Kinderarbeit, das Wort bedeutet nichts Gutes, lauter unfreiwillige Schinderei statt Bildung und Spielerei, wie sie Kindern zustehen sollten. Aber das Wort ließe sich auch anders verstehen, und das tut der merkwürdig schöne Film Kinder! : Der konzentrierte Ernst, mit dem Kinder spielend ein Waldloch erkunden, das hartnäckige Interesse, mit dem sie in Variationen Wasser schöpfen und gießen, die unermüdbare Neugier, mit der sie dem Klang eines Tamburins nachgehen wollen, wäre all das nicht am besten – und respektshalber! – Arbeit zu nennen? Die Kinder tun es selbst. Dann allerdings müsste die erwachsene Arbeitswelt bei Kindern mal in die Schule gehen. Denn die machen etwas grundsätzlich Menschliches vor: Sie wollen Neues lernen, weil sie nicht anders können, es sei denn, man stört sie. Auch unter den übelsten Bedingungen sozialer Brennpunkte: Sie lernen, wenn man ihnen vertraut und ihnen viel zutraut.

Der neue Film Kinder! des Bildungsexperten Reinhard Kahl, der auch für die ZEIT und ZEIT online schreibt , hat erfindungsreiche Bildungsinstitutionen für Kleinkinder ab einem Jahr gesucht und viele gefunden, und wenn der Film nicht eine gelassene Heiterkeit ausstrahlen würde, dann könnte er traurig machen: Denn er widmet sich den Kindern mit einer Aufmerksamkeit, die man von Filmen über aussterbende Arten kennt. Seht noch mal hin, bald sind sie weg! Die Kamera sieht Kindern mit einer interessierten Geduld bei ihren Entdeckungsarbeiten zu, die gehetzten Erwachsenen wie eine Provokation vorkommen muss – wer hat schon so viel Ruhe zu verschenken? Kahl hat diese Ruhe. Und dass sich sein neuer Film seit Wochen ohne kommerzielle Werbung wie ein Lauffeuer rumspricht, ist ein Zeichen dafür, wie viele sich von dieser Ruhe anstecken lassen wollen. Das übliche Leistungsgejage macht krank, Kahls Belege für gelingende Bildung aber könnten auch die Müdesten motivieren. Denn jedes Kind ist offenbar von Natur aus eine Art Exzellenzinitiative in Person, wenn man ihm nur ermöglicht, mit anderen zusammen selbstständig zu sein.

Reinhard Kahl will den Möglichkeitssinn schulen, aber am Sinn für soziale Wirklichkeit und für den Forschungsstand fehlt es ihm nicht. Wie in seinen letzten Filmen sucht er seine Orte des Gelingens gezielt auch in den sogenannten bildungsfernen Milieus (die preisgekrönte Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund-Nord etwa); und Kahl lässt sich von Experten pointiert über deren Wissen berichten, so sagt etwa der Neurologe Gerald Hüther: »Eigentlich braucht jedes Kind drei Dinge. Es braucht Aufgaben, an denen es wachsen kann. Es braucht Vorbilder, an denen es sich orientieren kann. Und es braucht Gemeinschaften, in denen es sich aufgehoben fühlt.« Übrigens tauchen Kinder, die sich partout nicht konzentrieren können, in diesem Film nicht auf. Aus einem einfachen Grund: Es gibt sie nicht, wenn Bildung gelingt.

Der Film Kinder! ist am 1. Juni, dem internationalen Kindertag, bundesweit in vielen Kinos zu sehen. Näheres unter www.adz-netzwerk.de/kinder