, sagt er. Trotzdem lässt er seinen Vater diesen Online-Fanshop betreiben, wo er T-Shirts mit Schweini-Logo verkauft. Es ist seine Art, sie an seinem Leben teilhaben zu lassen.

"Der Bastian ist sehr behütet aufgewachsen", erinnert sich Stefan Beckenbauer, der Sohn von Franz, Bayerns Jugendtrainer, der ihn von 14 bis 16 betreut hat. "Da kam ein schmaler, schüchterner Junge mit Zahnspange, dem seine Mutter noch die Tasche packte." Beckenbauer lächelt. Es ist April, als er in der Vereinsgaststätte an der Säbener Straße sitzt. Draußen hinter der Panoramascheibe sticht Schweinsteiger auf dem Trainingsplatz heraus. Er schlägt wieder Haken. Schon als 16-Jähriger hatte er sich die Stutzen übers Knie gezogen, der große Thierry Henry machte das schließlich auch.

Beckenbauer war Schweinsteigers Lieblingstrainer. Er sei immer menschlich gewesen, sagt Schweinsteiger. Als sie einmal 0:3 verloren, machte er sie nicht rund, er fuhr mit ihnen zu McDonald’s. Bevor Schweinsteiger mit 15 ins Bayern-Internat einzog, musste er pendeln, und wenn er es nicht nach Hause schaffte, übernachtete er bei Beckenbauer und dessen Frau.

"Der Bastian ist ein Kämpfer. Er wollte unbedingt immer gewinnen", sagt Beckenbauer. Diesen Willen hätten selbst beim FC Bayern nur wenige. "Er hatte diesen Glanz in den Augen. Er war länger draußen als die anderen, jede freie Minute, auch im Regen. Er liebte den Ball, der konnte nicht mal einen Einwurf machen, ohne ihn auf der Schulter tanzen zu lassen."

Durch alle Rückschläge sei Schweinsteiger nicht zerbrochen, sagt Beckenbauer. Als er vom ehemaligen Trainer Felix Magath in die Regionalliga zurückversetzt wurde, biss er sich durch. Er hätte zu Leverkusen wechseln können, für viel Geld nach Hamburg, aber er flüchtete nicht vor Problemen. Er machte Sonderschichten.

In diesen Tagen war er wieder bei seinem Friseur und hat sich neue Farbe ins Haar massieren lassen, wie vor jedem wichtigen Turnier. Es soll sein Sommer werden. Es gebe im Leben eines Fußballers nur wenige große Chancen, sagt er, die müsse man nutzen. Er macht jetzt Zusatztraining, geht in den Kraftraum, trainiert Ecken. Und neulich war er mit Patrick, Sarah und einigen Freunden an der Säbener Straße, um Freistöße zu üben.

In den letzten Wochen hat Bundestrainer Joachim Löw ihm das Vertrauen ausgesprochen. Er habe genug auf die Hörner gekriegt, hat auch Uli Hoeneß gesagt. Er spiele "nicht schlecht", heißt es jetzt, wenn er von Premiere in die Mannschaft des Tages gewählt wird.

Es ist vor dem Spiel gegen die Schweiz, dem Test vor der EM, als Schweinsteiger in den Katakomben des Stadions mit ernster Miene auf den Anpfiff wartet. Lehmann martert sein Kaugummi, Ballack lächelt wie immer leicht, dann gehen sie raus auf den Rasen. Schweinsteiger bereitet das 1:0 mit einem Pass auf Gomez vor, der zu Klose flankt. Er spielt 90 Minuten durch.

Als Podolski zum 4:0-Endstand einschießt, klatscht Schweinsteiger ihn ab. Er wirkt, als falle eine Last von ihm, aber er lacht dabei nicht mehr wie damals.

Bastian Schweinsteiger, geboren 1984 im oberbayerischen Kolbermoor, wurde mit dem FC Bayern bereits vier Mal deutscher Meister und gilt doch immer noch als "Jungstar" – was auch an seiner Frisur liegen könnte.

 
Leser-Kommentare
  1. förmlich aus den Zeilen, das tiefe Verständniss. Schließlich handelt es sich um einen jungen, prominenten Problembären aus den höheren Kreisen der Besserverdienenden. Ein ewiger Pubertant, der drei Millionen im Jahr verdient! Und es nicht packt! In anderen europäischen Ligen schaffen es die Jungen auch! Aber hier wird den ewigen Talenten von der sensibilisierenden Journaille direkt das Entschuldigungsticket zugemailt. Schweinsteiger soll nach Japan gehen und weiter die Millionen scheffeln! Für nichts!

    • KFlash
    • 30.05.2008 um 17:13 Uhr

    Interessant wäre ob er auch dann noch (bei Bayern) spielen würde, wenn sie ihm viiiiiel weniger bezahlen und dafür gaar nichts mehr erwartet. Dann könnte er locker aufspielen.Aber dann hätte er vermutlich wieder Zukunfts-, oder Geldsorgen. 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Neu auf ZEIT ONLINE
    1. Cannes Goldene Palme geht an Michael Haneke
    2. Bürgerkrieg in Syrien Rebellen erklären Waffenstillstand für gescheitert
    3. Thilo Sarrazin "Ich habe nicht den Anspruch, die Griechen gut zu kennen"
    4. Camera Facebook baut sein eigenes Instagram
    5. Katholische Kirche Schweigen ist Macht
  • Neu im Ressort
    1. Anzeige
    2. Anzeige
    3. Zeit online sport auf twitter
    4. Anzeige
    Service