Machtort, Schaubühne, Spielfeld – das Stadion ist nicht bloßes Behältnis. Es ist selbst ein Medium, das mit seinem Inhalt macht, was es will, nach seinen eigenen Gesetzen. So diktiert es seit Wochen als Austragungsort sportlich-kultureller Aktivitäten anlässlich der Fußball-EM das Leben des Kleinstaates Österreich: Das Stadion wird zur geschlossenen Anstalt nationaler Selbstdarstellung.

Die Wiener Festwochen haben den Italoschweizer Massimo Furlan eingeladen, ein Remake seiner Fußballshow als Remake des Austro-Mythos Córdoba in Szene zu setzen. Mit diesem Tor-Sieg 1978 gegen den Erzfeind, Weltmeister Deutschland, wird seit Monaten in der Alpenrepublik die heimische Identität aufgerüstet. Und auch hier, in der Tristesse des Hütteldorfer Vorortstadions, wird die Heldensaga zum gefeierten Heimspiel – unbeschadet der ästhetischen Niederlage. Der schmerbäuchige Mittvierziger trabt als Solo-Performer über den Rasen, unendliche 2x 45 Minuten lang. Pantomimisch will er die Laufbewegungen des damaligen Torschützen Hans Krankl nachstellen, ohne Mit-Spieler, ohne Ball. Das Karaoke vor der Videowall mit den historischen Originaleinspielungen zaubert freilich nicht das versprochene Tanz-Theater auf die grüne Bühne.

Der Sieg über Deutschland wird als Ein-Mann-Mimikry gefeiert

Kein Ballerino tänzelt da oder dribbelt, trickst oder täuscht. Keine Spielsekunde lang findet der trainerlose und regielose Hobbykicker zu einer Choreografie, die die spezifische Fußball-Mobilität ballettös verdichtete. Peinlicher Alleingang eines Bewegungsdilettanten, der untrainiert, ungeschult, unbeholfen, ohne Kondition und lahmarschig übers Gras schiebt und nur nachäfft, was der Profi einst geköpft, gepasst, geschossen hat. Heillos überfordert von der auratischen Macht des Stadions, kriegt er nicht einmal das Charisma eines Tipp-Kick-Männchens auf der Tischfußballplatte hin.

Sind die 2500 Fans der mäßig besetzten Nordtribüne überhaupt zu einer Kunst-Aktion gekommen? Die bestellten Cheerleader-Madln kreischen: »Immer wieder, immer wieder, immer wieder ÖSTERREICH!« Schon eingangs beim Abspielen der deutschen Nationalhymne wird frenetisch gebuht, und als ein solitärer deutscher Fan die schwarz-rot-goldne Flagge entrollt, wird er niedergebrüllt. Kommentiert wird diese mickrige Ein-Mann-Mimikry vom dritten Remake des Abends: Der Sohn des damaligen Reporters Edi Finger senior, landesüblich dito zur Legende glorifiziert, wienert die 2x 45 Minuten lang mit dem Text des Vaters durch den bekannten Ablauf – das Publikum, mit Radioempfängern in Bierdosen am Ohr, fiebert die vertraute Liturgie eines Sieges mit, der 47 Jahre hatte auf sich warten lassen.

Schon zur Halbzeit ist das Stadion längst zum Kult-Ort geworden für das Zelebrieren eines Helden-Epos, das hierzulande immer wieder runderneuert werden muss – rar genug sind die Siege der Österreicher über die Deutschen. Und kaum ein Medien-Kommentar, der den Córdoba-Triumph nicht als Revanche für die Schmach von Königgrätz rituell überhöhte, damals, damals, 1866, als die Preußen den habsburgischen Feind vom Schlachtfeld fegten. Das Stadion wird vom Spielfeld zur Bühne, wenn nicht gar zur Kathedrale, in der der moderne austriakische Chauvinismus zum quasireligiösen Córdobismus sanktioniert ist.

Fußball auch für die Kunsthalle Wien, die ja nicht zum ersten Mal mit Populärkultur kokettiert. So jetzt die Kooperation mit der staatstragenden EM-Organisation »Österreich am Ball«, die 60000 Euro bezahlt für die Nacktinstallation des New Yorker Fotografen Spencer Tunick, bekannt für seine internationalen FKK-Kunst-Events. Auch hier, im österreichischen Nationalstadion, wieder ein Remake – die 76. Körperskulptur, aus gegebenem Anlass ballgarniert. 3200 Menschen hatten sich angemeldet, bloße 1850 zogen sich schließlich aus. 18 Nationalitäten, zwischen 18 Monaten und 80 Jahren alt, das Gros 20 bis 40 Jahre jung. 1 Arzt, 3 Sanitäter, 17 Mann Rettung, 50 Helfer und 80 Journalisten aus 8 Ländern – in trauter Eintracht schicken FAZ und Bild zwei Nackedeis als Reporter. 28 rabiate Wachleute schützen die Grashalme des EM-Grüns: »Rasen betreten verboten!«

Wo sich Tunicks Nackte tummeln, wurden einst Juden interniert

Die gymnastische Fleischbeschau Tunicks wie üblich, Befehle im Kommando-Ton wie üblich, die Tableaus wie üblich: Leiber wie Soldaten, Hände an die Hosennaht; Leiber wie Tortellini, gekrümmt auf den Sitzen; Leiber wie Leichen, flach hingestreckt; Leiber wie Reichsparteitag, rechter Arm erhoben; Anus in die Kamera. »Stillstehen! Nicht lachen!«, überschlägt sich hysterisch die Stimme des Installateurs. »Everybody down! Fußball auf den Penis!« Und das 8 Stunden lang. Wehe, einer schert aus, wehe, eine folgt nicht – sofortige Sanktion. Rauswurf! Abführen! Das Stadion als Überwachungsraum, wo von jedem Punkt aus jeder andere Punkt eingesehen werden kann: panoptische, totale Kontrolle.

Einfach nur Körper? Einfach nur Architektur? Pur? Die Stadien der Weltgeschichte wurden immer auch als Gefängnisse missbraucht. In den Stadien Europas wurden die Juden zusammengetrieben. Auch in Wien. Exakt an diesem Ort, genau in dieser Sektion, unmittelbar in Block »B«. Aber kein Wort davon, nirgends. Dass 1038 Juden vom 11. bis zum 31. September 1939 hier im heutigen Ernst-Happel-Stadion, Austragungsort der Europameisterschaft 2008, bei Suppe und Brot, gefangen gehalten wurden, nachts auf Strohlagern unter Tunicks Tribüne. Sie waren 16 bis 80 Jahre alt. 440 von ihnen wurden rassekundlich vom Naturhistorischen Museum Wien vermessen und danach in Viehwaggons nach Buchenwald ins Gas geschickt. 5 überlebten.

Kein Wort davon, nirgends in dieser Nacktspaßkörperwelt. Wer trägt hier Sorge? »Kurator« ist der Event-Direktor der Kunsthalle, der dandyhaft mit Bogart-Hut, 3-Tage-Bart und Entourage über den Laufsteg des blauen Kunstrasens tändelt. Für seine Präsentation der Tunick-Fotos im Showroom der Kunsthalle Wien am 23. Juni 2008 um 20.30 Uhr unter dem Titel The Beautiful Game sei ihm nachdrücklich das Standardwerk empfohlen: »Stadion. Geschichte, Architektur, Politik, Ökonomie«, erschienen im Verlag Turia + Kant, bereits vor drei Jahren, 2005, in Wien. Da steht alles drin.